Pfarrverband Haar

St. Konrad, St. Bonifatius, St. Martin

Katholische Pfarrkirche St. Martin in Ottendichl, Gemeinde Haar

Kirche St. Martin
Die spätgotische, nach Osten ausgerichtete und inmitten eines ummauerten Friedhofs stehende Kirche wurde um das Jahr 1475 errichtet, nachdem die kleinere, romanische Kirche abgerissen worden war. Die Ecken des fünfseitigen Chors sind durch Strebepfeiler verstärkt. Südlich ragt der ebenfalls aus der Zeit um 1475 stammende, 23 m hohe Sattelturm auf. Eigentümlich sind die gezackten Bögen der Blendarkadenfelder. Das Doppelkreuz auf dem Turmfirst weist möglicherweise darauf hin, dass sich einst eine Kreuzpartikel im Besitz der Pfarrkirche befand. Nach Westen erstreckt sich das barocke Langhaus mit seinen sechs „Krumper-Fenstern“; es wurde 1697 errichtet, nachdem das kleinere spätgotische Langhaus entfernt worden war.
Innenraum der Pfarrkirche St. Martin, Ottendichl
Begeben wir uns durch die Südtüre in den kleinen, im Westen angefügten Vorraum und betreten wir durch das mit einem geschmiedeten Schloss ausgestattete graue Portal in den Innenraum der Kirche. Er besteht aus dem von einer flachen Stichkappentonne überwölbten Saal der Gemeinde und dem etwas schmäleren („eingezogenen“) Altarraum. Das Kircheninnere beeindruckt durch seine barocke Ausstattung aus der Zeit um 1725; der Stuckdekor stammt wohl von Johann Schwarzenberger (Aibling) und die Deckenfresken stammen von Johann Anton Zächenberger (München).
Stuck über dem Chorbogen, um 1725
Der Stuck, bestehend aus Rosetten, Ranken und Muscheln, dekoriert die Flächen an den Kapitellen der Wandpilaster, über den Fenstern, am Chorbogen und um die Kanzel, wo er sich zu Blütengirlanden, Vorhangdraperien, Engelsköpfchen und vollplastischen Putten (Kinderengel) mit bunten Füllhörnern entfaltet. Diese Fülle konzentriert sich an der Kanzel und gipfelt am Chorbogen mit der wappenartigen Kartusche, auf der drei gleich gestaltete Männer mit Tiara (dreifacher Krone), Weltkugel und Segenshand abgebildet sind: ein künstlerischer Versuch, die nicht darstellbare Dreieinigkeit Gottes (Vater, Sohn, Heiliger Geist) darzustellen. Da eine solche Darstellung zur Annahme verleiten kann, es handle sich um drei einzelne Götter, wurde diese Art des Versuchs der Darstellung Gottes im Jahr 1745 von Papst Benedikt XIV. definitiv verboten.
Baumwunder des hl. Martin, Deckenfresko vor dem Chorbogen von Johann Anton Zächenberger, um 1725
Im Scheitel des Gewölbes lässt die Stuckatur vier Felder für die um 1725 entstandenen Deckenfresken frei, die wie an die Decke versetzte Tafelbilder wirken. Die drei Fresken des Langhauses sind dem Kirchenpatron St. Martin von Tours gewidmet.
Vor dem Chorbogen ist das sogenannte Baumwunder zu sehen. Als Bischof Martin einmal eine bei den heidnischen Galliern als heilig geltende Föhre fällen lassen wollte, stimmten diese dem Vorhaben unter der Bedingung zu, dass sich Martin in die Fallrichtung stellt. Sollte sein Gott ihn vor dem Erschlagenwerden retten, wollten sie an ihn glauben. Die Szene spielt sich ab in einer bergigen Fantasielandschaft vor der Stadt Amiens im Beisein eines zahlreichen Publikums. Im letzten Moment wird der fallende Baum, der auf den segnenden Bischof Martin zu fallen droht, von einem Engel abgefangen und umgelenkt.
Tod des hl. Martin, mittleres Langhaus-Deckenbild von Johann Anton Zächenberger, um 1725
Das mittlere Langhaus-Deckenbild führt wie auf einer Bühne den Tod Sankt Martins im Kreis seiner Mitbrüder vor Augen. Der Heilige ruht auf seinem Sterbelager. Darüber ist die Darstellung des himmlischen Bereichs zu sehen: Zwei Engel tragen die Seele Martins in Gestalt eines Kleinkinds empor, von musizierenden Engeln empfangen.
Das Deckenfresko über der Orgel zeigt St. Martin, auf einer Wolkenbank kniend, als Fürbittenden und Beschützer derer, die ihn anrufen. Er ist gekleidet in ein Bischofsornat; die beiden seitlichen Engel mit Helm und Schwert, verweisen auf Martins militärische Laufbahn in jungen Jahren, als sein Leben durch die Teilung des Mantels mit einem Bettler eine Wendung hin zur Nachfolge Christi erfuhr.
Bruderschaft der immerwährenden Anbetung, Chor-Deckenbild von Zächenberger, um 1725
Das Deckenfresko im Altarraum will dem Betrachtenden den „guten Tod“ bewusst machen: Ein Priester reicht einem Sterbenden die hl. Kommunion, das „Brot des Lebens“, als „Wegzehrung“ für seine letzte Reise. – Die Monstranz auf dem Deckenfresko weist darauf hin, dass 1719 in Ottendichl eine „Bruderschaft der immerwährenden Anbetung“ gegründet wurde. Eine Bruderschaft (eine Art religiöser Verein) war eine Solidargemeinschaft, deren Aufgabe es war, für das Heil der lebenden und verstorbenen Mitglieder zu beten und Sterbebegleitung zu leisten.
Der barocke Hochaltar
Der Hochaltar, ein wohl um 1700 entstandenes und um 1725 marmoriertes Schreinerwerk, lehnt sich an die römische Triumphbogen-Architektur an, um auszudrücken, dass die darunter abgebildeten Heiligen Teil der triumphierenden Kirche im Himmelreich sind. Das 1847 von Franz Auth gemalte Altargemälde zeigt, wie Martin (316/317-397) als Offizier der römischen Armee hoch zu Ross für einen frierenden Bettler seinen Mantel mit dem Schwert teilt und so zum Vorbild für Nächstenliebe und Barmherzigkeit wird.
Unter den seitlichen Bögen des Hochaltars befinden sich zwei vollplastische Figuren, die als Helfer der Sterbenden angerufen wurden: Links: St. Sebastian (Pestpatron sowie Nebenpatron der Kirche), um 1700 entstanden. Rechts: St. Christophorus („Christusträger“), Anfang 16. Jahrhundert, besonders eindrucksvoll, möglicherweise aus der Werkstatt des Meisters von Rabenden. – Die zwei gedrehten Säulen am Hochaltar zitieren sozusagen den Hochaltarbaldachin der Peterskirche in Rom.
Der linke Seitenaltar, um 1700
Die Seitenaltäre (um 1700, um 1725 marmoriert) wollen durch ihre leichte Schrägstellung den Blick auf den Hochaltar lenken. Der linke Seitenaltar ist der Verehrung Mariens gewidmet. In seiner Mittelnische steht eine schlanke, für das späte 19. Jahrhundert typische Statue der Gottesmutter Maria als Himmelskönigin, über der die Taube des Hl. Geistes schwebt. Die beiden Seitenfiguren, barocke Schnitzwerke aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, stellen den Apostel Jakobus (den Älteren) mit Pilgermantel und Pilgerstab dar sowie die Märtyrin Katharina von Alexandrien mit dem zerbrochenen Marterrad. – Im Zentrum des rechten Seitenaltars ist auf einem Gemälde A. Wiehrs von 1902 St. Florian als Beistand in Feuersgefahr abgebildet. Die barocken Seitenfiguren: Franziskus von Assisi und Antonius von Padua. Auf der Leuchterbank: Barockstatuette des Papstes Silvester (Viehpatron). Im sogenannten Altarauszug über dem Gemälde: Barockbüste des auferstandenen Christus.
Spätgotisches Kruzifix im Altarraum
Die Kanzel (1712) erhält ihr Gepränge durch Stuckdraperie und Stuckengel, die scheinbar den Schalldeckel halten.
Am Wandpfeiler gegenüber ist ein Holzkruzifix (um 1720) angebracht, unter dem Maria als „Mater dolorosa“, als vom Schmerz bis ins Herz getroffene Mutter, händeringend mit ihrem sterbenden Sohn Jesus mitleidet. – Die eichenen Kirchenbänke weisen Wangen im Rokokostil auf. An der Brüstung der von zwei Holzsäulen gestützten Orgelempore sind neun der insgesamt 14 Kreuzwegstationen eines spätnazarenischen Malers von 1853 zu sehen.
1991 baute Anton Staller, Grafing, in das klassizistische Gehäuse (ca. 1795) eine neue Orgel (mechanische Traktur, Schleifladen) mit 814 Pfeifen und 12 Registern, sowie mit zwei Manualen und Pedal.
Sehenswert ist im Altarraum, Südwand, noch ein spätgotisches Kruzifix (um 1520) und neben der Sakristeitüre eine 180 kg schwere spätgotische Glocke, die laut Umschrift 1475 von dem berühmten Münchner Glocken- und Geschützgießer Ulrich von Rosen gegossen wurde.