"Kein Du oder Ich - wir entscheiden gemeinsam!" Über die Franziskus-Grundschule in Haidhausen und ihr pädagogisches Konzept

 
„Wir sind hier eine Insel der Seligen“, sagt die Lehrerin Lisa Mackner über die Erzbischöfliche Franziskus-Grundschule in München-Haidhausen. Wer sich die Leitlinien und das außergewöhnliche Tandem-Konzept der Einrichtung ansieht, versteht auf Anhieb, was sie meint. Fürs nächste Schuljahr werden dort weitere Lehrkräfte und Erzieher/innen gesucht. 
Erzbischöfliche Franziskus-Grundschule
In der neuen Erzbischöflichen Franziskus-Grundschule in Haidhausen werden die Schüler/innen von einer Lehrkraft und einer Erzieherin oder einem Erzieher unterrichtet - im Tandem! Foto: EOM (Robert Kiderle)
Die Schule, die bis zur Fertigstellung des Neubaus im Jahr 2021 auf dem Gelände des Kirchlichen Zentrums in Haidhausen übergangsweise in einer modernen Containerlandschaft untergebracht ist, biete eine komfortable Betreuungssituation, die man von staatlichen Einrichtungen so nicht kenne, heißt es im pädagogischen Konzept. Neben kleinen Klassen (maximal 25 Kinder) ist darin von Tandems aus Grundschullehrer/innen und Erzieher/innen die Rede, die den Lern- und Entwicklungsprozess der Kinder begleiten sollen. Dieser „Ausdruck einer neuen Lernkultur“ verhilft der Schule zu einem Alleinstellungsmerkmal in München und bringt viele Vorteile – und Besonderheiten – mit sich, die es an anderen Schulen nicht gibt.

Der größte Unterschied besteht darin, dass jede einzelne Klasse von einer Lehrerin oder einem Lehrer und einer Erzieherin oder einem Erzieher unterrichtet und begleitet wird. „Wir versuchen, beide Professionen miteinander zu kombinieren und die wichtigsten Elemente der Lehrer- und der Erzieherausbildung zu koppeln“, sagt Lisa Mackner. Die Grundschullehrerin betreut eine der beiden ersten Klassen und ist seit dem Start der Schule im September 2019 dabei – und das mit spürbarer Freude am Beruf, großer Hingabe und Einsatzbereitschaft. Mit ihrem Wechsel an die erzbischöfliche Schule in Haidhausen hatte sich ihr Beamtenstatus geändert, aus der staatlichen wurde eine kirchliche Beamtin.

Die 26-Jährige ist voll des Lobes für das Tandemkonzept und weist auf die vielen Vorteile hin: „Wir versuchen uns gegenseitig zu beeinflussen und zu inspirieren. Jede von uns kann ihre Ideen und ihr Fachwissen in den Schulalltag einbringen. Bei uns gibt es kein Du oder Ich – wir entscheiden und machen alles gemeinsam. Wir sind wie eine Familie!“ Die Arbeitsteilung erweist sich auch für das rhythmisierte Ganztagesangebot der Schule als Vorteil. An drei Nachmittagen pro Woche dauert der Unterricht bis 16 Uhr mit anschließender Betreuungsoption bis 18 Uhr durch die Erzieher/innen. An den beiden anderen Tagen bieten sie auf Wunsch der Eltern nach Schulschluss um 12.15 Uhr eine zusätzliche Nachmittagsbetreuung bis 18 Uhr an, mit Projektzeit oder gemeinsamem Spiel.

Gezielte Förderung der individuellen Stärken

Franziskus-Grundschule
Lisa Mackner
Im Unterricht vermittelt die Lehrkraft den Lernstoff und orientiert sich dabei am staatlichen Lehrplan, während die Erzieherin vor allem pädagogische Aufgaben übernimmt. Das Ziel ist immer, die individuellen Stärken der Kinder und ihre Selbstständigkeit zu fördern. Dafür sprechen Lisa Mackner und ihre Tandem-Kollegin Nicole Schneider einmal pro Woche den aktuellen Wissens- und Lernstand in der Klasse durch: Wo steht jeder Schüler? Wo besteht Nachholbedarf? Wie können die Kinder noch gezielter gefördert werden? In diesen Teamsitzungen entwickeln sie für jeden Schüler individuelle, auf den aktuellen Leistungs- und Wissenstand ausgerichtete Pläne. „Jedes Kind kann in seinem eigenen Tempo arbeiten. Manche Schüler bearbeiten bereits in der 1. Klasse die Matheaufgaben aus der 2. Klasse, andere wiederum brauchen mehr Zeit für die Aufgaben – und bekommen sie auch!“ Selbst für Sonderfälle bleibe genug Raum: „In der Klasse ist auch ein hochbegabtes Kind, das mit dem Lehrstoff früher anfängt und gut klarkommt.“
Bei der Förderung kommen die Stärken des Tandemmodells besonders zur Geltung. So kann die Erzieherin während der Unterrichtszeit mit einem Schüler beispielsweise eine halbe Stunde nach draußen gehen, um mit ihm den Zahlenraum bis 20 zu üben, der ihm noch schwerfällt. Oder sie versucht es mit kooperativen Lernspielen oder setzt eine Spielstunde an. Um für solche Aktivitäten den passenden Raum zu haben, wurden unterschiedliche Zonen eingerichtet – zum Spielen, zum Lernen oder zum Ausruhen. Wenn die Spiele in der Pause dann doch auch mal zu heftig und laut ausfallen, was auch an dieser Schule vorkommt, greifen die beiden auch hier ein, versuchen neue Impulse zu setzen und die Kids zu anderen Spielen anzuregen.
Erzbischöfliche Franziskus-Grundschule
Um den Kindern den passenden Raum zu geben, wurden an der Franziskus-Grundschule unterschiedliche Zonen eingerichtet – zum Spielen, zum Lernen oder zum Ausruhen. Foto: EOM (Robert Kiderle)

Klassischen Frontalunterricht gibt es nur selten

Vom ersten Schultag an wurde in den Klassen mit individuellen Plänen gearbeitet, klassischen Frontalunterricht gibt es nur selten. Bis zu zwölf Stunden pro Woche üben und lernen die Kinder nach Plan. Es gibt einen Pflicht- und einen Freiwilligenteil, die Schüler/innen können zum Teil selbst entscheiden, welche Aufgaben sie bearbeiten wollen und welche nicht.

Diese Form der Arbeitens erwies sich in den letzten Monaten, als Corona-bedingt kein Präsenzunterricht möglich war, als großer Vorteil. „Die Kinder haben in dieser Zeit wie gewohnt und recht selbstständig ihre Pläne durchgearbeitet. Sie wissen genau, wie sie sich ihre Zeit am besten einteilen können.“ Auch die Klassenlehrerinnen zeigten Einsatz: Lisa Mackner beispielsweise drehte viele Videos und schickte jedem Schüler mindestens einmal pro Woche eine Sprachnachricht, ihre Kollegin aus der Parallelklasse war ähnlich aktiv. Die Pläne konnten digital bearbeitet und abgerufen werden. „Wir sind gut durch diese schwierige Phase gekommen. Vom Lehrplan sind wir genau dort, wo wir sein wollten.“

In den Wochen vor den Sommerferien unterrichtet sie neun Kinder im Klassenzimmer, die andere Hälfte bleibt zu Hause und bearbeitet von dort aus die Pläne. Ihre Klasse hat schon jetzt mit Schreibschrift begonnen, die eigentlich erst in der zweiten Klasse ansteht. „Die Kids lesen bereits ihre erste Lektüre und kennen sich jetzt auch mit den digitalen Medien gut aus.“
Erzbischöfliche Franziskus-Grundschule
Die Schulgebühren für die Franziskus-Grundschule sind nach dem Einkommen der Eltern gestaffelt und recht moderat. Foto: EOM (Robert Kiderle)

"Wir wollen alte Denkmuster aufbrechen"

All das klingt nach optimalen Arbeitsbedingungen für Lehrer/innen oder Erzieher/innen, zumal die Erzbischöfliche Schule vom großzügigen finanziellen Rahmen und den Freiheiten profitiert, die die Kirche ihr lässt. „Wir dürfen uns hier ausprobieren.“ Die Schulgebühren sind moderat und nach dem Einkommen der Eltern gestaffelt.  

Wer sich als Lehrer/in oder Erzieher/in fürs neue Schuljahr bewerben möchte und sich mit dem christlichen Erziehungsauftrag und den Grundsätzen der katholischen Kirche identifizieren kann, sollte Spaß an der Arbeit mit Kindern und am regen Austausch mit den Eltern haben, gern im Team arbeiten und offen für Neues sein, zählt Lisa Mackner auf. „Wer zu uns kommt, sollte neugierig sein und Lust haben, die Schule der Zukunft mitzugestalten. Wir wollen hier alte Denkmuster aufbrechen.“ Außerhalb des Unterrichts denkt sie viel über schulische Themen wie Leistungsdruck oder Notengebung nach. Sie versucht, neue Dinge auszuprobieren, die sonst nur in pädagogischen Lehrbüchern stehen. Nicht allein, sondern gemeinsam mit allen Kollegen und Kolleginnen der Schule.

Text: Christian Horwedel, freier Mitarbeiter

Nachhaltigkeit an der Schule

... "ein wichtiges Thema für unsere Zukunft!“

Wie die Franziskus-Grundschule in Haidhausen ihren Schülern auch den Wert der Schöpfung vermittel, lesen Sie hier ...

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