Die Elternbriefe der katholischen Kirche geben Tipps für den Familienalltag Das aktuelle Thema: Entwickelt sich mein Kind "normal"?

"Schau mal, was das andere Kind schon kann!" Vergleiche können Eltern und in Folge auch deren Kinder enorm unter Druck setzen. Die Herausforderung dabei ist, die Balance zwischen berechtigter Sorge und Freiraum in der Entwicklung des Kindes zu halten. Denn jedes Kind hat sein eigenes Entwicklungstempo und seine Eigenheiten. Dies mit einer gewissen Entspannung anzunehmen steigert die Lebensqualität aller Familienmitglieder.
 
Auf dem Foto ist ein Kleinkind zu sehen, das auf dem Boden krabbelt. Das Kind lacht in die Kamera
Gemach, gemach: Manche Kinder krabbeln bereits mit sechs Monaten, andere überspringen das Krabbeln ganz bevor sie laufen.
 
Unser Sohn Noah ist mittlerweile fast neun Monate alt und krabbelt immer noch nicht. Alle anderen Kinder im Eltern-Baby-Treff können das schon. Jetzt mache ich mir Sorgen und habe auch Angst, dass er sich nicht gesund entwickelt. Bei unserer Kinderärztin war ich deswegen schon. Sie sagt, alles sei in Ordnung. Was kann ich tun? (Claudia, 29)

Zunächst einmal: Prima, wie gut Sie Noah im Blick haben! Doch jedes Kind ist unterschiedlich und hat sein eigenes Entwicklungstempo. Vergleiche können sowohl Eltern als auch das Kind enorm unter Druck setzen. Wenn Sie sich sehr um Ihr Kind sorgen, gibt es mehrere Aspekte, die eine Rolle spielen (können):

Entwicklungsschritte wahrnehmen

Die Entwicklung Ihres Sohnes aufmerksam zu beobachten und Auffälligkeiten bei Bedarf medizinisch abklären zu lassen, ist eine wichtige Basis für alle weiteren Überlegungen. So bekommen Sie Veränderungen Ihres Kindes rechtzeitig mit und können Entwicklungsstörungen ausschließen.

Eigenheiten des Kindes wahrnehmen

Wichtig ist es, jedem Kind sein eigenes Entwicklungstempo zuzugestehen. Um bei Noah zu bleiben: Es gibt sogar Kinder, die gar nicht krabbeln und dann anfangen zu laufen. Unterschiede zwischen Kindern betreffen nicht nur die körperliche Entwicklung, sondern auch das Sozialverhalten. Und später dann die Schulnoten, den Freundeskreis und anderes mehr. Eigenheiten ihres Kindes auszuhalten, ist für Eltern manchmal ziemlich herausfordernd. Denn: Die eigenen Kinder liegen ihnen am Herzen. Viele Väter und Mütter sind sehr schnell zutiefst persönlich beteiligt, wenn es um Vergleiche mit anderen geht.

Eigene Erwartungen kennen

Manchmal kommen sie dabei auch an ihre eigenen Grenzen. Das heißt: Unbewusst können eigene Erfahrungen und Gefühle aktiviert werden:
  • So sind manche Eltern, wie Sie wegen Noah, häufig in Sorge oder haben Angst, ob mit ihrem Kind alles in Ordnung ist.
  • Andere Eltern reagieren eher enttäuscht, wenn ihr Kind sich nicht so entwickelt, wie sie es sich vorstellen oder wenn es ihre Erwartungen nicht erfüllt.
  • Und dann gibt es auch Eltern, die sich ohnmächtig, hilflos oder gar unfähig fühlen, weil ihr Kind etwas nicht so gut kann, wie sie es sich wünschen.
Doch all das sind Gefühle der Eltern und sollten daher bei ihnen bleiben. Für Eltern ist es sehr wichtig, die Balance zwischen berechtigter Sorge und Freiraum in der Entwicklung des Kindes zu halten. Dies kann – je nach Lebensgeschichte – unterschiedlich herausfordernd sein.

(Entwicklungs-)Freiräume gewähren

Auf Ihre Situation bezogen bedeutet das: Bestimmt haben Sie sehr gute Gründe für Ihre Sorge und Angst. Zum Beispiel belastende Erfahrungen oder Erlebnisse aus Ihrer Kindheit. Doch Ihre eigene Lebenserfahrung hat zwei Seiten: Einerseits werden Sie sehr schnell mitbekommen, wenn Noah sich nicht altersgerecht entwickelt. Und das ist sicherlich von Vorteil. Andererseits besteht die Gefahr, dass Ihre Sorge überhandnimmt und Sie beide in Ihrer Lebensqualität einschränkt.

Austausch mit anderen Eltern

Hilfreich kann es sein, offen mit anderen Müttern und Vätern über die eigenen Sorgen zu sprechen. Vielleicht haben andere Eltern ähnliche Erfahrungen wie Sie gemacht und erzählen Ihnen, wie sie damit umgehen? Oder sie schätzen die Situation ganz anders ein? – Ein solcher Austausch kann entlasten und neue Perspektiven eröffnen.

Text: Sabine Maria Schäfer, Erziehungsberaterin, systemische Familientherapeutin und "Kess-erziehen" 

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