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Pfarrverband Mariahilf - St.Franziskus

Gedanken zum Gründonnerstag Alexandra Scheifers, Seelsorgerin im PV

…“ „Komm mir bloß nicht zu nahe – bleib mir vom Hals“, so liegt es uns gelegentlich auf den Lippen, wenn uns Menschen begegnen, die uns mit einem Anliegen oder mit sich selbst konfrontieren; Menschen, die etwas wollen, was wir nicht wollen oder was uns jetzt gerade nicht passt. „Komm mir bloß nicht zu nahe – ich will mich jetzt nicht mit dir auseinandersetzen“. – „Komm mir bloß nicht zu nahe“ – das wird bisweilen auch in vertrauten Kreisen signalisiert: „Nicht du schon wieder. Du störst.“ Wir sehnen uns nach einem harmonischen Miteinander, bei dem man sich gewähren und am besten in Ruhe lässt, zumindest was die innere Ruhe angeht. Man will nicht ständig gefordert und gestört werden.
Was wir gerade im Johannes-Evangelium von Jesus gehört haben, ist ein heftiges Störmanöver. Vermutlich haben sich die Jünger und Jüngerinnen auf diesen Abend und dieses Festmahl gefreut. Wenn es ein Pessachmahl war, dann war auch klar, wie es abläuft. Die Jünger und Jüngerinnen waren vertraut mit dem, was gefeiert wird und wie es gefeiert wird. Die Erinnerung, dass Gott sie einst aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat, wird wieder lebendig und sie feiern, dass dieser Gott zu allen Zeiten, so auch an diesem Abend, sein Volk und jeden Einzelnen aus dem Ägypten herausführen will, in das sie sich immer wieder hineinmanövrieren oder in das Menschen sie hineinzwingen: in Abhängigkeiten und Ängsten, in festsetzende Machtstrukturen und übelwollende Bindungen.
Pessach – Vorübergang des Herrn. Sie feierten es seit Kindesbeinen alle Jahre wieder. Das dazugehörige Festmahl begehen sie an diesem Abend zusammen mit Jesus – wunderbar. Doch bevor der erste Segensbecher wie gewohnt eingeschenkt und dabei erinnert wird: „Ich werde euch aus der Versklavung befreien“, vollzieht Jesus einen Kleiderwechsel. Er zieht sein Obergewand aus und legt die Schürze eines Sklaven an. Jesus begibt sich auf diese Weise da hinein, woraus Gott sein Volk befreit hat und was nun gefeiert werden soll. Das irritiert – und wie! Petrus ist der Erste, der dafür Worte findet: „Du, Herr, willst mir die Füße waschen?“ Selbst einen jüdischen Sklaven durfte man, wegen der damit verbundenen Demütigung, nicht zur Fußwaschung ankommender Gäste verpflichten. Und wenn es einer tat, so hat es gewiss Überwindung gekostet, die rissigen, vom Staub der Wege und vom Schmutz der Straßen überkrusteten, stinkenden und schwieligen Füße anderer in die Hand zu nehmen und zu reinigen. Doch Jesus tut dies ohne jede Berührungsangst – und damit kommt er seinen Jüngern und Jüngerinnen peinlich nahe. – Ist das nötig? Es ist Jesu ganz eigene Weise, andere aus der Sklaverei zu holen, indem er sich selbst hineinbegibt und so die anderen nicht nur an der Hand, sondern am Fuß nimmt und seine Liebe im Dienst an Ihnen zeigt.
Jesus geht vor seinen Jüngern und Jüngerinnen zu Boden – zu Grunde – , damit sie von Grund auf befreit werden von all dem, was ihnen zu Kopf gestiegen ist, was ihre Gemeinschaft untereinander und mit ihm belastet. Jesus stellt die Dinge auf den Kopf, damit Menschen wieder auf die Beine kommen. „Du, Herr, willst mir die Füße waschen?“ – „Ja, Petrus, dir für deine spontane und vorlaute Art den Kopf zu waschen, hilft dir nicht. Ich mache es anders, ich knie vor dir um dir den Staub deiner ‚Gewohnheiten’ von den Füßen zu waschen – Dinge, die bisher halt so ‚gingen‘ und Haltungen, in denen du dich eingerichtet hast. Das wird dir auch den Kopf und das Herz frei machen für eine neue Art des Umgangs mit Gott und den anderen.“
Wenn wir uns auf den Gründonnerstag einlassen, will uns Jesus mit seinem Beispiel wirklich nahekommen und das kann durchaus stören und verstören. Das Beispiel Jesu steht, aber was heißt das für uns heute? Wir haben Schuhe an den Füßen, wir brauchen diesen Sklavendienst nicht.
Wenn ich mich umsehe und die Anfragen und Blicke zulasse, die ich mir mit dem „Komm mir bloß nicht zu nahe“ vom Hals halten wollte, dann ist die Übersetzung der Fußwaschung ins Heute eine Anfrage:
Schau deinen Umgangsstil mit denen an, die schwächer sind als du.
Wie gehst du mit denen um, die nicht willkommen sind?
Kannst du einen nicht leichten Dienst auch ungezwungen tun und ohne auf Dank zu warten?
Aus welcher Selbstversklavung willst du endlich herausgeführt werden?
Was hindert dich, über den eigenen Schatten zu springen?
Jesus will uns nahekommen mit seinem Beispiel und an uns tun, was uns befreit – und damit auch die, die an uns gebunden sind oder die wir nicht lassen können, wie sie sind. Wir könnten uns heute Petrus anschließen. Er hat den Weg gefunden vom „Niemals sollst du mir die Füße waschen! – Komm mir damit nicht zu nahe!“ hin zu der Bitte: „Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt“…“
 
Jesus ist der, der uns einen neuen Zugang zu Gott zeigt. Der alte Bund des blutrünstigen Gottes, der im AT im Buch Exodus alle Erstgeborenen bei Mensch und Vieh erschlägt, dieser alte Bund ist endgültig vorbei. Jesus, in dem Gott anfaßbar und berührbar wird, dieser Gott ist ein Gott, der Liebe, ein Gott, der aufweckt, der uns den Kopf zurecht rücken will, um die Liebe konsequent zu leben. Wir können uns nicht einrichten in unserer Sonntagfrömmigkeit und unserem bequemen Leben. Wenn wir Jesus ernstnehmen und als Christen und Christinnen verantwortungsvoll in der Nachfolge Jesu leben wollen, dann geht es um viel mehr. Fragen wir uns heute Abend einmal bewusst selbst:
Begegne ich den Menschen, die mir in meinem Alltag begegnen mit Liebe und Offenheit? Oder mit Kritik und Vorurteil? Gehe ich öfters auch endlich einmal aus meiner Komfortzone heraus, um etwas zu riskieren und wirklich etwas zu bewegen? Um mal bewusst auch zu stören, die anderen in ihrem Tiefschlaf? Kann ich selbst einmal hinter andere zurücktreten, die kompetenter sind als ich oder muss ich immer in der ersten Reihe stehen, um mich selbst zu profilieren?
Kann ich wirklich zuhören? Oder bin ich in einem Gespräch nur darauf bedacht, meins durchzubringen? Denke ich liebevolle Gedanken über mich selbst oder hasse ich mich, verurteile mich selbst und überdecke die innere Leere mit hohlem Aktionismus? Jesus war zutiefst ein Sohn Gottes, er hat sich mit Gott zutiefst innerlich verbunden, sich Zeiten der Einsamkeit genommen und der Stille, um diesem Gott und seinem Ruf zu lauschen. Kann ich wirklich sagen: Ja Gott, dein Wille geschehe?
Oder benutze ich Gott nur als Lückenfüller und wenn es mir schlecht geht?
Fragen wir uns heute: Wie ernst nehme ich es mit der Liebe in meinem Leben?
Nähre ich andere Menschen oder sind sie für mich nur der Mülleimer? Ziehe ich vielleicht sogar andere mit meiner Negativität runter?
Lassen wir Gott in uns eindringen, und uns von ihm her von innen her zu liebevolleren Menschen verwandeln zu lassen. Und so schließe ich meine Gedanken zum Gründonnerstag mit dem folgenden Text ab:
 
Gegenwart
 
Du dringst ein, in mich hinein
Durch meine Maskenmauer
Hindurch
Und durch die vielen Zäune, Mäntel, mauern
Zu meinem Schutz aufgestellt
Dringst du hindurch
Unauffällig
Unbemerkt
Tief in mich hinein
Und du bist da
Zärtliche Gegenwart
Heilend
Die wunden in mir
Mit dem sanften hauch
Deines Atems
In mir
( Annette Schulze: aus du gibst meinem Leben weiten Raum)
 
 
 
Herzlichst Ihre Seelsorgerin Alexandra Scheifers