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In dieser Rubrik stellen wir in loser Reihenfolge aktuelle Themen aus christlicher Sicht zur Verfügung, die wir für lesenswert halten.

JESUS UND DAS HIMMELREICH VON P. DOMINIK HÖFER SJM

Jesus und das Himmelreich
Die Hoffnung auf eine Wiederher­stellung des Königtums Davids mit allen Völkern der Erde (mit dem Mittelpunkt auf dem Berg Zion in Jerusalem) war eine weit verbreitete Erwartungshaltung zurzeit Jesu. Die verschiedenen Gruppierungen damals hatten unterschiedliche Vorstellun­gen, wie dies aussehen könnte. Die Zeloten beispielsweise rechneten mit einer gewaltsamen Revolte, bei der die Römer vernichtend geschlagen und das jüdische Reich im Sinne König Davids wieder etabliert werden sollte. Die Pharisäer bevorzugten eine Ausei­nandersetzung auf theoretischer Ebe­ne mit spitzfindiger Argumentation, ohne direkte Waffengewalt.
Auch die Jünger Jesu Christi stellten genau diese Frage dem Herrn, als er von den Toten auferstanden war:
Als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich (basileia) für Israel wieder her? Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu er­fahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommen wird... (Apg 1,6-8).
Nach allem, was die Apostel von Jesus gehört und gelernt hatten, scheint das eine Art Zusammenfassung ihrer Zu­kunftserwartung für die Zeit nach Jesu Himmelfahrt gewesen zu sein. Und da es sich um ihre Mission handelte, wollten sie sichergehen. Aber der auf­erstandene Herr dämpfte diesen vor­schnellen Eifer und verwies auf den Heiligen Geist und dass sie persönlich (Glaubens-)Zeugnis ablegen sollten, ohne dass ihre Vorstellung vom er­neuerten Königreich einfach bestätigt wurde.
 
Ein Traum des Alten Testaments wird wahr
In nahezu allen 27 Büchern des Neu­en Testaments wird auf diese Frage der Jünger eingegangen, am deutlichsten im Matthäus-Evangelium, wie die Rede vom „Himmelreich“ (basileie ton uranon z.B. Mt 5,3 - wörtlich: „Königsherrschaft der Himmel“ / „kingdom of heaven“) am deutlichs­ten sichtbar macht.
Das Matthäus-Evangelium beginnt mit dem Stammbaum, der Jesus als „den Sohn Davids, den Sohn Abra­hams“ (Mt 1,1) identifiziert. Gleich zu Beginn wird Jesus also in Verbin­dung gebracht mit den beiden Persön­lichkeiten, die in der Heilsgeschichte von Gott als Segensvermittler ausge­zeichnet sind: Abraham in Gen 22,18 und David in Ps 72(71),17. Der gan­ze Stammbaum weist eine starke Be­tonung der Figur Davids auf. Dreimal vierzehn Generationen führen von Abraham bis Jesus: der hebräische Name David trägt auch den Zahlen­wert 14 (DaViD=4+6+4=14). Es fällt auf, dass in diesem David-zentrierten Stammbaum die Rückkehr aus dem Exil nicht genannt wird, obwohl doch zahlreiche Juden längst nicht mehr in Babylon wohnten. Dies deu­tet an, dass der Neue Exodus, die wahre Rückkehr aus dem Exil noch aussteht.
Matthäus 2 erwähnt zwei Städte mit Bezug zu König David. Erstens lesen wir, dass Jesus Christus in Bethlehem, der Davidsstadt, geboren wird (vgl. lSam 17,12 mit Hinweis auf David als Sohn Isais aus Bethlehem in Juda). Später berichtet der Evangelist Mat­thäus, dass die Heilige Familie sich in der Stadt Nazareth niederließ, um eine Prophezeiung zu erfüllen: „Er wird Nazoräer genannt werden“ (Mt 2,23). Aber es gibt keine solche Stel­le im Alten Testament. Offenbar stellt der Evangelist hier eine Wort-Assozi­ation her: „Nazoräer“ klingt ähnlich wie „nezer“, das hebräische Wort für „Spross, Zweig“. So betrachtet, bringt dies einige Prophezeiungen ins Spiel.
Ein bekanntes Beispiel für eine Pro­phezeiung eines „Sprosses“ findet sich in Jesaja 11,1: „Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis (= Spross) hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“
Da Matthäus Jesaja häufig zitiert, darf man vermuten, dass er an diese Stelle dachte. Isai war Davids Vater. Mit dem Tod des letzten Königs aus Davids Stammlinie und dem Gang Israels ins Exil, war der Stamm-Baum zu einem Stumpf niedergeschlagen worden. Die betreffende Verheißung sagt voraus, dass ein neuer König (Reis, Spross) an die alte Königstradition anknüp­fen würde. Es gibt im Alten Testament noch weitere Prophezeiungen, die die Hoffnung auf einen Königs-Spross zum Ausdruck bringen, z.B. Sacharja 3,8-9: „Denn siehe, ich will meinen Knecht kommen lassen, den Spross.... Und ich tilge die Schuld dieses Landes an einem einzigen Tag.“

Das Himmelreich ist nahe
In Matthäus 3,2 tritt Johannes der Täufer auf und verkündet: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ Wieder wird eine Jesaja-Prophezeiung (Jes 40,3) angeführt: „Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Stra­ßen!“
In Matthäus 4 beginnt Jesus sein öf­fentliches Wirken in Kapharnaum, ei­ner Stadt an der alten Grenze zwischen den Stämmen Sebulon und Naftali. Dies wiederum ist eine Erfüllung ei­ner anderen Jesaja-Verheißung: „Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Straße am Meer, ... das heidnische Galiläa: das Volk das im Dunkeln saß, hat ein helles Licht gesehen...“ (Jes 9,1-2). In dieser Gegend waren trotz des assyrischen Einfalls viele Israeliten wohnen geblieben, während andere, angesehenere Stämme (Rüben, Si­meon, Ephraim und Manasse) in die Diaspora zerstreut worden waren. Aus diesem Grund wurden die Galiläer manchmal auch als die ursprüngli­chen, echten Israeliten angesehen, wie etwa Nathanael, der selber Galiläer war, und dennoch oder gerade des­halb über einen Messias aus Nazareth (= in Galiläa) Verwunderung äußerte, vgl. Joh 2,45-47.
Jesus ging ganz nach Norden, um die­se Verheißungen zu erfüllen. Mit an­deren Worten: Die Wiederherstellung des Königreichs Davids begann da, wo die Deportation durch die Assyrer 732-722 v. Chr. begonnen hatte. Später wandte Jesus sich auch an den Süden (den Stamm Juda) und predig­te überall „das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.“ (Mt 4,23).

Gottes Familie
In der Bergpredigt (Matthäus 5-7) spricht Jesus selbst öfters vom „Him­melreich“, so gleich in Mt 5,3: „Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Ebenso an folgenden Stellen: Mt 5,10.19.20; Mt 6,10.13.33; Mt 7,21. In diesen Abschnitten kommt eine hohe Kon­zentration aus der familiären und häuslichen Bilderwelt vor. Vor der Bergpredigt (in Mt 1-4) nennt Jesus Gott niemals Vater. Innerhalb der Bergpredigt aber tut er es gleich siebzehnmal. Wir dürfen also beim Himmelreich an die „Fa­milie Gottes“ denken. Da verwundert es nicht, dass im Zentrum der Bergpredigt Jesus seine Jünger das „Vaterunser“ lehrt.
Bei der Aussendung der Apostel in Matthä­us 10 sollen die Jünger zunächst nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gehen, erneut mit der Botschaft: Das Himmelreich ist nahe (Mt 10,6-7). Der Bezug zur Erneue­rung des davidischen Königtums ist klar: den zwölf Stämmen Israels entsprechen nun die zwölf Apostel. Etwas später, als die Gegner vom Herrn ein Zeichen fordern, verweist Je­sus auf die Zeichen des Propheten Jona sowie die Weisheit Salomos (Sohn Davids und ideale Königsgestalt) und stellt unmissverständlich klar: „Und siehe: hier ist mehr als Salomo (Mt 12,42).“

Himmlisches Königreich auf Erden
Gegen Ende des Matthäus-Evangeliums findet sich nochmals ein Bild des Königtums, näm­lich in der Versicherung Jesu vor dem Hohen Rat, wobei Petrus (vgl. Mt 26,58) wohl vom Hof aus zuhörte: „Ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rech­ten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen“ (Mt 26,64). Dies ist ein Hinweis auf die Weissagung Daniels, die wir am Christkönigssonntag in der Litur­gie hören:
Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum ge­geben. Alle Völker, Nationen und Sprachen dienten ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter (Dan 7,13-14).
Weniger bekannt ist die Prophezeiung, dass das Gericht und auch das Königtum ebenso den Heiligen des Höchsten übertragen wer­den, nämlich den Jüngern Jesu und allen, die wie sie heilig werden (Dan 7,22).
Den krönenden Abschluss stellen die Worte des Missionsbefehls dar (Mt 28,19-20):
Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befol­gen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.
Dies alles zeigt, wie Jesus sein Wirken als Wie­derherstellung des Reiches Israels verstanden hat, freilich nicht so, wie die Jünger sich das in ihrem Kopf ausgemalt hatten. Jesus Chris­tus will die Hoffnung Israels real erfüllen, dass alle zwölf Stämme unter einem einzigen König geeint werden. Aber darum sollen alle zu allen Zeiten inständig beten: ADVENIAT REGNUM TUUM - Dein Reich komme (zu uns).

Schlussbemerkung
Wiederherstellung des Gottesreiches ist oft verknüpft mit UMKEHR. König David etwa betet den Bußpsalm 51(50), das Miserere (Erbarme dich), mit der Hoffnung auf Wie­derherstellung der Mauern Jerusalems (Ps 51,20). Auch die Propheten setzen Wieder­aufbau, Rückkehr aus dem Exil mit Umkehr gleich bzw. machen sie zur Voraussetzung dafür. Das treulose, abgefallene und von den Feinden überwältigte Volk, die Familie Got­tes, muss wieder umkehren, zurückfinden zur Bundestreue. Dann wird es wieder aufatmen und Frieden von Gott geschenkt bekommen. Darum überrascht es nicht, dass sowohl Jo­hannes der Täufer als auch Jesus Christus die Umkehr an den Anfang ihrer Predigt stellten und sofern diese Umkehr stattfindet, auch das Himmelreich als nahe verkündeten.