„Die Menschen dürfen in Würde zu Hause sterben“ Das Zentrum für Ambulante Hospiz- und Palliativversorgung der Caritas begleitet schwerstkranke Menschen und ihre Angehörigen

„Sie waren wie Engel für mich. Eine bessere Hilfe kann ich mir nicht vorstellen.“ Sabine Hott ist bis heute dankbar für die Unterstützung durch das mobile Team des Zentrums für Ambulante Hospiz- und Palliativversorgung (ZAHPV) der Caritas. Drei Monate lang pflegte sie mit ihrem Bruder zusammen die schwerkranke Mutter zu Hause. Eine Ärztin, ein Pfleger und ein Sozialpädagoge des ZAHPV waren regelmäßig an ihrer Seite. „Die ambulante Palliativversorgung ist eine gute Sache – sowohl für den todkranken Menschen als auch für die Angehörigen“, sagt sie. „Die Menschen dürfen in Würde zu Hause sterben.“  
Bett mit Blumen und Medikamente
Dank des Caritas-Zentrums für Ambulante Hospiz- und Palliativversorgung dürfen die Menschen in Würde zu Hause sterben.
 
Das ZAHPV unterstützt in den Landkreisen München und Ebersberg schwerstkranke Menschen und ihre Familien einfühlsam und kompetent auf ihrem schweren Weg und stellt sicher, dass sie nicht allein sind. Das Zentrum verfügt selbst über keine Betten, sondern ermöglicht die Palliativversorgung zu Hause oder in den Seniorenheimen. „Wir sehen uns aber nicht als Sterbebegleitung für die letzten 20 Tage, sondern wollen dafür sorgen, dass die Menschen bis zum Schluss leben können“, betont Katja Goudinoudis, Leiterin des Zentrums. 

Dabei könnte die Einrichtung noch mehr leisten und den Betroffenen nach einer endgültigen Diagnose früher helfen, ihren letzten Lebensabschnitt möglichst aktiv zu gestalten. „Noch ist unser Angebot aber zu wenig bekannt.“ Katja Goudinoudis erinnert sich an Patienten, die früh zu ihnen fanden und mit ihrer Familie sogar noch in den Urlaub fahren konnten, weil sie beispielsweise mit den richtigen Medikamenten behandelt wurden. „Das ist, was wir wollen: Die Patienten sollen bis zum Schluss gut leben können! Das ist wichtig!“ Und zugleich der Leitspruch der modernen Hospizbewegung, die in den 1960er-Jahren in London begründet wurde.
 

Die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung ist das Herzstück

In Deutschland hat es länger gedauert, bis sich dieser besondere Umgang mit Krankheit, Schmerz und Tod durchgesetzt hat. Nach dem Vorbild des Münchener Christophorus-Vereins baute Katja Goudinoudis, die früher selbst Pflegefachkraft war, für die Caritas seit 2003 zunächst die palliative Fachberatung außerhalb der Großstadt München auf. Seit 2007 entwickelte sich daraus die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV), das heutige Herzstück des Zentrums, für das inzwischen 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Standorten Oberhaching, Unterföhring und Ebersberg im Einsatz sind. Die SAPV-Teams, die in der Regel aus einem Arzt, einer Palliativ-Pflegefachkraft und einem Sozialarbeiter bestehen, kümmern sich um die körperlichen (Schmerztherapie, Flüssigkeitsversorgung etc.), psychischen und spirituellen Belange der Palliativpatienten, helfen beim Ausfüllen von Behördenanträgen und stehen als Ansprechpartner für alle möglichen Fragen („Warum trifft es mich?“) zur Verfügung.

Auch ein Seelsorger der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern gehört seit einigen Jahren dazu. Die Seelsorge sei eine wichtige Säule der ambulanten Pflege- und Palliativversorgung, sagt Katja Goudinoudis, die Organisation aber oft herausfordernd. „Viele Patienten sind aus der Kirche ausgetreten oder waren noch nie in einer. Wenn sie oder die Angehörigen es wünschen, können wir die Seelsorge dennoch jederzeit anbieten. Nicht selten brauchen wir kurzfristig eine seelsorgerische Notbetreuung, am späten Abend oder am Wochenende. Das geht besser, wenn der Seelsorger Teil des Teams ist.“
Pfad vor leuchtendem Himmel
„Wir sehen uns nicht als Sterbebegleitung, sondern wollen dafür sorgen, dass die Menschen bis zum Schluss leben können“, sagt die Leiterin des Caritas-Zentrums.
 

Ambulante Palliativ-Versorgung: ein Mosaik aus vielen Teilen

Für pflegende Angehörige wie Sabine Hott stellt das SAPV-Team eine wertvolle Stütze dar. Inzwischen versorgen sie auch den Vater zu Hause – und werden vom selben Team besucht wie bei der Mutter. „Das hilft uns sehr. Sie sind wichtige Vertrauenspersonen für uns“, sagt Sabine Hott. „Es ist beeindruckend, was sie leisten. Sie sind ständig mit dem Tod konfrontiert – und bestärken uns dennoch darin, nicht aufzugeben. Sie sagen uns immer wieder, dass wir das Richtige tun.“
Stethoskop
Für pflegende Angehörige stellt das Palliativteam eine wertvolle Stütze dar.
Die Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit, wie Katja Goudinoudis betont: „Die Angehörigen tragen bei der ambulanten Palliativversorgung die Hauptlast. Wir kommen vielleicht für zwei Stunden ins Haus, bis zu drei Mal pro Woche, dazu hilft vielleicht noch der Pflegedienst. In der übrigen Zeit sind die Angehörigen mit dem Sterbenden allein.“  Die ambulante Palliativversorgung funktioniere nur durch das Zusammenspiel aller Beteiligten, so die Zentrumsleiterin: Angehörige, SAPV-Team, Pflegedienst, Hausarzt, Apotheker und sonstige Dienstleister, die sich beispielsweise um die Fußpflege des Palliativpatienten kümmern. „Es ist wie ein Mosaik aus vielen kleinen Bausteinen.“ 

In den ersten Jahren des Zentrums hatte sich noch nicht jeder über das neue Palliativangebot gefreut: „Die Skepsis der Hausärzte war groß, dass Pflegekräfte sie beraten oder gar belehren wollen. Aber viele mussten erkennen, dass wir über Kompetenzen verfügen, die sie nicht hatten oder aus Zeitgründen nicht anbieten konnten, bei Schmerzen beispielsweise oder Atemnot. Die Zusammenarbeit hat bald gut funktioniert.“
 

Großzügige Unterstützung durch den Freundeskreis und das Erzbistum

Neben der praktischen Unterstützung der pflegenden Angehörigen bietet das Zentrum viele weitere Angebote an – von offenen Trauertreffs über einen Palliativ-Geriatrischen Dienst, der die Bewohner von Altenheimen aufsucht, um ihnen einen leichteren Zugang zur Palliativ- und Hospizversorgung zu ermöglichen, bis zu Bildungsangeboten für Erwachsene und Schulkinder zu den Themen Tod und Trauer.

Da nicht alles davon kostendeckend ist, unterstützt der Freundeskreis „Behütet Leben und Sterben“, dem zahlreiche Unterstützer angehören, die Arbeit des ZAHPV auch finanziell. Auch das Erzbistum München und Freising fördert die Einrichtung mit seinen verschiedenen Fonds und Stiftungen und einem hohen jährlichen Betrag.
 

Zentrale Tagesangebote für Menschen, die noch mobil sind

Neben der Verwaltung und Organisation der bestehenden Service- und Dienstleistungen sieht Katja Goudinoudis eine wichtige Aufgabe auch darin, innovative Projekte anzustoßen. „Unsere Vision sind zum Beispiel zentrale Tagesangebote, eine Mischung aus Treffpunkt, Beratung, Therapie und Kreativangeboten, für Menschen, die noch mobil sind.“ Eines davon könnte schon bald als Pilotprojekt in Brunnthal realisiert werden.

Dort könnten Betroffene wie ein rund 50-jähriger Familienvater mit fortgeschrittenem Pankreaskrebs palliativ behandelt werden, erläutert die Leiterin anhand eines hypothetischen Beispiels. Obwohl ihm die Ärzte keine Heilungschancen mehr einräumen, bleiben ihm noch viele Monate, in denen er nicht im Bett liegen muss, sondern aktiv am Leben teilnehmen kann. In unserem Fall würde er die Zeit intensiv nutzen wollen, seine Lebenskraft möglichst lange zu erhalten, seine Familie finanziell abzusichern und sich auch mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Morgens würde er von seiner Familie oder von einem ehrenamtlichen Fahrdienst zum palliativen Tagesangebot gebracht werden. Dort könnte er sich in die Leseecke setzen und später mit den anderen am Mittagessen teilnehmen. Vom Sozialpädagogen würde er erfahren, ob er besser Frührente beantragen oder weiterhin Krankengeld beziehen soll, und welche Anträge er noch ausfüllen muss. Er könnte dort neuen Mut für die letzten Monate seines Lebens schöpfen und sich beraten lassen, wie er beispielsweise sein Haus umgestalten könnte für den Fall, dass er sich nicht mehr gut bewegen kann. Nach der Behandlung durch den Physiotherapeuten würde er abends wieder abgeholt werden. Katja Goudinoudis: „Wir können unser vielfältiges Angebot in solchen Einrichtungen weit mehr Menschen zur Verfügung stellen, als wenn wir jeden einzelnen von ihnen zu Hause aufsuchen.“

Für solche von der Caritas geplanten Tagesangebote, die um Tageshospize (für kranke Menschen im fortgeschrittenen Stadium) zur Entlastung der Angehörigen erweitert werden sollen, kommen mehrere Standorten im Landkreis München in Frage. Sogar ambulant betreute Palliativ-WGs soll es dort geben. Solche Zwischenangebote für schwerkranke Menschen zwischen Altenheim und Hospiz können wochen- oder gar monatsweise in Anspruch genommen werden, um die Angehörigen zu entlasten. Die Bewohner werden dort durch einen ambulanten Pflegedienst in enger Abstimmung mit dem ZAHPV betreut. Zusätzlich stehen ehrenamtliche Hospizbegleiter und weitere Betreuungskräfte zur Seite.
Pusteblume
"Sterben gehört zum Leben dazu, genau wie die Geburt." Auch der Glaube hilft.

„Wir können eine Menge tun. Das treibt mich an“

Auf die Frage, wie sie mit Themen wie Leiden und Sterben umgeht, mit denen sie beruflich regelmäßig in Berührung kommt, ohne ihre Zuversicht zu verlieren, sagt Katja Goudinoudis: „Sterben gehört zum Leben dazu, genau wie die Geburt. Wir können nicht beeinflussen, dass wir sterben – sondern nur wie. Da können wir eine Menge tun. Das treibt mich an.“ Natürlich gebe es Schicksale, die sie und ihr Team nachhaltig berühren, etwa wenn junge Menschen mit kleinen Kindern betroffen seien – „sonst müssten wir uns überlegen, ob wir in diesem Job richtig sind“. Dennoch dürfe man das nicht zu nahe an sich heranlassen oder gar emotional „mitsterben“. Zudem gebe es Hilfsangebote für das Team – Supervision, Fallbesprechungen und eine ausgeprägte Reflexionskultur. „Auch mein Glaube ist eine große Hilfe. Er ist Trost und eine wichtige Stütze in meinem Beruf.“

Autor: Christian Horwedel, Freier Redakteur, April 2021

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