ST. MICHAEL

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BETEN FÜR ANDERE

Viele verstehen unter Beten: für andere bitten. Und sie messen die Wirkung ihres Gebetes daran, ob sich für die anderen etwas ändert und besser wird. Sie meinen, sie würden Gott bitten und er würde dann eingreifen und bei den Menschen etwas bewirken. Doch bevor wir uns darüber Gedanken machen, wie das Gebet dem anderen hilft, sollten wir erst einmal die Wirkung an uns bedenken.
Wenn ich für einen anderen bete, dann denke ich an ihn, ich fühle mich mit ihm verbunden. Es ist aber mehr, als dass ich mich nur mit ihm beschäftige. Ich bete zu Gott für ihn. Ich denke vor Gott über ihn nach. Das Gebet für den anderen ändert zuerst einmal mich. Es gibt mir mehr Hoffnung für ihn. Es lässt mich ihn in einem anderen Licht sehen. Mir geht es oft so, das mir beim Beten für einen anderen einfällt, was ich sagen oder schreiben sollte. Das Gebet bringt Bewegung in die Beziehung. Es fordert mich zum Tun heraus. Es ist keine Passivität, keine Flucht vor der Verantwortung, sondern es bringt in meine Beziehung zum anderen und in mein Helfen wollen eine neue Dimension.
Ich bete für den anderen, wenn ich meine eigene Ohnmacht erfahre. Und dann wird meine Ohnmacht in Vertrauen verwandelt. Ich bete aber auch für einen Menschen, der mir viel bedeutet, den ich gern mag. Und dann fühle ich mich auf eine tiefere Weise mit ihm verbunden. Und ich bete für Menschen, mit denen ich mich schwertue, für Menschen, die mich verletzt haben, über die ich mich ärgere. die mich ständig beschäftigen. Dann hilft mir das Gebet, den anderen in einem neuen Licht zu sehen. Ich bin nicht mehr fixiert auf die Verletzung, auf das unschöne Wort, das er gesagt hat, sondern ich blicke im Beten auf den eigentlichen Kern dieses Menschen. Ich sehe ihn im Licht Gottes, nicht mehr im Licht meiner negativen Gefühle. Das löst die Schwierigkeiten nicht, aber es bringt doch Bewegung hinein. Denn ich bekomme im Gebet einen anderen Standpunkt, von dem aus ich den anderen objektiver anschauen kann. Wenn ich für einen bete, der mich gekränkt hat, dann ist kein Masochismus, dann verbiete ich mir nicht meine Wut, sondern es ist ein Verwandeln meiner negativen Gefühle. Das tut mir selbst gut. Denn wenn ich den Ärger über den anderen mit mir herumtrage und ihn durch ständige Selbstgespräche noch vertiefe, dann schade ich mir selbst, dann gebe ich dem anderen Zuviel Macht über mich. Ärger und Groll, so sagt Simonton, ein amerikanischer Krebsforscher, sind Stressfaktoren, die die Abwehrkräfte des Menschen schwächen. Wir tun uns keinen Gefallen damit, den Groll festzuhalten.
Als Therapie gibt Simonton an, wir sollten dem anderen etwas Gutes wünschen. Dann sehen wir ihn in einem anderen Licht. Beten ist so eine Weise, den anderen zu segnen und ihm etwas Gutes zu wünschen. Es befreit uns von unserem Groll und ist so eine Hilfe für uns. Es hat eine heilende Wirkung, nicht nur auf die Seele, sondern auch auf den Leib.

Das Beten für den anderen verändert aber nicht nur mich, sondern es hat auch eine Wirkung auf den, für den ich bete. Einen Teil dieser Wirkung kann man sicher psychologisch erklären. Wenn der andere um mein Gebet weiß, dann fühlt er sich getragen.
Aber sicher hat das Gebet für den anderen noch eine Wirkung, die wir nicht mehr psychologisch erklären können. Es ist eine Überzeugung in allen Völkern und Religionen, dass Gott auf das Gebet der Menschen hin Heil wirkt. Die Juden sind der Überzeugung, das Gott auch an die Menschen denkt, wenn wir für sie beten, und dass sein Denken und Gedenken für den Menschen zum Segen wird. Wir müssen uns hüten, die Wirkung des Gebetes magisch zu verstehen. Wir können Gott nicht zwingen, das zu tun, was wir wollen. Daher kann letztlich auch das Gebet für den anderen immer nur darin bestehen, dass Gottes Wille an ihm offenbar wird. Aber zugleich dürfen wir Gott bitten, unsere Wünsche für den anderen Wirklichkeiten werden zu lassen. Nur müssen wir es Gott überlassen, was er zum Heil des anderen tut .Viele Zeugnisse an Wallfahrtsorten bekennen, dass Gott unser Gebet erhört hat, dass er Heil gewirkt hat.
Die Athos Mönche sind davon überzeugt, dass die Welt nur deshalb nicht in Schutt und Asche fällt, weil immer und überall gebetet wird. Natürlich kann man nicht beweisen, wer schuld ist an positiven politischen Entwicklungen, etwa am Fell der Mauer und an der Entspannung zwischen Ost und West. Es hat keinen Zweck zu streiten, was mehr bewirkt, beten oder demonstrieren. Wir wissen nicht, was wirklich Bewegung in die Gedanken der Politiker bringt. Aber wir dürfen in dem Vertrauen für unsere Welt beten, dass Gott ein Interesse daran hat und dass er zu ihrem Heil handeln wird. Die Psalmisten beten immer darum, dass Gottes Herrschaft offenbar werde, dass nicht Menschen diese Welt beherrschen und zugrunde richten, sondern dass Gott seine Herrschaft über alle Völker beweise, indem er Frieden schafft für alle.
Manchmal klingen unsere Fürbitten, als ob wir Gott genau vorschreiben möchten, was er tun solle: Oft benutzen wir dabei Gott für unsere eigenen Ziele, ohne dass wir sie von ihm in Frage stellen lassen. Oft entsteht auch der Eindruck, dass man sich in den Fürbitten nur ein schlechtes Gewissen darüber ausdrückt, dass man selbst nichts tun. In der jüdischen und christlichen Tradition war das Beten für andere oft mit Fasten verbunden. Wenn ich für den anderen nicht nur eine unverbindliche Fürbitte spreche, sondern einen ganzen Tag oder eine Woche lang faste, dann zeige ich, dass es mir ernst ist mit dem Beten. Im Fasten werde ich eins mit ihm, da bete ich nicht nur von außen für ihn, sondern ich lasse ihn bei mir selbst eintreten. Wenn wir einen anderen Menschen nicht spüren wollen, stopfen wir uns mit Essen zu. Indem wir fasten, öffnen wir uns für ihn, wir nehmen ihn gleichsam in unseren Schoß, um ihn im Gebet vor Gott zu halten. Und wir bekennen im Fasten, dass wir mit der eigenen Kraft hier am Ende sind, dass wir nur noch auf Gottes Wirken vertrauen können. Wenn uns ein kranker oder verzweifelter Mensch sehr am Herzen liegt, dann wäre das fastende Beten angemessen, um unsere Liebe und Sorge für ihn vor Gott zu tragen. Wir reinigen im Fasten unser Herz, das oft genug voll ist von Ärger und Hassgefühlen, um dem anderen einen Raum zu schaffen, in den wir den Menschen einladen können, für den wir beten, in dem wir auf seine tiefsten Nöte und Schmerzen hören können. Das meint im letzten Beten für den anderen, unser Herz für ihn öffnen und unser offenes Herz mit ihm zusammen vor Gott halten, damit er uns und ihn heilen und in neuer Weise miteinander verbringen möge.