„Es trifft die Ärmsten der Armen am stärksten“ Wie das Erzbistum München und Freising dem Partnerland Ecuador in der Coronakrise helfen will

Coroanhilfe im Krankenhaus in Ecuador 2020
Versorgung der Kranken im Hospital Madre Berenice in Guayaquil in Ecuador. (Foto: EOM/Weltkirche)
Was passieren kann, wenn ein Land nahezu unvorbereitet von der Coronapandemie überrollt wird,  zeigen dramatische Bilder aus  Guayaquil, der Hauptstadt von Ecuador. Tote liegen auf der Straße, manche nur notdürftig in Planen oder in eine Decke gehüllt. Bei Onlinediensten haben Familien mit Videos eingestellt, mit der Bitte, doch ihre verstorbenen Angehörigen abzuholen und ihnen ein würdiges Begräbnis zu ermöglichen.  Doch wegen der strengen Ausgangssperren und Angst vor eigener Ansteckung, kommen die Bestatter mit ihrer Arbeit kaum hinterher. Särge gibt es so gut wie keine mehr, es fehlt an Holz und an Nägeln.

Die  Hafenstadt in Ecuador, mit insgesamt  2,7 Millionen Einwohnern, verzeichnet inzwischen mehr Todesopfer als Kolumbien und Argentinien zusammen. Laut Bürgermeisterin Cynthia Viteri fallen rund 71 Prozent der bestätigten Covid-19-Fälle auf Guayaquil. Die Region ist inzwischen strikt abgeriegelt. Bereits Mitte März rief Ecuadors Präsident Lenín Moreno den gesundheitlichen Notstand im Land aus. Trotz Ausgangssperren und Mobilitätseinschränkungen hat sich das Virus rasant weiter ausgebreitet, da diese oftmals nicht umgesetzt werden. Die Regierung spricht von 10.128 bestätigten Corona-Fällen landesweit, 507 Menschen seien verstorben (Stand: 20.04.2020). Die Dunkelziffer dürfte aber weit höher liegen. Wegen fehlender Tests ist eine genaue Erfassung der mit dem Virus infizierten oder verstorbenen Personen im Land nicht möglich.

Hilfe, wenn man keinen Zugang zum Gesundheitssystem hat

Medikamentenausgabe.
Die Medikamente sind knapp. (Foto: EOM/Weltkirche)
Das Gesundheitssystem in Ecuador steht vor dem Kollaps. Laut offizieller Statistik stehen gerade mal 1.183 Plätze auf Intensivstationen landesweit zur Verfügung. Von den an Covid-19-Erkrankten sind rund 40 % Ärzte, Pflegepersonal und Techniker von Krankenhäusern.

Auch die Hälfte der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von REDIMA (Red de Dispensarios Médicos), dem kommunalen Gesundheitszentrum der Erzdiözese Guayaquil,  sind am Covid-19-Virus erkrankt, erzählt Elvira Alvarados-Cantos. Die Leiterin von REDIMA ist inzwischen auf dem Weg der Besserung, aber sie macht sich Sorgen: „Wenn wir schließen, wer soll dann die medizinische Versorgung, vor allem für die Ärmsten der Armen, überhaupt noch leisten“, sagt sie. „Es fehlt an Schutzkleidung, Ärzte arbeiten ohne Kittel, Handschuhen oder Masken.“

Trotz der staatlichen Gesundheitsreform hat ein Teil der Bevölkerung, ohne Einkommen, keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Deshalb unterhalten die Ortskirchen Gesundheitsstationen oder Tageskliniken, wo ambulante Behandlungen durchgeführt und notwendige Medikamente ausgegeben werden. Einige Diözesen unterhalten kleinere Krankenhäuser mit diversen Fachrichtungen. Nach einem vorgegebenen Verteilungsschlüssel werden die Diözesen vom Erzbistum München und Freising unterstützt, damit sie der „Pastoral de la Salud" – der „Gesundheitspastoral“ nachkommen können. Oftmals werden die Münchner Zuschüsse durch die Cooperación Fraterna (das ist das Partnerschaftsbüro beherbergt im Gebäude der ecuadorianischen Bischofskonferenz in Quito)  dazu verwendet, um Medikamente anzuschaffen und an Bedürftige auszugeben oder um kostenlose Arztsprechstunden anbieten zu können.

Weiterhin werden damit Anschaffungen im Gesundheitssektor finanziert wie Labormaterial, Laborgeräte ebenso wie Röntgengeräte und die Räumlichkeiten für den psychologischen Dienst.

Außerdem sollen Schutzmasken für kirchliche Gesundheitszentren, Krankenhäuser als auch  für Priester, Ordensleute und freiwillige Helfer in den Diözesen und  Vikariaten besorgt werden, die u.a. mit der Versorgung der Lebensmittelpakete in ihren Pfarreien  betraut sind. Viele Geistliche sind in der gegenwärtigen Situation auf sich allein gestellt. Ihr Gehalt beziehen sie nur aus dem, was die Kollekte beim Sonntagsgottesdienst hergibt. Vor Ort sind sie oft die einzigen Ansprechpartner für die Bevölkerung, die in der derzeitigen Situation auf Hilfe angewiesen ist.

„In dieser Situation wollen wir ein Zeichen der Solidarität und der Hilfsbereitschaft zeigen, für die Menschen, die von konkreter Armut betroffen sind und am Rande der Gesellschaft stehen“, so Monsignore Thomas Schlichting, der im Erzbischöflichen Ordinariat die weltkirchliche Arbeit verantwortet.

Verschärfte soziale Probleme durch die Coronakrise

Militärkontrolle in Ecuador
Das Militär kontrolliert die Zufahrten. (Foto: EOM/Weltkirche)
Die Coronakrise verschärft die sozialen Probleme in Ecuador. Die Menschen in Ecuador haben Angst vor dem neuen Virus, mehr aber noch vor den Folgen. Viele arbeiten als Tagelöhner, vor allem als Straßenhändler, als Schuhputzer oder als Sammler von Recycling- Materialien. Mit dem Geld, was sie an einem Tag erwirtschaften, müssen sie ihre Familien versorgen. Doch die strenge Ausgangssperre, zwischen 14.00 Uhr nachmittags bis  5.00 Uhr morgens, macht es vielen Menschen unmöglich, den Lebensunterhalt weiter zu verdienen wie bisher. Das Militär und die Polizei kontrollieren die Märkte, die Zugangswege und die Anzahl der Insassen in den Fahrzeugen.

Bereits im Oktober 2019 kam es zu Unruhen im Land, als  staatliche Subventionen für den Treibstoff eingestellt wurden. Seitdem sei das Land „wirtschaftlich weit zurückgefallen“, klagte der apostolische Nuntius in Quito, Erzbischof Carrascosa Coso, kürzlich  in einem Interview mit Radio Vatikan. Die Krise „habe wirtschaftliche Einbußen nach sich gezogen, die sich jetzt, in der Corona-Pandemie bemerkbar machen würden.“ Auch sind die Preise mancherorts für Lebensmittel erheblich gestiegen, seitdem das Corona-Virus das öffentliche Leben lahmlegt.

„Es trifft die Ärmsten der Armen am stärksten“, sagt Markus Linsler, der für die Erzdiözese München und Freising  in Quito  arbeitet und die ecuadorianischen Diözesen bei Sozialprojekten berät. „Trotz der Ausgangssperren treibt es die Menschen nach draußen. Da gibt es drei bis vier Obsthändler, die Orangen verkaufen, in Gegenden, wo bisher nie ein Straßenverkäufer zu sehen war. Viele davon sind Flüchtlinge aus Venezuela, die sonst keinerlei Einkommensquelle haben.“ Für die Migranten ist die Coronakrise eine existentielle Bedrohung. Seit der Wirtschaftskrise 2013 in Venezuela, sind rund 266.000 Menschen nach Ecuador geflohen. Doch die Dunkelziffer liegt weitaus höher, schätzt Caritas International.

Nothilfeprogramm für bedürftige Familien

Desinfektion der Straßen in Ecuador.
Wege und Plätze werden desinfiziert. (Foto: EOM/Weltkirche)
In seiner Diözese Santo Domingo, schätzt Bischof Bertram Víctor Wick Enzler, leben rund 30.000 Familien auf der Basis von Tagelohn und stehen jetzt ohne Einkommen da.

Die Diözesen haben ein Nothilfeprogramm für die bedürftigsten Familien  aufgestellt und um Spenden gebeten.  In einigen Diözesen wie Guayaquil, Ambato und Latacunga gibt es bereits sogenannte „Lebensmittel-Banken“ (Banco de Alimentos). Neben Geld wurden lang haltbare Lebensmittel gesammelt wie Reis, Öl, Nudeln, Linsen, Bohnen, Thunfischdosen und  Teigwaren. Die Polizei und das Militär begleiten die Hilfskräfte mit Lastern durch die Straßen. Die Lebensmittelpakete werden von Haus zu Haus verteilt, damit niemand während der  strengen Ausgangssperre nach draußen muss. Die Kirchen und Pfarrhäuser sind derzeit gesperrt, auch um einen möglichen Ansturm auf die Pfarrzentren und eine weitere Ansteckung zu vermeiden. Diese Lebensmittelhilfen möchte der Bischof den Familien in der derzeitigen Situation alle drei Wochen zukommen lassen.

„Ich bin ganz in Sorge um den sozialen Frieden“, schreibt Bischof Víctor Wick Enzler in seinem diesjährigen Osterrundbrief vom 26. März 2020 an seine Familie und Wohltäter. „Wenn der Hunger übermäßig wird,  dann werden die Leute die Geschäfte plündern und das Virus wird noch gewaltiger zirkulieren. Zudem werden durch Gewalt Gefühle wie Hass und Abscheu gegenseitig geweckt. Besitzer gegen die Besitzlosen und umgekehrt. Das war im Oktober bei den Unruhen schon verheerend. Darum ist es dringend, dass wir handeln“.

Auch die Schulen stehen vor erheblichen Belastungen

Leere Straßen in Quito. (Foto: EOM/Weltkirche)
Leere Straßen in der Hauptstadt Quito. (Foto: Markus Linsler)
Rómulo López Seminario, der Vorsitzende von Confedec (Confederación Ecuatoriania de Establecimientos de Educación Católica – Bündnis der katholischen Bildungseinrichtungen in Ecuador, das seit 80 Jahren besteht und insgesamt 1.180 Schulen landesweit vertritt) berichtet, dass durch die Gesundheitskrise das Überleben vieler katholischen Schulen bedroht ist.  Es zeichnet sich ab, dass kirchliche Schulen im kommenden Schuljahr nicht mehr öffnen können, da die Eltern aus ökonomisch schwächeren Verhältnissen die notwendigen Schulkosten zwischen 20 und 80 Dollar nicht mehr aufbringen können. Die Diözesen können ohne die monatlichen Einkünfte das Lehrpersonal nicht aus sonstigen Mitteln tragen. 10,4 Prozent der Schüler Ecuadors lernen an Schulen in Trägerschaft von Orden oder Diözesen. Im Amazonas ist die Präsenz der kirchlichen Schulen weitaus höher und teilweise werden Landesteile erreicht, zu denen das staatliche Bildungssystem bisher nicht vordringt.

Derzeit ist jeglicher Unterricht bis Ende Mai nur virtuell/online erlaubt. Für viele Schulen stellt das eine Herausforderung dar. An der Bistumsschule in Puyo, an der Schüler verschiedener indigener Gruppen gemeinsam lernen, stellt sich nach über einem Monat ohne Unterricht die Frage, wie überhaupt virtuell das Schuljahr beendet werden kann. Die Schüler kommen aus indigenen Ortschaften vom umliegenden Land der Provinzstadt Puyo und verfügen weder über ein modernes Smartphone noch über eine notwendige Internetverbindung.

 „Außerdem stehen seit drei Jahren vom Staat zugesagte Transferleistungen immer noch aus“, kritisiert Markus Linsler, „viele diözesane Schulen und damit auch die Diözesen stehen seit Jahren finanziell unter Druck. Ebenso ist es mit sozialen und therapeutischen Einrichtungen. Auch hier sind finanzielle aber auch personelle Hilfen dringend erforderlich.

Unterstützung durch Nothilfefonds

Essenspakete
Ausgabe von Essenspaketen. (Foto: EOM/Weltkirche)
„Ich gehe davon aus, dass in 2020 unsere Projekt-Partner in den Diözesen und aus Ordensgemeinschaften Ecuadors, uns prioritär Projekte und Nothilfe-Programme in Bezug auf die Corona-Krise herantragen werden“, so Sebastian Bugl, von der Abteilung Weltkirche im Erzbistum München und Freising. „Ich bin froh, dass das oberste Leitungsgremium der Erzdiözese heute ein wichtiges Paket von Hilfsfonds im Bereich Gesundheit, Bildung und karitative Hilfen und einen Corona-Nothilfefonds, mit einer Gesamtsumme von 1.100.000 Euro, verabschiedet hat. Weitere 900.000 Euro werden im weiteren Verlauf des Jahres gezielt vergeben. Ab 2021 werden wir karitative Projekte fördern müssen, die sich vor allem mit den sozialen Folgen  wie Arbeitslosigkeit, Hunger, Ernährung, Gewalt etc. beschäftigen. Hier könnten eventuell  bereits bestehende Projekte  erweitert werden. Einzelne Diözesen, die finanziell schwach sind, wie z.B. Latacunga oder wo die Folgen der Coronakrise besonders tiefgreifend sind, wie in Guayaquil, werden zusätzliche finanzielle Hilfen benötigen, insbesondere, was die Lebensmittelverteilung, die Unterstützung im Gesundheitssektor sowie die Unterstützung der Landbevölkerung, vor allem aber auch der Indigenen, angeht. Wie immer geht es uns um einen sehr nahen Kontakt zu unseren Projektpartnern, den Bischöfen und Ordensoberen, mit denen wir bezüglich der Münchner Ecuadorhilfe eng zusammenarbeiten.“

Partnerschaft schafft Mut für die Zukunft

Diakonie
Hilfe durch die Diakonie vor Ort. (Foto: EOM/Weltkirche)
Um die Kosten, die durch die Coronakrise entstehen, zu finanzieren,  will die ecuadorianische Regierung  jetzt ein „Konto für humanitäre Hilfe“ einrichten, das aus dem Beitrag von Gewinnen aus Unternehmen, die 2018 mehr als eine Million Dollar verdient haben, und dem Beitrag der Arbeitnehmer, mit einem Gehalt von mehr als 500 Dollar, gespeist werden soll. Diese Ankündigung löste heftige Kritik bei Gewerkschaften, Geschäftsleuten und indigenen Gruppen aus, die erklärten, dass sie wegen der Pandemie Liquiditätsprobleme hätten.

Auch haben sich einige Regionen so abgeschottet, dass es dort bisher nur wenige bis keine Erkrankten gibt. Vor allem die Gebiete, in denen die Indigenen leben, wurden abgeriegelt. Doch hier spielt sich jetzt eine, von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkte ökologische Tragödie ab: in der Provinz Orellana sind zwei strategische Haupt-Ölpipelines gebrochen. Seitdem fließt Erdöl in den Fluss Coca, einem der Hauptadern im Amazonasbecken und gefährdet die Natur und die indigene Bevölkerung.

Angesichts dieser großen Herausforderungen stellt sich für die Erzdiözese München und Freising die Frage, was es bedeutet, eine langjährige Partnerschaft mit der Katholischen Kirche Ecuadors zu führen. Die finanziellen Hilfen sind bereits angeklungen, die auch dieses Jahr wieder 2 Millionen Euro betragen. Die Abteilung Weltkirche wird in regelmäßigen Abstand über die Situation im Partnerland berichten. Und nicht zuletzt stärkt das Gebet für den Partner die geschwisterlichen Bande und schafft Mut für die Zukunft. Ein Gebetsimpuls ist auf der Homepage der Erzdiözese abrufbar, zu dem jeder Mensch sich aufgerufen fühlen darf, der einen weiteren partnerschaftlichen Beitrag geben möchte.

Text: Dr. Patrizia Wackers

"Quédate en casa" - "Bleib zuhause": Dieser Appell gilt auch in Ecuador
Bildeindrücke vom Leben der Menschen in Zeiten von Corona im Erzbistum Guayaquil und im Bistum Tulcán
Fotos: Lucy Jimenez (3), Lucy Pérez (3), Lexcy Juliana Mejia (2), Mariuxi Rivas P (2), Carlos Padilla (2).

Weltkirche
Schrammerstr. 3
80333 München
Telefon: 089 2137-1533
Fax: 089 2137-1580
SBugl(at)eomuc.de
http://www.erzbistum-muenchen.de/weltkirche
Abteilungsleiter:
Sebastian Bugl

Die Ecuador-Partnerschaft

Seit 59 Jahren unterhält die Erzdiözese partnerschaftliche Beziehungen mit der Katholischen Kirche Ecuadors und kann auf eine lebendige Geschichte zurückblicken. Diözesanrat, Kolping, Landvolk und über 50 Pfarreien und Gruppen pflegen durch verschiedene Aktivitäten den Austausch mit den jeweiligen Partnerorganisationen. Das "junge Gesicht" der Partnerschaft vertreten durch den BDKJ und auf ecuadorianischer Seite die PJN trifft sich ebenso regelmäßig hier wie dort im Rahmen des "AK Amistad". Mehr ...

Gebetsimpuls

Um die Bande zwischen dem Erzbistum und seinem Partnerland zu stärken, sind die Gläubigen zum Gebet aufgerufen. Einen Gebetsimpuls finden Sie hier direkt zum Download.