Zur ersten Enzyklika “Deus caritas est” von Papst Benedikt XVI.


Stellungnahme des Erzbischofs von München und Freising, Kardinal Friedrich Wetter, zur ersten Enzyklika “Deus caritas est” von Papst Benedikt XVI. (Die Enzyklika im Wortlaut)

München, 25. Januar 2006 (ok) Mit seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ – „Gott ist Liebe“ hat Papst Benedikt XVI. das entscheidende Grundthema des Menschseins angesprochen. Das Schriftwort „Gott ist Liebe“ (1 Joh 4,16), das der Enzyklika den Namen gegeben hat, betrifft und verpflichtet alle.

Kaum ein Wort, das so oft gebraucht und je nach Belieben den verschiedensten Lebensvollzüge zugeordnet wird, wie das Wort Liebe. Kaum ein Wort, das so sehr die Sehnsucht von Menschen nach Sinn und Geborgenheit auszudrücken vermag. Aber auch kaum ein Wort, das schon sprachlich so vertändelt und inhaltlich missbraucht wird.

In der Enzyklika zeigt der Papst auf, dass die Liebe entscheidend mit Gott zu tun und in ihm ihren Ursprung hat. Viele Menschen haben mit dem Wort Liebe und seiner Deutung schon sprachliche Probleme, erst recht inhaltliche Schwierigkeiten. Der Sinn dafür, dass Liebe mit Gott zu tun hat, dass diese tiefste Verbindung zwischen Gott und Mensch die eigentliche Wirklichkeit menschlichen Lebens ist, ist vielen Menschen schon durch einen inflationären Gebrauch des Wortes Liebe verloren gegangen.

Diese Verlustanzeige hat ganz praktische Auswirkungen für das Verständnis und die Wertschätzung menschlichen Lebens, für das Verständnis von Sexualität, der Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau, der Liebe zwischen Eltern und Kindern und der sozialen Kontakte zwischen der jungen und der älteren Generation, zwischen Gesunden und Kranken. Der Papst macht den inneren Zusammenhang von Liebe und unantastbarer Würde jedes menschlichen Lebens wieder deutlich. Das ist eine Mahnung und eine Herausforderung zugleich.

Papst Benedikt XVI. zeigt damit Leitlinien für ein gelingendes Leben auf. Er gibt Orientierung für den einzelnen, für das Leben in Ehe und Familie, aber auch im staatlichen Leben und im sozialen Umfeld. Liebe ist auch der Impuls für junge Menschen, sich als Priester oder Ordensleute in den Dienst der Nächstenliebe nehmen zu lassen. Liebe tritt so aus dem bloß Privaten heraus. Der Papst will die sittlichen Kräfte im Menschen wecken und der „sozialen Liebe“ Impulse geben, zu der auch staatliches, politisches und wirtschaftliches Wirken verpflichtet ist.

Für die Christen ist die Enzyklika eine Einladung zu entschiedener Nächstenliebe, zu einem vertieften Glauben an Christus und damit zu einem missionarischen Zeugnis für den Dienst einer lebendigen Kirche in der heutigen Zeit. Die Enzyklika ist ein Aufruf an alle, dem Ungeist von Rache, Hass, Terror und Gewalt mit aller Entschiedenheit zu widerstehen und sich zu jener Liebe zu bekennen, die in jedem Menschen ein Ebenbild Gottes sieht.

Für die katholischen Christen in Bayern, die sich auf den Besuch von Papst Benedikt XVI. im September dieses Jahres vorbereiten und freuen, ist die Enzyklika auch ein wichtiger Anstoß zur Vorbereitung auf die kommenden Gottesdienste und Begegnungen mit dem Papst, die durch das Glaubenszeugnis vieler Menschen jene Liebe sichtbar machen können, „mit der Gott uns beschenkt und die von uns weitergegeben werden soll“, wie der Papst in seiner Einleitung sagt.