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Pfarrverband Mariahilf - St.Franziskus

Jesus vor Pilatus?

Jesu Exekution war rein objektiv gesehen ein Justizmord, ausgeführt durch die römische Staatsmacht. Für die Klärung der historischen Hintergründe ist als verlässlichste neutestamentliche Quelle das Markusevangelium heran zu ziehen.  Denn dies ist das älteste der Evangelien, also an der Sache am nächsten dran, und es trägt noch nicht die verräterischen Anzeichen eines zunehmenden innerjüdischen Bruderzwistes zwischen Christusgläubigen und Synagoge.       
Der Markus-Bericht über die Verurteilung Jesu vor dem Hohen Rat orientiert sich Stück für Stück am Verhör vor Pilatus (Mk 15,2-15). Wem stand Jesus da eigentlich gegenüber?  
Profane Quellen des ersten Jahrhunderts belegen, unter Pilatus seien "Bestechlichkeit, Gewalttaten, Räubereien, Misshandlungen, Kränkungen, fortwährende Hinrichtungen ohne Urteilsspruch, endlose und unerträgliche Grausamkeiten" vorgekommen (Philo). Auch den jüdischen Protest gegen den Missbrauch des Tempelschatzes für den Bau einer Wasserleitung weiß Pilatus mit brutaler Gewalt zu unterdrücken (Josephus). Es passt zu dem Bild eines grausamen römischen Beamten, dass Pilatus auch eine große Menge von Galiläern niedermachen ließ, als diese ihre Opfer im Jerusalemer Tempel darbrachten.
Pilatus braucht, wie sich zeigt, keine moralisch-juristische Rechtfertigung für die Hinrichtung Jesu. Er lässt an ihm ein Exempel statuieren, wie es einem jüdischen Hoffnungsträger für die Befreiung aus der römischen Umklammerung ergeht. „Seht selbst, hier hängt er, elend sein Leben aushechelnd, euer König!“ So ließe sich die Inschrift lesen, die er über dem Kreuz Jesu als Grund für seine Hinrichtung anbringen lässt (Mk 15,26).    
 
Vielleicht war ihm Jesus im Verhör auch persönlich nicht sonderlich sympathisch gewesen. Dieser freimütige und offene Mensch, der sich jedermann gegenüber diskussionsbereit gezeigt hatte, sich aber auch nicht unterwarf! Der lieber aufrichtete als zu unterdrücken! Der lieber heilte als er kränken mochte! Der das Böse aus den Menschen lieber austrieb als sich ihm in seiner Seele anzudienen oder starr vor Angst vor ihm zu kuschen! Jesus, der eine so klare Sprache sprechen konnte und eine so entwaffnende Liebesfähigkeit lebte!
Jesu Autorität ruht auf dem Vertrauen seiner Anhängerschaft und nicht auf der Furcht vor seiner Härte oder vor der Tatsache, dass er „einem Angst machen kann“. Sie beruht nicht auf Einschüchterung, Unterwerfung, Willkür und Grausamkeit, wie man sie einem Pilatus entgegenzubringen gezwungen ist.    
 
Jesus und mit ihm die Herrschaft Gottes hier auf Erden, die er hat aufzurichten begonnen, sie haben „gelitten unter Pontius Pilatus“…
Wir sprechen das heute noch regelmäßig in unserem Glaubensbekenntnis aus!   
 
Was heißt das für einen bekennenden Christen? Ich meine dies: Auch wir, die wir in heutiger Zeit unsere christliche Überzeugung nicht nur mit den Lippen bekennen sondern wirklich und wahrhaftig auch leben wollen – wir müssen uns wohl entscheiden zwischen Pilatus oder Jesus.
D.h. beeindruckt uns Rücksichtslosigkeit und Härte, Heuchelei, Lüge und Manipulation oder Überheblichkeit, Einschüchterung und Gewalt bei einem Menschen, dem wir Verantwortung übertragen und Macht über uns geben wollen?
Oder wählen wir lieber Leute als politisch Verantwortliche, die unser Vertrauen verdienen?  
 
Maria Lutz, Pastoralreferentin