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Mit Dekret vom 18. Oktober 2018 hat die Religiosenkongregation des Vatikan Sr. M. Benedicta Tschugg OSCCap. zur apostolischen Kommissarin für das Kloster Reutberg ernannt, wodurch das Erzbistum im Augenblick nicht für Reutberg zuständig ist. Die Homepage „Reutberg retten“ spiegelt den Stand bis zum Wirksamwerden dieses Dekrets.
 

„Die Lebendigkeit ist wichtig“

Interview mit Schwester Ruth Maria Stamborski, kommissarische Vorsitzende der Vereinigung der geistlichen Schwestern in der Erzdiözese München und Freising
 
Sr. Ruth-Maria Stamborski
Sr. Ruth Maria Stamborski,
© privat
Schwester Ruth Maria gehört zu den Garser Missionsschwestern, den Missionsschwestern vom Heiligsten Erlöser, und lebt im Kloster St. Theresia in Stadl, Landkreis Mühldorf am Inn. Sie ist Oberin der deutsch-österreichischen Provinz und arbeitet zusätzlich in der Gemeindeberatung. Im Interview erzählt sie von ihrer Berufung, dem Leben in ihrer Gemeinschaft und den Herausforderungen, vor denen Ordensgemeinschaften heute stehen.
Schwester Ruth Maria, was bedeutet es für Sie persönlich, als Ordensschwester zu leben?

Ausgangspunkt ist für mich, und wohl für jede Ordensfrau und jeden Ordensmann, der Entschluss: Ich möchte in der Nachfolge Jesu Christi leben. Und dann hat jede Ordensgemeinschaft einen eigenen „Stallgeruch“, einen eigenen Stil, wie jede Familie auch. Das geht schon los bei dem Unterschied zwischen kontemplativen Gemeinschaften, die sich in erster Linie dem Gebet widmen, und apostolischen Gemeinschaften, die zum Beispiel in der Bildung, der Caritas oder der Seelsorge tätig sind. Es setzt sich dann fort im Blick auf die Spiritualität der jeweiligen Gemeinschaft: Welcher Kerngedanke steht im Mittelpunkt? Bei uns ist es die erlösende, befreiende Botschaft Jesu Christi.
Dementsprechend suche ich mir eine Gemeinschaft. Was wesentlich dazugehört: dass ich mich darauf einlasse, mit anderen Schwestern gemeinsam Ordensleben zu gestalten. Ich persönlich habe von Anfang an gespürt, und das hat sich über 30 Jahre bestätigt: Ich brauche die anderen. Ich brauche die Motivation, Bestärkung, auch die Erinnerung, um selbst lebendig auf diesem Weg zu bleiben. Ich brauche unser gemeinsames Beten, den Austausch mit den Mitschwestern und den gemeinsamen Einsatz – davon lebe auch ich.

Die Zahl der Ordensschwestern geht zurück, es gibt weniger Berufungen. Wie gehen Sie damit um?

Natürlich ist das auch für unsere Gemeinschaft ein Thema. Es ist eine gesamtkirchliche Herausforderung: Kirche verändert sich, wir leben in einer Umbruchzeit. Ich glaube, das Allererste ist, diesen Wandel auch zu akzeptieren und zu sagen: Ja, natürlich war es schön, als Noviziate groß waren, als Kirchen voll waren. Aber ich komme nicht umhin, die Veränderung in der Gesellschaft, in der Welt anzunehmen und auszugehen von dem, was heute ist. Gleichzeitig darf ich mit einer gewissen Zuversicht sagen: Gott ist in dieser Welt gegenwärtig, wir können ihn entdecken und geistliches Leben gestalten. Ich bin eingeladen, überzeugend und glaubwürdig zu leben und von innen heraus zu sagen: Diese Lebensform macht Sinn.

Was würden Sie Gemeinschaften raten, die merken, wir werden weniger, unsere Schwestern werden älter?

Ich glaube, wesentlich ist, dem Thema nicht auszuweichen. Das Wichtigste ist, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, offen hinzuschauen. Es gibt dazu Hilfen von der Ordensobernkonferenz, es gibt Hilfen in den Diözesen und Erzdiözesen. Man muss rechtzeitig schauen, welche Möglichkeiten es gibt, damit nicht eine Engführung passiert: Es muss jetzt unbedingt jemand eintreten, es muss jetzt unbedingt etwas Bestimmtes passieren. Man sollte sich mit dem Thema beschäftigen, solange man den Übergang noch gut und konstruktiv gestalten kann, solange noch Kräfte da sind, einen Prozess anzusetzen. Dabei geht es um Fragen auf organisatorischer, personeller und struktureller Ebene: Was passiert mit den Gebäuden? Wie können die notwendigen Ämter in der Gemeinschaft besetzt werden?
Genauso wichtig ist aber ein geistlicher Prozess: Was ist heute unser Sendungsauftrag? Hat er sich verändert? Wohin will Gott uns jetzt führen? Hilfreich ist, mit diesem Prozess zu beginnen, wenn man noch nicht mit dem Rücken zur Wand steht.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Erst am Wochenende habe ich mit meiner Gemeinschaft das neue Kloster in Schlehdorf besucht. Die 30 Missionsdominikanerinnen haben ihr historisches Gebäude aufgegeben und sind in ein neuerbautes Kloster umgezogen, kleiner, barrierefrei, einfacher im Unterhalt. Die Provinzoberin, Schwester Francesca, hat von dem jahrelangen Prozess erzählt. Ich finde das sehr beeindruckend, dass sich ein Orden auf diesen Weg macht, wenn er noch die Kraft besitzt, die Veränderungsprozesse gut zu gestalten, gut zu begleiten. Auch die Schwestern haben mich sehr beeindruckt, die nach dem Umzug auch ein wenig erleichtert sind und sagen: Das war ein mühsamer und ein herausfordernder Weg, aber nun ist es gut, wie es ist; wir sind entlastet und sehen gute Bedingungen für die Zukunft.
Auch die Oberin der Landshuter Ursulinen sagt: Es ist ein guter Weg gewesen. Die ungefähr 15 Schwestern sind als Gemeinschaft in ein Münchner Altenheim umgezogen und haben ihr Kloster dem Erzbistum übergeben. Das ist wirklich ein Modellprojekt: In Landshut geht die Schule weiter, die der Orden gegründet hat, es gibt eine Verbundenheit, der Geist der Schwestern ist lebendig vor Ort. Es gibt aber auch einen neuen Ort, an dem das geistliche Leben weitergeht und einen neuen Auftrag erfährt. Die Schwestern sind im Altenheim präsent, sie haben Zeit für die alten Leute, können einfach mal ein Gespräch führen und ihnen zuhören.
 
 
Wenn sich Gemeinschaften verändern, einen Ort verlassen müssen, ist das auch für die Menschen in der Umgebung schwer. Sie haben einen engen Bezug zu diesem spirituellen Ort, ihr Herz hängt daran.

Wir stehen immer inmitten der Welt und sind immer mit den Menschen unterwegs. Natürlich hängen Menschen an Orten, auch in unserem Dorf, in Stadl, hängen die Leute an unserem Kloster. Aber man muss auch auf die einzelnen Menschen schauen, um deren Zukunft es geht. Man muss differenzieren, wo es um Gebäude geht und wo um Menschen, und darf das nicht zu sehr miteinander verknüpfen.
Nun komme ich aus einer apostolischen Gemeinschaft; in einer kontemplativen Gemeinschaft ist das noch einmal anders, da gibt es eine andere Verbundenheit mit dem Ort. Natürlich ist das identitätsstiftend, und natürlich ist das ein Prozess, wo Trauer aufkommen darf, wo Verlusterfahrungen da sind. Das will ich nicht kleinreden. Nichtsdestotrotz, wenn ich auf unseren allertiefsten Grund schaue, bin ich angetreten für ein Beziehungsgeschehen, für einen Weg mit Jesus Christus. Man muss auf die schauen, die dort noch leben, für die soll ein guter Platz gefunden werden. Dieses Gefühl ist sicherlich auch in der Bevölkerung da.

Wie bedeutend ist das Gebäude an sich – ist es für Sie als Ordensschwester wichtig, dass ein Klostergebäude immer eine kirchliche Nutzung behält?

Ich habe die Ausstellung im ehemaligen Kloster Beuerberg besucht, die zeigt, wie die Salesianerinnen dort gelebt haben. Am Ende gab es eine kleine Umfrage, und viele Menschen haben gesagt: Der Ort soll so erhalten bleiben. Es ist schön, wenn Klöster so eine Wertschätzung erfahren. Auf der anderen Seite frage ich mich: Was ist realistisch? Was ist verantwortlich? In meiner Aufgabe als Provinzoberin muss ich selbst auch Verwaltung und Finanzierung im Blick haben, Ausgaben, Alterssicherung. Von daher finde ich einen guten Unterscheidungsprozess wichtig, mit viel Feingefühl, aber auch mit gedanklicher Weite: Wie kann das, was ein Klostergebäude prägt, aufgegriffen und weitergeführt werden?
Wir als Ordensgemeinschaften sind auch dafür verantwortlich, rechtzeitig zu überlegen: Wie nutzen wir unsere Gebäude, was machen wir langfristig damit, wenn wir merken, wir brauchen das in Zukunft nicht mehr? Da muss man weitsichtig planen, das gehört zur verantwortungsvollen Ordensleitung. Viele Gemeinschaften haben schon vor längerer Zeit Gebäudetrakte anderweitig vergeben. Bei unseren Mitbrüdern, den Redemptoristen, in Cham wurde zum Beispiel ein Teil von der Musikschule des Ortes übernommen. Das ist für mein Empfinden eine sinnvolle Nutzung.
Was sind für Sie Voraussetzungen für ein gelingendes Ordensleben?

Ich glaube, die Lebendigkeit ist wichtig – Lebendigkeit und geistliche Tiefe. Es gehört eine Offenheit dazu, hinzuschauen: Was ist unser Grundauftrag, und wie leben wir den heute? Es geht darum, auf die Wirklichkeit, die einzelnen Mitglieder und die Zeichen der Zeit zu schauen, und dies im Licht des Evangeliums.

Wichtig ist ja auch die Ausbildung von neuen Ordensschwestern. Was muss man tun, wenn man in Ihrer Gemeinschaft Schwester werden möchte, und wie lange dauert das?

Das sind mittlerweile sehr individuelle Ausbildungsprozesse, wir schauen die persönliche Situation der Frauen an. Normalerweise haben wir schon vorab einen guten Kontakt. Dann gibt es Aufnahmegespräche, bevor das Postulat beginnt, das zwischen einem halben und einem ganzen Jahr dauern kann. In dieser Zeit gehen die Frauen in der Regel noch ihrem Beruf nach, leben aber schon in der Gemeinschaft. Danach gibt es die Entscheidung der Betreffenden und die Entscheidung von uns: Beginnt der Weg ins Noviziat?
Im Noviziat scheidet die Interessentin aus ihrem Beruf aus, weil mehr Zeit sein soll für die inhaltliche Auseinandersetzung. Daneben bekommt man auch Aufgaben in der Gemeinschaft, sie sollen einen aber nicht so in Beschlag nehmen, dass der innere Prozess der tieferen Einführung in das Leben der Gemeinschaft behindert wird. Das Noviziat dauert anderthalb Jahre. Es gibt dabei auch Erfahrungszeiten, um mögliche Einsatzorte kennenzulernen, aber auch andere Niederlassungen unserer Gemeinschaft.

Kann jede Frau, die möchte, in eine Gemeinschaft eintreten?

Das gilt es sehr gut zu prüfen. Es geht ja nicht so sehr um Zahlen, sondern es geht um lebendige Christusnachfolge. Es muss in jeder Gemeinschaft auch jede Schwester ihre Frau stehen können, Verantwortung übernehmen für sich und für die Gemeinschaft, beziehungsfähig sein, gesprächsfähig, konfliktfähig. Ich muss auch prüfen: Hat diese Frau in unserer Gemeinschaft eine Zukunft oder macht es mehr Sinn, ich empfehle sie woanders hin, weil sie sich woanders vielleicht besser entfalten kann? Es wird mir doch hoffentlich darum gehen, dass die Betreffende ihren Platz der Christusnachfolge findet.

Wie wichtig ist die Vernetzung mit anderen Gemeinschaften?

Das halte ich für eine Qualität von Ordensgemeinschaften: sich bei Fragen, die wir haben, gegenseitig zu helfen, Projekte gemeinsam auf den Weg zu bringen. Es ist gut, an manchen Punkten mit einer Stimme zu sprechen, es ist gut, Kompetenzen von anderen Gemeinschaften abzufragen. Unsere Ökonominnen sind vernetzt, wir Provinzoberen sind vernetzt. Das halte ich für ungemein wichtig.

Sie sind derzeit Vorsitzende der Vereinigung der geistlichen Schwestern, des Zusammenschlusses der Ordensfrauen in unserer Erzdiözese. Warum gibt es diese Organisation?

Es braucht Begegnungsraum unter Ordensleuten, es tut gut, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, Ordensfrauen aus anderen Gemeinschaften zu erleben. Dass wir uns gegenseitig bestärken und miteinander unterwegs sind, ist vor allem auch für die Nachkommenden wichtig, damit sie sehen: Die Fragen, die ich in der Anfangszeit habe, die haben auch andere. In Zeiten, in denen viele Frauen im Noviziat waren, war das vielleicht noch nicht so entscheidend wie heute, wo einzelne Frauen nachkommen. Es ist wichtig, uns fachlich auszutauschen, es ist wichtig, manche Projekte miteinander zu intitiieren. Dafür gibt es – neben anderen Orten der Vernetzung – die Vereinigung der geistlichen Schwestern.
 
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