Wieso fremdelt mein Kind plötzlich? Die Elternbriefe der katholischen Kirche geben Tipps für den Familienalltag

Hinter dem veränderten Verhalten des Fremdelns stecken wichtige Entwicklungsschritte der Kooperationsfähigkeit des Kindes. Also die Fähigkeit, mit anderen zusammen zu wirken, sich auf andere einzulassen und mit ihnen zu kommunizieren.
 
Weinendes Baby im Arm der Mutter
"Was ich an meinem acht Monate alten Sohn so schätze, ist seine Neugier und Offenheit, vor allem gegenüber anderen Personen. Er strahlt sie mit großen Augen an und freut sich total, wenn jemand ihn anlächelt und er angesprochen wird. Doch in letzter Zeit reagiert er eher verunsichert, klammert sich an mich und will sich am liebsten verstecken. Warum reagiert er auf einmal so auf andere Menschen?" (Lauren, 35)
 
Keine Sorge: Das Verhalten und die Reaktion Ihres Kindes gegenüber anderen Personen ist in diesem Alter ganz normal und wichtig. Es wendet bereits gemachte Erfahrungen, Wissen und Erkenntnisse an. Dabei vergewissert sich Ihr Sohn, ob das, was er verstanden und gelernt hat, immer noch stimmt. Hinter dem veränderten Verhalten stecken wichtige Entwicklungsschritte der Kooperationsfähigkeit des Kindes. Also die Fähigkeit, mit anderen zusammen zu wirken, sich auf andere einzulassen und mit ihnen zu kommunizieren.

Orientierung finden

Dabei ist ein erster Schritt dieser Entwicklung die Orientierung. Das Kind orientiert sich an seinen Bezugspersonen, seiner Mama, seinem Papa. Es versucht herauszufinden, wie das Miteinander gelingt. In den unterschiedlichsten alltäglichen Situationen bringt sich das Kind mehr und mehr ein:

  • Es lächelt und bekommt ein Lächeln zurück.
  • Es deutet auf etwas und die Eltern reagieren darauf.
  • Es wirft den Schnuller auf den Boden und er wird wieder aufgehoben.
  • Es klatscht in die Hände und Mama oder Papa klatschen mit.
Die Kooperation – das Miteinander – zwischen Ihrem Kind und Ihnen wird immer ausgefeilter. Sie stimmen sich immer besser aufeinander ab und stellen sich aufeinander ein. Kinder lernen dabei durch Nachahmung. Sie sind hervorragende Kommunikatorinnen und Kommunikatoren. Von Anfang an suchen sie den „Dialog“ mit Mama und Papa. Auch wenn ihnen dazu noch die Wörter fehlen.

Die Welt erkunden
Ein weiterer Schritt hin zur Kooperationsfähigkeit ist die Erkundung. Etwa ab dem achten Monat beginnen Kinder damit, sich fortzubewegen und selbstständiger die Welt zu erkunden. Ihr Kind lernt zunehmend, etwas bewusst zu tun. Viele Handlungen haben in diesem Alter den Charakter des Experimentierens. Die Hauptfrage lautet: „Wie läuft das hier?“

Eine typische Szene: Ihr Kind hat eine Hand in der Blumenerde, schaut Sie an und schüttelt den Kopf. Es hat verstanden: Damit darf ich nicht spielen. Es erwartet, dass Sie nun das „Nein“ bestätigen, das es vorher schon in einer solchen Situation von Ihnen gehört hat. Dadurch lernt es, dass etwas IMMER so läuft – dass es alltägliche, immer wiederkehrende Abläufe gibt. Und so testet es, ob einmal Erlerntes weiterhin gültig ist.

Soziales Miteinander erleben
Kinder wollen verstehen und bilden dazu „Theorien“, die sie dann überprüfen. Das betrifft auch das soziale Miteinander. Ihr Sohn versichert sich immer wieder, dass seine Vertrauensperson da ist. Dass Mama und Papa ihn schützen, für ihn sorgen, ihn unterstützen und im Blick haben. In dieser Phase tritt nun auch das Fremdeln auf. Ihr Sohn ist mit seinen acht Monaten jetzt so weit entwickelt, dass er wahrnimmt: Mit „Fremden“ funktioniert das vertraute Miteinander – wie mit Ihnen als Mama oder dem Papa – nicht so wie gelernt. Die Mimik, die Gestik, der Ton, die Sprachmelodie, die Lautstärke sind anders. Und das verunsichert Ihr Kind.

Vertrauensvollen Umgang lernen
Ihr Kind sucht deshalb erst einmal Schutz, hält inne und versucht vorsichtig zu erkunden, wie das mit dieser „fremden“ Person läuft. Fremdeln ist demnach ein wichtiger Schritt, um Kooperationsfähigkeit zu entwickeln. Es hilft dabei, einen vertrauensvollen Umgang mit anderen zu lernen. Denn: Kinder wollen dazugehören und teilnehmen. Dabei ziehen sie den Kreis immer größer. So lernen sie, sich im Umgang mit anderen Menschen immer sicherer zu fühlen: Ein weiterer wichtiger Schritt in die Selbständigkeit!
 
Text: Sebastian Wurmdobler, Gemeindereferent und "Kess erziehen"-Kursleiter
 

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"Elternbriefe du + wir" ist eine Initiative der katholischen Kirche. Herausgeber ist die Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung e.V.

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