Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 16.12.2012

Zweite Chance

Endlich ist sie da, die Personalentscheidung, auf die viele Menschen nicht nur in Amerika hingefiebert haben. Der mächtigste Mann der Welt wurde bestätigt. Ein aberwitzig teurer Wahlkampf – von 5,8 Milliarden Dollar ist die Rede – hat die Gesellschaft in Nordamerika tief gespalten. Mit seiner zweiten Amtszeit muss Barack Obama nun zunächst und vor allem wieder herstellen, was die Nation im Namen trägt. Ihm muss die Vereinigung der Staaten Amerikas gelingen. Innenpolitisch stehen ihm gewaltige Aufgaben bevor. Damit nicht genug, er muss auch seinen Beitrag leisten, die verschiedenen Brandherde der Welt zu löschen und die globalen Krisen zu bewältigen. Noch vor dem ersten Tänzchen mit der First Lady vor vier Jahren hatte er ein Papier zur Aufhebung des für einen Rechtsstaat unwürdigen Gefängnisses in Guantanamo unterschrieben. Jetzt ist es höchste Zeit, dass dies wirklich geschieht. Er muss sich in dieser zweiten Legislaturperiode, die wir Deutsche ihm mehrheitlich von Herzen gönnen, seinen Friedensnobelpreis endlich verdienen, den er vom Nobelkomitee im vorauseilenden Enthusiasmus etwas vorschnell verliehen bekommen hat. Der Idealist musste bislang allzu häufig dem Realisten Tribut zollen.

Wie Obama geht es aber vielen. Es ist leichter, Friedensappelle in der Opposition zu formulieren, als beim Auslandseinsatz deutscher Soldaten in Regierungsverantwortung zu stehen. Es ist leichter, Steuersenkungen, höhere Entgelte für staatliche Leistungen oder bessere Bezahlungen für Erzieherinnen zu fordern, wenn man nicht für die Haushaltsdefizite Rechenschaft ablegen muss. Aber nicht nur Politiker kennen das Dilemma. In der Ausstellung des Erzbischöflichen Archivs zum Zweiten Vatikanum kann man sehr schön nachlesen, dass Konzilsberater idealistischer gedacht und argumentiert haben als später in Amt und Würden.

Aber machen wir uns nichts vor, es geht uns doch auf je eigene Weise fast allen so. Der junge Polizist, die Lehramtsanwärterin, der Kaplan – sie alle sind mit großen Idealen angetreten, ebenso die verliebten Brautleute vor dem Altar und die stolzen Eltern bei der Taufe ihres Kindes. Sie wollten alle nur das Beste. Der Alltag, die Realität, die Rahmenbedingungen, der äußere Zwang haben sie bald eingeholt.
Und wie sieht es bei uns aus? Wo sind unsere Ideale auf der Strecke geblieben? Bei der Beantwortung sollte der Frust über verpasste Gelegenheiten nicht obsiegen. Denn war es in der Rückschau nicht bisweilen auch ein Glück, wenn nicht alle unsere Ideale verwirklicht werden konnten? Wir brauchen beides: Augenmaß im Machbaren und Leidenschaft in den Visionen.

Vielleicht besinnen wir uns im Advent und nehmen uns für das neue Jahr vor, den Idealisten in uns mit dem Realisten wieder mehr zu versöhnen. Nicht nur Obama hat eine zweite Chance verdient.
Tremmel
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