Erster Fastensonntag – 22. Februar
Jesus in der Wüste. 40 Tage gefastet. Das ist keine spirituelle Wellness-Übung, sondern ein Tun, das bewusst eine Krise erzeugt: Hunger, Erschöpfung, Grenze. In ihr findet sich der Versucher mit drei Auswegen: Konsum statt Stille. Performance statt Treue. Anpassung statt Widerstand. Nein, sagt Jesus. Durchlebe die Krise, umgehe sie nicht. So wie Nikolaus Groß: Er stellte sich dieser Herausforderung, die ihn an seine Grenze führte. 1945 hingerichtet, weil er treu blieb: Gott gehorchen führt zum Leben, durch die Krise hindurch. (Mt 4, 1–11)
Montag – 23. Februar
Unterlassen führt ins Unglück. Wer unterlässt, erhält Krisen am Leben, sät Misstrauen, das wuchert. Deshalb verdammt Jesus folglich die Gleichgültigen. Die, die nichts getan haben. Barmherzigkeit kennt keine Bedingung, moralisiert nicht. Heute ist das nicht anders: Sanktionen für Arbeitslose, Faulheitsverdacht für Kranke, „Lifestyle“-Vorwurf für Teilzeitarbeitende. Wer seine Eltern pflegt, lebt die Werke der Barmherzigkeit – wird aber abschätzig beäugt. Eine Gesellschaft, die misstraut, ist keine Gemeinschaft. Bekämpfe ich den Menschen in Not oder die Ursache der Not und die Not selbst? (Mt 25, 31–46)
Dienstag – 24. Februar
Matthias bewarb sich nicht und wurde durch göttliche Fügung Nachfolger von Judas, der Jesus verriet. Was führt in eine solche Krise des Verrats? Jesu Antwort ist radikal: Wo Herr-Knecht-Verhältnisse herrschen – ob Uber-Fahrer und Algorithmus oder die von Arbeitgebern diktierte Sozialpartnerschaft –, da wächst Entfremdung. Da werden Menschen zu Humankapital, zu Leistungsempfängern. Da entsteht der Boden für Verrat. Dagegen braucht es Menschen, die Leben stiften. Jesus fordert: Vertrauen auf Augenhöhe statt Abhängigkeit und Gehorsam. Gott heilt Systeme, indem er auf Freundschaft setzt. Baue auch ich auf seine Freundschaft? (Fest Hl. Apostel Matthias – Joh 15, 9–17)
Mittwoch – 25. Februar
Menschen fordern Zeichen. Jesus kritisiert das, denn das ist damals wie heute bedenklich. Heute fordern die Mächtigen Zeichen: Beschäftigte müssen beweisen, dass sie nicht faul sind oder krankmachen. Während die Mächtigen sich weigern, Rechenschaft abzulegen über ihr Tun. Die Königin von Saba und die Menschen von Ninive machen es vor: Sie dachten neu und drehten die Frage um. Nicht Menschen müssen ihren Wert beweisen. Systeme müssen ihre Menschlichkeit beweisen. Ihre Frage stellt sich auch mir: Wage ich selbst, Zeichen der Menschlichkeit zu zeigen? (Lk 11, 29–32)
Donnerstag – 26. Februar
„Was du wünschst, das tue auch dem anderen.“ Jesus formuliert die Goldene Regel als Einladung: Fange bei deinen eigenen Sehnsüchten an. Nur, wenn ich weiß, was ich brauche, kann ich nachvollziehen, was auch der andere braucht. Denn Ausbeutung zerstört nicht nur den Einzelnen, sondern das Miteinander. Jesus ermutigt zuvor: Bittet hartnäckig um das, was Leben ermöglicht. Wenn Beschäftigte für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, klopfen sie an. Das ist keine Selbstsucht, sondern Voraussetzung für Solidarität. Folge ich der Goldenen Regel, gelange ich über meine eigene Sehnsucht zur Solidarität mit den anderen? (Mt 7, 7–12)
Freitag – 27. Februar
Jesus radikalisiert das Tötungsverbot: Schon der Zorn im Herzen macht schuldig, erzeugt er doch eine Spirale der Gewalt. Eine Spirale, die wir heute erleben. 400 Milliarden Euro jährlich sollen in Rüstung fließen – ohne öffentliche Ausschreibung. Wer Besonnenheit und Frieden fordert, gilt als naiv. Papst Leo stellt klar: Frieden ist keine Utopie – fatalistische Haltungen sind „eine perfide Strategie der Machterhaltung“. Wolfgang Borchert mahnt: Wenn sie dir befehlen, am Krieg mitzuwirken – „Sag NEIN!“ Und heute? Wenn man mich fragt? Wie antworte ich? (Mt 5, 20–26)
Samstag – 28. Februar
„Liebt eure Feinde“ – das ist doch etwas für den schönen Sonntag, aber nicht für den rauen Alltag. Erst muss die Feindschaft vorbei sein, dann können wir uns zuwenden. Doch Jesus ist Realist. Er will keine selbstlose Aufopferung, sondern radikale Selbsterkenntnis. Sohn Gottes werde ich nicht, indem ich mich den Mächtigen andiene, sondern indem ich erkenne: Der Feind ist mein Spiegelbild. In seinem Gesicht erblicke ich mein eigenes Angesicht. Die Fastenzeit zeigt sich unbequem: Bin ich bereit, im Feind mich selbst zu erkennen? (Mt 5, 43–46)
Text: Diakon Michael Wagner, Diözesanpräses der Katholischen Arbeitnehmerbewegung München und Freising