ST. MICHAEL

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Das innere Gebet (Gott in mir)

In dem sehr anschaulichen Psalm 63, der beim Morgenlob der Kirche erkling, heiß es: "Gott, du mein Gott, dich suche ich... meine Seele dürstet nach dir, mein Leib schmachtet wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser".
Suchen: was ist das? Sich-ausstrecken, Hinwenden, Träumen, die Augen in die Ferne richten und warten. Warten, bis es hell wird am Horizont. Es ist schön, einen verlorenen Hausschlüssel zu suchen und ihn zu finden, noch schöner, einen Freund zu suchen, der mich versteht und tröstet, wo ich ungeborgen bin. Es ist schön, auf der Suche nach der eigenen Identität zu sein, die tiefste Wurzel meiner Existenz, das Schatzkästchen mit den Perlen, für die einer sein Vermögen zu verkaufen bereit ist, damit er es findet. Und Gott suchen? Noch schöner? Nein, ich brauche nicht weiterzugehen und zu suchen. Ich habe ihn schon gefunden, wenn ich diese tiefste Identität gefunden habe:
"Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir! Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für"
(Angelus Silesius).
Meine Seele dürstet nach dir, o Gott, mein Leib schmachtet wie dürres lechzendes Land ohne Wasser (Ps 63). Alles an mir und in mir ist auf Gott ausgerichtet: Die Seele, die tiefste Tiefe in mir dürstet nach Gott und der Leib schmachtet wie die Erde nach dem Regen. Der Himmel ist in mir: Ich lese in meiner Lebenszeitung die Geschichte Gottes mit mir, ich träume in meinen Träumen vom Licht, das Gott ist, und in meinen Wünschen erfahre ich die Unersättlichkeit meiner Begierde nach dem je Größeren. Und in der Zustimmung zu den unzähligen Fakten meines Lebens stimme ich dem Willen Gottes zu. Als einziges bleibt die Sünde, die aus diesem Muster herausfällt, und doch sehe ich überrascht, dass sie eine Rolle im Plane Gottes spielt: Sie kann eine "glückliche Schuld" sein.
Ja, Gott ist in mir, er ist mir näher als ich mir selbst bin (Augustinus). Erstaunt erkenne ich im Bild meines Lebens seine Züge: Ich erkenne mich in ihm. Je länger ich hinsehe, desto deutlicher, wie wenn ich den Diaprojektor deutlicher stelle und die Umrisse des Bildes sich verschärfen: Mein Gott ist in mir. Ich bin dabei, ihn zu finden.

Der Himmel ist in mir .
Ich muss meine Seele ruhig und still werden lassen wie einen Bergsee. Kein Sturm, keine Welle, keine Aufregung. Jetzt kann sich das Licht der Sonne in der ruhigen Wasseroberfläche spiegeln. Gott spiegelt sich in mir. Das Bild des Psalmes 131 gehört zu den schönsten der ganzen Bibel: "Wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir." Wenn ich ganz ruhig geworden bin, zufrieden — in der Vulgata: ablactatus, von der Mutter gestillt mit ihrer Milch, ruhig geborgen an der Brust — dann ist meine Seele still in mir und ich darf vom Himmel träumen, der in mir ist.

Der Himmel ist in mir: Wenn ich mich ganz und gar in meiner Tiefe gefunden habe, dann leuchtet göttliches Licht im Erkennen, im Wollen göttliche Kraft, im Fühlen göttliche Glut. Durch das Tor unserer Sinne strahlt in unserer Seele Gottes Bild in Klarheit auf, sagt Bonaventura in seinem "Pilgerbuch des Geistes zu Gott".
Ist keine Täuschung möglich? Ist der Wasserspiegel immer rein? Ist er immer ruhig? Das Geschenk des Himmels fällt mir nicht in den Schoß. Ruhigwerden und still ist nicht möglich in einer Stunde. Es ist eine Lebenslange Aufgabe. Der Franziskanermystiker Francisco de Osuna, einer der bedeutendsten spanischen Mystiker, von dem auch Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz abhängen, schreibt: "Denke nicht, man müsse sich in Logik und Metaphysik auskennen, um sich dem kontemplativen Gebet zu widmen. Die mystische Theologie findet man in der Schule des Herzens. Im Unterschied zur Schultheologie kann sie daher von jedem Gläubigen erlangt werden, selbst von Weiblein und ungebildeten Laien. Ja man kann sagen, dass die zur Kontemplation erforderliche Ruhe und Entleerung der Seele geistlichen Würdenträgern schwerer fällt als einfachen Leuten, die nicht durch Ämter und Pflichten belastet und beunruhig sind“. Er spricht vom "inneren Gebet „bei dem sich unser höchster Seelenteil in der reinsten und liebevollsten Weise zu Gott erhebt, getragen von den Flügeln des Wunsches und des in Liebe erstarkten Gefühls. Je größer die Liebe ist, umso weniger Worte bedarf sie, und diese wenigen Worte werden verstehender und wesentlicher sein. Wenn die Liebe echt ist, bedarf sie keiner großen Reden, wirkt aber schweigend große Dinge.
So kann sich die mystische Einigung vollziehen: Gott ist in mir, sein Antlitz leuchtet immer mehr in meiner Tiefe auf, so dass die heilige Teresa von Avila in ihrem berühmten Gedicht Gott sprechen lassen kann:

O Seele, suche dich in Mir,
und, Seele, suche Mich in dir.
Die Liebe hat in Meinem Wesen
dich abgebildet treu und klar:
kein Maler lässt so wunderbar,
o Seele, deine Züge lesen.

Hat doch die Liebe dich erkoren
als Meines Herzens schönste Zier:
bist du verirrt, bist du verloren
o Seele, suche dich in Mir.

In Meines Herzens tiefe trage
Ich dein Porträt, so echt gemalt;
sähst du, wie es vor Leben strahlt,
verstummte jede bange Frage.
Und wenn dein Sehnen Mich nicht findet,
dann such´ nicht dort und such´ nicht hier:
gedenk, was dich im Tiefsten bindet,
und, Seele, suche Mich in dir.

Du bist Mein Haus und Meine Bleibe,
bist meine Heimat für und für:
Ich klopfe stets an deine Tür,
dass dich kein Trachten von Mir treibe.
Und meinst du, Ich sein fern von hier,
dann ruf Mich, und du wirst erfassen,
dass Ich dich keinen Schritt verlassen:
und, Seele, suche Mich in dir.

Teresa von Avila