Maria Himmelfahrt, Allach - Sankt Martin, Untermenzing

  

Wort zum Sonntag in Corona-Zeiten


Weltmissionssonntag, 30. Sonntag im Jahreskreis, den 25. Oktober 2020 Mt 22, 34-40

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn,

einigen unter uns ist vielleicht der Roman „Billard um halb zehn“ von Heinrich Böll ein Begriff. Er erzählt von einer alt-ehrwürdigen Architektenfamilie und dort vor allem von deren Sprössling Robert Fähmel. Es ist 1958. Der Wiederaufbau des im zweiten Weltkrieg zerstörten Deutschlands ist im vollen Gange. Optimale Bedingungen für den Protagonisten, der ein eigenes Statikbüro mit Angestellten betreibt, die Gunst der Stunde zu nutzen, um sehr viel Geld zu verdienen. Aber was macht er stattdessen? Er geht jeden Morgen um halb zehn Billard spielen und entzieht sich so dem weit verbreiteten Trend, den eigenen Wohlstand zu mehren!? Während die anderen alle fleißig schaffen, schaffen und Häusle bauen, verbringt er die Zeit lieber mit Spielen und Gesprächen.

Statt sich einen großen Namen zu machen und viel Geld zu verdienen, vertändelt der Romanheld also lieber seine kostbare Arbeitszeit. Das ist schon verrückt, weil er ja die besten Voraussetzungen durch seine Herkunft und sein Statikbüro hätte, um wirklich ganz groß rauszukommen. Aber er nutzt das nicht. Ihn nervt vielmehr diese Gier seiner Zeit nach größerem Vermögen und höheren Ansehen.

Durch sein Verhalten, weniger durch seine Worte, wird Robert Fähmel zum personifizierten Zeitkritiker. Sein Verhalten trägt prophetische Züge. Prophetisch zu sein, hat was mit Gegenwartbezug und Zukunftsgerichtetheit zu tun, verbunden mit einer Religions- und Sozialkritik.
 
Was das bedeutet, haben wir in der Lesung gehört. Dort nimmt der HERR selbst die Position eines Propheten ein, indem der sein Volk ermahnt, keine Fremden, Witwen, Waisen und die Armen auszunützen. Die Tatsache, dass Gott persönlich hier unter Androhung von Strafe für die Schwächsten der Gesellschaft eintritt, zeigt, dass dies genau passiert. Sonst bräuchte ER nicht für die Ausgebeuteten das Wort zu ergreifen. Überhaupt weist jedes Gebot und Verbot auf einen großen Missstand hin, dem durch die Regelung abgeholfen werden soll. Wo es kein erhebliches Manko gibt, da braucht es auch keine prophetische oder gar göttliche Intervention. Das vierte Gebot lautet (Ex 20, 12 und Dtn 5, 16): "Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt" (Ex 20,12). Daraus kann geschlussfolgert werden, dass im alten Gottesvolk die Sorge um die älteren Verwandten ein Problem darstellte. Interessanterweise gibt es kein Gebot, wonach sie sich um ihre Kinder kümmern sollten. Das scheint kein kritisches Thema gewesen zu sein. Es gibt auch kein Gebot, wo es heißt, du sollst atmen oder essen. Denn das alles hat die Natur geregelt. Die Atmung klappt unbewusst, der Hunger stellt sich automatisch ein, unsere Kinder finden wir wegen des Kindchenschemas süß, weswegen wir uns gerne um sie kümmern. Das ist im Interesse der Natur mehr. Sie will, dass unsere Nachkommen die Gene vererben und die Evolution weitergeht. An den Alten hat sie dagegen kein Interesse mehr. Sie finden wir so von Natur aus nicht „süß“.

Hier kommen Glaube und Moral ins Spiel. Beide versuchen – einem Segler gleich – sich gegen die Natur, gegen den Wind zu lehnen. Sie achten zwar auf den Wind, dem Zeitgeist und nutzen ihn, um mit dem Kirchenschiff, ihrem Boot (Anliegen) voran zu kommen, aber sie geben ihm nicht vollkommen nach, sondern lehnen sich dagegen, aber nicht unbedingt dagegen auf. Denn dann könnten sie den Zeitgeist nicht für sich und andere nutzen.

Der Zeitgeist ist eine Kraft, die seit jeher viel gut und richtig macht, aber zugleich stets blinde Flecken hat und Fehler begeht. Wir in Deutschland tun aktuell viel für sozial Schwache. Unsere Spendenbereitschaft ist in der Corona-Zeit sogar noch gestiegen, so dass wir am heutigen Weltmissionssonntag vermutlich mehr geben werden als sonst.

Aber unsere Zeit ist blind und taub für den Glauben und unwillig geworden gegenüber dem Christentum. Sie sieht nicht, dass wir spirituelle Wesen sind, uns Konsum, Reisen und Party allein nicht glücklich machen. Wir leben zu schnell. Da könnte es eine Aufgabe für uns Gläubigen sein, Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen und an unserer Religion festzuhalten. Dann sind wir wie Segler, die sich gegen den Wind lehnen, ohne dagegen anzukämpfen.

Auf diese Weise setzten wir um, was Jesus im Evangelium sagt: Liebe Gott und deinen Nächsten. Daran hängt das Gesetz und die Propheten, dass heißt, daraus folgt alles Weitere, was zu tun ist. Heute konkret am Weltmissionssonntag, dass wir mit Westafrika solidarisch sind. Amen.

Ihr Diakon Norbert Uhlenbruck