Leben (dr)innen neu entdecken Impuls für Mittwoch, 15. April 2020 von Pfarrer Markus Zurl

Anfang März bin ich auf einen nicht sehr bekannten Bibeltext aus dem Buch Numeri gestoßen (Num 11,24-29): Mose zieht mit den 70 Ältesten zum Offenbarungszelt und dort erfahren sie eine regelrechte Geistausgießung, eine Offenbarung Gottes. Zwei der 70 Ältesten sind aber im Lager geblieben und auch dort kommt Gottes Geist auf sie herab. Josua gefällt das nicht, sie sind doch nicht am richtigen Ort dafür und er meint, man müsse sie hindern, im Lager den Geist Gottes zu empfangen. Doch Mose widerspricht und sagt: Wenn nur das ganze Volk des HERRN zu Propheten würde, wenn nur der HERR seinen Geist auf sie alle legte!
Gruppe Menschen sitzt um ein Lagerfeuer an einem Ufer am Abend
Foto: Alan Chen / unsplash
Damals, Anfang März, als die Welt noch eine andere war, sollte ich einen kleinen Impuls zu diesem Text für Jugendliche der Gemeinschaft Emmanuel geben. Ich habe ermutigt, dass Gott nicht nur „im Offenbarungszelt“ wirkt, sondern auch im „Lager“. Man könne Gottes Gegenwart überall erfahren. Und auch diejenigen, die nicht zu den Gottesdiensten oder anderen Gebetsversammlungen kommen könnten, seien eingeladen, da wo sie sind, Gottes Geist zu ersehnen und zu empfangen.

Wie schnell mich doch die Realität in den vergangenen Wochen eingeholt hat. Ich musste oft an diesen Text aus Numeri denken, er ist mein prophetisches „Corona-Bibelwort“ geworden. Niemand kann sich im „Offenbarungszelt“ versammeln. Unsere gewohnte Gottesdienstgemeinschaft ist von einem auf den anderen Tag weggebrochen. Wie schon vor Corona gibt es Radio- und Fernsehgottesdienste, seit vier Wochen gibt es nun auch viele Livestream-Angebote. Wenn wir uns über die Medien auch weiterhin versammeln können, so bleiben doch alle im „Lager“.

Mittlerweile haben wir auch „Ostern dahoam“ gefeiert. Ich habe – vermutlich wie viele andere auch – so deutlich wie nie gemerkt, wie wichtig mir all die schönen Symbole, Bräuche und Riten der Kar- und Ostertage sind. Vieles davon konnte man heuer nicht so begehen wie sonst. Und auch die direkten Begegnungen, Essenseinladungen, Feste oder Ausflüge in dieser schönen Zeit fallen aus. Es ist ein Ostern im Lager, nicht im Offenbarungszelt und auch nicht bei Freunden und Nachbarn.

Aber vielleicht gerade weil vieles vom „Drum-Rum“ heuer wegfällt, können wir Ostern nochmal ganz anders, ganz neu empfinden. Die liturgische Feier der Auferstehung findet normalerweise in der Kirche statt. Aber sie geschieht eben nicht nur im Offenbarungszelt, sondern auch im Lager, auch zu Hause. Und das müssen wir heuer ganz neu lernen.

Die Einschränkungen wegen der Corona-Krise werden wieder vorbeigehen. Und ich freue mich schon heute auf Ostern 2021, hoffentlich mit allem, was ich heuer vermisst habe. Aber die lehrreichen Erfahrungen möchte ich trotzdem nicht missen und hoffe wie viele andere auch, dass ich nach Corona bewusster lebe und die Lehren der Krise nicht sofort wieder vergesse.

Christus ist auferstanden – in der Kirche, zu Hause, beim Einkaufen, im Garten, in meinem Herzen… Halleluja!
 
Text: Pfr. Markus Zurl

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Wolfgang Kustermann, Hauptberuflicher Diakon