Pfarrei Herz Jesu München

Romanstr. 6, 80639 München, Telefon: 089-1306750, E-Mail: Herz-Jesu.Muenchen@ebmuc.de

„Der Mensch, der in diese Kirche kommt, findet nichts vor als den lebendigen Gott..." Herz-Jesu-Kirche

Verdeutlicht wird damit der theologische Standort der Marienverehrung. Die Gottesmutter ist nie isoliert zu sehen, sondern steht immer in Beziehung mit Christus. Sie weist uns den Weg zu IHM, wo wir ihn aus dem Auge verloren oder nicht mehr wahrzunehmen vermögen. Sehr schön bringt dies der Gestus des Verweisens zum Ausdruck: Die Gottesmutter zeigt uns die gebenedeite Frucht ihres Leibes, den menschgewordenen Gottessohn, der uns seinerseits Kunde bringt vom ewigen Vater. Der erwachsen wirkende Jesusknabe hält in seiner Linken eine Schriftrolle. ER ist das Wort Gottes, der Logos, der uns letztgültig offenbart, wohin der Weg des Menschen führen soll, nämlich in die bergende Nähe des gütigen Gottes.
 
 
Wesentlich schwieriger zu deuten sind die vierzehn Kreuzwegstationen, der dritte Bilderkomplex in Herz Jesu. Im Umgang zwischen der gläsernen und hölzernen Raumhülle sind in Leuchtbildkästen fotographische Aufnahmen der Via dolorosa in Jerusalem zu sehen: verschmierte Wände, Straßenhändler, gelangweilte Passanten, neugierige Touristen, Souvenirs, gedrängte Pilgermassen, sogenannte heilige Stätten also, wie sie sich als Touristenattraktion des Orients in ihrer krassen Banalität und stupiden Degeneration dem Besucher darbieten. Die Via dolorosa ist, abgesehen von den Stationen unmittelbar bei und in der Grabeskirche, keineswegs der historische Kreuzweg Jesu. Wo der verläuft, ist bis heute unter Archäologen und Exegeten umstritten. Die heutige Via dolorosa entstammt der franziskanischen Frömmigkeit aus dem 12./13. Jahrhundert und wird als solche seit Jahrhunderten in der Jerusalemer Altstadt von Pilgern verehrt und gebetet.
 
 
Der Künstler, Matthias Wähner, schreibt dazu: „Das vorliegende Kreuzweg-Projekt ist in zweierlei Hinsicht einzigartig: Meines Wissens gibt es keine vergleichbare Darstellung des Leidensweges, die so dezidiert auf das Abbild Jesu Christi verzichtet. Der klassische Kreuzweg zeigt das, was sich möglicherweise so, oder ähnlich ereignet hat. Der geplante Kreuzweg [sc.in Herz Jesu] zeigt das, was wir vorfinden, wenn wir uns am historischen Ort auf die Suche begeben. Er fordert unsere Vorstellungskraft, unser Abstraktionsvermögen und stellt so vielleicht auch eine Herausforderung an unseren Glauben.“5
 
 
Der Umgang zwischen der Glasfront und der Holzlamellenwand ist nicht nur anregend aufgrund der installierten Kreuzwegstationen. Er ist auch aufschlußreich im Hinblick auf das Wesen der Kirche als pilgerndes Gottesvolk. Der Weg führt um den Innenraum herum, kennt als solches kein Ziel und verweist so auf das bleibende Unterwegssein des Christen. Bei diesem Unterwegssein fehlt die abschottende, schützende und undurchdringliche Mauer. Durch die transparente Glasfassade bleibt sichtbar und wahrnehmbar, was in der Welt draußen vor sich geht. Die neue Herz-Jesu-Kirche gemahnt augenscheinlich an die wegweisenden Worte der Konzilsväter in der Pastoralkonstitution des II. Vaticanums: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände. Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die, in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist. Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden.“6 Jede Denkweise derart, in der Kirche ein heiliges Refugium zu erleben und die böse Welt draußen hinter sich zu lassen, verbietet sich. Kirche ereignet sich in der Auseinandersetzung mit der Welt, sie ist aber nicht von dieser Welt. Der Umgang in Herz Jesu konfrontiert mit dieser Spannung, läßt sie gelegentlich auch unangenehm spürbar werden, wenn Besucher während des Gottesdienstes unbehelligt die Kreuzwegstationen neugierig betrachten kommen.
 
 
Daß sich das Bildprogramm von Herz Jesu so dezent in den Hinter- bzw. Untergrund zurückzieht, verleitet zu der Annahme, es sei eine bilderlose Kirche. Für den Innenraum prima facie ist dies durchaus zutreffend und beabsichtigt. Die gesamte Raumaussage der Herz-Jesu-Kirche ist darauf ausgerichtet, die Feier der Liturgie hervorzuheben und zu unterstützen. Die Architektur und das Kunstprogramm der Kirche stehen ganz im Dienst der gottesdienstlichen Zeichen und Handlungen. Es gibt kein Bildprogramm, das ablenkt oder Zerstreuung böte. Licht und Wärme nehmen den Besucher in Empfang und lassen ihn eine Atmosphäre erleben, in der sich Gottesdienst mit dem Raum und getragen von ihm, aber nicht gegen den Raum feiern läßt. In unserer Zeit totaler Reizüberflutung, da es ungeheuer schwierig geworden ist, die Zeichenhandlungen der Liturgie in ihrer Fülle wahr- und aufzunehmen, schenkt der Raum dem liturgischen Geschehen seine volle Achtsamkeit. Was für die liturgischen Zeiten gilt, gilt ebenso für die liturgiefreien. Das Kircheninnere ist dank der Lichtfülle, der Geborgenheit und der Klarheit der Formen eine einzige Einladung, sich spirituell ergreifen und in die Tiefe führen zu lassen.
 
 
Was der Schriftsteller Alfred Döblin 1931 zur in diesem Punkt sicher artverwandten Aachener Fronleichnamskirche von Rudolf Schwarz geschrieben hat, gewinnt in München-Herz Jesu neue Aktualität: „Der Mensch, der in diese Kirche kommt, findet nichts vor als den lebendigen Gott - wenn er ihn sucht - und kein Bild soll ihm diesen Dienst erleichtern. Den Dienst soll er leisten.“
 
 (Texte: Pfarrer Hans Späth)
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