ST. MICHAEL

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In dieser Rubrik stellen wir in loser Reihenfolge aktuelle Themen aus christlicher Sicht zur Verfügung, die wir für lesenswert halten.

JESUS — JÜDISCHER MESSIAS,
KATHOLISCHER CHRISTUS?
Teil I

VON P. DOMINIK HÖFER SJM

Jede alte (und auch moderne) Kultur hat Berichte über Helden, die dank ihrer Superkräfte über das Böse triumphieren.
Denken wir an Herkules oder Odysseus. Und heute: So wie Clark Kent seinen Business-Anzug von sich wirft und verrät, dass er Superman ist, so hoffen viele insgeheim, dass es irgendwo einen gibt, der in der Lage ist, die Kleidung des gewöhnlichen Lebens von sich zu reißen und sich den Kräften des Bösen zu widersetzen. Jedes Kind träumt oder wartet auf einen Messias. Jede Tragödie schreit nach einem solchen Retter.

Wort und Bedeutung von Messias sind jüdischen Ursprungs
 
„Messias" ist die uns geläufige Version des hebräischen Wortes „Maschiach", was „Gesalbter" bedeutet. Der Titel „Christus" ist die griechische Übersetzung desselben Wortes. Im Alten Testament salbte Stets ein Prophet oder Priester den König von Juda in Gottes Auftrag, um die Linie des Hauses David sicherzustellen.
Daher betrachtet das Alte Testament den König als von Gott selbst Gesalbten. Gott erwählte König Saul als seinen Gesalbten, seinen Messias. Aber Saul verwirkte sein Königtum durch Ungehorsam.
Dann wählte Gott einen jungen Hirten namens David als neuen König von Israel, gesalbt durch Samuel in Gottes Auftrag, weil er „ein Mann nach Gottes Herzen" war (I Sam 13,13-14; Apg 13,22). Das Davidische Königreich kam im Jahr 586 v.Chr. an sein Ende. Damals eroberten die Babylonier Jerusalem und zerstörten den Tempel. Seit dieser Zeit lebten die Juden entweder im Exil oder unter ausländischen Herrschern in Palästina. Nur kurzzeitig gewannen die Juden ihre nationale Unabhängigkeit zurück, und zwar in der Zeit der Makkabäer im zweiten Jahrhundert vor Christus. Diese dauerte bis zur Machtübernahme durch die Römer im Jahr 64 v.Chr.
Sogar diejenigen Juden, die im Heiligen Land lebten, waren sich wohl bewusst, dass es nicht mehr ihnen gehörte und betrachteten sich als „im Exil" weilend.

Die Erwartung zur Zeit Jesu

Die unter römischer Besatzung ächzende Bevölkerung zur Zeit Jesu erwartete also einen Helden aus ihren Reihen, um dieses Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln, einen König aus dem Stamm Juda in der Linie von König David.
All diese Erwartungen beriefen sich auf das Alte Testament und seine Prophezeiungen vom Kommen eines Messianischen Königs, der Gottes Reich wiederherstellen und seinen Bund mit seinem Volk auf Erden erneuern sollte.
Diese Messianischen Prophezeiungen finden sich zu Hunderten im Alten Testament. Einige sind glasklar. Einige sind recht undurchsichtig. Die Prophezeiungen wurden von verschiedenen Autoren geschrieben, sie reichen von Mose bis Maleachi, und wurden über einen Zeitraum von etwa tausend Jahren aufgezeichnet. Die Entdeckung der Schriftrollen vom Toten Meer bestätigt, dass diese Prophezeiungen lange vor der Geburt Christi niedergeschrieben und danach nicht verändert wurden, um sie etwa an das Leben Jesu von Nazareth „anzupassen".

Das alttestamentliche Proto-Evangelium

Jesus erfüllt nicht nur die einzelnen alttestamentlichen Bezüge und Prophezeiungen über den kommenden Messias, er erfüllt das Alte Testament selbst.
Jesus sprach zu ihnen: „Das habe ich euch gesagt, als ich noch bei euch war: Alles muss erfüllt werden, was über mich im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen steht" (Lk 24,44).Jesus erfüllt die ganze Geschichte der Menschheit. Der ganze Bericht von der Zeit der Schöpfung bis zum letzten der jüdischen Propheten ist eine Geschichte, die erzählt wird, während alles auf ihn wartet.
Nachdem Adam und Eva im Garten Eden gesündigt hatten, sprach Gott zu Satan, seinem Widersacher:
Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft. ER wird deinen Kopf zertreten, und du wirst seine Ferse treffen (Gen 3, 15 nach dem griechischen Text).
Eine alternative Übersetzung nimmt eine uralte Tradition auf, die das Zertreten des Kopfes der Schlange von der Frau (nicht ihrer Nachkommenschaft) aussagt:
Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft. SIE wird deinen Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen (Gen 3,15 nach der Vulgata).
In der Theologie heißt diese Passage Proto-Evangelium (Erstes Evangelium), weil sie vorhersagt, dass die Frau ein Kind gebären wird, das den Kopf Satans zertreten wird. Hier geht es also nicht nur um das Kind, sondern auch um die Mutter. Interessant ist nun zu sehen, wie der zitierte Vers aus dem Hebräischen übersetzt wird. Die Frage lautet, ob Gott sagt „Er wird zertreten", d.h. der Nachkomme, also Jesus Christus, oder ob es heißt: „Sie wird Satans Kopf zertreten", also die Frau, nämlich Maria. Beide Lesarten sind exegetisch möglich und richtig.
Der Nachkomme, Jesus Christus, zertritt Satans Kopf in absoluter Weise, durch sein Erlösungswerk, sein Kreuz (die im Text erwähnte Verwundung durch die Schlange weist auf dieses Leiden hin) und seine Auferstehung. Und die Mutter, Maria, zertritt Satans Kopf aufgrund ihrer unbefleckten Empfängnis und Mitwirkung an Christi Heilswerk, als neue Eva.

Ein interessantes Text“problem“

Die Lesart mit „Sie" ist die traditionell katholische Variante, die der lateinischen Vulgata. Sie zeigt Mariens zentrale Rolle als Mittlerin, als von Anfang an auserwählte Mitarbeiterin in der Heilsgeschichte auf.
Was sagt nun aber das hebräische Original?
Gerade hier beginnt das Problem.
Die meisten hebräischen Handschriften und die griechische Version lesen: „Er wird zertreten." Es gibt jedoch zwei hebräische Handschriften, die lesen: „Sie wird zertreten."
Es gibt weitere gute Gründe, die Mehrheit der hebräischen Handschriften (also: Er wird zertreten) zu hinterfragen. Die drei bekanntesten jüdischen Kommentatoren zu dieser Stelle Gen 3,15 sprechen sich nämlich für das „Sie wird zertreten" aus.
Diese drei sind Philo (der jüdische Philosoph von Alexandria, 20 v.Chr. - 50 n.Chr.), Flavius Josephus (der römische Historiker jüdischer Herkunft, 37-100 n.Chr.) und Moses Maimonides, der große mittelalterliche Rabbi und Philosoph (1138-1204). Philo argumentiert von den Regeln hebräischer Dichtkunst her, deren Parallelität ein „Sie wird zertreten" erfordere.
Josephus kommentiert die Stelle lapidar; „Die Frau sollte dem Haupt der Schlange Wunden zufügen".
Moses Maimonides weist ebenfalls darauf hin, dass die Frau den Kopf der Schlange zertreten wird.
Diese drei großen jüdischen Gelehrten stützen interessanterweise die Lesart der lateinischen Vulgata, nicht des hebräischen „Originals". Offenbar ist der uns heute vorliegende hebräische Text im Laufe der Jahrhunderte beschädigt und verändert worden. Auch die Kirchenväter des Ostens wie des Westens sprechen von Textveränderungen, die sich leicht erklären lassen durch die Tatsache, dass in den ersten Jahrhunderten nur die Konsonanten des hebräischen Textes aufgeschrieben wurden. Ein solcher Konsonantentext ist oftmals nicht eindeutig. Und die Vokale wurden erst später eingefügt, Die griechischen und lateinischen Fassungen hingegen sind von Anfang an eindeutig.

Blick auf das Dogma der Unbefleckten Empfängnis.

Papst Pius IX. erklärte dieses Ringen aus Gen 3, 15 als Prophezeiung des Sieges Jesu Christi über Satan und zugleich als Triumph seiner heiligsten Mutter:
Denn die in der himmlischen Offenbarung wohl bewanderten Väter der Kirche hielten nichts für wichtiger, als (...) Mariens herrlichen Sieg über den schlimmsten Feind des Menschengeschlechtes (...)  hervorzuheben. Sie kommen immer wieder auf die Worte zu sprechen, mit denen Gott die Erneuerung der Welt ankündigte: (...) Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinen Nachkommen und ihren Nachkommen. Sooft also die Väter darauf zu sprechen kamen, erklärten sie, dass dadurch auf den barmherzigen Erlöser des Menschengeschlechtes (...) hingewiesen werde und damit auch auf seine heiligste Mutter. Wie also Christus (...) die Urkunde, die gegen uns zeugte, zerriss und sie als Sieger an das Kreuz heftete, so hatte auch die heiligste Jungfrau (...) mit ihm und durch ihn ewige Feindschaft mit der giftigen Schlange; sie triumphierte über sie in vollkommenster Weise und zertrat so ihren Kopf mit ihrem makellosen Fuß.
Sowohl Pius XII. (Munificentissimus Deus) als auch das Konzilsdokument Dei Verbum (§3) greifen diese kirchliche Sichtweise auf, und ziehen eine Linie von der Verheißung an die Stammeltern Adam und Eva in Gen 3,15 bis zum Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.
Johannes Paul II. erweitert mit Nachdruck die Bedeutung dieses Proto-Evangeliums in seiner marianischen Enzyklika Redemptoris Mater (1987), indem er den Titel „Frau" aus Gen 3,25 mit der Anrede Mariens als „Frau" durch Jesus bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2,4) und am Kreuz (Joh 19,26) verknüpft und darüber hinaus einen Bogen zieht bis zur Geheimen Offenbarung, wo beim endgültigen Sieg über den Teufel (hier Drache genannt) wieder von der Frau (Maria) und ihrem Nachkommen (Jesus) die Rede ist (Apk 12,1-5).

Das Alte Testament ist voll von Voraussagen über einen Messias-Helden

Gen 3,15 ist aber nur die erste der vielen messianischen Prophezeiungen über Jesus Christus. Das Alte Testament ist die wahre (!) Geschichte, wie Gott das besondere Volk Israel erwählte, das wiederum die Bühne für diesen großen Helden und Erlöser bereitete. Die Geschichten über den Tod, die Wunder, das Exil, die Rückkehr, Geschichten von Propheten, Priestern, Königen und Opfern weisen schließlich auf die Geburt dieses siegreichen Retters hin, der von einer Frau geboren wurde. Das Alte Testament ist die von Gott geleitete Geschichte dieser Erwartung: zuerst für den Juden, dann für den Heiden (Röm I, 16) — also für alle Menschen.