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Mit Dekret vom 18. Oktober 2018 hat die Religiosenkongregation des Vatikan Sr. M. Benedicta Tschugg OSCCap. zur apostolischen Kommissarin für das Kloster Reutberg ernannt, wodurch das Erzbistum im Augenblick nicht für Reutberg zuständig ist. Die Homepage „Reutberg retten“ spiegelt den Stand bis zum Wirksamwerden dieses Dekrets.
 

„Die Realität nüchtern zur Kenntnis nehmen“

Ein Interview mit Schwester Agnesita Dobler OSF, Generalsekretärin der Deutschen Ordensobernkonferenz
 
Sr. Agnesita Dobler
Sr. Agnesita Dobler OSF
Seit Jahrzehnten leiden die Orden in Deutschland unter Nachwuchsmangel und Überalterung. Allein in den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl der Ordensleute um mehr als die Hälfte zurückgegangen: Gab es 1997 noch rund 41.000 Ordensmitglieder, so waren es 2017 nur noch 19.000, 4.000 Männer und 15.000 Frauen. Die Franziskanerin Schwester Agnesita Dobler, Generalsekretärin der Deutschen Ordensobernkonferenz, rät Orden, sich von „unrealistischen Hoffnungen frei zu machen“ und nach Möglichkeiten zu suchen, den Gründungsauftrag ihrer jeweiligen Gemeinschaft weiterzutragen. In einigen Fällen sei es unumgänglich, Niederlassungen zu schließen.
 
 
Wie gehen die noch 19.000 Ordensleute in Deutschland damit um, dass immer mehr Klöster um ihr Überleben kämpfen?
 
Dazu zunächst eine persönliche Anmerkung, die sicherlich viele andere Ordensleute auch unterschreiben könnten: Ich bin nicht in eine Ordensgemeinschaft eingetreten, um ein Kloster zu erhalten oder um dessen Überleben zu kämpfen. Ich habe mich für einen Lebensweg im Orden entschieden, weil ich gespürt habe, dass mein Leben nur dort zutiefst glücklich wird und dass Gott mich auf diesem Weg haben will. Diese Grundüberzeugung ist bis heute geblieben, trotz Schwierigkeiten und trotz sinkender Zahlen. Wie dieses Leben gestaltet wird und was wir als Ordensgemeinschaft im Rahmen unserer personellen und sonstigen Ressourcen daraus machen, muss je neu geprüft und umgesetzt werden.
Was die Orden in Deutschland betrifft: Die einzelnen Gemeinschaften gehen sehr unterschiedlich damit um, dass sie stetig kleiner werden und dass immer mehr Schwestern alt sind. Viele schauen schon seit vielen Jahren ihre Situation sehr realistisch an, haben Prozesse initiiert, um ihre Werke in die Zukunft zu führen und das gemeinschaftliche Zusammenleben der kleiner werdenden Zahl anzupassen. Manchen gelingt das nicht. Vielleicht kann man die Problematik vergleichen mit Familienbetrieben, die nicht rechtzeitig die Weichen für eine Nachfolgeregelung gestellt haben.
 
Wie würden Sie einen modernen, zukunftsfähigen Konvent beschreiben?
 
Ich würde nicht von modernen oder unmodernen Konventen sprechen. Die althergebrachten Regeln und Formen haben einen tiefen Sinn. Auch ist zu differenzieren zwischen einem Konvent mit monastischer, kontemplativer Ausrichtung und einer apostolischen Gemeinschaft. Zukunftsweisend dürfte jedoch sein, wie ernstgemeint und ehrlich das gemeinsame Unterwegssein gesehen wird, wie jede und jeder sich um eine tiefe Gottesbeziehung bemüht, dafür auch Zeit investiert und auf manch anderes dafür verzichtet. Dem müssen sich die äußeren Formen anpassen. Wenn unsere Gesellschaft fluider wird und ich meinen Auftrag als Ordensfrau „in der Welt“ lebe, dann kann ich beispielsweise nicht täglich zu unveränderlich festgefügten Gebetszeiten beten wollen. Fest bleibt aber, dass ich täglich bete.
Was ich ebenfalls für unabdingbar halte, ist Fort- und Weiterbildung, sowohl beruflich als auch persönlich, und die Übersetzung des Gründungscharismas in den heutigen Kontext.
 
Was ist Ihr Rat an Ordensgemeinschaften, die seit vielen Jahren keine Eintritte mehr haben und deren Mitglieder immer älter werden?
 
Je mehr es diesen Gemeinschaften gelingt, sich von unrealistischen Hoffnungen frei zu machen und die Realität nüchtern zur Kenntnis zu nehmen, desto mehr gewinnen sie an Lebensqualität und Lebensperspektive. Die Deutsche Ordensobernkonferenz hat bereits in 2012 zur Unterstützung für eine sachliche Bestandsaufnahme einen Fragebogen als Leitfaden und Hilfestellung für die Gemeinschaften entwickelt. Zudem hat sie das „Ordensnetzwerk alternde Gemeinschaften“ ins Leben gerufen. Wir begleiten Ordensgemeinschaften in diesen Fragen und versuchen, zusammen mit ihnen je eigene Lösungen zu finden.
Welche Möglichkeiten haben Ordensgemeinschaften, um aktiv neue Ordensberufungen zu fördern?
 
Eine Ordensberufung kann man nicht machen. Eine Ordensberufung ist eine zutiefst persönliche Antwort einer einzelnen Frau oder eines Mannes in einer persönlichen Lebensbeziehung mit Gott. Dieser ist es, der ruft, und zwar denjenigen, den er will.
Es ist dann Aufgabe des einzelnen Ordenschristen, diese Berufung authentisch zu leben, so gut er oder sie es kann. Diese Aufgabe hat auch eine Ordensgemeinschaft. Sie hat die Aufgabe, Räume zu eröffnen, die anderen helfen, ihre je eigene Berufung zu finden. So können auch neue Ordensberufungen gefördert werden. Übrigens haben auch alle Eltern und alle Erzieher diese Aufgabe, den Kindern zu helfen, ihre je eigene Lebensberufung zu finden.
 
Inwiefern können in stetig kleiner werdenden Gemeinschaften Laien-Mitarbeiter oder Ehrenamtliche dazu beitragen, den Auftrag des jeweiligen Gründers zu erfüllen und weiterzutragen?
 
Das Wesen der Ordensgemeinschaft, die Berufung von Männern und Frauen, als Gemeinschaft lebenslänglich zusammenzuleben im Rahmen der Gelübde von Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit, das kann man nicht übertragen. Das muss von einzelnen Personen in beständiger Beziehung mit Gott persönlich durchgetragen werden. Der Auftrag des Gründers hinsichtlich der Tätigkeit und des Charismas des Ordens, der kann auch in anderen Lebensformen weitergetragen werden.
In meiner Ordensgemeinschaft haben wir uns bereits Anfang der neunziger Jahre darüber Gedanken gemacht. Wir sind zusammen mit unseren Mitarbeitern in einen mehrjährigen Prozess getreten, um zusammen mit ihnen zu überlegen, wie das franziskanische Charisma in den sozialen Einrichtungen von Mitarbeitern gelebt und umgesetzt werden kann. Es ist nun beständige Aufgabe, dass das, was wir in dem damals entstandenen Leitbild festgeschrieben haben, sowohl bei uns in der Gemeinschaft als auch von den Mitarbeitern beständig mit Leben gefüllt wird.
 
Wie bewerten Sie es, wenn Orden wegen Mitgliedermangels einzelne Standorte oder Tätigkeitsbereiche aufgeben, um sich auf andere zu konzentrieren?
 
Ich erachte das für notwendig und halte es für zukunftsweisende Entscheidungen. Dazu möchte ich aus der Richtlinie für die Verwaltung der kirchlichen Güter der Institute des geweihten Lebens und der Gesellschaften apostolischen Lebens zitieren. Diese wurde im August 2014 veröffentlicht. Da heißt es in Kapitel I.I: „Daher müssen wir uns noch einmal damit auseinandersetzen, welche Sendung sich aus dem Charisma ergibt, und überprüfen, ob die charismatische Identität der Gründungsinstanzen in den Besonderheiten der operativen Antworten zum Tragen kommt. Die Werke ändern sich mit den Bedürfnissen ihrer Zeit und nehmen je nach ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Kontext unterschiedliche Gestalt an. So kann es passieren, dass Werke unterhalten werden, die nicht mehr mit dem heutigen Ausdruck der Sendung in Einklang stehen, sowie Immobilien, die sich für die Werke, die ihr Charisma leben, als nicht mehr funktional erweisen.
Es ist daher notwendig, dass alle Institute geweihten Lebens und Gesellschaften apostolischen Lebens: festlegen, welche Werke und Maßnahmen fortgesetzt, aufgegeben oder geändert werden sollen und wo sich neue Grenzen für Entwicklungswege und das Zeugnis der Sendung auftun, die auf die heutigen Bedürfnisse eingehen und dabei dem eigenen Charisma vollständig treu bleiben.“
 
Wie kann im Falle der Auflösung eines Konvents dessen Auftrag und Erbe vor Ort weitergeführt und für die Gläubigen nutzbar gemacht werden?
 
Zu dieser Frage gibt es kein Patentrezept. Jeder Fall ist anders gelagert und einzeln zu prüfen. Es wird nicht immer gelingen, das Erbe vor Ort weiterzuführen. Manches hört auf.
Am ehesten gelingt es, die apostolischen Werke oder die sozialwirtschaftlichen Betriebe weiter zu führen, sei es durch Kooperationen mit anderen Trägern, durch Abgabe der Leitungsverantwortung und Überführung in andere Unternehmensformen, auch durch Verkauf an Dritte. Dies ist von langer Hand vorzubereiten und gut zu sondieren.
Wenn Menschen unbedingt verhindern wollen, dass ein Konvent aufgelöst wird, weil von ihm ein großer Segen für die Gläubigen ausgeht, dann könnten sie sich doch auch die Frage stellen, ob Gott sie vielleicht in solch einem Konvent haben will, oder vielleicht ihre Kinder.
Grundsätzlich ist es nur zu begrüßen, wenn große Teile der Bevölkerung wünschen, Ordensleute in ihrer Nachbarschaft zu haben. Bitte verstehen Sie es nicht falsch, aber eigentlich ist es nicht unbedingt mein erster Auftrag, die Erwartungen und Ansprüche, die an uns als Ordensleute herangetragen werden, zu erfüllen. Dies könnte schnell zu einer Überforderung führen, und dies wäre auch nicht der Sinn einer Ordensberufung.
Der Franziskanerinnen-Konvent im Kloster Reutberg steht wohl kurz vor der Auflösung. Sehen Sie noch eine Chance, das Kloster als Kloster, also Sitz einer Ordensgemeinschaft, weiterzuführen?
 
Ich würde es als glückliche Fügung ansehen, wenn sich eine andere Gemeinschaft fände und das Kloster übernähme. Offenbar gibt es ja gute Gespräche. Aber das wäre nicht der Normalfall. Man muss einmal ganz nüchtern die Zahlen der Ordensleute in Deutschland betrachten: Die Gemeinschaften, deren Obere in der Deutschen Ordensobernkonferenz vertreten sind, haben zusammen nur noch rund 4.000 Brüder und Schwestern, die jünger als 65 sind. Die anderen sind alt, viele krank oder pflegebedürftig. Wie soll das funktionieren?
Um noch einmal auf Reutberg zurückzukommen: Nach den Informationen, die mir vorliegen, halte ich es für unmöglich, den bestehenden Konvent weiterzuführen.
 
Wäre es sinnvoll, dass dort Schwestern aus unterschiedlichen Orden zusammenleben könnten und das Kloster auf diese Weise gehalten werden kann?
 
Im Grunde spricht nichts gegen eine solche Lösung, das wird auch an einzelnen Orten schon so praktiziert. Sinnvoll ist eine solche Lösung dann, wenn Ordensschwestern dies als ihren Auftrag erkennen und umsetzen wollen. Die Anzahl der Schwestern, die für solche neuen Projekte in gemischter Zusammensetzung zur Verfügung stehen könnten, ist jedoch sehr überschaubar. Und selbst wenn sich welche finden, ist das ein schwieriger Prozess. Auch Schwestern aus dem Ausland einzufliegen, ist nicht unbedingt die Lösung. Wir haben bereits in mehreren Fällen gesehen, wie schwierig das ist.
 
Welche Perspektiven sehen Sie für die heute noch etwa 420 Ordensgemeinschaften in Deutschland?
 
Ein größerer Teil dieser Ordensgemeinschaften wird aussterben oder sich vollenden, je nachdem wie man es sehen und benennen will. Nicht aussterben wird das Ordensleben als solches. Gott ruft auch in der heutigen Zeit. Ich persönlich halte mein Leben als Ordensfrau für eine unglaublich glückliche Fügung. Es ist eine Lebensform, in der erfülltes Leben möglich ist.
 
Wie, glauben Sie, sieht das Ordensleben in Deutschland in 20 Jahren aus, wenn sich die derzeitige Entwicklung fortsetzt?
 
Es wird viel, viel weniger Ordensleute und viel, viel weniger Klöster und Niederlassungen geben. An manchen Orten wird Ordensleben ähnlich weitergehen wie seit vielen Jahrhunderten. Ich denke da insbesondere an Abteien. Die apostolisch tätigen Ordensleute werden vielleicht so leben, wie ich es bereits tue: Ich gehöre zu einer Gemeinschaft im Süden Deutschlands, arbeite in Bonn und wohne in einem Personalwohnheim direkt neben einer Ordensfrau aus einer anderen deutschen Gemeinschaft und drei Schwestern aus Indien.
Beruflich bin ich bereits seit über 30 Jahren überwiegend mit freien Mitarbeitern und Kollegen, die nicht Ordensleute sind, unterwegs. Es wird noch mehr darauf ankommen, innerlich zu wissen, wo man hingehört. Nach außen muss man kompatibel und vernetzungsfähig sein, die Klausur muss man im Herzen tragen.
 
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