Wenn aus Weniger Mehr wirdEs fällt uns wohl allen sehr schwer, etwas los zu lassen, von dem wir meinen, dass wir es unbedingt brauchen. Etwas, was uns dermaßen vertraut geworden ist, dass wir meinen, die Welt würde untergehen, wenn wir es nicht mehr hätten. Die Hand zu öffnen, etwas herzugeben, ist eines der schwierigsten Dinge im Leben. Wir können uns irgendwann einfach nicht mehr vorstellen, dass ein Weniger zu einem Mehr, eine Leere zu einer Fülle, ein Fasten zu einer Bereicherung führen kann. Und dass ein Loslassen uns beim Festhalten sogar noch unterstützt.
Neues entsteht
Die Natur kann uns an diese Weisheit erinnern: In den herrlichen Tropfsteinhöhlen muss am Anfang erst einmal etwas leer werden, es müssen durch unterirdische Flüsse riesige Höhlen ausgewaschen, muss Platz geschaffen werden für Neues. In diese Leere hinein kann nun der Tropfstein allmählich wachsen, ganz langsam, ganz leise, wenn kalkhaltiges Wasser von oben durch die Höhlendecke tropft, verdampft und dabei Rückstände bildet, dann entsteht mit unendlicher Geduld ein neues gigantisches Steingebilde. Ja, es ist wahr: „Steter Tropfen höhlt den Stein“. Aber genauso wahr ist es: „Steter Tropfen wölbt den Stein“. In die Leere tropft eine Fülle. Das „Leer-Sein“ und das „Erfüllt-Werden“ bilden so ein kreatives Ganzes. Es ist wie ein Stein gewordenes Gleichnis für unser Leben. Denn auch hier kann oft nur etwas Neues entstehen, wenn Altes endlich beiseite geräumt wurde. Auch hier können nur Ende und Neuanfang, die Lebenskrise und die Lebenschance, Trauer und Glück den Tropfstein unseres Lebens wachsen lassen.
Es gibt viele Möglichkeiten, die uns die Fastenzeit bietet mit ihrem Angebot des freiwilligen, bewussten Leerwerdens – eine Voraussetzung, dass so manch andere leer gewordene Kammer unserer Seele wieder gefüllt oder weiter aufgefüllt werden kann. Das muss nicht immer das Thema weniger essen, trinken, rauchen, kaufen, usw ... betreffen.
Gewohntes radikal hinterfragen
Da gäbe es die Möglichkeit, sich von der Art zu lösen, wie wir oft Entscheidungen aufschieben. Statt jahrelang zwischen Alternativen zu schwanken und in endlosen „Ja, aber…“-Schleifen zu hängen, sollten wir die gewohnte Fragestellung radikal hinterfragen. Vielleicht müsste die eigentliche Frage lauten: Will ich erwachsen werden und Verantwortung übernehmen – ja oder nein? Will ich mich meinen Problemen stellen, etwa meiner Sucht, Aggression oder Unehrlichkeit – ja oder nein? Viele andere Entscheidungen würden sich dadurch deutlich erleichtern oder sogar von selbst lösen. Jesus weigerte sich jedenfalls, das alte Spiel mitzumachen: „Sollen wir die Frau steinigen, ja oder nein?“, wurde er gefragt. Er fragte viel radikaler zurück: „Wer von euch so genannten ‚Schuldlosen‘ will denn den ersten Stein werfen?“
Stanislaus Klemm, Dipl. Psychologe und Theologe, In: Pfarrbriefservice.de