Nie wieder Moria!

Der Diözesanbeauftragte für Flucht, Asyl und Integration im Erzbistum München und Freising, Monsignore Rainer Boeck, besuchte das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos.

Caritas international und Caritas Hellas

Auf Einladung von Dr. Oliver Müller, dem Leiter der Caritas international, Freiburg, hat der Flüchtlingsbeauftragte des Erzbistums München und Freising, Rainer Boeck, vom 7. bis 10. Juli 2021 Lesbos besucht. Die Caritas international ist enger Kooperationspartner der Caritas Hellas. In Griechenland machen die Katholikinnen und Katholiken nicht einmal 1% der Gesamtbevölkerung aus. Entsprechend klein war bis vor kurzem auch die Caritas in diesem Land. Sie beschäftigte gerade einmal eine gute Handvoll hauptamtlicher Mitarbeiterinnen. Der Ansturm der Flüchtlinge seit 2015 hat das Blatt gewendet. Inzwischen sind es 130 Angestellte, die sich in Athen, auf Lesbos und Chios mit hoher Kompetenz in der Flüchtlingsarbeit engagieren und so der Caritas hohe Wertschätzung einbringen.
 
Mutter und Kind vor Zelt
Moria

Moria ist zum Synonym für das Flüchtlingselend auf Lesbos geworden. Dieses Lager war ursprünglich auf 2.840 Plätze ausgelegt. Zu Hochzeiten war es aber von mehr als 20.000 Personen bewohnt. Als sich die Corona-Lage im Sommer 2020 auch auf Lesbos verbesserte, wurden die Geschäfte und Hotels auf der Insel wieder geöffnet. Die strikten Ausgangsbeschränkungen für das Lager blieben dagegen in Kraft, so dass sich dort nach und nach Stress, Angst und Verzweiflung ausbreiteten, die am 8. und 9. September zu Brandstiftungen führten, die alles zerstörten. Über Nacht waren Tausende Menschen obdachlos, von denen ein Teil auf das Festland gebracht wurde.
 
Kará Tepé

Für den Rest der Flüchtlinge wurde rasch nach dem Brand auf dem Gelände eines nahen Schießübungsplatzes in Kará Tepé ein provisorisches Aufnahmezentrum mit 700 Wohnzelten errichtet, in dem heute noch 4.500 Geflüchtete leben. 22 % von ihnen sind Frauen, 32 % Kinder, 7 % der Kinder ohne Eltern. 65 % kommen aus Afghanistan, 11 % aus dem Kongo, 8 % aus Somalia, 8 % aus Syrien, 2 % aus dem Iran. Dazu zählen noch Einzelne aus weiteren 40 Nationen.

Der mehrstündige Besuch von Kará Tepé war für Msgr. Boeck der schmerzlich beeindruckende Höhepunkt seines Besuches auf Lesbos. Er konnte dort mit vielen Geflüchteten direkt ins Gespräch kommen und wurde auch in ihre Unterkünfte eingeladen. Immer wieder thematisierten die Menschen ihre Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit. Obwohl sie schon Monate oder Jahre im Lager aushalten müssen, wissen sie immer noch nicht, wie es für sie weiter gehen wird. Die Asylverfahren ziehen sich hin und nach einem ersten ablehnenden Bescheid werden ihre Rechte weiter stark eingeschränkt.
Zwischen Zelten: Einkaufswagen, Wasserkanister
Anzuerkennen ist, dass sich die Gesamtsituation im Vergleich zu Moria in Kará Tepé um einiges verbessert hat. Im Gespräch mit dem Leiter des Lagers Nikolaos Babakos wurde klar, dass er alles versucht, die Zelte Schritt für Schritt durch Container zu ersetzen und den Untergrund, auf dem sie stehen, durch Schotter zu befestigen. Sollte das nicht gelingen, könnte es im nächsten Winter wieder zur Katastrophe kommen. Denn das Lager liegt direkt am Meer und könnte von den Fluten der Winterstürme überspült werden. Ebenso gefährlich ist die Sicherheitslage. Zwar gibt es separate Bereiche, in den alleinstehende Frauen wohnen können. Nachdem die Zelte und Container aber nicht abschließbar sind, kommt es immer wieder zu Übergriffen sexualisierter Gewalt. Gerade hier setzen die 10 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas an. Sie vermitteln, wohin sich die Geflüchteten in Notsituationen wenden können, und bieten auch selbst psychologische Beratung an. Darüber hinaus sorgen sie für Bildungs- und kulturelle Angebote, um die lastende Langeweile des Lagerlebens wenigstens etwas aufzulockern.

Eleni Mamoli koordiniert das Gesundheitswesen im Lager. Von ihr war zu erfahren, dass es dort momentan keinen einzigen Corona-Fall gibt. Das ist umso erstaunlicher, weil restriktive Regelungen Impfungen nur für Flüchtlinge im Asylverfahren zulassen. Die vielen Abgelehnten, die im Lager leben, sind ausgeschlossen, obwohl genügend Impfdosen zu Verfügung stehen.
 
Flüchtlingshelfer und Flüchtlinge mit Formularen
UNHCR und UNICEF

Außerhalb des Lagers gab es für Msgr. Boeck Begegnungen mit der Leiterin der Flüchtlingshilfsorganisation der Vereinten Nationen UNHCR auf der Insel, mit dem Chef von UNICEF und einer Fachanwältin für Flüchtlingsfragen, die eng mit der Caritas zusammenarbeitet. Der UNHCR ist es zu danken, dass sie die Entwicklung der Flüchtlingsbewegungen (aus der Türkei momentan nach Griechenland an die Orte Ebros, Lesbos, Chios, Samos, Kos und Rhodos) sehr genau beobachtet und gewährleistet, dass die Ankommenden das Minimale zum Überleben erhalten (Programm WASH: water, sanitation, hygiene). UNICEF tut alles, um den vielen Kindern wenigsten minimale Bildungsangebote zu machen, die sich zugegebenermaßen oft auf eine Wochenstunde beschränken.

Vástria: die Zukunft?

Lesbos ist eine kleine Insel von 1.600 km², die sich in zwei politische Gemeinden Mytilini und Westlesbos gliedert. Die Einwohnerzahl beträgt 90.000. Dementsprechend gibt es nur ein kleines Krankenhaus und wenige Plätze in den Schulen. Die schwere Finanzkrise, die Griechenland vor kurzem erschüttert hat, hat natürlich negative Spuren auch im sozialen und wirtschaftlichen Geschehen der Insel hinterlassen.

Darum wäre es dringend nötig, das Aufnahmelager auf der Insel zu schließen (und auf das Festland zu verlegen). Griechenland und auch die EU denken aber nicht daran. In Sichtweite zur Türkei – deren Küsten nur etwa 10 km entfernt sind – soll in Bälde das neue Aufnahmezentrum Vástria das „vorläufige“ in Kará Tepé ersetzen. Gemäß eines Memorandum of Unterstandig zwischen EU und Griechenland soll Vástria neben der Mülldeponie der Insel zu einer geschlossenen, kontrollierten Einrichtung weit entfernt von bewohnten Gegenden werden. Noch zieht sich allerdings der Behördenstreit hin. Während sich der Stadtrat von Mytilini durch enorme EU-Mittel für ein neues Rathaus, ein neues Hallen- und Strandbad ködern ließ, lehnt es der Bürgermeister von Westlesbos als „Lagerhaus der Seelen“ rigoros ab.
 
Monsignore Boeck im Gespräch mit Flüchtlingen
Wider eine Politik der Abschreckung

Auch mit Vástria will die europäische Abschreckungspolitik ein weiteres Zeichen setzen: „Macht Euch erst gar nicht auf die Flucht! Denn bei uns erwarten Euch Aufnahmeeinrichtungen, in denen Ihr absolut isoliert seid, in denen Ihr nur mit dem Minimum zum Überleben versorgt werdet, in denen Ihr ohne Bildungs- und Unterhaltungsmöglichkeiten ewig lange auf meist negative Asylbescheide warten müsst!“ Insofern ist die Idee für Vástria der unserer Erstaufnahmeeinrichtungen nicht unähnlich. Alle Gesprächspartner, mit denen Msgr. Boeck sich getroffen hat, raten deshalb von Vástria ab und plädieren auch für die Auflösung von Kará Tepé.

Vielmehr sollte auf Papst Franziskus gehört werden, wenn er schreibt: Es ist unakzeptabel, Migranten dadurch abschrecken zu wollen, dass man Hunderte von ihnen … sterben lässt1. Der Herr wird für jeden Toten von uns Rechenschaft verlangen… Wir müssen diejenigen, die auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und ihre Familien kommen, aufnehmen, beschützen, fördern und integrieren.
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         1     So sind im Mittelmeer seit 2017 7.000 Menschen ertrunken, 632 seit dem Jahresbeginn 2021.
 
 
Rainer Boeck, Beauftragter für Flucht, Asyl, Migration und Integration des  Erzbistums München und Freising, zu Gast im Podcast "Total Sozial" der Radio-Redaktion des Sankt Michaelsbundes
 
Rainer Boeck im Gespräch mit Andrea Haagn vom St. Michaelsbund: