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ST. MICHAEL

Dorfstr. 6, 83080 Reisach, Telefon: 08033-3021613, E-Mail: st-michael.niederaudorf-reisach@ebmuc.de
In dieser Rubrik stellen wir in loser Reihenfolge aktuelle Themen aus christlicher Sicht zur Verfügung, die wir für lesenswert halten.

Glaube und Vernunft

VON PATER MARKUS CHRISTOPH SJM

In der heiligen Kommunion empfangen wir Jesus Christus. Real, wirklich, wesenhaft. Zu uns kommt der Sohn Gottes, der von sich sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das LEBEN" (Joh 14,6). Ist es da vorstellbar, dass durch die heilige Hostie gefährliche Viren übertragen werden? Dass man krank wird durch die heilige Kommunion? Dass der Empfang des LEBENS für uns zur Gefahr des TODES wird?
Für die Feier der Heiligen Messe gelten derzeit strenge Hygiene-Vorschriften. Vielerorts darf keine Mundkommunion mehr gespendet werden. Wer den eucharistischen Herrn empfangen will, kann dies nur auf die Hand tun oder geistige Kommunion praktizieren. Viele Gläubige leiden unter dieser Situation. Wir Priester auch. Vielleicht sogar noch mehr. Aus ganz konkreter Erfahrung wissen wir, wie leicht bei der Handkommunion konsekrierte Partikel verloren gehen können und wie sorglos manchmal die heilige Hostie auf die Hand empfangen wird, zumindest dem äußeren Anschein nach (ohne über die innere Herzenshaltung zu urteilen). In dieser Situation darf man durchaus kritisch die Frage stellen, ob bei entsprechender Vorsicht und Übung (beiderseits!) die sorgfältige Mundkommunion wirklich ein höheres Ansteckungsrisiko birgt als der Empfang auf die meist wenig sterile Hand.

„Vorsicht" oder „Glaube"?
 
Manche Gläubige gehen sogar einen Schritt weiter und stellen eine noch grundsätzlichere Frage: Sind die Überlegungen, wie man die Infektionsgefahr in der Liturgie reduzieren kann, nicht streng genommen Ausdruck eines traurigen Kleinglaubens? Trauen wir Gott nicht mehr zu, dass er uns vor Ansteckung schürzen kann, so, dass wir zu menschengemachten Vorsichtsmaßnahmen greifen? Liegt also das eigentliche Problem nicht darin, dass wir „naturalistisch" nur noch auf unser eigenes Tun bauen, statt übernatürlich auf Gott zu vertrauen? Wäre es nicht gerade in der jetzigen Zeit geboten, alle Vorsichtsmaßnahmen als mangelnden Glauben zu entlarven und die Menschen zum blinden Gottvertrauen zu ermutigen? Von einem Priester der orthodoxen Kirche erzählt man, er habe während einer Epidemie die heilige Kommunion wie gewohnt gespendet und auf die Frage nach der Ansteckungsgefahr geantwortet: „Im Kelch mit dem kostbaren Leib und Blut Christi verbrennen alle Bakterien und Viren." Ist das kein heldenhafter Glaube, den wir uns zum Vorbild nehmen sollten?
Nein, ist es nicht. Ohne Zweifel war diese Antwort gut gemeint, aber streng genommen widerspricht diese Haltung unserem Glauben über die Eucharistie, wie ein kurzer Ausflug in die Theologie zeigt.

Die kirchliche Lehre zur Eucharistie

In der heiligen Messe werden Brot und Wein in den kostbaren Leib und das Blut Jesu verwandelt. Auf dem Altar ist Jesus wirklich und wesenhaft gegenwärtig. Nach der Konsekration gibt es keine Substanz von Brot und Wein mehr, sondern nur noch die Substanz des Leibes und Blutes Jesu. Die Theologie hat dafür im Mittelalter den Begriff der „Transsubstantiation" entwickelt. Die Substanz von Brot und Wein wird verwandelt in die Substanz von Fleisch und Blut Christi. Aber die äußeren „Gestalten" von Brot und Wein bleiben auch nach der Wandlung erhalten. Was man sieht, schmeckt, riecht... wird nicht verändert, sondern behält das Aussehen von Brot und Wein. Im Handbuch „Grundriss der Dogmatik" von Ludwig Ort steht dazu: „Nach der Erklärung des Konzils von Trient erstreckt sich die Verwandlung nur auf die Substanzen des Brotes und des Weines, während die Gestalten oder Akzidentien zurückbleiben. Unter den Gestalten (species) versteht man all das, was mit den Sinnen wahrgenommen wird, wie Größe, Ausdehnung, Schwere, Form, Farbe, Geschmack, Geruch." Und der Mainzer Dogmatiker Johann Baptist Heinrich führt in seinem „Lehrbuch der katholischen Dogmatik" weiter aus, dass „die eucharistischen Akzidentien [Gestalten] alle Wirkungen der der Brot- und Weinsubstanz inhärierenden [anhaftenden] Wirkungen hervorbringen." Mit anderen Worten: Auch wenn in der Eucharistie Jesus Leib und Blut substantiell gegenwärtig ist, so wirken die äußeren Gestalten unverändert weiter, so als Ob sie Brot und Wein wären, obwohl sie es der Substanz nach nicht mehr sind.
Überprüfbare Fakten
Diese Feststellung ist kein Glaubenssatz, denn die Sache lässt sich leicht überprüfen: Wer fastet und anschließend kommuniziert, spürt die natürliche — freilich kleine — Wirkung von Brot, nämlich körperliche Sättigung. Würde er eine größere konsekrierte Hostie empfangen, wäre die natürliche Wirkung der Brotgestalt größer. Ein befreundeter Zisterzienserpater in Rom erzählte mir, er sei eines Tages von einer befreundeten Gemeinschaft zur Messzelebration eingeladen worden, wo man mehrere große Kelche voll Wein zur Konsekration vorbereitet hatte. Nachdem fast niemand Kelchkommunion empfangen harte, musste er das kostbare Blut selbst konsumieren und spürte anschließend sehr deutlich die natürliche Wirkung der Gestalt des „Weines". Mit anderen Worten: Auch wenn die Substanz gewandelt ist, bleiben die natürlichen Wirkgesetze der äußeren Gestalten weiter in Kraft. Das gilt für alle möglichen Wirkungen, die ein Stück Brot hervorbringen kann. Für die Aufbewahrung der Eucharistie im Tabernakel hat die Kirche bestimmt, dass die heiligen Gestalten einmal im Monat erneuert werden müssen, um zu vermeiden, dass sie möglicherweise verderben. Der Priester kommuniziert dazu die Hostie aus der Monstranz und konsekriert eine neue. Weil die Gestalt der Hostie nach der Konsekration weiterhin den natürlichen Gesetzmäßigkeiten von Brot unterliegt, kann sie austrocknen brüchig werden oder bei hoher Luftfeuchtigkeit sogar schimmeln. Kann also der Leib Jesu verderben? Nein, die Substanz bleibt unberührt; Jesu Leib ist in seiner verklärten Form real gegenwärtig. Aber die äußere Gestalt des Brotes kann tatsächlich ungenießbar werden.

Ein Gedankenexperiment von Thomas von Aquin

In diesem Zusammenhang stellt sich Thomas von Aquin eine interessante Frage: „Es kommt zuweilen vor, dass nach der Konsekration (…) der Priester erkennt, dem Kelch sei von einem Böswilligen Gift beigemischt worden, um ihn zu töten." Wie soll sich der Priester in diesem Fall verhalten? Solle er mit großem Vertrauen auf Gottes Schutz den vergifteten Kelch trinken? Thomas gibt eine sehr klare Antwort: „Wenn er (der Priester) merkt, dass Gift (dem konsekrierten Wein) beigemischt wurde, darf er ihn auf keinen Fall (nullo modo) zu sich nehmen, noch einem anderen zu trinken geben, damit nicht der Kelch des Lebens zum Tode gereiche." (Summa Theologiae III, qu. 86, art. 6 ad 3) Der Kirchenlehrer geht klar davon aus, dass bei der heiligen Kommunion die natürlichen Wirkungen der äußeren Gestalten bestehen bleiben. Man kann nicht im Glauben darauf vertrauen, Gott werde durch einen übernatürlichen Eingriff jede Art von Schaden abwenden. Der Priester könnte am vergifteten Kelch sterben. Es ist kein mangelnder Glaube, wenn er in diesem Fall den konsekrierten Wein nicht trinkt. Denn der katholische Glaube lehrt, dass nur die Substanz verwandelt wird, aber die äußere Gestalt von Brot und Wein weiterhin wirksam bleibt. Folglich auch die Gestalt von vergiftetem Wein. Im alten „Caeremoniale Episcoporum", das die Riten der Liturgie mit einem Bischof beschreibt, ist für Pontifikal- und Papstmessen die Zeremonie der „Praegustario", der „Vorkostung" erwähnt. Der zelebrierende Papst oder Bischof wählt bei der Opferung spontan aus drei vorbereiteten Hostien eine einzelne aus und verwendet sie beim anschließenden Messopfer, um das Risiko einer Vergiftung zu minimieren. Wenn man davon ausgehen könnte, dass eine giftige, aber konsekrierte Hostie dem Zelebranten nicht schaden kann, wäre diese Maßnahme überflüssig. Die Beispiele lassen sich sehr einfach auf die Frage der Virusinfektionen übertragen. Richtig ist, dass ein Virus nie die Substanz des Leibes Christi erreichen kann. Aber er kann sich sehr wohl an der äußeren Gestalt des Brotes „festsetzen" und damit übertragen werden. Würde man diese Möglichkeit ausblenden und blind auf ein übernatürliches Eingreifen Gottes vertrauen, wäre das kein Zeichen besonderen Glaubens, sondern würde — nach den Worten von Thomas— bedeuten, „Gott zu versuchen".

Hat Jesus nicht das Gegenteil angekündigt?


In diesem Punkt scheint der heilige Thomas von Aquin dem Evangelium zu widersprechen. Vor seiner Himmelfahrt hat Jesus über die zukünftigen Wundertaten seiner Jünger verheißen: „Wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden" (Mk 16,18). Die Apostelgeschichte berichtet sogar von einem solchen Wunder. Als Paulus vor Malta Schiffbruch erlitt, sich auf die Insel rettete und dort „einen Haufen Reisig zusammenraffte und auf das Feuer legte, fuhr infolge der Hitze eine Viper heraus und biss sich an seiner Hand fest. Er aber schlittelte das Tier von sich ab ins Feuer und erlitt keinen Schaden. Da erwarteten sie [die Einheimischen], er werde anschwellen oder plötzlich tot umfallen. Als sie aber eine Zeit lang gewartet hatten und sahen, dass ihm nichts Schlimmes geschah, änderten sie ihre Meinung und sagten, er sei ein Gott." (Apg 28,3-6) Contra Factum non valet argumentum — gegen Tatsachen gilt kein Argument. Sind damit nicht die obigen theologischen Überlegungen wiederlegt? Nein. Denn es gibt keine Aufforderung von Jesus, nicht mehr auf Schlangen zu achten oder jederzeit problemlos Gift zu trinken. Jesu Verheißung ersetzt nicht unsere vernünftige Vorsicht. Paulus war auf seinen Missionsreisen stets ganz praktisch darum besorgt, alle Gefahren durch eigene Initiative zu minimieren, so z.B. durch konkretes Eingreifen beim Seesturm vor Malta (Apg 27) — und darüber hinaus vertraute er auf den Herrn. Wenn Jesus den gläubigen Jüngern einen übernatürlichen Schutz vor Schlangen und Gift zugesagt hat, so ersetzt das nicht die eigene Vorsicht und Überlegung. Nur wenn wir tun, was in unserer Macht steht, dann wird Gott nach seinem weisen Ratschluss das seinige tun.

Fides et Ratio: Glaube UND Vernunft

Für den richtigen Umgang mit der heiligen Kommunion in Corona-Zeiten gilt es zwei Extreme zu vermeiden. Aus unserem Glauben an die Realpräsenz Jesu Christi im Altarsakrament folgt nicht, dass jede Gefahr einer Virusinfektion von vornherein ausgeschlossen ist. Durch das Handeln Gottes in den Sakramenten wird unsere normale, vernünftige Vorsicht nicht überflüssig. Die Vernunft des Menschen (ratio) bleibt weiterhin gefordert. Darum ist es wichtig, in den aktuellen Zeiten alle sinnvollen Vorsichtsmaßnahmen ernst zu nehmen.
Freilich, wenn wir alles getan haben, was vernünftiger Weise zum Schutz vor Infektion notwendig ist, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott das Seine tut; dass er uns schützt und behütet; dass er uns führt, wie es in seiner Weisheit recht ist. Dann darf es auch wirklich eine — richtig verstandene — kindliche Sorglosigkeit geben, die sich in der Hand des guten Vaters geborgen weiß. Denn tatsächlich ist auch ein überängstlicher Perfektionismus in der Infektionsvorsorge denkbar. Beim Autofahren ist der Sicherheitsgurt wichtig; wer aber perfektionistisch jedes Risiko ausschließen will, sollte konsequent in kein Auto mehr einsteigen. Ähnlich ist es beim Kommunionempfang. Wenn wir alle vernünftigen Maßnahmen ernstnehmen, dürfen wir für den Rest auf Gottes Fügung vertrauen — was dann aber keine blinde, vermessene Herausforderung Gottes sein wird. Die richtige Haltung werden wir finden, wenn wir vernünftige Vorsicht und kindliches Vertrauen miteinander verbinden. Wenn wir uns leiten lassen von fides et ratio, vom Glauben und der Vernunft.Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers