Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 16.11.2014

Tiefgefrorene Menschlichkeit
 
Wieder einmal will der Mensch einen vermeintlichen Fehler der Schöpfung ausgleichen und die Biologie dem menschlichen Willen unterwerfen. Keineswegs ist dieses Vorgehen ethisch immer verwerflich. Denn in vielen Bereichen erweist sich die moderne Medizintechnik als überaus segensreich – vom künstlichen Hüftgelenk über das Hörgerät bis hin zum Herzschrittmacher oder zur Dialyse. Diese medizinischen Errungenschaften erhalten, verlängern und bereichern das Leben vieler Menschen. Sie sichern Lebensqualität in einem früher unvorstellbaren Ausmaß.
Was aber ist von jenem Einfrieren der weiblichen Eizellen zu halten, das nun seit einigen Wochen durch die Medien geistert? Bekannt geworden ist diese Technik der Reproduktionsmedizin durch die Ankündigung zweier amerikanischer Großkonzerne, es ihren Mitarbeiterinnen geradezu großherzig spendieren zu wollen, um den bei ihnen beschäftigten Frauen mehr Freiheit in ihrer Lebensentscheidung und bei der Familienplanung zu ermöglichen. Nicht zuletzt werden den Frauen dadurch bessere Karrierechancen in Aussicht gestellt. Jeweils 20 000 Dollar lassen sich Apple und Facebook diese angeblich frauen- und familienfreundliche Maßnahme kosten. Beide IT-Riesen erweitern damit ihre ohnehin großzügigen sozialen Angebote zum Wohl der Beschäftigten.
Soweit die verbale Schönfärberei aus dem Silicon Valley. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Denn was da unter dem wärmenden Deckmäntelchen des Sozialen versteckt wird, ist nichts anderes als das eiskalte Kettenhemd eines rein profitorientierten Kapitalismus. „Social Freezing“ bedeutet für Frauen eine sehr belastende Hormonbehandlung und die medizinisch keineswegs risikolose Entnahme ihrer Eizellen. Erfolgversprechend ist die Methode vor allem für sehr junge Frauen, am besten vor 25 Jahren. Die Lebensplanoptimierung kann aber zum Bumerang werden, wenn es dann doch nicht klappen sollte mit dem Kind zur richtigen Zeit. Das ist sogar eher wahrscheinlich. Selbst der mehr oder weniger laut tickenden biologischen Uhr lässt sich so kein sicheres Schnippchen schlagen. Auch die behauptete Geschlechtergerechtigkeit und die größere Selbstbestimmung wird wohl kaum erreicht, wenn ein Rechtfertigungsdruck entsteht über den betriebsbedingt sinnvollen Zeitpunkt des Auftauens. Und was geschieht, wenn die Frau doch gerne früher eine Familie gründen möchte oder der richtige Mann für´s Leben plötzlich anklopft und die Prioritäten verschiebt? Muss sie dann Geld zurückzahlen? Droht der berufliche Abstieg, die Kündigung?
„Social Freezing“ ist keine Lösung, sondern ein neues Problem. Unternehmen sollten stattdessen wirklich kinderfreundliche Rahmenbedingungen schaffen, sich ehrlich den Familienbedürfnissen anpassen und Frauen nicht in ein allzu enges kapitalistisches Korsett zwängen.
Tremmel
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