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Gegen Rassismus: Ohren und Herzen öffnen – und klar Stellung beziehen Wie wir im Alltag Ausgrenzung vermeiden und Vielfalt positiv gestalten können

Rassismus zeigt sich in unserer Gesellschaft oft unterschwellig, häufig tritt er auch offen zutage. Die Reaktion ist oft: Schweigen. Wie sich abwertendes und ausgrenzendes Verhalten im Alltag verhindern lässt. Und warum es notwendig ist, sich gegen Diskriminierung klar zu positionieren.
Jugendliche laufen lachend auf einer städtischen Straße
Menschen nicht in Schubladen stecken, sie nicht bewerten aufgrund von Faktoren wie Nationalität, Hautfarbe, Beruf oder Religion. Sondern stattdessen aktiv dazu beitragen, dass jeder seinen individuellen Weg finden und gestalten kann. Dazu sollten wir beitragen. (Foto: imago/Panthermedia)
Familien in Deutschland sind so vielfältig, wie die Menschen, die in ihnen leben. Familien sind bunt, sie sind groß oder klein, sie sind religiös oder nicht, Christen und Christinnen, Muslime und Musliminnen, mit einem Elternteil oder vielen, sie leben in Regenbogen-, Patchwork- oder Co-Elternkonstellationen, sie haben Migrationshintergrund, erfahren Behinderungen, haben große Einkommen oder kleine, sie leben multilokal, pflegen Angehörige und wünschen sich, ihren individuellen Lebensentwurf möglichst gelingend umsetzen zu können. Menschliche Identität ist nicht eindimensional.
 
Jede Familie ist einzigartig und steht vor einer ganz einzigartigen Lebensrealität, die je nach den o. g. Merkmalen (und weiteren) von Privilegien und Vorteilen oder aber von Benachteiligungen und Ausschlüssen geprägt sein kann. Ein wesentliches Merkmal der Diskriminierung ist, dass sie oft für jene, die von ihr nicht betroffen sind, unbemerkt bleibt, ihre besondere Macht im Subtilen liegt. Und an dieser Stelle ist es wichtig, dass wir zuhören, unsere Ohren und Herzen öffnen, für jene, die von Ausschlüssen berichten und jeden Menschen als Experten für sein eigenes Leben betrachten.
 
Diskriminierung verletzt unsere demokratische Grundordnung

Rassismus im Alltag ist der Fokus dieses Artikels. Es ist aber unabdingbar anzumerken, dass viele Diskriminierungen zusammen auftreten, einander bedingen. So ist es unmöglich, die Situation einer alleinerziehenden Mutter ohne Zuwanderungsgeschichte zu vergleichen mit der einer alleinerziehenden Mutter mit schwarzer Haut und nicht deutsch klingendem Namen.
 
Was aber ist eigentlich dieser subtile, alltägliche Rassismus? Er funktioniert über ein geteiltes Wissen über andere, das sich in keiner Weise darauf bezieht, was diese anderen tun, sondern darauf, was sie (vermeintlich) sind. Die Aussage „Der Vater stammt aus dem Libanon“ beispielsweise enthält im Grunde keinerlei Information über diesen Mann, und dennoch habe ich miterlebt, wie eben dieser Satz zwischen befreundeten Eltern bedeutungsschwer ausgetauscht wurde. Er erntete ein verständiges Nicken. Ohne Nachfrage. Wenn auch Sie aus dieser Aussage mehr Informationen heraushören können, als tatsächlich geboten werden, verstehen Sie vielleicht an dieser Stelle, was genau gemeint ist. Das unausgesprochene, geteilte Wissen über eine ganze Gruppe von Menschen wird hier offenbar. Und das ist gefährlich. Wann immer Menschen in Gruppen sortiert und aufgrund dieser Zuschreibung bewertet werden, dürfen unsere Alarmleuchten für Diskriminierung angehen.
 
Denn dass Menschen vorverurteilt und mit Stigma belegt werden, ohne dass eine Annäherung auf der Beziehungsebene stattgefunden hat, dürfen wir, wenn wir in einer starken Demokratie zusammenleben wollen, nicht zulassen. Das verletzt unsere Grundordnung.
 
Das Gefühl, falsch zu sein


Stellen Sie sich vor, Sie erfahren immer wieder Ausschluss. Wir kennen das im Grunde fast alle; haben Sie mal einen Raum betreten und alle Gespräche sind verstummt, alle Augen auf Sie gerichtet? Dieses Gefühl, falsch zu sein, nicht dazuzugehören drückt sich in hohem Maße in unserem alltagsrassistischen Handeln aus. Und die betroffenen Menschen können dem nicht entkommen.

Stellen Sie sich vor, ganz unabhängig von Ihrem tatsächlichen Geburtsort werden Sie von Ihnen unbekannten Menschen immer wieder gefragt, woher Sie kämen. Das ist nicht nur langweilig, das markiert auch: Du gehörst nicht dazu und ich sehe es dir an. Selbst wenn es so scheint, als würde diese Frage echtes Interesse ausdrücken: In aller Regel drückt sie vor allem die exotische Neugier der Mächtigen aus. Es gäbe so viel anderes, das echtes Interesse ausdrücken würde. Zum Beispiel: Welche Bücher magst du gern? Was ist dein Lieblingsgericht? Wo machst du gerne Urlaub? Hast du Haustiere? Natürlich können wir uns mit Menschen auch über ihre Zuwanderungsgeschichten austauschen, aber sicher nicht zwei Minuten nach der Vorstellung. Denn das kann unangenehm und grenzverletzend sein. Zumal ein Gutteil derjenigen, denen diese Frage gestellt wird, überhaupt nicht selbst zugewandert ist. Und mit diesem Dauergefühl des Rechtfertigungsdrucks und der Nicht-Zugehörigkeit fällt es schwer, teilzuhaben, sich einzubringen, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

Familien sind der erste Lernort von Kindern. Sie erfüllen einen demokratischen Auftrag in der Erziehung ihrer Kinder auf der Grundordnung unserer Verfassung und müssen ihnen zeigen, wie Vielfalt aktiv gestaltet wird. Denn Vielfalt muss aktiv gestaltet werden. Auch negative Erfahrungen, Ausschlüsse, Abwertungen bilden Lernerfahrungen und prägen sich uns tief ein. Wenn ich also x-mal negative Erfahrungen zum Beispiel in der Kita gemacht habe, wird es wiederholter positiver Erfahrungen bedürfen, bis ich Vertrauen und Selbstwert schöpfen kann im Umgang mit ihr.
 
Kinder lernen durch Vorbilder, wie wir miteinander leben, reden, lernen, die Gesellschaft gestalten. Mithin ist es wesentlich, wie auf Abwertung, Ausgrenzung, Ausschluss, Beleidigungen reagiert wird. Ein verletzender Vorfall ist eines, das andere ist die Reaktion der Umwelt. Ein Mensch kann aus einer diskriminierenden Situation beispielsweise unbeschädigt und gar gestärkt herausgehen, wenn die Umwelt sich klar positioniert. Wird aber relativiert („Der hat das sicher nicht so gemeint!“, „Ach, das war doch nicht so schlimm!“), kann das die Menschen erheblich beschädigen und langfristig schwächen.
 
Jeder Witz am Arbeitsplatz, am Stammtisch, im Freundeskreis, der eine Gruppe von Menschen abwertet und den wir vielleicht mit zusammengebissenen Zähnen, aber schweigend hinnehmen, ist ein Schritt in die falsche Richtung. Dabei geht es nicht darum, zu beweisen, dass der Witze erzählende Mensch schlecht ist, sondern eine andere Meinung deutlich formuliert daneben zu stellen.
 
Immer wieder die eigene Haltung hinterfragen

So ist es beispielsweise abwertend, wenn Kindern gesagt wird, sie hätten aber einen schwierigen Namen. Wenn wir darauf achten, stellen wir fest, dass es deutliche Unterschiede gibt: Spanische oder französische Namen werden unter großen Anstrengungen korrekt ausgesprochen, arabische oder tigrinische eher nicht. So verdeutlichen wir, dass es Migration gibt, die uns nicht fremd erscheint, und solche, die wir nicht wertschätzen. Wir sollten versuchen, Namen so genau wie möglich zu lernen, ohne Signale der Fremdheit auszusenden. Wir müssen es aushalten, Fehler zu machen, und offen bleiben für Lernprozesse.
 
Oder wenn die Familiensprachen der Kinder abgewertet werden, indem wir, oft auch ganz subtil, signalisieren, die entsprechende Sprache sei nicht gleichwertig mit anderen Sprachen. Auch hier greift dieser Abwertungsmechanismus eher nicht für Englisch oder Französisch, sondern für Türkisch, Arabisch, Russisch. Mehrsprachigkeit wird zuweilen nur bei bestimmten Sprachen als Mehrwert angesehen.
 
Oder wenn wir Kindern sagen, sie seien doch aus der Türkei (obwohl sie aus Remscheid stammen!), sicher könne ihre Mutter gut kochen. Oder anzunehmen, diese oder jene Familie sei aufgrund der Zuschreibung, die wir von außen vornehmen, so oder so, und dementsprechend unsere Handlungen auszurichten, ohne ein individualisiertes Wissen über eben jene Familie erlangt zu haben. Wir müssen lernen, unsere Annahmen in der Schwebe zu halten, immer wieder unsere eigene Haltung zu hinterfragen und zu reflektieren.
 
Alle müssen teilhaben können

Rassismus steht in einer Kontinuität gewaltvoller menschlicher Geschichte. Offen zutage tretender Rassismus ist leicht zu erkennen und bleibt nichtsdestotrotz viel zu oft im Schweigen der gesellschaftlichen Mitte stehen. Innerlicher Widerspruch reicht nicht aus, weil die Verletzungen, die Menschen durch ihn erleiden, durch Schweigen mitgetragen, befördert werden.
 
Wie stark Menschen sich von Alltagsrassismus getroffen, entwertet und verletzt fühlen, zeigt sich in der Durchschlagskraft des #metwo in sozialen Medien. Der Gedanke, dass wir unbewusst diskriminieren und ganz ohne freie Entscheidung von diskriminierenden Strukturen profitieren, ist nicht angenehm und verlangt uns ein gewaltiges Maß an Reflektion und schmerzhaften Eingeständnissen ab. Begeben wir uns aber auf diesen Weg, hören wir zu, wagen wir uns an Prozesse, die unsere eigene Position, unser Bild von uns selber, erheblich ins Wanken bringen können, dann tragen wir zur Stärkung und Weiterentwicklung einer sozialstaatlichen Demokratie bei, die besonders dieser Tage im Visier zerstörerischer Kräfte ist. Meine tiefe Überzeugung ist es, dass eine demokratische Gesellschaft nicht von wenigen getragen werden kann, sondern allen Teilhabe und Nachteilsausgleiche ermöglicht werden müssen.
 
Gedemütigte, entmutigte Menschen mit geringem Selbstwertgefühl sind anfälliger für antidemokratische Agitationen und keine starken Partner und Partnerinnen für die demokratische Gesellschaft.
 
Alltagsrassismus ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft

Alltagsrassismus ist also das, was sich tief in das Bewusstsein jener einfrisst, die davon betroffen sind und sie abwertet. Auf Seiten jener, die davon nicht direkt betroffen sind, bedeutet er ein Gift, dass langlebige Wirkung entfaltet und das Fundament unserer vielfältigen, demokratischen Gesellschaft zerfrisst. Die Gleichheit an Rechten und Würde nämlich. So unsichtbar er uns also scheinen mag: Er ist brandgefährlich und es gilt, ihm aktiv und deutlich positioniert entgegenzutreten.
 
 
Melike Çınar ist Diplom-Politologin. Sie arbeitet als Referentin für Eltern- und Familienbildung beim Paritätischen Bildungswerk.

Ehe- und Familienpastoral
Schrammerstr. 3
80333 München
Telefon: 089 2137-1244
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Fachbereichsleiterin:
Agnes Passauer, Pastoralreferentin und Eheberaterin

Themen und Angebote:
- Begleitung von Haupt- u. Ehrenamtlichen in der Familienarbeit vor Ort
- Diözesane Projekte (z.B. Ehepaarsegnung, Ehe-Jubiläen)
- Religiöse Begleitung von Familien, z.B. "Kess-erziehen: staunen - fragen - Gott entdecken"
- Unterstützung von Eltern und Kindern in die Pubertät (MFM-Programm)
- Natürliche Familienplanung (NFP nach Sensiplan)
- Arbeitshilfen, Materialien für die Familienarbeit vor Ort (z.B. Rituale in der Familie, Elternbriefe, Segensgottesdienste und Tag für Paare etc.)
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Tel. 089 213-3175
Josiane Wies-Flaig, Dipl. Sozialpädagogin
Katja Haberl, Dipl. Sozialpädagogin

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