Schöpfungsverantwortung auf dem Laufsteg Mit Schulprojekten wie einer Müllmodenschau greifen Religionslehrkräfte drängendes Gesellschaftsthema auf

Angeregt von Kinder- und Jugendbüchern haben Religionslehrkräfte im Kirchendienst der Erzdiözese München und Freising mit ihren Klassen kreative Projekte zum Thema Nachhaltigkeit umgesetzt. So wurde für die Kinder und Jugendlichen Schöpfungsverantwortung konkret greifbar. An der staatlichen Grundschule in Nußdorf am Inn zum Beispiel hat Stefanie Litzlfelder mit ihren Schülerinnen und Schülern Kostüme aus recycelten Materialien gebastelt.
 
Schüler Andreas Loidl im Müllgewande auf dem Laufsteg der Müllmodenschau in der Grundschule Nußdorf
Schüler Andreas Loidl auf dem "Laufsteg" der Müllmodenschau in der Grundschule Nußdorf
In der Sporthalle der Grundschule in Nußdorf am Inn herrscht geschäftiges Treiben. Aufgeregt zupfen die Schülerinnen- und Schüler-„Models“ in der Umkleidekabine noch ein letztes Mal ihre Kostüme zurecht. Gleich geht es los mit der Generalprobe für eine recht ungewöhnliche Modenschau und die Spannung steigt. In ein paar Stunden zeigen die Neun- bis Elfjährigen aus der vierten Klasse den Eltern und anderen Schülern Mode der etwas anderen Art: Anzüge und Faltenröcke aus Zeitungspapier, Schmuckketten aus CDs, T-Shirts mit Zeitungsschnipseln oder großen rosa Plastik-Pailletten. Dazu kommen moderne „Hüte“ aus Autoradkappen mit langen Bändern aus Wattebällchen und bunte Umhängetaschen, die sie aus Chips-Tüten, alten Jeans oder Schuhkartons zusammengebastelt haben. Begleitet von lässiger Popmusik, die ein eigenes Technik-Team vorbereitet hat, treten dann die ersten jungen Künstlerinnen und Künstler selbstbewusst und verschmitzt grinsend mit ihren Kreationen aus „Müll-Mode“ auf den Laufsteg.
Religionslehrerin Stefanie Litzlfelder mit den Schülerinnen und Schülern der Grundschule Nußdorf auf der Müllmodenschau
Religionslehrerin Stefanie Litzlfelder bei der Generalprobe mit den „Models“ aus der vierten Klasse
Die Probe läuft wie am Schnürchen, hier und da ruft Stefanie Litzlfelder den Mädchen und Buben noch Regieanweisungen zu. Die Religionslehrerin hat die Idee von der Recycling-Mode aus fortgeworfenen Artikeln gemeinsam mit der Klassenlehrerin Monique Püschmann entwickelt. Mit ihren Schülerinnen und Schülern hat sie das Thema Schöpfungsverantwortung im Unterricht behandelt und sich dazu Anregung aus dem Kinderbuch „So ein Mist – Von Müll, Abfall und Co.“ von Melanie Laibl und Lili Richter geholt.

„Das passte auch gut in die von unserer Schule gestaltete Themenwoche Müll“, ergänzt Stefanie Litzlfelder. Alle Klassen hätten sich daran mit einstudierten Liedern, kleinen Vorführungen, Textvorträgen und eben Projekten wie der Modenschau beteiligt. Beim großen Schulfest am Nachmittag werden dann die Ergebnisse aller Klassen präsentiert.
Schüler Andreas Loidl und die Schülerinnen Hannah Hildgartner, Magdalena Oberauer und Lilly Meyer der Grundschule Nußdorf bei der Müllmodenschau.
(v.l.) Andreas Loidl und Hannah Hildgartner, Magdalena Oberauer und Lilly Meyer von der Grundschule Nußdorf bei der Müllmodenschau
„Ich gehe jetzt bewusster mit Müll um“

Wie sich zeigt, sind die Jung-Designer eifrig bei der Sache gewesen. „Es war gar nicht so einfach, das alles zu falten, zurechtzuschneiden und zu kleben, so dass alles passt“, erzählt der elf Jahre alte Andreas Loidl während der Generalprobe. Aus alten Zeitungen, Plastikplanen und Klebestreifen hat er sich einen lustigen Hut, eine Hose und ein langes T-Shirt gebastelt.

„Ich war fasziniert, aus was man alles Taschen machen kann, habe viel über Mülltrennung gelernt und fand die vielen Ideen toll und witzig, die die anderen hatten“, erinnert sich die zehnjährige Lilly Meyer. „Ich gehe jetzt tatsächlich bewusster mit Müll um“, erläutert die gleichaltrige Hannah Hildgartner. Voller Schaffensdrang hat sie aus alten Hosen einen Rock mit T-Shirt gebastelt. „Das Basteln war toll und hat in der Gemeinschaft richtig Spaß gemacht“, wirft die ebenfalls zehn Jahre alte Josefine „Fini“ Kämpf ein, während sie Hut, T-Shirt und Rock anpasst.

Die Idee, das für Kinder so aktuelle wie auch abstrakte Thema „Schöpfungsverantwortung“ durch konkrete Ideen und praxisnahe sowie nachhaltige Projekte mit Leben zu erfüllen, dürfte auch Papst Franziskus gefallen. Schließlich ist der Aufruf zu einem bewussten, sorgfältigen und enkeltauglichen Umgang mit der Schöpfung ein zentrales Anliegen seiner 2015 veröffentlichten Enzyklika „Laudato Sí“.

Zeitgemäße Antwort auf Frage des Klimawandels
Von den Kindern gebastelte Kleidung und Accesoirs aus Müll an der Grundschule Nußdorf
Kleidungsstücke und Accessoires aus Müll
Schulrat Markus Horak, Fachbereichsleiter im Erzbischöflichen Ordinariat München für Religionsunterricht an Grund-, Mittel- und Förderschulen in der Region Süd, erläutert den Hintergrund der erfolgreichen Projekte wie dem in Nußdorf, das eines von insgesamt acht an staatlichen Grund- und Mittelschulen im Bereich der Erzdiözese ist: „Kindern und Jugendlichen auch in christlichem Sinne Verantwortung für die Schöpfung zu vermitteln, ist die zeitgemäße Antwort der Religionspädagogik auf die drängenden Fragen des Klimawandels. Wir wollen junge Menschen in eine kreative Auseinandersetzung, in die direkte Berührung mit der Schöpfung bringen, damit sie selbst schöpferisch aktiv werden können.“

Derzeit seien im schulischen Bildungsbereich „Transformationsprozesse“ in vollem Gange, die Vermittlung von nachhaltiger Entwicklung sei mittlerweile ein Bildungsziel für alle Schulen, unabhängig von der Schulart. „Daran können wir gut anschließen und unser christliches Profil einbringen – nicht nur im Religionsunterricht, denn gerade diese Projekte sind darauf ausgerichtet, in die Schulöffentlichkeit eingebracht zu werden“, erläutert der Fachbereichsleiter. Ein gutes Beispiel dafür sei die Modenschau beim Schulfest in Nußdorf.
Zwei Schüler der Grundschule Nußdorf bei der Lektüre des Buches "So ein Mist!"
Schüler der Grundschule Nußdorf bei der Lektüre von "So ein Mist!"
Für dieses Engagement gibt es laut Markus Horak auch über die aktuelle Projektreihe hinaus schon viele Beispiele in der Erzdiözese: Religionslehrkräfte haben an ihren Einsatzschulen mit den Kindern Schulgärten angelegt, ihre Schulen federführend auf dem Weg zur „Fairtrade-Schule“ begleitet, sich kreativ bei der Bewerbung ihrer Schulen um die Zertifizierung als „Klimaschule“ eingebracht und vieles mehr. Für die konkrete Projektreihe sei jedoch eine Broschüre Impulsgeber gewesen, die von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, dem Fachmagazin Eselsohr und dem Sankt Michaelsbund in München gemeinsam erstellt wurde.

Wie Markus Horak aus der Broschüre zitiert, versammelt sie „mit dem Ziel der Bewusstseinsbildung im Sinne von Nachhaltigkeit und Schöpfungsverantwortung empfehlenswerte, innovative und gestalterisch anspruchsvolle Vorschläge von Kinder- und Jugendbüchern“. Dr. Sandra Krump, Leiterin des Ressorts Bildung im Erzbischöflichen Ordinariat München und damit auch verantwortlich für den Religionsunterricht, habe schließlich angeregt, in der Broschüre rezensierte Bücher mit den Kindern und Jugendlichen im Unterricht zu lesen und daraus Projekte zu entwickeln“, berichtet er.

Fortsetzung folgt

Als regionale Fachbereichsleiter haben Markus Horak und seine Kollegen Andreas Selmaier, Christofer Stock und Johannes Ramsauer bei den Religionslehrkräften für das Projekt geworben. „Wir freuen uns sehr, dass die Anregung auf so viel Resonanz gestoßen ist und sich viele beteiligt haben“, ist er begeistert. Neben der Müllmodenschau wurde zum Beispiel auf künstlerische Art eine Eiche nachgebildet samt den in dem Baum lebenden Tieren oder eine „Menschenscheuche“ gebastelt.

In Großkarolinenfeld wollen die Schülerinnen und Schüler im Herbst einen Schöpfungsweg anlegen, der von der Schule zur Kirche führt. „All dies ist möglich, weil die Projekte auch von den Schulleitungen und den Lehrkräften der anderen Fachrichtungen unterstützt und teils interdisziplinär durchgeführt werden“, ist Markus Horak dankbar. Und so sei vielerorts auch schon eine Neuauflage der Projekte im nächsten Schuljahr geplant.
Schülerinnen und Schüler der Grundschule Nußdorf auf der Müllmodenschau
Schülerinnen und Schüler der Grundschule Nußdorf auf der Müllmodenschau
Von Anfang an begeistert von der Anregung war auch Stefanie Litzlfelder. Sie wählte ein passendes Buch aus und entwickelte daraus mit ihrer Klasse die Projektidee mit der Modenschau aus Recycling-Materialien. Der Sankt Michaelsbund förderte dies mit einem Klassensatz Bücher zu vergünstigtem Preis. Die Abteilung Umwelt des Ordinariats München übernahm die Anschaffungskosten der Bücher. „Es gab bei dem Projekt Kooperationen mit dem Fach Kunstunterricht. Im Fach Deutsch haben die Kinder ergänzend Informationen recherchiert und Texte geschrieben, die dann beim Schulfest bei der Modenschau vorgetragen werden.“

In Nußdorf wurde das Engagement von Lehrerin und Kindern belohnt, wie Stefanie Litzlfelder später erzählt: Stolz präsentierten die Kinder beim Schulfest ihre Müll-Kreationen auf dem Laufsteg, effektvoll mit Trockennebel und Scheinwerfern in Szene gesetzt. Dafür gab es langen Applaus von den Eltern sowie den Mitschülerinnen und Mitschülern.
 
Text: Axel Effner, Juli 2022
 

Die Angst-Scheuche

Drittklässler der Quirin-Regler-Grundschule in Holzkirchen mit der gebastelten Menschenscheuche

Die Müllmodenschau ist eines von bisher insgesamt acht Projekten dieser Art an staatlichen Grund- und Mittelschulen im Bereich der Erzdiözese. In der Quirin-Regler-Grundschule in Holzkirchen zum Beispiel haben Religionslehrerin Katharina Hirtreiter und die Kinder aus der Klasse 3a sich von dem Bilderbuch „Die Menschenscheuche“ von Stella Dreis und Michael Stavaric anregen lassen. Im Unterricht überlegten sie sich, was sie gerne aus ihrem Leben verscheuchen würden: Krieg, Klimawandel und Streit etwa. Symbolisch dafür haben sie eine „Angst-Scheuche“ gebaut, bei der Umsetzung hat auch ein Schülervater tatkräftig mitgeholfen. Das Foto zeigt die jungen Künstlerinnen und Künstler vor ihrem Werk: Bunt und witzig ist sie geworden, die Scheuche, um jede Angst zu verjagen.

Wir stellen Ihnen hier zeitnah auch noch weitere dieser auf Kinderbüchern basierenden Projekte zum Thema Schöpfungsverantwortung aus dem Erzbistum vor.