ST. MICHAEL

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Warum lässt Gott sich bitten?

Gott weiß alles - warum lässt er sich bitten? Will er, dass wir ihn bitten, nur um unseretwillen, auf dass wir sinnenfällig machen und so tiefer erfahren, dass wir von ihm abhängig sind?
Ich glaube nicht, dass Gott eine so persönliche Beziehung wie die des bittenden Kindes zum Vater nur in einer lehrhaften, moralischen Absicht uns eröffnet. Es ist ihm ernst, wenn er sich bitten lässt. Es ist ihm ernst um unseretwillen und um seinetwillen.
Um unseretwillen: Nur wenn wir bitten, öffnen wir uns so weit, dass wir empfangen können. Nur wenn wir auf den Vater hin und vom Vater her leben, ist Gottes Macht unserer Freiheit mächtig, um sie mit sich selbst, mit seiner Liebe zu erfüllen. Um seiner selbst willen: Dass Gott von sich aus alles weiß und alles kann, das ist dem Gott, der die Liebe ist, zu wenig. Er möchte nicht nur der Gott des Wortes sein, sondern auch der Gott der Antwort. Alle unsere Worte sind Antwort auf ihn. Aber auch sein erstes Wort, so will er es, soll Antwort sein auf uns. Bis dahin geht die Liebe. Gott überholt uns nicht, er erwartet uns.
Dann ist allerdings ein Gedanke überholt, der uns oft in den Sinn kommt, wenn wir über das Bittgebet nachdenken. Wir meinen nämlich, da Gott von Ewigkeit her schon alles sieht und weiß, komme für seine Vorsehung unser Gebet schon je "zu spät". Gott weiß schon, was kommt — warum sollen wir noch bitten? Unsere Bitte ist doch für Gottes Anordnungen, so denken wir, unerheblich, eben nachträglich. Mir genügt die zweifellos richtige Antwort darauf nicht, dass Gott in seiner Voraussicht auch unsere Bitte je schon mit einbezogen habe. Wir können ihn, der die Liebe ist, nur verstehen, indem wir ihn verstehen als den Gott des Jetzt, den Gott, der gleichzeitig mit uns ist, uns schon sieht und ruft und kennt — und doch je jetzt mit uns geht — auf uns wartet, um uns zu antworten.
Ewig uns voraus, ewig mit uns zugleich, ewig uns Antwort, und darum gerade jetzt ganz im Ernst da, da auch für unseren Ruf und für unsere Bitte: so ist Gott, so dürfen wir vor ihn treten. Wahrhaft, Gott lässt sich bitten.
Wenn Er sich für dich kreuzigen ließ, wie sollte Er sich von dir nicht bitten lassen?