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Netzwerk Trauer Dachau „Wir sollten uns die Zeit nehmen herauszufinden, was wir verloren haben“

Für Trauernde ist Weihnachten eine schwere Zeit. Die Erinnerung an den verlorenen Menschen ist allgegenwärtig – und vermischt sich mit dem Frohsinn der anderen, den Lichterketten und Familienfesten zu einer ganz eigenen Stimmung, die kaum auszuhalten ist. Da kann es helfen, dass es mit dem „TaBOR“ ein Netzwerk Trauer Dachau gibt und das ganze Jahr über Verständnis, Trost und Unterstützung bietet.
hellblauer Himmel mit Wolken
In der Trauerphase gut für sich zu sorgen, ist wichtig - ob allein oder in Gemeinschaft. (Foto: unsplash / Dominik Schroder)
Der idyllisch im Grünen gelegene Petersberg mit seiner romanischen Basilika, dem modernen Tagungshaus und diversen Wanderwegen dient als Anlaufstelle für trauernde Menschen, die neue Hoffnung schöpfen wollen. Walter Hechenberger, Pastoralreferent im Pfarrverband Bergkirchen-Schwabhausen und Dekanatsbeauftragter für Trauerpastoral im Dekanat Dachau, hat die Trauerarbeit am Petersberg übernommen und vor drei Jahren zum Netzwerk ausgebaut. Sein Vorgänger, der frühere Pastoralreferent der Pfarrgemeinde Dachau, Peter Heimann, hatte sie zusammen mit Pfarrer Josef Mayer, dem geistlichen Direktor der katholischen Landvolkhochschule Petersberg, initiiert und intensiv begleitet.

„Es ist wichtig, die Institutionen mit ihren zum Teil unterschiedlichen Inhalten, deren Übergänge oft fließend sind, zu vernetzen und ihre Wirkung dadurch noch zu verstärken“, erklärt Walter Hechenberger. „Durch die Verknüpfung mit dem Ort Petersberg ist etwas Unvergleichbares entstanden!“

Männer tun sich mit dem Angebot eher schwer

Nicht jeder Trauernde braucht Unterstützung. Vielen scheint es aber zu helfen, dass es das Angebot in der Erzdiözese München und Freising überhaupt gibt. Vor allem Frauen wenden sich an TaBOR, während sich Männer mit dem Angebot erfahrungsgemäß etwas schwerer tun. Dabei scheint TaBOR eine Lücke zu füllen.

„Das Trauern hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Anders als früher gibt es keine richtigen Trauerrituale mehr, und viele müssen nach dem Verlust schnell wieder funktionieren. Die Individualisierung und der Rückzug ins Private machen offenbar auch vor dem Sterben und Abschiednehmen nicht halt. Viele wissen dann auf einmal nicht mehr, was sie tun sollen und wie es weitergeht. Sie sind dann meist ganz allein mit ihrer Trauer, den Ängsten und Sorgen.“

Früher seien die Menschen stärker als heute durch die christliche Gemeinschaft und ihren Regeln aufgefangen worden, fügt er hinzu. Heute hätten die Priester und Seelsorger in den Pfarreien dagegen kaum noch Zeit, sich intensiv um die trauernden Mitglieder der Gemeinde zu kümmern.
rosa Wolken am Himmel
TaBOR bietet Trauernden die Möglichkeit, sich auszutauschen und sogar gegenseitig wieder aufzurichten. (Foto: unsplash / Kenrick Mills)

„Das erste Weihnachtsfest ist oft schwierig!“

Das Netzwerk TaBOR bietet vor allem Einzelgespräche und Gruppenkurse sowie ein- bis mehrtägige Trauer-Seminare an. Eines davon fand am 3. Adventssonntag 2018 statt und war wie immer gut besucht. „Das erste Weihnachtsfest ist oft sehr schwer für die Betroffenen. Dass der andere nicht mehr da ist, wird ihnen an diesen Tagen besonders schmerzlich bewusst.

Wir möchten den Menschen mit unseren Veranstaltungen eine Plattform anbieten, auf der sie sich austauschen, sortieren und neu orientieren können.“ Walter Hechenberger möchte bewusst keine Tipps oder vermeintlich guten Ratschläge geben. Viel lieber will er den Betroffenen auf Augenhöhe begegnen, mit ihnen ins Gespräch kommen und an ihrem Verlust Anteil nehmen. Dass ihm das immer wieder gelingt, hängt auch mit seiner eigenen Lebensgeschichte zusammen. „Ich habe auch ein Kind verloren und weiß daher aus eigener Erfahrung, wie sich Trauer anfühlt.“

Seine täglichen Erfahrungen bestätigen ihn darin, das Richtige zu tun. „Wenn sich die Betroffenen mit anderen austauschen können, passiert meist etwas mit ihnen, eine positive Reaktion, die ihnen guttut und über die nächsten Wochen hinweghilft.“ Wichtig sei aber auch, auf sich selbst zu achten und in der Trauerphase gut für sich zu sorgen. „Nur so können die Trauernden die Verluste, die sie erlitten haben, im Leben bewältigen und am Ende vielleicht sogar gestärkt daraus hervorgehen.“

Die Trauer in den Alltag lassen

Walter Hechenberger ist überzeugt davon, dass die Trauer eine wichtige Funktion im Leben hat und nicht einfach beiseitegeschoben werden kann. „Wir sollten nach einem Verlust nicht zu schnell zur Tagesordnung übergehen, sondern uns Zeit nehmen und die Trauer zulassen. Diese Schwamm-Drüber- und Wird-Schon-Haltung in der heutigen Zeit führt uns nicht weiter. Wenn wir die Trauer nicht in unseren Alltag lassen, bleibt sie ein abgespaltener Teil des Lebens, was sich emotional durchaus auswirken kann. Wir müssen uns die Zeit nehmen herauszufinden, was wir verloren haben und was das für uns bedeutet. Das versuche ich den Menschen bei unseren Begegnungen immer wieder zu vermitteln.“

Und wie geht es ihm persönlich mit seiner Arbeit? Wie kommt er mit der ständigen Berührung mit Trauer und Tod zurecht? „Überraschend gut“, sagt er. Manchmal empfinde er es sogar „belebend“, weil ihn die Menschen an ihrer Lebensgeschichte teilhaben lassen und er ihnen helfen kann, ins Leben wieder hineinzufinden. Dabei kommen ihm nicht nur seine Ausbildungen zum Trauerbegleiter und Trauma-Seelsorger zugute, sondern auch eine große Portion Lebenserfahrung – und ganz viel Herzblut für die Sache! Auch der Glaube helfe ihm. Schließlich seien auch die Apostel zunächst eine Trauergemeinschaft gewesen, die um ihren Anführer und Messias getrauert habe und aus dieser Erfahrung heraus die Auferstehung erleben durfte. „Für mich steht Jesus vor allem für die Hoffnung, mit dem Verlust des anderen leben zu lernen und ihn an der Seite Gottes zu wissen.“

Text: Christian Horwedel

Trauer am Berg, Ort der Ruhe

TaBOR steht für „Trauer am Berg, Ort der Ruhe“ (trauer-am-berg.de, Tel. 08138 – 6976630).

Das am Petersberg bei Erdweg beheimatete Netzwerk verbindet Seelsorge, Liturgie, Beratung und Erwachsenenbildung im Landkreis Dachau, unabhängig von Konfessionen – von der Alten- und Krankenseelsorge über die AGUS-Gruppe für Suizidtrauernde in Dachau, den Elisabeth-Hospiz-Verein Dachau bis zur Ehe-, Partnerschafts- und Lebensberatung.

Träger sind das Dachauer Forum und die Katholische Landvolkshochschule KLVHS Dachau.