Ein herzliches Grüß Gott im 
PFARRVERBAND OBERES INNTAL

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In dieser Rubrik stellen wir in loser Reihenfolge aktuelle Themen aus christlicher Sicht zur Verfügung, die wir für lesenswert halten.

Der Welt ist nicht genug

Sr. Clare Crockett und der Ruf Jesu
von Pastor Benedikt Kickum

Ein normales Kind ihrer Zeit
Am 14. November 1982 erblickt Clä­re Crockett in der nordirischen Stadt Derry das Licht der Welt. Ihre Fami­lie ist katholisch, jedoch beschreibt Cläre ihre Familie als nicht „wirklich gläubig“. Sie wird getauft, geht zur Kinderbeichte und Erstkommunion, als Jugendliche wird sie gefirmt. Mit ihren Schwestern und ihrer Mutter geht sie auch regelmäßig zur Sonn­tagsmesse.
Das alles nur, weil es dazu gehört. Sie sind eben katholisch und das prägt die Familie in Nordirland, jedoch eher als Abgrenzung gegenüber den anderen, vor allem den Protestanten, anstatt eine wirkliche Beziehung zu Gott zu pflegen. Cläre versteht als Kind und Teenager nicht, was wirk­lich geschieht, sie versteht nicht, was die Sakramente bedeuten, versucht es aber auch nie zu verstehen, es ist ihr völlig egal. Gott hat keine wirk­liche Bedeutung für und in ihrem Leben. Religiöse Dinge interessieren sie nicht, vieles ist für sie langweilig. So erzählt sie selbst, dass ein Bild der Muttergottes von Haus zu Haus ge­tragen wird als sie ein kleines Mäd­chen ist. In den Häusern wird dann der Rosenkranz gebetet. So auch im Haus der Familie Crockett. Cläre empfindet den Rosenkranz jedoch als eine absolute Qual: „Das ist so lang­weilig!“. Das Gebet scheint ihr nie­mals enden zu wollen und nervt sie einfach nur.
In der Freizeit und in der Schule ist sie ein lebhaftes Kind. Ihr fällt es schwer, ruhig zu sein, sie möchte im­mer etwas unternehmen und steht dabei gerne im Mittelpunkt. In der ein oder anderen Situation entwickelt sie sich in der Schule zum Klassen­clown, bedingt durch ihr bereits früh auftretendes Talent andere zu imitie­ren. Oft macht sie sich einen Spaß daraus andere — besonders die Lehrer - nachzumachen. Bei ihren Mitschü­lern kommen solche Späße natürlich gut an, und sie wird von einigen da­für bewundert. Auch ihren Lehrern bleibt ihr schauspielerisches Talent nicht verborgen und sie bemühen sich, dies zu fördern und nicht nur als lustige Klasseneinlage verkommen zu lassen. So nimmt Cläre schon früh an irischen Festivals teil. Dort sagt sie Gedichte auf, singt, tanzt und spielt in kleinen Theateraufführungen mit.

Die große Sehnsucht
Schnell entwickelt Cläre große Freu­de am Theater. Sie genießt es, im Mit­telpunkt zu stehen und von anderen bewundert zu werden. So entwickelt sich die große Sehnsucht Schauspie­lerin zu werden, jedoch nicht nur einfach eine Schauspielerin, sondern eine berühmte Schauspielerin. Clä­re möchte unbedingt berühmt sein, ein Star werden. In dieser Zeit ist sie sehr von sich überzeugt und träumt von der großen Karriere. Mit vier­zehn Jahren besucht sie einen Work­shop für zukünftige Schauspieler. Sie möchte nichts dem Zufall überlassen und ordnet vieles dem großen Ziel unter. Durch den Workshop öffnen sich Cläre weitere Türen, so kann sie einer renommierten Theatergrup­pe beitreten und bekommt sogar ei­nen Manager. Im Nachhinein sagt Cläre selber: „Ich habe meine Kurse geliebt.“ Bekennt aber auch: „Diese Kurse bestehen darin, dass man mir gesagt hat „Du bist die Beste“. Und natürlich habe ich alles geglaubt.“ Vieles dreht sich in dieser Zeit um weltliche Dinge, um Eitelkeiten und das Auftreten.
Die ganzen Anstrengungen führen in der folgenden Zeit zu ersten Erfolgen. Nach gut einem Jahr — Cläre ist gera­de fünfzehn Jahre alt - bekommt sie ihren ersten Fernsehjob. Sie darf eine kleine Sendung moderieren. Es war der erste Schritt zum großen Ziel. In den kommenden Jahren folgen noch weitere, sie darf eine zweite Sendung übernehmen und wechselt schließlich mit sechzehn Jahren zum Kindersen­der Nickelodeon. Auch hier darf sie eine der Sendungen moderieren. Für sie erfüllt sich nach und nach immer mehr ihre große Sehnsucht nach einer richtigen Fernseh- und Schauspielkar­riere.
Die Erfüllung scheint kurz darauf zum Greifen nah zu sein. Cläre bekommt eine Nebenrolle in einem Film. Sie taucht ein in die Welt, in der sie unbe­dingt sein möchte. Bekommt teilweise einen Chauffeur, der sie zu den Dreh­terminen fährt, wird von einer Stylis­tin beraten und fühlt sich bereits wie ein kleiner Star.
Die Welt ist nicht genug
Der große Spaß - Freund, Party, Alkohol
Es läuft alles super für Cläre. Sie hat den Erfolg, den sie sich so sehr wünscht und hat Verehrer, die sie bewundern. Schnell findet sie einen Freund und scheint für sich alles zu bekommen. In ihrem Leben hat sie viel Spaß. Viel zu früh und auch nicht selten beginnt sie das Rauchen. Sie möchte cool sein und bei den Menschen ankommen. Zu ihrem Leben gehören auch früh viele Partys. Tanzen und feiern, rauchen und trinken - damit verbringt Cläre am liebsten ihre Freizeit.
Bei allem Spaß ist es ihr jedoch auch immer wieder zu viel von all diesen Dingen, nicht wenige Nächte enden mit einem starken Kater am nächsten Morgen. Zu einer wirklichen Ein­sicht im Leben der jungen Frau führt dies jedoch nicht. Sie möchte das Le­ben genießen, möglichst viel erleben und sucht immer wieder den Rausch der Party und der Anerkennung. Scheinbar läuft eigentlich alles super und Cläre hat durchaus viel Spaß.

Die weite Leere
In all der scheinbaren Erfüllung ihres Lebens macht Cläre — für sie damals - merkwürdige Erfahrungen. Einige ihrer alten Schulfreundinnen laden sie zu religiösen Veranstaltungen ein. Eine möchte sie sogar mit auf Ein­kehrtage mitnehmen. Cläre lehnt ab. Nachdem ihre Freundinnen jedoch so begeistert waren, fährt sie beim zweiten Mal mit. Jedoch ist Cläre we­niger begeistert als ihre Freundinnen. Die Themen sprechen sie nicht an. Sie hört zu, ohne sich jedoch für die Botschaft zu öffnen. „Was soll ich mit diesem Stück Brot reden“, so fragt sie sich, als in den Einkehrtagen das Allerheiligste ausgesetzt wird. Trotz ihrer katholischen Sozialisation hat Cläre keine Ahnung, wer dort vor ihr in der Monstranz ist. Trotz aller Ab­lehnung bemerkt sie in diesen Tagen das erste Mal, dass Gott sie anschaut und versucht sie anzureden. Dies ver­wundert sie, stößt sie ab. Gott habe schließlich kein Recht von ihr etwas zu wollen. Sie sei glücklich und än­dert folglich nichts an ihrem Leben. Cläre lernt in diesen Tagen viele ande­re kennen, freundet sich mit anderen Mädchen an und unternimmt immer wieder etwas mit ihnen. Sie beginnt ab und an zu Gruppentreffen zu ge­hen und fühlt sich in der Gemein­schaft wohl, In dieser Zeit lebt Cläre in gewisser Weise in zwei Welten, die eine ist ihre Wunschwelt, die andere die neu kennengelernte Welt. Jedoch ändert sich an ihren Plänen und Sehn­süchten nichts. Cläre möchte unbe­dingt berühmt werden, möchte Spaß haben und besucht immer noch viele Partys. Gott spielt noch keine wirkli­che Rolle in ihrem Leben - scheinbar wenigstens.
Durch eine ihrer neuen Freundin­nen bekommt Cläre die Möglichkeit, nach Spanien zu reisen. Ihre Freundin erzählt nicht viel, es soll nach Spanien gehen und so gut wie nichts kosten. Cläre ist begeistert und freut sich — in ihren Träumen — auf Ibiza oder eine sonstige Partymeile, auf viel Spaß mit coolen Leuten und möglichst rau­schende Feiern.
Es kommt jedoch ganz anders. Es ist eine Einkehrwoche in einem Klos­ter. Cläre ist geschockt. Sie möchte am liebsten direkt wieder abreisen und nimmt nur ungern an dem Pro­gramm teil. Viele Punkte lässt sie aus, ist meist nur bei den Terminen, bei denen es direkt auffällt, wenn sie nicht da ist. Am Karfreitag sagt ihr je­doch eine andere Teilnehmerin, dass sie heute in die Kirche gehen müsse. So setzt sie sich in die hinterste Ecke der Kirche, hofft, dass die Liturgie nicht zu lange dauert und wartet ungeduldig auf das Ende. Bei der Kreuzverehrung geht Cläre mit nach vorne und küsst den Nagel, der die Füße Jesu durchbohrt. In ihre gro­ße Ungeduld hinein spricht sie der geduldig leidende Herr an. Das ab­lehnende Mädchen erfährt in diesem Moment eine große Zuwendung Gottes. Sie erkennt, das alles ist auch meinetwegen geschehen. Jesus ist für meine Sünden, für meine Eitelkei­ten, für meine Untreue, für meine Unreinheit ... gestorben. Für mich - so erkennt sie in diesem Moment der Gnade.
Die große Schwäche des Menschen be­steht gerade darin, die Gnade immer wieder an die Seite zu legen. Trotz ih­rer Erkenntnis ändert Cläre ihr Leben nicht. Sie geht weiter ihren Weg, jedoch spürt sie immer mehr, dass in ihr eine große Leere ist. Die kann ihr kein Er­folg, kein Freund und keine Party fül­len.

Gott ist da
Die Gespräche mit Gott werden in der folgenden Zeit regelmäßiger. Cläre wendet sich immer wieder im Gebet an ihn. Obwohl ihre Sehn­sucht nach Erfolg gestillt wird und sie immer wieder viel Spaß in ihrem Leben hat, merkt sie, dass ihre Hoff­nung nicht erfüllt wird. Es fehlt etwas. Aber wie kann sie in ihrem doch so glücklichen Leben etwas vermissen, wie könnte sie diese Leere füllen? Oft möchte sie die Stimme Gottes über­haupt nicht hören. Sie möchte nichts ändern. „Warum stört mich Gott, ich bin doch glücklich? Wieso meint er, dass ich auf ihn höre? Wie kann er es wagen, von mir zu verlangen mich zu ändern?“ So wendet sie sich immer wieder gegen den Ruf Gottes. Doch Gott ruft weiter. Immer stärker er­kennt Cläre, dass dieser Ruf nicht en­det. Sie bekommt Angst, meint, dass sie dazu nicht fähig sei, ihr Leben zu verändern und Gott nachzufolgen. Sie flieht vor diesem Ruf und vor der von ihr geforderten Antwort. Sie flieht zur Party und in den Alkohol. Doch Gott ist weiter da.
Als sie auf einer Party völlig am Bo­den ist und keiner um sie herum, sie sich auf der Toilette übergeben muss, da merkt sie seinen Blick. Seinen lie­benden und fragenden Blick, wie da­mals am Karfreitag. Sie merkt Gottes Botschaft: „Ich bin da! Warum hörst Du nicht auf, Mich zu verletzen? Aber denk daran, Ich bin da…“ Kurze Zeit später bricht ihr Kartenhaus des Glücks endgültig zusammen. Wäh­rend eines Drehs für einen Film sitzt sie abends auf ihrem Zimmer und beginnt zu weinen. Scheinbar alles habend erkennt sie: „Ich habe nichts, wenn ich nicht Gottes Willen tue“.

Freudige Erfüllung
Cläre geht den Weg, den sie vor ei­nigen Wochen noch für unmöglich gehalten hat - sie geht in die Gemein­schaft der Servant Sisters of the Home of the Mother in Spanien.
Ihre Freundinnen und Freunde und auch ihre Familie können sie nicht verstehen. Keiner kann begreifen was geschieht. Aber Cläre geht den Weg, von dem sie überzeugt ist, dass Gott ihn für sie vorgesehen hat. Am 11. August 2001 beginnt sie ihre Kandidatur und erhält den Ordens­namen Cläre Maria of the Trinity and the Heart of Mary. Am 18. Februar 2006 legt sie ihre zeitlichen Gelübde ab. All ihre Sorgen und Ängste über­windet Cläre mit Gottes Hilfe.
Nach einigen Aufgaben in Spanien kommt die junge Ordensschwester in die Vereinigten Staaten nach Flo­rida und arbeitet dort in einer Pfarrei mit. Nach ihren ewigen Gelübden am 8. September 2010 arbeitet sie in der Krankenhausseelsorge in Spanien in Valencia. Bei all ihren Aufgaben strahlt Schwester Cläre eine tiefe in­nere Freude aus. Sie ist erfüllt davon, den Willen Gottes zu tun und ihm ganz und gar nachzufolgen. Keine innere Leere trübt mehr ihr Lächeln. Keine Sorgen um weltliche Sehnsüch­te bedrücken ihre Seele. Sie hat ihren Frieden gefunden und ist ganz von Gottes Liebe ergriffen.
Diese Liebe möchte sie weitergeben und möglichst andere junge Men­schen auf den Weg Jesu führen und begleiten. Auf dem Weltjugendtag in Madrid hält sie Katechesen, gibt offen Zeugnis über ihren Weg. Sie ermu­tigt überall, wo sie kann: „Wagt den Sprung, ändert euer Leben und folgt Gottes Willen.“ Im Oktober 2012 wird Cläre nach Ecuador gesandt und unterrichtet an den Schulen der Schwesterngemeinschaft und arbeitet in Evangelisierungsprojekten.

Die frühe Vollendung
Nach zwei Jahren in Guayaquil wird Schwester Cläre in die Missionsstation Playa Prieta versetzt. Dort führt die Ordensgemeinschaft eine Schule mit über vierhundert Schülern. Sie ist ganz erfüllt von missionarischem Ei­fer und möchte den Glauben zu mög­lichst allen Menschen bringen. Freu­dig nimmt sie in den kommenden Jahren immer wieder an Missionsrei­sen in das Amazonasbecken teil.
Im April 2016 kommt es zu starken Unwettern in Ecuador, die in einem starken Erdbeben münden. Die Schu­le in Playa Prieta wird stark beschä­digt. Cläre kümmert sich mit ihren Mitschwesternn um die Schüler. Beim Ausbruch des Bebens befindet sie sich mit Ordenskandidatinnen und drei weiteren Schwestern im Schulgebäu­de. Dieses bricht unter den Erdstößen zusammen und begräbt Schwester Cläre. Sie und fünf weitere Mädchen werden leblos unter den Trümmern gefunden. Im Alter von dreiunddrei­ßig Jahren stirbt Cläre Crocket. Als Mädchen vom gekreuzigten Herrn gerufen, erfüllte sie seinen Willen, folgte ihm und ist nun im jungen Al­ter zu ihm in die Ewigkeit gerufen.