ST. MICHAEL

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Anbetung

In allen Religionen kennt man nicht nur Beten als Bitten, als Loben, Danken und Klagen. Überall finden wir auch das Phänomen der Anbetung. In der Anbetung falle ich vor Gott nieder, weil Gott Gott ist. Ich will nichts von ihm erbitten, ich will auch nichts erreichen, weder schöne Gefühle, noch Gelassenheit und Ruhe. Ich spreche in der Anbetung nicht über meine Probleme, ich lobe mich nicht, ich tadle mich nicht, ich falle einfach vor Gott nieder, weil er mein Herr ist. In der Anbetung kreise ich nicht mehr um mich und meine Probleme, ich versuche vielmehr, allein auf Gott als meinen Schöpfer zu schauen, von dem mein ganzes Sein in jedem Augenblick abhängig ist. In der Anbetung steckt die Sehnsucht, einmal frei von mir zu werden, frei von dem ständigen Kreisen um mich und meine Probleme, frei von der Frage, ob ich gut oder schlecht bin, ob ich Gott entspreche oder nicht. Ich falle einfach vor Gott nieder, weil er mich ergreift. In der Anbetung ist nur Gott wichtig. Aber das Paradox ist gerade, dass ich selbst heil werde, wenn ich mich selbst vergesse und nur auf Gott schaue.
Georges Bernanos sagt einmal, es sei eine große Gnade, sich selbst anzunehmen. Wir wissen, wie schwer uns das fällt. Aber die Gnade aller Gnade, so sagt er, ist, sich selbst vergessen zu können. Wenn ich mich selbst vergesse, bin ich frei von mir geworden. Und gerade so bin ich ganz gegenwärtig. Solange ich um mich kreise und mich frage, wie ich mich fühle, so lange stehe ich immer noch außerhalb von mir. Ich schaue mich von außen an. Indem ich vor Gott niederfalle und ihn anbetend mich selbst vergesse, bin ich ganz ich selbst, eins mit mir. Dann bin ich wirklich gegenwärtig. Da beschäftigen mich die Probleme nicht mehr, da höre ich auf, mich selbst zu beurteilen und einzuordnen. Gott ist mir so nahegekommen, dass die aufdringliche Nähe meiner Sorgen und Nöte zurücktritt. Wenn Gottes Gegenwart alles erfüllt, hat nichts anderes mehr Platz in mir, dann hat niemand Macht über mich.
Indem ich mich vergesse, komme ich zur Ruhe, da hört der Lärm meiner Gedanken und Gefühle auf. Da bin ich endlich angekommen, da bin ich endlich daheim. Die Sehnsucht nach Heimat steckt in jedem Menschen. Die Frage ist, wo und wie er wahrhaft daheim sein kann.
(Es gibt da die Geschichte eines Russland Heimkehrers, die uns zeigt, wo wir daheim sein können. Als der nach langen Wanderungen endlich daheim ankommt, fühlt er sich am Ziel seiner Sehnsucht nach Heimat. Aber nach einigen Tagen spürt er, dass er sich nicht mehr daheim fühlt, obwohl die Familie vollständig und das Haus unbeschädigt geblieben ist. Er erkennt, dass in diesem Haus nur noch gerechnet und geplant wird, dass das Geheimnis fehlt. Und da erkennt er: Daheim sein kann nur, wo das Geheimnis wohnt.)
Anbetung ist die Erfahrung von Heimat. Indem ich vor dem Geheimnis niederfalle, bin ich wirklich daheim, da bin ich wirklich angekommen, da wird es still in mir.
Der Mensch sucht ein Leben lang nach dem, vor dem er niederfallen kann. Das zeigt uns die Geschichte der Magier, die auf die Sehnsucht ihres Herzens hören, auf den Stern, der am Firmament ihres Herzens aufgetaucht ist, und die sich aufmachen, das göttliche Kind zu suchen. Sie gehen verschlungene Wege, um endlich in das Haus einzutreten, in dem sie wahrhaft zu Hause sein können, in das Haus, in dem Maria und das Kind wohnen. Sie treten ein und fallen vor dem göttlichen Kind nieder. Sie breiten ihre Schätze aus, das Gold als Zeichen ihrer Liebe, den Weihrauch als Ausdruck ihrer Sehnsucht und die Myrrhe, die für ihre Wunden und Schmerzen steht. Die Künstler haben die Magier als drei Könige dargestellt, den einen alt, den anderen jung und den dritten schwarz. Alles in uns kommt zur Vollendung, wenn es vor dem göttlichen Kind niederfällt, da wird alles heil, da wird unsere Liebe vollkommen, da wird unsere Sehnsucht erfüllt und unsere Wunden finden Heilung. Die Bilder zeigen oft, wie die Könige ganz in der Gebärde der Anbetung aufgehen, wie ihre alten Hände zärtlich werden und. ihre Gesichter hell. Da wird in ihnen alles neu, alles verwandelt. In der Anbetung haben wir teil an dem, vor dem wir niederfallen. Wir werden eins mit ihm und gerade so eins mit uns selbst.
In der christlichen Tradition ist Anbetung vor allem eucharistische Anbetung. Aber manche meinen, sie würden Anbetung halten, wenn sie vor dem Tabernakel für die Menschen beten, die ihnen am Herzen liegen. Doch Anbetung heißt nicht, für andere beten, sondern ganz und gar auf Jesus Christus schauen. Wir schauen auf die verwandelte Hostie, die rund in der Monstranz ausgesetzt wird. Indem wir sie anschauen, wird in uns selbst etwas rund, ganz. Anbeten heißt, so auf die Hostie zu schauen, dass es keine Distanz mehr gibt zwischen dem Schauenden und dem Angeschauten. Beide werden eins miteinander. So könnte mich der anbetende Blick auf Jesus Christus in der runden Hostie heilen, in Ordnung bringen und verwandeln.
Der Blick auf die verwandelte Hostie geht durch sie hindurch auf die ganze Welt. Alles erscheint nun in einem neuen Licht. Die Hostie ist wie ein Fenster, durch das ich erkennen kann, dass die ganze Welt durch die Menschwerdung Jesu Christi verwandelt ist. Die Hostie zeigt mir die tiefste Wirklichkeit dieser Welt. In ihrem Grund ist sie schon verwandelt. Da durchdringt sie der Geist Jesu Christi. Die Hostie zeigt mir, wer ich bin. Ich selbst bin eine Monstranz, die Christus trägt. Im Grunde meines Herzens bin ich schon von Christus durchdrungen. Die Hostie zeigt, wer meine Brüder und Schwestern sind. Es sind nicht nur die, die mir auf die Nerven gehen. Sie tragen alle Gottesgesichter. Und die Hostie zeigt, was die letzte Wirklichkeit dieser Welt ist.
Nicht die Politik, nicht die Konflikte und Kriege, nicht Hass und Feindschaft, sondern Christus auf dem Grund der Welt - das ist eigentliche Realität.
In der Anbetung spreche ich keine Worte, da denke ich nicht über mich und die Welt nach, sondern ich schaue durch die Hostie hindurch auf den Grund der Welt, auf den Grund meines Herzens und auf die eigentliche Wirklichkeit meiner Brüder und Schwestern. Und so werde ich eins mit Christus und eins mit allen Menschen. Und so werde ich verwandelt, wie es die Hostie ist. Christus ist ihre eigentliche Wirklichkeit. In der Anbetung lasse ich Christus als die innerste Mitte meiner selbst zu. Urd gerade so  kann ich spüren, wer ich bin, was das Geheimnis meines Lebens ist, dass es von Christus verwandelt und erleuchtet, geheilt und befreit ist.