Herzlich willkommen in der Stadtkirche Wasserburg!

Stadtkirche Wasserburg
Kirchhofplatz 5  
83512 Wasserburg a. Inn
Telefon 08071 / 91940
E-Mail: st-jakob.wasserburg@ebmuc.de
Überschrift
An der Schräge zwischen der Ost- und Südostfassade des Chors der Wasserburger Stadtpfarrkirche, der einzigen Stelle, die beim Zugang zur Kirche vom Hauptplatz der Stadt aus gut einsehbar ist, befindet sich ein monumentales spätgotisches Wandgemälde mit der Darstellung eines sogenannten „Lebenden Kreuzes “, früher auch „Lebensbaum“, heute zum Teil auch „Handelndes Kreuz“ genannt. Der Begriff des „Lebenden Kreuzes“ für den Bildtypus wurde erst 1844 geprägt. Zeitgenössische Bezeichnungen sind bis heute nicht bekannt geworden.
 
Was macht ein „Lebendes Kreuz“ aus? Es zeigt Christus an einem Kreuz mit handelnden Armen an seinen Enden, die die Auswirkungen seiner Erlösungstat illustrieren und weiter ausführen: das Ende des Alten Bundes und der Anfang der Kirche werden durch eine segnende Hand am rechten Ende des Querbalkens (von Christus aus) mit Bildern des Neuen Testaments, der Kirche und des Guten auf dieser Seite und durch eine strafende Hand mit Bildern des Alten Testaments, des Judentums und des Bösen auf der linken Seite dargestellt. Am oberen Ende des Längsbalkens kann eine dritte Hand dargestellt sein, die den Himmel aufschließt, am unteren Ende eine vierte, die den Tod erschlägt, das Tor zur Hölle öffnet oder den Urvater Adam aus derselben zieht: sie bedeuten die Überwindung des Todes und das ewige Leben für die Gläubigen.
Das Wasserburger Bild mit einer Höhe von etwa 12 und einer Breite von fast 4,5 m ist aufgrund von durchgreifenden Renovierungen bzw. Neuausführungen in den Jahren 1864, 1929, 1957 und 1976 im Wesentlichen nur noch inhaltlich von Interesse, eine Bewertung von Stil und Qualität der ursprünglichen Malerei ist kaum mehr möglich. Sie kann nur allgemein in die Jahrzehnte ab der Errichtung des Chors der Kirche von 1446 bis 1452 datiert werden, also in die 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die zahlreichen erläuternden und ausschmückenden lateinischen Inschriften sind zu großen Teilen modern und können überwiegend nicht mehr sicher rekonstruiert werden.
 
Das Bild zeigt den gekreuzigten Christus, überfangen von Gottvater und der Taube des Heiligen Geistes inmitten von Engeln. Die „gute“, von Christus aus gesehen rechte Seite unter dem Kreuz wird von der Hand am Ende des waagrechten Kreuzbalkens gesegnet, auf der linken, „schlechten“ Seite fährt vom Kreuzarm eine strafende Hand mit einem Schwert hernieder.
Detail Jesus
Darunter entsprechen sich von oben nach unten in Gegensatzpaaren:
Ecclesia, eine Frauenfigur als Sinnbild der Kirche – als Braut Christi –, mit Krone und Kreuzstab, die mit einem Kelch das Blut Christi aus seiner Seitenwunde auffängt. Sie reitet auf einem sogenannten Tetramorph, einem Symbol der vier Evangelisten in Gestalt eines vierbeinigen Tieres mit vier Köpfen (respektive Köpfen und Vorderbeinen) in Gestalt der Evangelistensymbole, Adler, Löwe, Stier und Mensch bzw. Engel.
 
Die Krone bedeutet Macht, der Kreuzstab Sieg. Der Kelch mit dem Blut Christi verweist auf die Eucharistie und die Verwandlung seines Blutes in Wein in der Messfeier. Der Tetramorph schließlich bedeutet das Neue Testament (die vier Evangelien der vier Evangelisten), als Fundament der Kirche, und seine Verbreitung in der ganzen Welt.
 
Gegenübergestellt ist Synagoge, eine Frauengestalt als Symbol des Judentums, mit einem gelben Kleid, verbundenen Augen und stürzender Krone, mit einer zerbrochenen Lanze und dem abgehackten Kopf eines Geißbocks in den Händen. Sie sitzt auf einem zusammengebrochenen Esel.
 
Im Gegensatz zu Ecclesia, der Braut Christi, ist Synagoge wegen der Ablehnung des Christentums durch die Juden als „Ehebrecherin“ aufgefasst. Das gelbe Kleid ist als Schandkleid zu deuten, wie etwa die gelbe Gewandung des Verräters Judas. Die Augenbinde symbolisiert die Verstocktheit der Juden, die die Erlösung durch Christus nicht erkennen wollen. Die stürzende Krone und die zerbrochene Lanze stellen die Niederlage des Judentums und der Herrschaft des Alten Testaments dar. Der Bockskopf spielt auf die Sünde der Fleischeslust und auf den unfreiwilligen Sündenbock des Alten Testaments im Gegensatz zum freiwilligen Opfer Jesu an. Der Esel ist ein Symbol der Geilheit und des Ehebruchs.
 
Darunter folgen in Gegenüberstellung ein sogenannter Hostienbaum (ein Baum mit Hostien als Früchten) als Symbol des Lebens und der Baum der Erkenntnis (der Apfelbaum im Paradies) als Symbol der Erbsünde und des Todes.
 
Unter den beiden Bäumen stehen sich eine Schutzmantel-Maria, die modern zu einem Bischof verfälscht ist, und die Urmutter Eva gegenüber. Bei den Betenden unter dem Mantel Mariä handelt es sich zumindest teilweise um die Stifter des Bildes, Patrizier oder Adelige, denen drei Wappenschilde beigegeben sind.
 
Maria, die „neue Eva“, hebt durch das ursprünglich dargestellte Pflücken der Hostien und deren Weitergabe an die Gläubigen die Erbsünde Evas auf.
Detail Eva
Am unteren Ende schließlich steht der auferstandene Christus mit der Siegesfahne zwischen den Geretteten und den Verdammten des Jüngsten Gerichts. Dieser Bereich ist durch die Restaurierungen wohl ebenfalls verfälscht: rechts ist ursprünglich die Vorhölle, der sogenannte Limbus zu vermuten, aus der Christus die Vorväter befreit.
 
Seitlich wird das Bild von zwei Streifen mit 16 Büsten alttestamentarischer Figuren, Evangelisten, Apostel und Kirchenväter eingefasst, die einen Teil der Inschriften präsentieren, unten durch eine Inschrift des 18. Jahrhunderts oder von der Restaurierung 1864 mit einer kurzen Erläuterung des Bildes. 1976 wurde in dieser der Passus „während das blinde Judentum verstoßen wird“ als problematisch erkannt und überstrichen.
 
Bereits auf den ersten Blick fällt in der Gegenüberstellung von Ecclesia und Synagoge eine offensichtlich negative Darstellung letzterer und damit des Judentums auf. Das Kreuz ist jedenfalls auch kosmologisch zu sehen, als zusammen mit Christus die gesamte Welt umspannend, außerdem als Verweis auf das Weltgericht. Eine Hand mit Schlüssel am oberen Ende ist aufgrund des gedrängten Raumes in Wasserburg wohl auszuschließen, ein Hammer am unteren Ende könnte dagegen ursprünglich vorhanden gewesen sein.
 
Zur Entstehungsgeschichte des Bildmotivs
 
Eine direkte Textvorlage für das Bildmotiv des „Lebenden Kreuzes“ ist bisher nicht bekannt geworden.
Die Entstehung des Motivs ist vielleicht noch im späteren 14. Jahrhundert anzusetzen. Man kann dafür folgende Hintergründe annehmen:
 
- Die feindselige Haltung dem Judentum gegenüber im Allgemeinen, vor allem ab der Zeit der Kreuzzüge, nach der Pest und anderen Heimsuchungen im mittleren 14. Jahrhunderts, als deren Verursacher die Juden verdächtigt wurden.
 
- Die machtvoll aufblühende eucharistische Frömmigkeit mit immer mehr liturgischen Ritualen und neuen Bildinhalten. Entscheidend sind hier das Dogma der Realpräsenz Christi in dem zu seinem Blut und Leib gewordenen Wein und der Hostie nach der Wandlung (Transsubstantiation), die seit Beginn des 13. Jahrhunderts einsetzende Elevation (Erhebung) der Hostie nach der Wandlung als Höhepunkt der Messfeier und als gleichrangig mit dieser und der Kommunion und schließlich der Glaube an die Wundertätigkeit der Hostie.
 
- Die in dieser Zeit stark zunehmenden Legenden von Hostienfreveln, nach denen Juden Christus in der Gestalt der Hostie erneut misshandelt und zu töten versucht haben sollten.
Damit wurde der jahrhundertealte antijüdische Vorwurf des „Gottesmordes“ aufgegriffen und zum Auslöser juden-feindlicher Pogrome. Im „Lebenden Kreuz“, das das Judentum bestraft, kann man eine polemische Reaktion auf solche Legenden sehen. Dafür könnte auch eine auffällige geographische Korrelation der überlieferten Hostienfrevellegenden und der erhaltenen „Lebenden Kreuze“ vor allem in Polen und Oberitalien sowie im Gebiet des Heiligen Römischen Reiches sprechen.
 
- Die antischismatische und antihäretische Propaganda zur Zeit des großen Schismas (der großen Kirchenspaltung 1378–1415). Im Bild des „Lebenden Kreuzes“ kann man nicht nur Propaganda gegen die Juden, sondern auch ein Manifest gegen jegliche religiöse Abweichung sehen, insbesondere etwa gegen Jan Hus und die nach seiner Verbrennung 1415 entstandene Hussitenbewegung. Die Juden wurden des Öfteren fälschlicherweise der Unterstützung der Häretiker (Ketzer), der innerkirchlichen Abweichler, bezichtigt. Das „Lebende Kreuz“ könnte somit auch als Sinnbild und Propaganda des Endes der Kirchenspaltung im Konzil von Konstanz 1414–1418 aufzufassen sein, in dem, wie bereits im Frühchristentum, die Identität und Einigkeit des Christentums durch das Feindbild Judentum betont wird.
Weitere Beispiele des Bildmotivs
 
Die ältesten Beispiele des Bildtypus finden sich am Anfang des 15. Jahrhunderts in Form eines Wandbildes in Lindar in Istrien, zweier deutscher Tafelbilder und des Freskos von Giovanni da Modena in der Capella dei Dieci in St. Petronio in Bologna sowie eines Wandbildes in St. Johannes Baptist in Landasberg im Landkreis Straubing-Bogen und des Tympanonreliefs von 1432 am Turmportal von St. Martin in Landshut. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts werden insgesamt lediglich 14 Werke gezählt. Die Bildidee kommt noch bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts vor, einschließlich zweier russischer Bilder sind für das 16. und 17. Jahrhundert insgesamt 17 Werke bekannt.
 
Zum Vergleich mit dem Wasserburger Bild bietet sich in erster Linie ein nahezu zeitgleiches Wandbild von Thomas von Villach in St. Andrä in Thörl-Maglern bei Tarvis in Kärnten aus der Zeit um 1470–1475 (damals Hochstift Bamberg) an, das von den Bildelementen her als weitgehend identisch erscheint und ebenfalls zahlreiche erläuternde lateinische Inschriften enthält.
 
In Thörl finden sich am Kreuz alle vier handelnde Kreuzarme, die jeweils durch Kreuznimben auf Christus selbst bezogen sind, die Gegenüberstellungen von Ecclesia und Synagoge, von Hostienbaum und Paradiesbaum, von Schutzmantel-Maria und Eva. Im untersten Teil ist der Sieg Christi über den Tod in Form der Höllenfahrt dargestellt, mit Christus mit der Siegesfahne im rechten Bildteil und den drei theologischen Tugenden Caritas, Spes und Fides (Liebe, Hoffnung, Glaube) im linken.
Lebensbaum an der St. Jakobskirche
Der Himmel, von einem Wolkenband von den vorgenannten Darstellungen geschieden, nimmt hier mehr als die halbe Höhe des Bildes ein und zeigt von unten nach oben die Mauer und das Tor des himmlischen Jerusalems, den Erzengel Michael als Seelenwäger und darüber den thronenden Gottvater mit der Taube des Heiligen Geistes. Im Hintergrund sind die neun Engelschöre zu erkennen. Unter und neben dem Bild ist in Thörl ein Passionszyklus mit 19 Bildern vom Einzug in Jerusalem bis Pfingsten dargestellt, als dessen zentrales Bild der Kreuzigung das „Lebende Kreuz“ zudem fungiert.
 
Ähnlich gut vergleichbar erscheint ein deutscher Einblattholzschnitt aus dem bayrisch-österreichischen Raum in Pavia aus der Zeit um 1465. Die obere Kreuzhand fehlt, wie in Wasserburg. Es finden sich ebenfalls zahlreiche Inschriften, jedoch in Deutsch.
 
Ebenfalls gut vergleichbar (ohne obere Kreuzhand; Spruchbänder hier leer) erscheint ein Graduale in München von 1494–1497, das damit wohl bereits etwas jünger als das Wasserburger Gemälde ist.
Vergleichsbeispiele für rahmende Bänder mit Propheten etc. finden sich auf einer venezianischen Tafel in Venedig, Anfang 15. Jahrhundert, und auf einer Tafel des G. d‘Alamagna oder A. Vivarini in Prag, um 1450 (hier ist nur die untere Kreuzhand vorhanden).
 
Zur Situation der Juden in Süddeutschland vor und zur Zeit des Wasserburger Bildes
 
Juden werden in Regensburg erstmals am Ende des 10. Jahrhunderts (981) erwähnt, im bayerischen Raum ansonsten im frühen 13. Jahrhundert, in Landshut 1204, in Passau 1210 und in München 1229. Bereits zu dieser Zeit waren sie – infolge ihrer internationalen Verbindungen, aber auch aufgrund aufgezwungener Einschränkungen in der Berufsausübung – in erster Linie als (Fernhandels-)Kaufleute und zunehmend als Geldverleiher tätig, für breite Bevölkerungskreise vom Hochadel und Klerus bis hinab zu Handwerkern und Bauern. Eben diese Tätigkeitsbereiche machten ihre Ansiedelung für die jeweiligen Landesherren zur Förderung der Wirtschaft und damit der eigenen Einnahmen äußerst interessant. Die Juden unterstanden prinzipiell unmittelbar dem Kaiser oder König, der ihnen im Gegenzug für ihre Abgaben Schutz versprach. Jedoch wurden sie häufig zusammen mit ihren Abgaben von diesen an ihre Gläubiger aus Adel, Klerus und Bürgertum verpfändet, wodurch der Judenschutz des Kaisers oder Königs deutlich abgeschwächt wurde.
 
Ein erster Pogrom an Juden im Deutschen Reich, von dem auch Regensburg betroffen war, ist für 1096 überliefert, in Verbindung mit dem ersten Kreuzzug, als Kampf gegen „die Glaubensfeinde“ bereits im eigenen Land.
 
In Verbindung mit dem zweiten Kreuzzug kam es 1147 in Würzburg zu einem weiteren Pogrom, für dessen Begründung jetzt erstmals den Juden ein Ritualmord angelastet wurde.
Nach 150 Jahren ohne größere Verfolgungen betraf 1298 ein Pogrom 146 Orte in Franken. Als Auslöser wurde ein Hostienfrevel behauptet.
 
Etwa 40 Jahre später, 1336–1338, waren u. a. Franken und Niederbayern (Deggendorf) von einem Pogrom betroffen. Wieder wurden Hostienfrevel behauptet, in Deggendorf, wo zudem von einer Heuschreckenplage berichtet wird, ist von einer planvollen „Entschuldung“ von den jüdischen Gläubigern unter diesem Vorwand durch deren Ermordung auszugehen.
 
Dasselbe trifft auf die sogenannten „Pest-Pogrome“ von 1348–1350 zu, wo jetzt den Juden Brunnenvergiftung als Auslöser der Pest unterstellt wurde, die jedoch im süddeutschen Raum gar nicht auftrat. Betroffen waren u. a. Ingolstadt, im Herzogtum Niederbayern Landshut, Straubing, Burghausen und Wasserburg und im Herzogtum Oberbayern Landsberg, Weilheim, Aichach und Rain am Lech. Tatsächlich stand jedoch auch hier die „Entschuldung“ und die Bereicherung an jüdischem Besitz vor allem durch die Machtträger im Vordergrund, wobei der fehlende Schutz der Juden durch die gleichzeitigen Kämpfe um den Königsthron ausgenutzt wurden und der neue Kaiser Karl IV. selbst aktiv den Raub des jüdischen Besitzes unterstützte, um seine eigene politische Agenda durchzusetzen.
 
Danach kam es bald zu Wiederansiedlungen, vor allem wegen der unverzichtbaren Rolle der Juden im Finanzsektor, jedoch lebten jetzt offenbar deutlich weniger Juden in Ober- und Niederbayern.
 
1385 und 1390 dekretierte König Wenzel umfangreiche Erlasse von Schulden der Reichsstädte und Fürsten bei jüdischen Geldgebern, die diese an den Rand der Existenz brachten. Im selben Jahr begann mit der Oberpfalz die Ausweisung der Juden im süddeutschen Raum. In der Folgezeit nahm insbesondere die Vergabe von Großkrediten stark ab. Parallel dazu nahmen die Restriktionen für Juden stetig zu, begleitet von wiederholten Vorwürfen des Ritualmordes und Hostienfrevels. Ab den 1430er Jahren wurden die Juden zum Tragen von Abzeichen (gelber Ring für Männer, Kopftuch mit zwei blauen Streifen für Frauen) gezwungen, da sie angeblich aufgrund ihrer Kleidung leicht mit Geistlichen verwechselt und damit – als „Feinde der wahren Religion“ – von Christen auch noch ehrerbietig gegrüßt würden. Im späten 15. Jahrhundert wurden schließlich vielerorts die Zinsen stark vermindert bzw. ganz verboten und damit dem jüdischen Geldverleih die Grundlage entzogen.
 
Ab 1430/40 begann dann mit Augsburg, Memmingen und Lindau die große spätmittelalterliche Ausweisungswelle, immer verbunden mit Gewalt und Raub am Eigentum der Juden. Neben den religiös motivierten Anfeindungen und der Funktion als Sündenböcken bei Missernten, wirtschaftlichem Niedergang etc. dürfte bei den Ausweisungen auch eine Rolle gespielt haben, dass bei den Juden aufgrund der früheren Beutezüge auf Dauer immer weniger zu holen war. 1442 fand unter Herzog Albrecht III. die Ausweisung aus dem Herzogtum Bayern-München und Straubing statt, 1445 aus dem Bistum Eichstätt, 1450 unter Herzog Ludwig IX. aus dem Herzogtum Bayern-Landshut und schließlich 1478 aus dem Bistum Passau.
Zur Zeit der Entstehung des Wasserburger Wandbildes bestanden somit im näheren Umkreis – zumindest als feste Ansiedlung – nur noch die jüdischen Gemeinden in Salzburg, Nürnberg und Regensburg, die erst 1498/99 bzw. 1519 vertrieben wurden.
 
Resümee
 
Wiewohl Fremdenfeindlichkeit keiner Anwesenheit von Fremden und Judenfeindlichkeit keiner Anwesenheit von Juden bedarf, ist doch festzuhalten, dass das Wasserburger Bild entstand, als (wenn man von der traditionellen Datierung etwa um 1470 ausgeht) bereits seit etwa einer Generation keine Juden mehr in Wasserburg lebten.
 
Das Bild ist wohl allgemein als Machtdemonstration der Kirche zu sehen, in der allein das Heil liegt und die über ihre Gegner triumphiert, hier auch ganz konkret über die Juden, die wenig zuvor das Land verlassen mussten. Natürlich muss die Darstellung der Synagoge als herabwürdigend und judenfeindlich-antisemitisch verstanden werden, vor allem auch das Schwert, das auf sie niederfährt. Die literarische Prägung der darin verbildlichten Antijudaismen erfolgte bereits in frühchristlicher Zeit, im Bemühen um Identitätsfindung in Abgrenzung zum Judentum.
 
Bemerkenswert erscheint die plastische Ausführung des Kelches mit dem Blut Christi, die eine besondere Betonung der Eucharistie darzustellen scheint und an eine ursprüngliche Vergoldung des Kelches (vielleicht als einziges Element des Bildes) denken und auch eine ursprüngliche plastische Ausführung des Blutes für möglich erscheinen lässt.
 
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) hat sich die katholische Kirche von ihrem antijüdischen Erbe unwiderruflich distanziert: Sie verurteilt seitdem jede Form der Judenfeindschaft und vertritt heute eine Haltung der Wertschätzung gegenüber dem Judentum und dem jüdischen Volk. Diese neue Haltung drückt sich aus in der theologischen Anerkennung des ungekündigten Bundes Gottes mit dem Volk Israel, im Dialog und in der praktischen Zusammenarbeit.
 
Literaturhinweise:
Robert L. Füglister: Das lebende Kreuz. Ikonographisch-ikonologische Untersuchung der Herkunft und Entwicklung einer spätmittelalterlichen Bildidee und ihrer Verwurzelung im Wort, Einsiedeln/Zürich/Köln 1964.
 
Theodor Feulner: Der sogenannte ‚Lebensbaum‘ an der Außenwand des Chores von St. Jakob in Wasserburg a. Inn, in: Heimat am Inn 2 (1981), S. 7–75.
Wolfgang Vogl: Die Entstehung des Lebenden Kreuzes und die spätgotischen Wandmalereien in Landasberg, in: Mitterfelser Magazin 14 (2008), S. 21–33.
 
Rolf Kießling: Jüdische Geschichte in Bayern. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Berlin/Boston 2019.
 
Bildernachweis: EOM (Fotograf: Dr. Thomas Splett)