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Flirten im Urlaub: Das Ende der Beziehung – oder Chance für einen Neuanfang?

Die Blicke des Mannes taten ihr gut. Sie schien ihm zu gefallen! Als sie dann abends allein an der Poolbar saßen und ins Gespräch kamen, ließ der erste Kuss nicht lange auf sich warten. Weiter wollte sie aber nicht gehen. Als sie nach dem Urlaub mit der besten Freundin wieder zu Hause bei ihrer Familie war, fragte sie sich, wie sie mit dem eher harmlosen Flirt am Pool umgehen sollte: alles ihrem Mann beichten? Für sich behalten? Ihre Ehe in Frage stellen? Dabei muss das Flirten im Urlaub grundsätzlich nichts Schlechtes bedeuten. Solange sich die Partner an Regeln halten – ihre eigenen! 
freundlich lachende Frau im Gespräch mit Mann
Ein kleiner Flirt im Urlaub - harmlos oder Symptom einer kaputten Beziehung? (Foto: imago images / Westend61)
Die Therapeutinnen Isabelle Überall und Anjeli Goldrian von der Ehe-, Familien- und Lebensberatung des Erzbistums München und Freising haben öfter mit solchen Fällen zu tun. Meist ist der Flirt nicht der eigentliche Grund für die Gespräche, sondern lediglich ein Symptom der Beziehungs- und Ehekrise des Paares, das vor ihnen sitzt. Neben dem Urlaubs- kennen sie auch den Faschings-, Wiesn-, Kur- oder Party-Flirt, je nach Alter und Lebenssituation. Nach dem allgemeinen Verständnis ist ein Flirt eine „erotisch konnotierte Annäherung zwischen Personen“ (Wikipedia), ein „Spiel der Möglichkeiten auf einer emotional eher oberflächlichen Ebene“, wie ihn Isabelle Überall definiert. „Ein Flirt dient oft der wechselseitigen Selbstbestätigung und hat meist keine weiteren Konsequenzen.“
 
Es kann aber auch mehr daraus werden. Wie bei einem Mann aus dem Raum München, der sich im Urlaub mit Freunden mit einer Tunesierin einließ und eine Nacht mit ihr verbrachte. Als er seiner Frau zu Hause seinen Seitensprung offenbarte, brach für sie eine Welt zusammen. Dennoch fanden beide den Weg in die Beratung – was schon mal ein wichtiger und mutiger Schritt ist. „Dann haben beide noch Hoffnung, dass es einen Ausweg aus der Beziehungskrise gibt und es am Ende vielleicht sogar wieder besser werden kann“, sagt Anjeli Goldrian. Beide müssen aber auch etwas dafür tun – vor allem die Perspektive des anderen einnehmen! „Sie müssen sich sozusagen auf den Stuhl des anderen setzen und versuchen, die Beweggründe des Partners zu verstehen. Gelingt das nicht, bleibt der Verletzte immer in der Vorwurfsrolle stecken und in der beengten Perspektive gefangen.“ 

Moderatoren, Mutmacher und Brückenbauer

In der Beratung geht es zunächst um den aktuellen Zustand der Beziehung: Sprechen die beiden noch miteinander? Muss der eine erst mal emotional gestärkt und aufgebaut werden? Wie groß ist das Interesse an einer Versöhnung? Danach geht der Blick in die Tiefe: Was sind die wahren Ursachen für den Flirt? „Meist wurde etwas in der Beziehung nicht ausgelebt oder vernachlässigt. Erst wenn diese Gefühle dauerhaft verdrängt werden, kommt es zur Krise“, sagt Isabelle Überall. Sehr häufig gehe es um verletzte Selbstwertgefühle, um das Bedürfnis nach Anerkennung, um das Ansehen und die Wertschätzung innerhalb der Partnerschaft, aber auch nach außen hin, gegenüber Freunden oder Nachbarn beispielsweise. „Bei diesen Punkten setzen wir an – als Moderator, Verstärker, Kommunikationsberater oder einfach nur als Mutmacher. Wir versuchen, eingefahrene Beziehungsrituale sichtbar zu machen, Auswege aufzuzeigen und neue Brücken zum Partner zu bauen.“
 
Beim erwähnten Beispiel fühlte sich der Mann zur temperamentvollen Tunesierin hingezogen, weil sich seine Frau zu Hause zu sehr in sich zurückgezogen und ihre Gefühle selten gezeigt hatte. Beiden war das lange nicht bewusst gewesen, bis er allein in den Urlaub fuhr. In der Beratung war es danach gelungen, die Frau emotional wieder aus der Reserve zu locken und sie darin zu bestärken, die Kränkung durch den Partner zu überwinden und sich dem anderen wieder mehr zu öffnen. Am Ende fanden beide wieder zusammen und gingen sogar gestärkt aus der Krise hervor.

Jede Beziehung ist zunächst ein geschützter Raum

Nicht jeder Urlaubsflirt hat ein solches Happy End. Das Wichtigste für eine Beziehung ist es, sagt Anjeli Goldrian, sich von Anfang an darüber klar zu werden, was alles erlaubt sei und noch toleriert werde – und wo die Grenzen sind. „Jede Beziehung ist zunächst ein geschützter Raum, den nur die Partner besetzen. Die Regeln, die dort gelten, legen sie selbst fest. Sie müssen sich gegenseitig respektieren, und sie wissen am besten, was wichtig ist und was nicht.“ Ist das neckische Gespräch an der Bar mit einem anderen noch in Ordnung oder schon zu viel? Das Lächeln, das sie einem Fremden schenkt? Sind Küsse noch erlaubt? Darf es sogar noch weiter gehen? Und muss der andere immer alles wissen? „Darüber sollten sich beide Seiten von Anfang an im Klaren sein. Bei vielen Paaren, die uns um Hilfe bitten, hat es Grenzverletzungen gegeben. Meist war nicht klar, was das für ihre Beziehung bedeuten würde.“
 
Wenn die Regeln eingehalten werden, kann ein Urlaubsflirt etwas Schönes sein. Ein Spiel der Möglichkeiten. Das stärkt das Selbstwertgefühl, bedeutet Anerkennung von außen und zeigt, dass man immer noch attraktiv ist. „Wenn die Beziehung aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr gefestigt und aus den Fugen geraten ist, dann ist nichts mehr sicher. Dann kann ein harmloser Flirt eine ganz andere Wucht entfalten – und alles kaputtmachen.“
herz in sand gemalt am strand
Ein Urlaubsflirt führt nicht zwangsläufig zur Trennung. Er kann die Beziehung vertiefen, wenn die Bedürfnisse neu ausgelotet werden. (Foto: imago images / PhotoAlto)

Der Flirt als Warnsignal und Impuls, etwas zu ändern

Als die Mutter aus dem Eingangsbeispiel mit ihren Freundinnen in den Urlaub gefahren war, war sie erschöpft. Sie kümmerte sich fast allein um die Kinder und den Haushalt, der Mann war meistens bei der Arbeit oder unterwegs. Ohne es zu merken, hatten sich die beiden auseinandergelebt. Die Aufmerksamkeit und der Kuss des fremden Mannes hatten wieder eine Saite bei ihr zum Schwingen gebracht, die sie lange vernachlässigt hatte. Und trotz des schlechten Gewissens ihrer Familie gegenüber tat ihr diese Urlaubserfahrung gut.
 
Als sie es zu Hause dann doch erzählte, war dem Paar klar, dass sie sich Hilfe von einem professionellen Dritten suchen mussten. Anjeli Goldrian bestärkte die beiden darin, für ihre Partnerschaft wieder mehr zu tun und sie neu zu beleben. Das kann der Babysitter sein oder ein neues Kleid, um sich für den Partner wieder hübsch zu machen. Der Mann kann beruflich auch mal kürzertreten, damit sie den Hochzeitstag oder die Geburtstage wieder gemeinsam verbringen können. „Es braucht für eine Belebung oft nicht viel, aber vieles geht in der Hektik des Alltags unter. Der Flirt war in diesem Fall ein wichtiger Impuls und ein Warnsignal, dass sich beide wie früher wieder mehr als Mann und Frau begegnen sollten.“  

Die Kinder leiden oft am meisten unter der Trennung

In diesem Beispiel hat es gefruchtet, am Ende haben alle vom Flirt der Mutter profitiert – allen voran die Kinder. Denn sie leiden am meisten unter einer Trennung, sagt Anjeli Goldrian. „Die meisten Paare halten deswegen länger an der Beziehung fest, ringen mit ihrer Verantwortung und kämpfen um eine gemeinsame Zukunft. Wenn das gelingt, dient es auch als Vorbild für die Kinder, im Sinne von: Gebt nicht so schnell auf! Kämpft für das, was Euch wichtig ist!“    
 
Bleibt zum Schluss noch die Frage, wer in Beziehungen eher anfällig für Flirts ist – Männer oder Frauen? „Das lässt sich nicht so einfach beantworten“, erklärt Isabelle Überall. „Es hat aber nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit der Rolle, die jemand in der Beziehung einnimmt. Wer kümmert sich um die Erziehung der Kinder, wer organisiert den Alltag, wer arbeitet von früh bis spät und ist eher selten zu Hause? Und es ist immer auch eine Frage der Persönlichkeit und des eigenen Selbstwertgefühls.“

Text: Christian Horwedel

Tipps zum Umgang mit Urlaubsflirts

  • Legen Sie in der Beziehung früh Ihre Grenzen fest. Was ist erlaubt – und was nicht?  
  • Halten Sie sich an Absprachen. Sie sind eine wichtige Basis für jede Beziehung.
  • Nehmen Sie sich Zeit für Ihren Partner. Überraschen Sie ihn. Verwöhnen Sie ihn.
  • Ein Flirt kann auch eine Chance für einen Neuanfang sein. Nutzen Sie sie! Reden Sie miteinander und überlegen Sie gemeinsam, wie Ihre Beziehung wieder spannender und lebendiger werden kann!
  • Ganz wichtig: Lernen Sie, sich gegenseitig zu verzeihen, um der Liebe eine neue Chance zu geben!
  • Wenn Sie zu zweit nicht mehr weiterkommen, suchen Sie sich Unterstützung durch einen professionellen Dritten – wie die Ehe-, Familien- und Lebensberatung des Erzbistums München und Freising. Die Beratungsangebote des multidisziplinären Teams werden seit 50 Jahren von vielen Paaren in Anspruch genommen!

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