Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 25.09.2016

Hautverträglich

Wer mit dem Auto nach Südfrankreich in den Sommerurlaub fährt, wählt gerne die landschaftlich reizvolle Route durch die Schweiz. Auf halber Strecke liegt Mailand. Der dortige Dom gilt als flächenmäßig drittgrößte Kirche der Welt und beeindruckt schon äußerlich durch eine strahlende Fassade mit filigranen Strebepfeilern. 
 
Zu den wunderbaren Fenstern im Inneren gelangt man und vor allem Frau allerdings nicht so ohne weiteres. Schwer bewaffnete Polizisten sichern mit Personen- und Taschenkontrollen den Eingang. Außerdem achten Sittenwächter darauf, dass die Gläubigen nicht durch bloße Schultern oder allzu kurze Hosen in ihrer Andacht gestört werden. Sicherlich sollen auch die Gottesmutter, der die Kirche geweiht ist und generell die Heiligkeit des Ortes durch angemessenes Outfit respektiert und geachtet werden. Schließlich geht es hier nicht ins Freibad. Touristinnen, die sich durch leichtere Kleidung der sommerlichen Temperaturen angepasst hatten, müssen bisweilen kreativ improvisieren, um ungewünschte Hautpartien zu bedecken. Der Eintritt ins Gotteshaus wird durch die Prozedur erheblich verzögert. Ein großartiger Kirchenraum entschädigt aber rasch für die Warterei in der Hitze. Befremdlich wirkt dann allerdings der wenig dezente Glaskiosk mit den üblichen Devotionalien. So mitten drin, statt nur dabei, erscheint die Platzierung dieses Souvenirshops fragwürdig, zumal ja vorher schon Eintrittskarten außerhalb des Doms gekauft werden mussten. Spontan fällt einem die Tempelreinigung ein. Hätte Jesus der relativ zentrale Verkaufsstand nicht mehr gestört als eine nackte Schulter? 
 
Egal, das soll jetzt nicht vom Eigentlichen dieser herrlichen Kathedrale ablenken. Zu ihren Besonderheiten gehört die Figur des Heiligen Bartholomäus aus dem Jahr 1562. Sein Martyrium wird in sehr drastischer, aber keineswegs unästhetischer Weise dargestellt. Der Hagiografie nach soll ihm bei lebendigem Leib die Haut abgezogen worden sein. So kommt es paradoxer Weise dazu, dass ein Heiliger so viel nackte Haut zeigt, wie es die Wächter am Eingang niemals dulden würden. 
 
Mit den Eindrücken aus Mailand kommt der Urlauber dann Stunden später in Südfrankreich an und stellt keineswegs überrascht fest, dass wie in allen Baderegionen viel Haut zu sehen ist. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten und so fällt auf, dass die Bemalung des eigenen Körpers für viele Menschen eine inzwischen weit verbreitete Modeerscheinung ist. Die Bilder und Botschaften, die den Menschen unter die Haut gehen, sind legitimer Ausdruck ihres individuellen Schönheitssinns. Anderen kann es gefallen, muss es aber nicht. Dies gilt natürlich auch für Bademode als subjektive Ausformung eines aktuellen Zeitgeistes. Westliche Werte, wie derzeit vehement behauptet, lassen sich daran jedoch nur schwer ablesen. War die vornehme Blässe über viele Jahrhunderte schick, weil sie zeigte, dass man nicht zum einfachen, im freien arbeitenden Volk gehörte, so gilt trotz Melanomwarnung der braune Teint vielfach nach wie vor zum Innbegriff eines gelungen Urlaubs. Neigt die Bräunung und die altersbedingte Faltung jedoch in Richtung Lederapfel, darf man auch das als unschön empfinden, selbst wenn der jeweilige Hautträger dies offensichtlich anders sieht. Insgeheim wünscht der Zwangsbetrachter sich manchmal mehr Stoff. Die absurde Diskussion um den Burkini zeigt, was in Mailand zu wenig, scheint an der Côte d’Azur zu viel. Wer aber bestimmt das rechte Maß?