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Pfarrverband Tegernsee-Egern-Kreuth
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Heiliger Abstand - Der Tegernseer „Pestlöffel“

Jahr und Tag liegt er wohlverschlossen im Tresor der Sakristei. Nur die jeweiligen Erstkommunionkinder bekommen ihn einmal gezeigt. Unter den außergewöhnlichen Umständen der Gegenwart aber ist der über 300 Jahre alte Tegernseer Kirchenschatz wieder unerwartet aktuell.
Denn „Abstand halten“ ist das Gebot der Stunde, bekanntlich auch im Gottesdienst und sogar im besonders intimen Moment des Kommunionempfangs. Das Hygienekonzept des Erzbistums sagt dazu: Der Priester „reicht den Gläubigen unter Wahrung des für eine würdige Form der Kommunionspendung größtmöglichen Abstands zur/zum Kommunikantin/en und ohne direkten Kontakt die Heilige Kommunion“.
Auch als die Wissenschaft Viren und Bakterien als Infektionsauslöser noch nicht kannte, wusste man doch schon, dass man bei bestimmten Krankheiten Abstand voneinander halten muss, um sich nicht anzustecken. Gleichwohl sollten natürlich gerade die gefährlich Erkrankten die Sakramente und insbesondere die Kommunion nicht entbehren müssen. Kürzlich waren in der Presse Fotos zu sehen, mit welchen Schutzausrüstungen die speziell beauftragten Krankenseelsorger heute ausgestattet werden, um sich nicht selbst zu gefährden. So etwas stand früher nicht einmal ansatzweise zur Verfügung.
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Wie man die Geistlichen mit den Mitteln der Zeit zu schützen suchte, zeigt der Tegernseer „Pestlöffel“. Es handelt sich um einen zusammenlegbaren Silberlöffel, der bei Bedarf auseinandergeklappt und mittels eines einfachen Schiebers arretiert werden kann. Dann ist er 56,5 cm lang. Auf das vergoldete flache Schäufelchen am vorderen Ende kann man eine Hostie legen und sie dann dem Erkrankten einigermaßen sicher reichen.
Die Marken am Griff zeigen das Münchner Kindl und die Buchstaben FK. Sie verraten: Dieser besondere (wenn auch schmucklose) Löffel entstand in München, in der Werkstatt des bekannten Meisters Franz Keßler (+ 1717), von dem die Tegernseer Sakristei auch noch einen schönen Kelch besitzt. Weil Keßler seine Werkstatt 1664 eröffnete, ist klar, dass der Löffel erst Jahrzehnte nach der großen Pestepidemie von 1634 angefertigt wurde, die im Tegernseer Tal zahlreiche Opfer gefordert hatte. Doch gefährliche Seuchen und ansteckende Krankheiten gab es natürlich auch in späterer Zeit immer wieder, so dass es angezeigt schien, in der Pfarrei so ein Instrument zur Kommunionspendung zu besitzen.
Heute wirkt es wohl eher hygienisch bedenklich. Jedenfalls aber kann es auch für uns Heutige ein eindrucksvolles Zeugnis dafür sein, wie sehr man sich – mit den damaligen Möglichkeiten  – darum bemühte, auch schwer Erkrankten die geistliche Stärkung durch die Kommunion zu Teil werden zu lassen.
 
Roland Götz
 
PS: Angesichts der Corona-Pandemie findet der Tegernseer „Pestlöffel“, zu dem es nur sehr wenige Vergleichsstücke gibt, neue Aufmerksamkeit. Bisher war er nur einmal und das vor langer Zeit – beim Eucharistischen Weltkongress in München 1960 – in einer Ausstellung zu sehen. Jetzt hat die Münchner Kirchenzeitung über ihn berichtet (nachzulesen unter: https://mk-online.de/meldung/pestloeffel-und-seelentrost.html). Und auch das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt hat sein Interesse bekundet. Vielleicht ergibt sich in absehbarer Zeit eine Gelegenheit, dass ihn die Gläubigen vor Ort einmal im Original sehen können.