Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Merkur vom 20.03.2013

Fluch und Segen

„Wasser marsch!“, ruft der Truppführer und schon füllen sich die Druckschläuche. Der Hydrant und der nahe Weiher liefern genügend Wasser, so dass der brennende Stadel rasch gelöscht und ein Übergreifen auf das Wohnhaus verhindert werden kann. Gut, dass wir hierzulande nicht nur hervorragend ausgebildete Feuerwehren haben, sondern auch genügend Wasser. Anders sah es im letzten Jahr in Australien und in südeuropäischen Ländern aus. Selbst große Löschflugzeuge konnten das nötige Wasser dort nicht in ausreichendem Maße heranschaffen, weshalb erheblicher Sachschaden entstand und zahlreiche Tiere und leider auch einige Menschen in den Flammen umkamen.
Wasser kann Leben retten, nicht nur bei Bränden. In Deutschland ist Wasser ein Lebensmittel, das meist erst durch erlebte Knappheit als wirklich wertvoll und wohltuend erachtet wird: im Sommer schweißgebadet im Stau stehend, bei der Bergtour den Weg unterschätzend oder wenn aufgrund von Reparaturarbeiten für ein paar Stunden die Zufuhr durch den Haupthahn abgesperrt ist. Sauberes Trinkwasser zu haben und schmutzige Abwässer entsorgt zu bekommen, sind für uns infrastrukturelle, staatliche bzw. kommunale Selbstverständlichkeiten, die wir uns gelegentlich auch mal bewusst machen und woran wir auch nicht rütteln sollten. Dankbar für Wasser zu sein, ist umso mehr angebracht, wenn wir überlegen, wo klimabedingte Dürren, Armut, Korruption, Kriege und kriminelle Energie lebensbedrohliche Wasserknappheit verursachen.
Auch das Gegenteil ist Realität – Wasser als Gefährdung für Hab und Gut und vor allem als drastische Bedrohung für das eigene Leben. Gigantische Flutwellen und katastrophale Überschwemmungen haben in den letzten Jahren hundertausende Menschen in Not, Tod und Elend gestürzt. Wenn man sich das gelegentlich vor Augen hält, dann relativiert sich schnell der Ärger über das ins Wasser gefallene Grillfest oder das verregnete Open-Air-Konzert.
Wasser kann Fluch und Segen bedeuten. Das richtige Maß wäre schön. Dies gilt nicht nur für unsere Einstellung zum Wasser, sondern für unser Leben insgesamt. Maßfinden und Maßhalten ist die Devise für gläubige Christen in der Zeit vor Ostern. Umkehr und Reinigung braucht bisweilen jeder Mensch, um frisch die Aufgaben angehen zu können, die einem gestellt werden. Wir Christen spüren, dass wir den Weg nicht alleine gehen müssen, weil wir trotz aller Unterschiede miteinander als Glaubensgemeinschaft unterwegs sind und Gott an unserer Seite wissen. Als Zeichen dafür tauchen wir unseren Finger am Kirchenportal ein, benetzen unsere Stirn und bekreuzigen uns. In vielen Familien geschieht diese Segensgeste tagtäglich. Mit dem Kreuzzeichen aus dem häuslichen Weihwasserkessel segnen Eltern ihre Kinder und geben ihnen damit mehr mit auf den Weg als nur gute Wünsche für einen hoffentlich gelingenden Tag. Das Wasser dafür wird insbesondere in der Osternacht geweiht. Es erinnert uns an die eigene Taufe, die Aufnahme in die Heilsgemeinschaft mit Christus, seinen Tod und die Hoffnung auf die Auferstehung. Außerhalb der Osterzeit wird bei der Taufe reines, fließendes Wasser verwendet, das der Symbolik des „lebendigen Wassers“ und unserer Hygienevorstellungen entspricht. Ganz profan ausgedrückt handelt es sich dabei hierzulande also um eine segensreiche Allianz zwischen Wasserversorgungswerken und Kirche. Bei der Taufe soll sich der Täufling noch viel mehr als bei jedem Wellness-Bad wie neu geboren fühlen. Vielleicht nehmen wir das Osterfest einmal zum Anlass, unsere Lieben mit Weihwasser zu segnen und an Christus als unsere eigentliche Glaubensquelle zu erinnern.
Auch ein gemeinsamer Osterspaziergang ist angeraten, denn der Winter war lang und die Sonnentage rar. Schließlich freuen wir uns jetzt alle über den Frühling. Nicht nur im Gedicht sind Ströme und Bäche vom Eise befreit. Vielerorts ist gerade das Frühjahr der geeignete Termin für den Hausputz. In der Kirche ist es ebenfalls mal wieder Zeit für einen gründlichen Frühjahrsputz. Es geht jedoch nicht vordringlich um das Gebäude. Wir Christen müssen uns immer wieder innerlich reinigen und reinigen lassen. Darüber hinaus müssen wir aber auch verkrustete Strukturen in unserer Kirche aufweichen, um endlich wieder saubere Verhältnisse zu schaffen, um die Botschaft Jesu Christi unverschmutzt verkünden und den Glauben authentisch und klar leben und vorleben zu können. Das Reinemachen im übertragenen Sinn überlassen wir längst nicht mehr der kirchlichen Hierarchie und den Klerikern, sondern stellen uns gemeinsam der Verantwortung. Allerdings sind wir Laien klug genug, dies an den sensiblen Stellen nicht mit dem Hochdruckreiniger zu machen, der bei unsachgemäßer Handhabung ungewollte Schäden verursacht und oft die zuvor noch relativ sauberen Wände erst recht beschmutzt. Wir machen es ohne aggressive Reinigungsmittel und ohne allzu viel Druck. Behutsam, gründlich und nachhaltig gehen wir die Aufgabe an und verwenden dafür viel frisches Wasser. Gelegentlich greifen wir auch zur Wurzelbürste, wo es denn sein muss. Dabei nehmen wir in Kauf, selber ordentlich nass zu werden. Denn gemeinsam mit unseren Brüdern im geistlichen Amt wollen wir als Volk Gottes verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen, segensreich mit unserer großartigen Heilsbotschaft in die Gesellschaft hineinwirken und so die Kirche Jesu Christi mit Freude zum Strahlen bringen. Helfen Sie doch mit! Also: Wasser marsch!
Tremmel
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