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Gedanken zum Palmsonntag - von Dekan Georg Lindl

Ein wichtiges Element in der Liturgie des Palmsonntags ist die feierliche Prozession zur Kirche, zu der nicht nur die vielen Gläubigen mit ihren bunten Palmbuschen gehören, sondern - vor allem für die Kinder interessant - ein echter Esel.

Dieser Brauch weist hin auf Jesus, der zwei seiner Jünger vorausschickt, denen er sagt, sie würden einen Esel angebunden finden, auf dem noch niemand gesessen hat.

So zieht Jesus auf einem geliehenen Esel in Jerusalem ein. Diese Geschichte, die auf den ersten Blick merkwürdig und banal erscheint, ist doch gefüllt mit geheimnisvollen Bezügen. In allem ist das Motiv des Königtums und seiner Verheißungen anwesend. Nur ein König hat in der Antike das Recht, Transportmittel zu requirieren.

Auch dass es sich um ein Tier handelt, auf dem noch niemand gesessen hat, verweist auf königliches Recht. Wichtiger ist freilich der Bezug auf den Propheten Sacharja, der von einem König spricht, der sanftmütig ist und auf einem Fohlen reitet.

Dieser Jesus ist der Gegentyp zu den antiken Herrschern: er ist ein König, der den Kriegsbogen zerbricht, ein König des Friedens und ein König der Armen. Dieser Jesus erhebt einen königlichen Anspruch, den die Menschen auch verstehen, die ihm „Hosianna“ zurufen, ihm also als ihrem König huldigen.

Mir scheint, dieser Anspruch Jesu und unsere Antwort darauf kommen in der gegenwärtigen Zeit etwas zu kurz. Freilich, man beschäftigt sich ausführlich mit der Kirche, gerade in den Medien. Stärken und vor allem die Schwächen dieser Kirche sind ein beliebtes Thema. Ich werde oft den Eindruck nicht los, dass man sich lieber mit der Kirche beschäftigt, um sich nicht mit dem Anspruch dieses Mannes aus Nazareth auseinandersetzen zu müssen.

Aber im Christentum geht es nicht um die Kirche, sondern um diesen Mann. Die Menschen des Palmsonntags haben sich auf vielfältige Weise mit dem Anspruch dieses Mannes auf dem Esel auseinander gesetzt, ein König und Messias zu sein. Von Huldigungsrufen bis hin zur Aufforderung ihn hinzurichten reicht das Spektrum der Reaktionen.

Der Palmsonntag lädt auch uns ein, auf diese Frage eine persönliche Antwort zu geben: Wie stehe ich zu diesem Jesus aus Nazareth und seiner Botschaft?


Dekan Georg Lindl