Interview mit Pfarrer Manuel Kleinhans

Manuel Kleinhans Interview
Sie leiten jetzt seit einem Jahr den Pfarrverband Höhenkirchen und den Pfarrverband Aying/Helfendorf. Werden Sie auf der Straße erkannt?
Ich werde oft von Kindern gegrüßt, die mich von Erstkommunionen oder anderen Gottesdiensten her kennen. Letzte Woche bin ich in Höhenkirchen am Stau an der Bahnschranke vorbei gegangen. Da wurde ich sehr oft aus den Autos gegrüßt. Das hat mich überrascht und sehr gefreut. 
 
Was war im letzten Jahr Ihr schönstes Erlebnis?
Es hat viele gegeben, vielleicht am schönsten waren die Freiluftgottesdienste zur Erstkommunion. Da haben wir drei Samstage hintereinander schönes Wetter erwischt. Die Leute waren entspannt, weil sie genügend Platz und trotzdem das Gefühl hatten, dass sie als Gemeinschaft zusammengehören — ein wirklich beglückendes Erlebnis!
 
Was haben Sie als erstes geändert, als Sie hierher kamen?
Als ich kam, gab es [im Pfarrverband Höhenkirchen] wegen Corona keine Gottesdienste mehr in den Kirchen. Das wollte ich schnell ändern und wir konnten zu Kirchweih 2020 wieder in den Kirchen feiern. Das hat gut geklappt, weil alle mitgezogen haben. Und auch die Werktagsgottesdienste in allen Ortschaften waren mir wichtig.
 
Was ist Ihnen in der Zeit schwer gefallen?
Der zweite Lockdown im Winter war schon zach. Da hat man Woche für Woche versucht irgendwie weiterzumachen ohne kirchliches Leben drumherum. Was mir außerdem immer noch schwer fällt, ist herauszufinden, wie ich den Ansprüchen der Menschen gerecht werden kann, ohne mich selbst zu überfordern. Da muss man auch die eigenen Grenzen erkennen.
 
Wie haben Sie es trotz Corona geschafft, Kontakt zu den Menschen aufzunehmen?
Das war natürlich schwierig. Im letzten Winter war der intensivste Kontakt zu Menschen über Beerdigungen – so komisch das klingt. Seit dem Frühjahr bin ich öfter mal in einem Wirtshaus oder bei Anlässen im Pfarrverband. Aber es fühlt sich immer noch sehr punktuell an. Es braucht einfach Zeit.
 
Worauf legen Sie bei Ihrer Arbeit besonders wert?
Mir ist es wichtig, dass jeder – sei es in der Seelsorge oder in der Verwaltung – seine Arbeit gut und gerne machen kann, weil davon alle profitieren. Und ich habe wirklich Glück gehabt mit dem, was ich hier übernommen habe. Manchmal höre ich von Kollegen, welche Probleme sie teilweise mit streitenden Mitarbeitenden haben und dann denke ich immer Gott sei Dank ist das bei uns nicht so. Da muss man sonst sehr viel Energie nach innen in den Betrieb stecken und die fehlt einem dann wo anders. Ich hoffe, dass wir das so gut weiterführen können, weil ich glaube, dass das auch nach außen strahlt.
 
Wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen den beiden Pfarrverbänden?
Ich arbeite immer noch dran. Aber es hilft natürlich sehr, dass ich nicht alles allein machen muss und Kolleginnen und Kollegen habe, die von den Menschen hier sehr geschätzt werden. Es wäre schlimm, wenn es jedes Mal Enttäuschung gäbe, weil der Pfarrer nicht persönlich kommt. Und ich muss sagen, dass das Pfarrbüro Aying sehr selbständig ist. Dort sind die Sekretärinnen, die Gemeindereferentin Christine Stauß und die Verwaltungsleiterin Anja Jira große Hilfen.
 
Sie haben auch Dirigieren studiert und spielen Klavier. Haben Sie einen Lieblingskomponisten?
Da gibt es mehrere: Joseph Haydn, der sehr viel Witz in seiner Musik hat; Bach steht sowieso irgendwie über allem. Eine Zeitlang hatte ich eine starke Verbindung zu Anton Bruckner und seinen Sinfonien, aber ich liebe auch Chopin, den Klavierkomponisten schlechthin.
 
Wie oft kommen Sie zum Musizieren?
Viel zu selten. Es ist gut, wenn man einen konkreten Anlass hat – ich bin bei zwei Konzerten im Pfarrsaal Höhenkirchen aufgetreten, das war sehr schön. Ich würde aber auch gerne wieder öfter für mich spielen. Dafür habe ich noch nicht die richtige Zeit gefunden, weil mir am Abend oft die Energie fehlt. Außerdem habe ich Hemmungen, weil unter meinem Wohnzimmer direkt das Pfarrbüro ist – da muss ich noch unbefangener werden.
 
Was verbindet Religion und Musik?
Ich glaube, dass mein religiöser Werdegang auch etwas mit Bruckner und seinen Sinfonien zu tun hat – grundsätzlich verbindet Musik und Religion meiner Meinung nach im Kern etwas Geistiges, mit dem man versucht, in Verbindung zu kommen. Dass es gelingt, bleibt immer auch ein Geschenk. Natürlich ist nicht jede Musik religiös, aber sie führt doch oft in Bereiche der Seele und des Geistes, die faszinierend sind.
 
Warum haben Sie sich letztendlich doch dazu entschieden, Pfarrer zu werden?
Um als Profimusiker — vor allem als Dirigent — Fuß zu fassen, muss man unglaublich viel investieren. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht bereit bin, für den Erfolg auf alles andere zu verzichten. Dafür war mir auch mein Leben in gewisser Weise zu schade. Und es gab dieses Gefühl, diesen Ruf, den ich gespürt habe. Dem musste ich nachgehen, weil ich überzeugt war, dass es mir irgendwann leidtun würde, wenn ich den Weg nicht gehe.
Gibt es theologische Themen, die Sie besonders beschäftigen?
Sehr viele. Mit der Theologie wird man nie fertig. Was mich derzeit beschäftigt, ist die Frage nach der Kirche und ihrer Aufgabe. Viele Menschen sagen, sie brauchen die Kirche nicht, um glauben zu können. Ich bin jedoch überzeugt, dass unser Glaube im Wesentlichen ein gemeinschaftlicher und deswegen ein kirchlicher Glaube ist. Ich glaube Karl Rahner war es, der  einmal die Unterscheidung zwischen „Geheimnis“ und „Rätsel“ gemacht hat. Die Kirche ist ein Geheimnis, dem ich meine schönsten und tiefsten Glaubenserfahrungen verdanke. Aber sie ist mir genauso ein Rätsel wegen der vielen Probleme. Diese Spannung ist herausfordernd.
 
Macht Ihnen der derzeitige Wandel der Kirche Angst?
Angst ist das falsche Wort. Wandel hat es in der Kirchengeschichte schon immer gegeben, auch wenn wir oft meinen, bis vor ein paar Jahrzehnten sei alles konstant gewesen. Ich sehe dem einigermaßen gelassen entgegen. Aber es ist natürlich eine beständige Aufgabe, die Menschen mitzunehmen.
 
Oft hat man den Eindruck, die Menschen wünschen sich die Kirche als letzten Anker der Stabilität in einer Welt, in der sich alles so rasch verändert...
Einerseits soll der Glaube natürlich dem Leben Halt geben, aber das heißt nicht, dass wir in der Kirche alles, was es einmal gegeben hat, konservieren können. Wenn wir heute unsere kirchliche Struktur „von null“ neu aufbauen könnten, würden wir hier nicht zehn kleine Kirchen bauen, sondern eine große in die Mitte. Da könnten alle aus dem Umkreis zum Gottesdienst kommen und wir hätten keinen Priestermangel. Aber wir haben diese historische dörfliche Struktur und damit müssen wir behutsam in eine neue Zeit gehen.
 
Viele Menschen wenden sich von der Kirche ab. Wie gehen Sie damit um?
Es gibt viele unterschiedliche Gründe, warum Menschen aus der Kirche austreten. Die Kirche hat einfach nicht mehr dieses kulturelle Monopol wie noch vor 50 Jahren. Wir sind mittlerweile eine „Option“ unter vielen. Aber auch da kann man die Zeit nicht zurückdrehen. Trotzdem sollte man auch erwähnen, dass es durchaus Menschen gibt, die wieder eintreten; und wir haben heuer viele Kinder getauft, was ich sehr schön finde. Mein Anliegen ist es, den Fokus nicht permanent auf das Negative zu legen, das sich dann in der Wahrnehmung immer mehr verstärkt und erfüllt – es gibt viele Menschen, die der Kirche wohlwollend gegenüber stehen.
 
 
Wie können wir in unserem Pfarrverband die Menschen für die Kirche begeistern?
Unsere Aufgabe ist es, den Menschen das Gefühl zu geben, dass sie hier ernstgenommen werden, damit sie positive Erfahrungen machen können. Wenn jemand, der der Kirche bereits negativ gegenübersteht, dann nochmal eine schlechte Erfahrung macht, fühlt er sich restlos bestätigt. Das Phänomen ist ja, dass wir in der Masse zwar nicht mehr so gefragt sind wie früher, aber wenn es einen Anlass gibt, stellen die Menschen schon Ansprüche. Da muss man was Seriöses abliefern, weil sonst die Enttäuschung noch größer wird.
 
Wenn Sie Gott eine Frage stellen dürften, welche wäre es?
Was sollen wir heute als Kirche tun?
 
Welche Pläne haben Sie?
Noch klarer zu werden in meiner Zeit- und Aufgabeneinteilung. Und ich wäre gerne ab und zu in den Schulen präsent in Zusammenarbeit mit den Religionslehrern. Außerdem plane ich Glaubensgespräche und Diskussionsabende anzubieten. Das ist wichtig, weil man dabei die Erfahrung machen kann, dass die Glaubenslehre nichts ist, was man einfach vorgesetzt bekommt, sondern etwas, in das man wirklich intensiv eindringen kann. Das kann unglaublich bereichernd sein.
                                                                                    
 
  Das Interview führte Michaela Sepp