ST. MICHAEL

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Einführung

Das Beten gehört zum Grundvollzug des Menschen. Beten ist Atmen der Seele, so sagt die Tradition. Viele Menschen möchten heute gerne beten, aber es gelingt ihnen nicht. Sie leiden darunter, nicht beten zu können. Und sie suchen in der Kirche nach Menschen, die ihnen helfen, wieder beten zu können. Wie die Apostel Jesus angefleht haben, Sie beten zu lehren, so sehnen sich heute viele danach, wieder beten zu können. Aber oft genug finden sie in der Kirche zu wenig Meister des Gebetes, die sie wirklich einführen in das Beten. Zu betonen, dass das Beten wichtig sei und von Jesus Geboten werde, nützt da nicht viel.
Eine Schwierigkeit des Betens ist die Gottesferne. Viele beklagen sich, dass sie Gott nicht erfahren, nicht spüren. Und wenn sie dann beten. dann reden sie gegen eine leere Wand. Oft genug wissen sie nicht, was sie beten sollen. Sie leiden an ihrer Sprachlosigkeit vor Gott und an der Unfähigkeit, überhaupt die Gefühle und die Ahnungen des Herzens ins Wort zu heben. Sie können Gott nicht sagen, was sie wirklich bewegt. Andere fühlen sich allein gelassen mit ihren Problemen. Sie zweifeln daran, ob dieser Gott an ihnen und ihren Problemen überhaupt interessiert ist. Was soll es für einen Nutzen haben, Gott zu sagen, wie es einem geht oder wonach man sich sehnt, wenn er doch schon alles weiß. Auf der anderen Seite erscheint ihnen Gott als Partner ihrer innersten Probleme so weit weg, so unwirklich. Sie fühlen ihn nicht, wie sollten sie ihn da ansprechen. So gehen für viele die Versuche, zu beten, ins Leere. Und so geben sie ihn schnell wieder auf.
Andere haben mit dem Beten schlechte Erfahrungen gemacht. Es hat nichts genützt, für einen schwerkranken lieben Menschen zu beten. Er ist doch weiterhin krank, es geht ihm genauso schlecht. Vielleicht ist er schon gestorben, trotz aller Gebete. Viele verstehen Beten vor allem als Bittgebet. Und sie sehen nicht, wie das Bittgebet erfüllt werden könne. Die Worte Jesu im Johannesevangelium, dass er alles tun werde, worum wir in seinem Namen bitten (Joh 14, 13), widerspricht ihrer Erfahrung. Ein Mann erzählte voller Bitterkeit, dass alle Gebete um den Sohn nicht genützt hätten. Er habe trotzdem Selbstmord verübt. Und jetzt könne er nicht mehr so leicht glauben, dass Gott unsere Gebete erhöre. Die alte Klage des Psalmisten, dass es den Gottlosen so gut gehe und den Frommen so schlecht, verstummt auch heute nicht. Viele haben das Gefühl, dass das Beten nichts bringe. Sie möchten es einsetzen als Hilfsmittel gegen Krankheit und Unglück. Aber offensichtlich lässt es sich nicht so einfach verwenden.
Jugendliche klagen oft, dass ihnen die vorformulierten Gebete nichts sagen. Sie finden sich in den Gebeten der Kirche nicht wieder, weder im Vaterunser, das in der Messe oft nur heruntergespult wird, noch in den Orationen der Messe. Ihr Leben und ihre Probleme kommen darin nicht vor. Die Worte bleiben ihnen oft genug unverständlich. Vor allem aber wehren sie sich dagegen, gemeinsam mit anderen die 'gleichen
Gebete zu sprechen, obwohl ihnen gar nicht danach zumute ist. Sie haben zwar noch Verständnis für das persönliche Beten, wenn es ihnen spontan danach ist. Aber zu bestimmten Zeiten zu beten oder miteinander vorgegebene Gebete zu sprechen, das erscheint ihnen sinnlos.
Das sind einige der Schwierigkeiten, mit denen sich die Gläubigen heute konfrontiert sehen. Der Prediger muss diese Schwierigkeiten ernst nehmen. Er kann sich nicht darauf beschränken, die Wichtigkeit des Gebetes zu betonen, wenn er die Menschen nicht da abholt, wo sie stehen, wo sie nicht weiterkommen. Er darf die Not der Menschen nicht überspringen, die mit vollem Einsatz für einen anderen gebetet und ihr Gebet als umsonst erfahren haben. Er darf keine billigen Vertröstungen geben. Was tut Gott auf unser Beten hin? Gibt es wirklich das Fürbittgebet?
(Ein junger Mann brachte einem Priester alle möglichen Lexika Artikel über das Gebet, um ihm zu beweisen, dass es gar nicht möglich sei, dass Gott sich durch unser Beten bewegen lasse. Als er ihn fragte, warum er mit solchem Einsatz die Nutzlosigkeit des Gebetes beweisen wolle, antwortete er, seine Großmutter hätte immer gebetet, dass er Priester werden solle. Er wolle aber kein Priester werden. Und er hatte Angst, dass das Gebet seiner Großmutter ihn zu etwas bewegen könnte, was er gar nicht möchte.)
Beten heißt nicht, einen anderen zu manipulieren oder Gott zu etwas zu zwingen. Es ist immer Sache Gottes, was er mit unserem Beten macht. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott unser Beten hört und erhört, dass er alles zum Besten lenkt. Nur sieht das Beste oft ganz anders aus, als wir es uns vorstellen.
Hinter der Not des Betens steckt oft eine große Gottessehnsucht. Die Jugendlichen eines großen Jugendverbandes wollten von einem Priester einen Kurs zum Beten haben.
Sie seien das Gerede über die Kirchenpolitik satt, bei dem doch nichts herauskäme. Das seien nicht ihre Probleme. Ihr Problem sei, wie sie überhaupt beten könnten, wie sie Gott erfahren könnten. In vielen steckt die Ahnung, dass Gott das Ziel unseres Sehnens ist, dass durch Gott alles in uns heil werden könnte. Sie wollen hingeführt werden zu einem Beten, bei dem sie Gott erfahren, bei dem sie nicht gegen eine leere Wand reden oder nur Selbstgespräche führen. Es steckt in ihnen die Ahnung, wie leer unser Leben wäre, wenn wir uns mit unseren Problemen nur an Menschen wenden könnten, nicht aber an den, der unsere Welt zu verantworten hat. Wir möchten uns im Beten an den Grund unserer Existenz wenden, an den, der uns das Geheimnis unseres Lebens erhellen könnte.