Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Christlichen Glauben in einem atheistischen Umfeld vertiefen

Wortlaut der Kolumne

Kulturfrage
Tremmel
Ein schönes Fronleichnamsfest! Dieser Wunsch hört sich für sächsische Ohren ziemlich befremdlich an. Ostern und Weihnachten kennen die meisten, auch wenn ca. 80 Prozent der „Normalen“, wie sich die Konfessionslosen in den nicht mehr wirklich neuen Bundesländern nennen, keine christlichen Feste als solche feiern. Rund um diese Ereignisse haben sie frei und das wird durchaus goutiert. Auch für viele Nichtchristen ist die Weihnachtszeit schön und die Ferien sowieso. Selbstverständlich gehören Geschenke, Glühwein auf den Weihnachtsmärkten, Rentierdeko in den Vorgärten, Weihnachtslieder in den Kaufhäusern und die winterliche Straßenbeleuchtung zur gesamtdeutschen Kultur.
Ostern ist ebenfalls so eine nette Zeit, die mit Osterhasen und bunten Eiern ins Auge sticht, die ein schönes langes Wochenende beschert und die wegen des seltsam stillen Karfreitags bei manchen Partygängern bisweilen durchaus auch Unmut hervorruft. Der eigentliche Sinn des Festes bleibt ihnen weitgehend verborgen. Aber machen wir uns nichts vor, auch in den westlichen und südlichen Bundesländern wissen bei weitem nicht alle in Fußgängerzonen Befragte, was da eigentlich gefeiert wird. Und selbst getaufte Christen tun sich mit Erklärungen schwer, wenn die Erinnerungen an die Erstkommunion, die Firmung und den Religionsunterricht bereits verblasst sind.
Um wieviel schwieriger ist es, Pfingsten einzuordnen. Denn hier hat der Kommerz keine Wiedererkennungszeichen parat. Keine Schokotauben im Regal und keine speziellen Lieder im Radio machen klar, dass es nun ein weiteres christliches Fest zu feiern gilt, das 50 Tage nach Ostern begangen wird, eingerahmt von Christi Himmelfahrt und Fronleichnam, 10 Tage davor bzw. danach. Alles verwirrend und für viele nahezu unbekannt. Worum geht es da wieder? Am besten wir fragen nach bei den Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes oder ihren politischen Partnern, der Alternative für Deutschland, die in ihrem Grundsatzprogramm die „jüdisch-christlichen und humanistischen Grundlagen unserer Kultur“ gegen islamische Glaubenspraxis verteidigen. Eigentlich müssten die doch wissen, an welche Kernbotschaften die christlichen Feste erinnern. Bei genauerer Beschäftigung stellen wir aber sehr schnell fest, dass bei ihnen und ihren Parolen letztlich nichts Christliches dahinter steckt.
Wesentlich geistreicher sind dagegen die Diözesanräte in Sachsen, die uns mit einer solchen Liebenswürdigkeit zum 100. Katholikentag nach Leipzig eingeladen haben, dass wir uns auf ihre Gastfreundschaft schon heute freuen dürfen. Sie wollen uns eine andere Seite ihres Landes zeigen, die nicht von Fremdenfeindlichkeit, Ressentiments und Krawallen gekennzeichnet ist. Es wird ein spirituelles, intellektuelles und kulturelles Erlebnis für alle werden. Das Programm verspricht ernsthafte Diskussionen über wichtige kirchliche und gesellschaftspolitische Themen, sowie zahlreiche Möglichkeiten für nette zwischenmenschliche Begegnungen. Die beglückende Erfahrung, auf Gott und seine Heilsbotschaft angesprochen zu werden, kann uns als Gemeinschaft im Glauben ebenso passieren wie die Vertiefung eigener Glaubensüberzeugungen in einem vermeintlich atheistischen, aber interessierten Umfeld.
Mit Jesus Christus selber am Fronleichnamsfest durch Leipzig zu gehen, wird richtig spannend werden. Denn statt einer Demonstration gegen wird es eine Prozession für jemanden sein. Das ist gelebte christliche Kultur.

[Gebet für den Katholikentag in Leipzig]

Die Kolumne von Hans Tremmel ist in der Münchner Kirchenzeitung vom 15. Mai 2016 erschienen.