„Die Freiheit aushalten“

Kardinal Marx spricht beim St. Michael-Jahresempfang
Kardinal Marx beim St. Michael Jahresempfang
(v.l.n.r.): Kardinal Reinhard Marx, Frank-Walter Steinmeier und Prälat Dr. Karl Jüsten. (Foto: KNA)
Berlin, 11. Oktober 2017. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat dazu aufgerufen, Gesellschaft aktiv zu gestalten und nicht nur nostalgisch in die Vergangenheit zu blicken. Das sagte Kardinal Marx aus Anlass des St. Michael-Jahresempfangs am Dienstagabend, 10. Oktober, in Berlin. Auf Einladung des Leiters des Kommissariats der deutschen Bischöfe, Prälat Dr. Karl Jüsten, kamen rund 600 Gäste, unter ihnen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
 
Kardinal Marx warnte nachdrücklich vor einer „restaurativen Welle“ und einer Sehnsucht nach der Vergangenheit. „Wir müssen alles tun, um der Gefahr zu widerstehen, in Fundamentalismus und reaktionäre Rückwärtsgewandtheit zu verfallen.“ Es gebe zwar positive Aspekte der Rückbesinnung und Selbstvergewisserung, „aber nicht im Sinne einer rückwärtsgewandten Nostalgie“.
 
In der gegenwärtigen weltweiten Lage, aber auch mit Blick auf Deutschland müsse man immer neu lernen, als Gesellschaft zusammenzuhalten. „Ein Blick ewig nach gestern bringt uns nicht nach vorne. Eine Wahl wie die vergangene Bundestagswahl zeigt uns, dass wir in einer pluralen Gesellschaft mit vielen Meinungen leben, die oft diffus aufeinandertreffen. Unser Auftrag muss es sein, gemeinsam das Gute zu suchen“, so Kardinal Marx. Oft suche man in einer solchen Welt nach Schuldigen und nach dem Einfachen. „Aber wir dürfen nicht vereinfachen oder nur nach gestern fragen. Wir müssen die Freiheit aushalten.“ Kardinal Marx erinnerte daran, dass vor allem die Demokratie lebendig bleiben müsse, „sie läuft nicht von selber, sie braucht unseren täglichen Einsatz“. Demokratie verlange das Engagement jedes Einzelnen. „Ohne Vernunft werden wir in einer vielgestaltigen Gesellschaft nicht zu Lösungen kommen“, sagte Kardinal Marx. Die Vertreter der Politik forderte er auf, Europas Einigung voranzubringen und die Flüchtlings- und Migrationspolitik weiter auch humanitär auszurichten. Ein Einwanderungsgesetz könne eine Lösung sein, aber nicht nach der Regel, dass man die Schlauesten nach Deutschland hole und die Armen alleine lasse.
 
Mit Blick auf aktuelle politische und gesellschaftliche Fragen erinnerte Kardinal Marx an die Enzyklika Laudato si' von Papst Franziskus. Der Appell, das ganze Haus der Schöpfung zu sehen und damit verantwortlich umzugehen, sei auch ein Auftrag an die Politik. „Wir dürfen die möglichen Verlierer der ökologischen Kosten der Globalisierung nicht aus dem Auge verlieren. Das Haus der Schöpfung ist dieser Planet. Für den tragen wir Verantwortung, auch für kommende Generationen.“ Ausdrücklich warnte Kardinal Marx auch vor jeder Form von Diskriminierung und Verfolgung. „Es geht darum, den anderen so anzuerkennen wie er ist. Jeder Mensch muss von uns als Abbild Gottes gesehen und akzeptiert werden. Zu dieser Sicht der Welt und des Menschen gehört auch jene Vernunft, die nach der Wahrheit sucht. Wir werden als Kirche versuchen, unseren Beitrag zu leisten.“
 
Der Leiter des Katholischen Büros in Berlin, Prälat Karl Jüsten, dankte der scheidenden Bundesregierung und wünschte den neu gewählten Abgeordneten Glück, Durchhaltevermögen und Gottes Segen. Er erinnerte in seinem Grußwort besonders an die Gesetzgebungen zur Hospizversorgung und zum assistierten Suizid in der bisherigen Legislaturperiode. (ps)

Im Bild:
St. Michael-Jahresempfang in Berlin (v.l.n.r.): Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Prälat Dr. Karl Jüsten, der Leiter des Katholischen Büros in Berlin. (Foto: KNA)

Die Ansprache von Kardinal Marx als Video finden Sie hier