Nichts ist mehr, wie es war - Tod und Trauer verändern alles

Ein Freund, ein Arbeitskollege, die Schwiegermutter verstirbt. Irgendwann begegnet jedem der Tod. Er reißt eine Lücke ins Leben. Der Tod erschüttert Hinterbliebene zutiefst. Abschied nehmen ist besonders schwer in Zeiten wie diesen, in denen wir anderen nicht zu nah kommen dürfen. Keine Umarmung, kein Händeschütteln - keine Nähe, wo sie so wichtig wäre. Wie ist der Trauer zu begegnen, wie mit ihr umzugehen? Heidrun Oberleitner-Reitinger, Pastoralreferentin und Leiterin des Katholischen Bestattungsdienstes im Erzbistum, steht Menschen zur Seite, die trauern. Ein Interview.
herzförmige Blätter an Hauswand
Was ist Trauer?
 
Durch den Verlust entsteht eine Identitätskrise, die alle Ebenen des Lebens berührt - den Alltag, die Freizeit und die Arbeit, den Körper, die Seele, das lässt sich gar nicht trennen. Am Anfang gibt es bei den meisten ein Bedürfnis, davon erzählen zu können. Sich mit Menschen zu vernetzen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Sich gleich Betroffene zu suchen, sich darüber auszutauschen, dass dieses völlig Verrückte, das ich gerade erlebe, dieses Durcheinander der Gefühle, das ich nicht verstehe - dass das normal ist in dieser Situation. Ich bin weder krank noch verrückt, ich habe einen schweren Verlust erlebt und meine Reaktion ist etwas zutiefst Normales. Und es ist ganz wichtig, sich dessen zu versichern. Denn viele Trauernde erleben, das sich die Menschen in ihrer Umgebung - Angehörige, Nachbarn, Freunde - schwertun, mit der Trauer umzugehen. Manche weichen aus, andere geben Ratschläge. Doch das sind oft mehr „Schläge“ für die Trauernden als hilfreich.
 
Gibt es verschiedene Phasen der Trauer?
 
Ja und nein. Es gibt wissenschaftliche Modelle dazu. Eine bekannte Vertreterin eines Phasenmodells ist zum Beispiel die Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast. Sie sagt, ein trauernder Mensch durchlebt mehrere Phasen. Am Anfang steht das Nicht-Wahrhaben-wollen. Man ist nicht in der Lage, den Verlust irgendwie ins Leben zu integrieren. In der zweiten Phase brechen starke Emotionen durch, die Gefühle sind dabei oft widersprüchlich. Es kann sein, dass Wut aufkeimt auf den Verstorbenen, Aggression, Verletzungen bewusst werden, die hinterlassen wurden. Im nächsten Moment fühlt man eine ganz tiefe Liebe, Verbundenheit und Dankbarkeit. Dann sucht man immer wieder nach einer Verbindung zu diesem Menschen. Der trauernde Mensch realisiert, dass es die Verbindung in der ursprünglichen Form nicht mehr gibt. Er trennt sich davon.

In der letzten Phase stellt er den Bezug zu seiner Umgebung und zu sich selbst her. Trauernde können jedoch auch wieder zurückfallen. Wo man dachte: Das habe ich doch schon hinter mir, warum überfällt mich die Trauer nun wieder in diesem Ausmaß? Da reicht manchmal ein Musikstück, ein Geruch oder ein Gesprächsfetzen, und schon ist man in Tränen aufgelöst.
 
Alle Trauernden erleben das, in diesem Sinne gibt es Phasen der Trauer. Die Reihenfolge, Intensität und Dauer ist aber bei jedem Menschen anders. Daher ist die Trauer zugleich vollkommen individuell und folgt keinem Schema. Ältere Modelle der Trauerphasen sagten außerdem aus, die Aufgabe der Hinterbliebenen sei es, sich vom verstorbenen Menschen zu lösen, um ganz neu anzufangen. Heute weiß man, dass das dem Erleben von Trauernden widerspricht. Es ist allen vielmehr ein großes Bedürfnis, eine Verbindung zum Verstorbenen in anderer Form aufrecht zu erhalten. Daher spricht man heute weniger von Phasen der Trauer, sondern versucht Bilder dafür zu finden: ein Labyrinth, Trauer als Gezeiten oder Wellen wie beim Meer, oder in Form einer Spirale, man geht rein, dann wieder hinaus.
 
Die Niederländer Dr. Margaret Stroebe und Dr. Henk Schut beschreiben Trauer als „Duales Prozessmodell“. Nach ihren Untersuchungen gibt es einen doppelten Prozess in dieser Verlustbewältigung. Trauernde pendeln zwischen zwei Bereichen hin und her: Da ist der Blick zurück in die Vergangenheit, wo man sich danach sehnt, sein altes Leben wiederzuhaben. Gleichzeitig gibt es den Blick nach vorn, den Alltag, den man ja leben muss, der sich auf die Wiederherstellung des Lebens orientiert, Ablenkung und wo man Trauer auch einmal ganz bewusst vermeidet, um sich auf andere Dinge konzentrieren zu können. Wo man was Neues macht, neue Menschen kennenlernt, neue Hobbies entdeckt. Und auch neue Chancen im Leben wahrnimmt.
Wie lange dauert Trauer?
 
Trauer kann sechs Monate dauern oder auch fünf Jahre. Das ist sehr individuell, je nachdem wie schwer der Verlust war, wie eng die Bindung zu der verstorbenen Person. Es ist normal, auch nach dem sogenannten „Trauerjahr“ noch zu trauern, genauso wie es normal ist, wenn ich mich schon früher wieder stärker dem Leben zuwende. 
 
Professionelle therapeutische Unterstützung sollte man sich suchen, wenn die Trauer über sehr lange Zeit den Alltag ausschließlich bestimmt und sehr stark einschränkt, wenn es gar nicht möglich ist, sich Neuem zuzuwenden. Seit Kurzem gibt es in der Psychotherapie die Diagnose „anhaltende Trauerstörung“. Therapeuten sind hier herausgefordert, die Grenze zwischen „normal“ und „behandlungsbedürftig“ zu finden und zu bestimmen. Positiv ist, dass durch diese Diagnose Trauer nicht mehr als Depression eingestuft und behandelt wird, denn dies ist sie nicht: Bei der Depression fehlen die Emotionen - bei der Trauer sind sie sehr stark."
Ehemann tröstet trauernde Ehefrau
Da sein, zuhören, den Schmerz mit aushalten. So kann man Trauernden helfen.
Wie kann ich mit Trauer umgehen?
 
Trauer braucht Raum; die Wege, Raum zu schaffen, sind sehr unterschiedlich. Kleine Rituale, das Bild des Verstorbenen auf dem Fensterbrett und das Anzünden einer Kerze, der Spaziergang zum Grab. Andere hören bestimmte Musik, schreiben Tagebuch, besondere Tage werden besonders gestaltet. Hilfreich ist oft, sich zum Beispiel vor dem Geburtstag, Todestag, vor Weihnachten im Vorfeld zu überlegen: Was würde mir guttun? Der Schmerz wird immer wieder da sein, und es kann helfen, aktiv damit umzugehen. Auch Sport und Bewegung helfen, um Anspannung abzugeben und wieder Lebendigkeit zu spüren, Körper und Seele sind ja gleichermaßen aus dem Gleichgewicht.
 
Wie kann ich Trauernde unterstützen?
 
„Vor allem: ehrlich sein! Nichts sagen oder anbieten, was mir selbst zu viel ist, was ich nicht einlösen kann. Wenn es mir möglich ist: da sein, zuhören, den Schmerz mit aushalten. Keine Ratschläge verteilen, gut gemeinte Sprüche, die aber nicht hilfreich sind! Das erhöht nur den Druck auf Trauernde. Stattdessen konkrete Angebote machen - nicht: Wenn es dir schlecht geht, ruf mich an. Das können trauernde Menschen nicht, denn sie brauchen so viel Energie für ihren Alltag. Sie sind nicht in der Lage, Initiative zu übernehmen. Selbst aktiv werden, nachfragen: Magst du spazieren gehen? Das geht ja auch unter Corona-Bedingungen. Wenn jemand Familie hat, fragen, ich könnte deine Kinder mit zum Fußballtraining nehmen, wäre das gut? Darauf kann jemand reagieren.
 
Und was ungemein hilft: Sprechen sie mit Trauernden über den verstorbenen Menschen! Die meisten haben große Scheu davor, sie denken, dass das Trauernde verletzt. Es ist aber genau umgekehrt. Weil man Erinnerungen damit verbindet und teilt. Das hilft trauernden Menschen sehr, wenn sie merken, auch bei anderen ist der oder die Verstorbene nicht vergessen.
 
Man darf Trauernden zutrauen, dass sie sagen, was sie möchten, wenn sie gefragt werden. Und man sollte sich nicht persönlich angegriffen fühlen, falls ein Angebot abgelehnt wird.  Was heute abgelehnt wurde, weil es gerade nicht passt für die trauernde Person, ist in zwei Tagen vielleicht genau richtig und wird gerne angenommen."
Wie hilft Kirche bei der Trauerbewältigung?
 
Es gibt in vielen Pfarreien Angebote. Gehen Sie mit Menschen in Kontakt, die ähnliches erlebt haben, in geleitete Trauer- oder Selbsthilfegruppen, wo Sie über eine bestimmte Zeit immer wieder die gleichen Menschen treffen, wo Sie Erfahrungen austauschen können. Sich dort verstanden zu fühlen und den Weg miteinander zu gehen, tut gut. Natürlich kann man auch das persönliche Gespräch suchen bei den Seelsorgern und Seelsorgerinnen; wenn es ganz dringend ist, ist auch die Telefonseelsorge für solche Themen da. Und auch wir vom katholischen Bestattungsdienst vermitteln geeignete Angebote und Gesprächspartner.
 
Darüber hinaus können kirchliche Rituale stützen: An Allerheiligen und Allerseelen zum Beispiel die Segnung der Gräber und das gemeinsame Erinnern an die Verstorbenen im Requiem. Das hat den Effekt: Ich muss nichts selbst aktiv machen, ich kann mich ein wenig in die Gemeinschaft fallenlassen. Das gemeinsame Gebet entlastet davon, dass ich immer alles allein schaffen muss. Dieser Gott, an den wir glauben, trägt das mit, ich darf meine Last an ihn abgeben, und gemeinsam teilen wir die Hoffnung auf die Auferstehung. Viele andere, die das ähnlich erleben, verbinden sich mit mir in dieser Erfahrung.
 
Interview: Judith Bornemann, freie Redakteurin
Bei Beratungsbedarf steht Heidrun Oberleitner-Reitinger unter HOberleitner@eomuc.de gern zur Verfügung.

Wie kirchliche Rituale Trauernden helfen können - Mittwochsminuten mit Heidrun Oberleitner-Reitinger


Katholischer Bestattungsdienst München
Seelsorgsregion München
Sendlinger Str. 34
80331 München
Telefon: 089-2137-293960
Fax: 089-2137-272965
katholischerBestattungsdienst(at)eomuc.de
Leiterin : Heidrun Oberleitner-Reitinger
Trauer und Trauma
Schrammerstr. 3
80333 München
Telefon: 089 2137-2315
Fax: 089 2137-2320
trauerpastoral(at)eomuc.de
Sachgebietsleiter:
Ulrich Keller, Pastoralreferent

Besondere Veranstaltung

„Für meine Trauer“
Musik, Impulse, Gebet und Segen
Jeden ersten Sonntag im Monat um 19 Uhr (bitte beachten Sie ggf. Sonderregelungen bzgl. Corona-Schutzmaßnahmen)
Kirche St Paul, St.-Pauls-Platz 10, 80336 München