ST. MICHAEL

Dorfstr. 6, 83080 Reisach, Telefon: 08033-3021613, E-Mail: st-michael.niederaudorf-reisach@ebmuc.de

GEBET ALS BEGEGNUNG

Das Gebet ist nicht in erster Linie Dialog mit Gott, sondern Begegnung mit Gott. Begegnung ist umfassender als Gespräch. Die Begegnung schließt den ganzen Menschen ein, Leib und Seele, Verstand und Gefühl, das Bewusste und Unbewusste. Und die Begegnung verwandelt. Ich gehe anders aus einer Begegnung heraus, als ich hineingegangen bin. In jeder Begegnung begegne ich nicht nur dem anderen, sondern mir selbst in neuer Weise, und ich werde selbst neu. Die Begegnung mit Gott im Gebet möchte ich in vier Schritten kurz darlegen:

Begegnung mit mir selbst
Um einen anderen begegnen zu können, muss ich erst einmal mir selbst begegnen. Ich Mob bei mir sein, wenn der andere mich antreffen möchte. Oft genug aber sind wir nicht bei uns, wir sind irgendwo mit unseren Gedanken, zerstreut, hin- und hergezerrt zwischen den verschiedenen Wünschen und Bedürfnissen. Und oft genug leben wir sehr unbewusst, wir wissen gar nicht so genau, wer wir sind. Wir spielen verschiedene Rollen, aber wer wir im Tiefsten sind, darüber machen wir uns kaum Gedanken. Wo ist der Punkt, wo ich wirklich "IC H" sagen kann?
Es gibt zwei Wege, mit sich in Berührung zu kommen. Der erste geht über das Fragen. Wenn ich einfach in mich hineinfrage: Wer bin ich? dann werden viele Bilder hochkommen, Bilder, wie die anderen mich sehen, wie ich mich vor den Eltern, den Freunden, im Beruf sehe. Doch all das bin ich nicht, das ist nicht der tiefste Kern. Ich frage also tiefer: Wer steckt denn hinter den vielen Bildern? Diesen Punkt, wo ich wirklich "Ich sagen kann, kann ich nicht mehr definieren. Aber vielleicht bekomme ich eine Ahnung, dass ich ein Geheimnis bin, dass ich einmalig und einzigartig bin, ein Wort, das Gott nur mit mir gesprochen hat.
Der zweite Weg, zu dem eigentlichen ICH vorzustoßen, geht über das Fühlen und über das Atmen. Ich versuche, mich zu spüren, zu fühlen. Und das gelingt am besten im Atmen. Wenn ich mein Bewusstsein nach innen lenke und ganz in meinem Atem bin, dann fühle ich mich selbst. Im Ausatmen kann ich dabei alles loslassen, was mich beherrscht und bestimmt. Und in Einatmen kann ich erahnen, dass ich da in Berührung komme mit dem unverfälschten Kern, mit meinem unberührten Wesen, wie Gott selbst es gemeint hat. Dann bin ich bei mir, bewohne mein Haus und kann Gott bei mir eintreten lassen.

Begegnung mit Gott

Oft meinen wir zu wissen, wer Gott ist. Wir beten einfach drauf los und uns gar nicht bewusst, dass Gott immer der ganz andere, der unbegreifliche ist. So ist es gut, zu Beginn des Gebetes zu fragen, zu wem ich da eigentlich bete. Gott kann man nur in paradoxen Begriffen denken. Gott ist der unendliche Schöpfer, und er ist der, der sich jetzt um mich kümmert. Er ist der ganz andere, vor dem ich niederfalle, und er ist in mir, mir innerlicher, als ich selbst mir bin, wie Augustinus sagt. Ich habe bestimmte Bilder von Gott. Gott ist mir Vater, Mutter, Freund, Herrscher, Erlöser, und er ist der Grund meines Lebens. Wir brauchen Bilder von Gott, aber wir müssen sie immer wieder überschreiten und Ausschau halten nach dem ganz anderen Gott, nach dem letzten Geheimnis unseres Lebens. Nur dann können wir diesem Gott im Gebet auch begegnen. Andernfalls würden wir ihn nur festlegen und uns dann enttäuscht abwenden, weil er nicht unseren Vorstellungen entspricht.

Das Gespräch mit Gott
Wenn wir nun zu diesem nahen und zugleich fernen Gott sprechen, dann sollen wir ihm einfach sagen, was in uns ist, was gerade in uns auftaucht, Erlebnisse, Begegnungen mit Menschen, Ärger und Freude, Angst und Vertrauen, Schwierigkeiten in der Beziehung mit anderen und mit uns selbst. Unser Gebet muss nicht fromm sein, sondern nur ehrlich. Wir sollen unser Leben zur Sprache bringen, wie es ist, mit seinen Stärken und Schwächen, mit seinem Licht— und Schattenseiten. Wir sollen Gott gerade auch unseren Schatten hinhalten, ihn in die Abgründe unseres Herzens schauen lassen. Nur dann ist das Gebet befreiend, wenn wir Gott alles eröffnen können, wenn wir vor ihm wirklich sein dürfen, wie wir sind, ohne etwas zu beschönigen, aber auch ohne uns selbst zu beschuldigen.
Nachdem wir Gott gesagt haben, was uns spontan kommt, könnten wir uns die Frage stellen:
Was soll ich Gott eigentlich sagen, wie steht es denn wirklich um mich, was ist denn die tiefste Wahrheit über mich und meinen momentanen Zustand?
Wir sollten versuchen, unser Herz sprechen zu lassen, das zu sagen, was wir sonst niemandem sagen, weil es zu persönlich ist, weil wir uns genieren. Das Gebet wäre der Ort der Intimität mit uns selbst und mit Gott, der Ort, wo wir in Berührung kommen mit dem Innersten unseres Herzens und so Gott in seinem Herzen berühren können.
Oft können wir gar nicht in Worte fassen, was uns berührt. Beten heißt daher auch, dass wir uns einfach vor Gott hinsetzen und ihm hinhalten was da in uns auftaucht an Gefühlen, an Ahnungen, an Gedanken, ohne dass wir das genau benennen. Wir sitzen dann nicht allein mit uns, wir kreisen nicht um uns, sondern wir sitzen vor Gott und halten ihm alles hin. Vor Gott können wir den Mut haben, alles in uns anzuschauen. Denn vor Gott darf alles sein. Beten heißt, alles, was in mir ist, in die Beziehung zu Gott zu bringen. Was ich aus dieser Beziehung heraushalte, das fehlt mir an der eigenen Lebendigkeit und Wahrheit. Wenn ich mein ganzes Sein in die Beziehung zu Gott halte, dann wird alles heil und ganz, alles von Gott durchdrungen und verwandelt.

Schweigen vor Gott
Beten ist nicht eine anstrengende Leistung. Ich muss nicht ständig nach Worten ringen, um das Gespräch in Gang zu halten. Das Ziel des Betens ist vielmehr das Schweigen. Schweigen ist einmal Hören auf Gott, zum anderen Einswerden mit ihm. Ich horche in die Stille hinein, was Gott mir sagen möchte. Natürlich redet Gott nicht laut, nicht so vernehmbar wie ein Freund. Aber es kommen mir beim Beten Gedanken. Und ich darf diese Gedanken befragen, ob Gott mir darin etwas sagen möchte. Die frühen Mönche sagen, immer dann, wenn ein Gedanke, der in uns auftaucht, Frieden und Ruhe erzeugt, stamme er von Gott. Im Schweigen werde ich eins mit Gott. Vor Gott schweigen, das ist keine leere Stille, vielmehr ist es liebendes Verweilen vor Gott. Ich sitze vor Gott und genieße es, mich von ihm liebend anschauen zu lassen. Ich brauche dann nichts zu tun, ich bin einfach vor ihm da, in seine liebende Gegenwart eingehüllt, von ihm wohlwollend angeschaut. In diesem Schweigen wird eine tiefere Gemeinschaft möglich als durch ständiges Reden. Auch jede menschliche Begegnung stößt zu dem Punkt vor, da ein weiteres Reden die erfahrene Gemeinschaft nur zerreden würde. Dann schweigen die Gesprächspartner und erfahren im Schweigen eine noch tiefere Gemeinschaft.
Das Schweigen ist aber nicht nur dialogisches Schweigen. Stille vor dem Gott, der mich anschaut, sondern auch Einswerden mit dem Gott, der in mir ist. Im Beten komme ich in Berührung mit dem Ort des Schweigens, der in mir ist, mit dem Ort, an dem die Gedanken und Gefühle keinen Zutritt haben, mit dem Ort, in dem Gott selbst in mir wohnt. Wenn es mir gelingt, an diesen Ort vorzustoßen, den Lärm der Gedanken hinter mir zu lassen und im Innersten mit Gott eins zu werden, dann erfahre ich eine tiefe Freiheit. Dann bin ich frei von der Macht, die Menschen mit ihren Erwartungen und Ansprüchen sonst über mich haben. Dann bin ich frei von den Zwängen des eigenen Über-Ichs, das mich ständig zum Perfektionismus drängt.
Dann erfahre ich Gott als den, der mich zu mir selbst befreit. In diesem Ort der Stille, in dem innersten Fünklein der Seele, wie Meister Eckhart es ausdrückt, da bin ich ganz ich selbst, da bin ich frei von allen Bildern, die mir andere übergestülpt haben, frei von den eigenen Illusionen, da berühre ich mit Gott auch das eigentliche Geheimnis meines Selbst. Da kann dann meine Seele wirklich atmen, denn da lebe ich wirklich, da bin ich frei von allen äußeren Zwängen, da wird es weit, und ich ahne etwas von der Freiheit der Kinder Gottes.