ST. MICHAEL

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Das einfache Gebet

Nur wer hofft, kann beten
Nur wer hofft, kann beten. Wer nicht hofft, zu wem und wozu sollte er beten? Reden lohnt sich nur, wenn einer ist, der hört, und Hören lohnt sich, wenn einer ist, der redet. Hoffen kann nur ein Mensch, der weiß, dass er nicht allein ist; nicht allein mit sich, nicht allein mit seinen Mitmenschen, nicht allein mit dieser Welt. Wenn also das Herz voll Hoffnung ist, dann läuft der Mund über — das ist Beten. Wenn das Herz voll Hoffnung ist, dann macht es die Ohren zu seinen Antennen, dann hört es Himmel und Erde ab,    die Stimme dessen aufzufangen, der das Schweigen zwischen sich und den Menschen gebrochen hat, der in Wort Fleisch geworden ist. Der betende Mensch ist nicht sprachlos, auch dann nicht, wenn er "nur" hört.
Der Rosenkranz
Der Monat Oktober ist der Rosenkranzmonat. Was ist das für ein merkwürdiges Gebet, bei dem man plötzlich etwas "in der Hand hat „, bei dem ich mich an etwas "halten" kann, bei dem ich etwas "machen" kann? Für die einen ist es ein liebgewordenes und vertrautes Gebet. Seit ihrer Kindheit kennen sie die Art und Weise dieses Betens und haben  sich in das entspannte und entspannende Wiederholen ein und desselben Textes eingeschwungen, der von Zeit zu Zeit durch ein neues "Geheimnis“ weitergetragen wird.
Andere verbinden dieses Gebet mit Eintönigkeit, Langweile, Zwang und Leistungsfrömigkeit; sie kennen noch die Anzahl der Rosenkränze, die bei diesem oder jenem Anlass gebetet wurden oder die ein sicheres Mittel für eine glückliche Ehe und einen guten Ehemann sein sollten. Diese Menschen sind wie die gebrannten Kinder.
Wieder andere werden bald in der "glücklichen Lage" sein, den Rosenkranz überhaupt nicht zu kennen; ich denke dabei an unsere Jugendlichen. Ihnen sollten wir den Rosenkranz nicht "schmackhaft" machen, sondern ihnen zeigen, wie wir heute dieses Gebet beten können. In seiner Form ist der Rosenkranz ein Wiederholungsgebet. Seine Wurzeln reichen in die vorchristliche Zeit, und vergleichbare Gebete gibt es auch in außerchristlichen Religionen. Die Wiederholung ist ein Weg der Verinnerlichung, eine Möglichkeit, Ruhe zu finden, eine Chance zur Erschließung unserer Tiefendimension. Diese uralte und eigentlich nie vergessene Erkenntnis ist durch die Meditationsbewegung neu in unser Bewusstsein getreten. Die Wiederholung ist ein wichtiger Vollzug im Leben des Menschen, um sich etwas, auch einen Menschen, ja auch Gott vertraut zu machen. Nur der Oberflächliche, nur der Sich-aufgeklärt-Dünkende wird das alles abtun und belächeln. Wir haben in letzter Zeit vielleicht zu viel auf solche Stimmen gehört. Freilich birgt die Wiederholung die Gefahr der Monotonie und der Routine; der Gleichklang kann zum Geleier werden, der Rhythmus zur Schlafgelegenheit und die Ordnung zum Tyrannen.
Im Rosenkranz begegnet uns eine Kurzfassung des Evangeliums — von der Ankündigung der Menschwerdung Gottes bis hin zur "Vergöttlichung" des Menschen. Verheißung, Weg und Ziel sind in der Tat ein Geheimnis, das wir nur dankbar annehmen können, in dessen Zusammenhänge wir nur betrachtend einschwingen können und für dessen Begreifen wir uns Zeit nehmen müssen.
Wir können nicht anders beten als im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und so beginnt auch der Rosenkranz. Wir können nicht anders beten, als der Herr uns zu beten gelehrt hat, nämlich: "Vater unser im Himmel...“ Und wenn wir so beten, dann legen wir vor aller Welt das Zeugnis unseres Glaubens ab, weil wir uns berufen wissen zum Zeugnis in Wort und Tat.
Das "Gegrüßet seist du, Maria" ist in seinem ersten Teil ein rein biblisches Gebet (der Gruß des Engels, Lk 1,28, und der Gruß der Elisabet, Lk 1,42), der zweite Teil ist die Bitte der Kirche um die Fürsprache Mariens "jetzt und in der Stunde unseres Todes“. Dieses Gebet hat die Aufgabe einer Uhr: im gleichmäßigen Rhythmus der Wiederholung werden zehn "Gegrüßet seist du, Maria" aneinandergereiht. Wie bei einem Teppich wird in immer gleichen Vollzügen derselbe Faden (Gegrüßet seist du, Maria) in verschiedenen Farben (die einzelnen Gesätze) zu einem Bild des Heils verwoben, das dem Menschen als Spiegel dient, in dem er sich selbst erkennen kann — in seiner Größe und in seiner Bedürftigkeit.
Beim Rosenkranz habe ich tatsächlich etwas "in der Hand", wenn ich ihn in die Hand nehme. Ich habe es in der Hand, meine Hoffnung auszudrücken. Ich habe es in der Hand, die Kunde von der Hoffnung, die ja nicht verstummt ist, in mich hineinzulassen (durch die Antennen des Ohres). Ich kann mich an die Heilsgeschichte halten, wenn mir die Unheils Geschehnisse den Boden unter den Füßen wegziehen. Ich kann etwas "machen“ — ich kann wie Maria sagen: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort“. Ich kann wie Maria "glauben" lernen, das heißt: aus Vertrauen handeln, dort, wo Gott mich hingestellt hat.
Durch Maria zu Christus
Ob der Rosenkranz ein "erlaubtes" Gebet ist, dieser Streit ist müßig. Ob man auf dieses Gebet verzichten sollte — der Ökumene wegen — dieser Verzicht wäre unverständlich für viele nicht—katholische Christen, die durchaus mit der Jungfrau—Mutter Maria etwas anzufangen wissen. Was vielen unverständlich ist, ist unsere "entartete" Marienfrömmigkeit, die geschäftige Routine, das Quantum vor der Qualität.
Wer durch Maria zu Christus gelangt, der ist zuvor von Christus aus zu Maria gekommen, zu jener Frau, deren Leben Glauben und deren Glauben Leben war; deren Glauben so lebendig war, dass Gott Mensch werden konnte aus ihr, und deren Leben so glaubwürdig war, dass Gott es vollendet hat. In diese Zusammenhänge führt uns der Rosenkranz ein. Nur wer hofft kann beten.