Maria Himmelfahrt, Allach - Sankt Martin, Untermenzing

  

Wort zum Sonntag in Corona-Zeiten


Der ungläubige Thomas

Immer am zweiten Sonntag nach Ostern trifft das Evangelium vom ungläubigen Thomas. Thomas der Zweifler, der nicht einfach brav alles glaubt was ihm vorgelegt wird, hat in den letzten Jahren in der Verkündigung richtig Karriere gemacht und ist geradezu zum Patron des modernen Menschen geworden. Mir fällt an Thomas aber etwas Anderes auf, das zurzeit gar nicht so modern ist:

Thomas ist einfach da.

Eigentlich hat er gar keinen Grund mehr, da zu sein. Er teilt den Glauben der anderen nicht und wenn er „sich treu“ wäre, müsste er wegbleiben. Thomas ist wie ein braver Kirchgänger, der trotzdem weiterhin kommt, auch wenn die Predigt des Pfarrers vielleicht nicht gerade der Hit ist und unter die Kategorie „bringt nichts“ verbucht werden kann. Thomas kommt trotzdem in diese Versammlung, die „nichts bringt“. Vielleicht ist es die Verbundenheit mit den Menschen und mit dieser Jesusgemeinde, die ihm einfach wichtig ist.

Eigentlich gibt es viele Bereiche in unserem Leben die auf solch ein treues Dasein angewiesen sind. In den meisten Familien ist sicher nicht jeder Tag ein Highlight und viele die sich ehrenamtlich engagieren kennen auch die Frustration, dass sie in ihrem Dienst nicht immer die entsprechende Anerkennung erleben. Und trotzdem haben sie bis jetzt einfach weitergemacht und ihre Gemeinschaft weitergetragen ohne jedes Mal zu fragen ob es „etwas bringt“.

Ich habe aber den Eindruck, diese Haltung hat in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Unsere Gesellschaft hat sich immer mehr ökonomisiert. In immer mehr Bereichen auch unserer Freizeit gewöhnen wir uns daran, als Kunden aufzutreten. Kunden bezahlen mit Geld oder Zeit um etwas dafür zu bekommen.  Die bezahlte Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio ist aber etwas andere als das ehrenamtliche Engagement in einem Verein. Das Dabeisein aus Verbundenheit wird weniger.

Corona ist nun ein Einschnitt. Ein großer Teil der ehrenamtlichen Arbeit in unseren Kirchen und Vereinen ist lahmgelegt. Ob sie nach Corona wieder so aufgenommen wird, diese Frage ist jetzt noch offen. Entscheidend wird sein, ob die „Thomase“ wieder kommen und sich an ihre frühere Verbundenheit erinnern. Andernfalls bedeutet Corona für unsere Gesellschaft den ganz großen sozialen Bruch.

Für den Thomas von damals war sein Dasein aus Verbundenheit die Voraussetzung für seine ganz persönliche Gottesbegegnung. „Mein Herr und mein Gott“ kann er dann auch eigenem Erleben bekennen und macht die größte Erfahrung seines Lebens. Ich denke der Evangelist hat diese Erzählung bewusst stilisiert und für die die vielen Thomase geschrieben, die sein Evangelium lesen werden: In unserem Dasein aus Verbundenheit steckt die Verheißung, dem lebendigen Gott ganz nahe zu kommen.

Ich wünsche Ihren eine gesegnete und geistvolle Woche,
 Ihr Pfarrer Martin Joseph
Joseph, Martin, Pfarrer