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„Es ist wichtig, den Tod sinnlich erfahrbar zu machen“ Interview mit Sylvia Wammetsberger – Trauerbegleiterin

Der Abschied von einem geliebten Menschen ist hart und schmerzhaft. Und doch gehört der Tod zum Leben dazu, wir können ihm nicht entkommen. Sylvia Wammetsberger ist seit vielen Jahren Trauerbegleiterin und weiß, was Menschen nach dem Tod eines Angehörigen oder eines Freundes durchmachen. Im Interview erklärt sie, wie schwer es ist, sich auf den Tod vorzubereiten – und warum es wichtig ist, sich richtig vom Verstorbenen zu verabschieden.
löwenzahn
Abschied nehmen ist ein langer Prozess. (Foto: Saad Chaudhry / unsplash)

Tod und Sterben sind Themen, so liest man häufig, die in unserer Gesellschaft als unangenehm gelten und verdrängt werden. Ist das auch Ihr persönlicher Eindruck als Trauerbegleiterin?

Nun ja, sagen wir mal so: Ich bin mir nicht sicher, ob das Thema bewusst verdrängt wird. Tatsache ist aber, dass wir heutzutage einfach viel weniger mit dem Tod in Berührung kommen. Es gibt Menschen, die stehen in der Mitte ihres Lebens, haben aber noch nie den Tod eines nahen Verwandten erlebt. Weil beispielsweise die Großeltern, Eltern und Geschwister noch alle leben. Oder vielleicht auch so früh gestorben sind, dass die Erinnerung nicht mehr da ist.

Früher war zum einen die medizinische Versorgung nicht so gut. Kinder sind an Krankheiten gestorben, alte Menschen sind nicht so alt geworden. Zusätzlich haben die meisten Menschen in Großfamilien gelebt und den Tod der Oma/ des Onkels z.B. sehr bewusst miterlebt.  Heutzutage leben wir in der Kleinfamilie, sehen unsere Oma monatelang nicht und dann ist sie plötzlich tot. Da kommt das Thema einfach nicht so nah an einen heran.

Kann man sich auf den Tod eines Angehörigen vorbereiten? Ist man besser „gewappnet“, wenn man sich vorher mit dem Thema auseinandergesetzt hat?

Es gibt Menschen, die das versuchen. Sie gehen sehr bewusst den Krankheitsweg mit dem Partner, und versuchen, sich dadurch vorzubereiten. Aber das Todeserlebnis kann ganz anders sein, es ist dann trotzdem eine Überraschung. Es ist gut, wenn man die Option ins Leben lässt, dass das Leben endlich ist, aber eine richtige Vorbereitung ist schwierig.
 
Sehr viel mehr hilft da oft ein anderes Erlebnis: Dass man schon einmal gesehen hat, wie jemand die Trauer durchlebt hat. Dass man weiß: So ähnlich wird es mir dann gehen, damit muss ich dann klarkommen. Oder dass man erlebt hat: Meine Eltern sind über die Trauer hinweggekommen, sie haben sie überlebt. Das Leben geht danach weiter.

Abschied nehmen ist ein langer Prozess, der ggfs. schon vor dem Tod beginnt – inwiefern hilft der christliche Glaube dabei?

Trauer ist immer schmerzhaft, ob für gläubige oder weniger gläubige Menschen. Was helfen kann, ist die Überzeugung, dass mein Leben in einem größeren Zusammenhang steht. Dass alles einen Sinn hat, auch wenn ich ihn nicht gleich verstehe. Dabei ist es weniger wichtig, ob mich die christliche Perspektive trägt oder eine andere. Ohne jeglichen Glauben ist es aber oft sehr schwierig.

Wie wichtig ist die Beerdigung zum Abschiednehmen? Gibt es eine Form der Beerdigung, die Sie vorziehen würden?

Blick in den Himmel durch kreuzförmige Häuserschlucht
Rituale helfen bei der Trauerbewältigung. (Foto: Ferdinand Stohr / unsplash)
Es ist für die spätere Trauerarbeit auf jeden Fall wichtig, den Tod sinnlich erfahrbar zu machen. Mit einem Fest, mit Ritualen und in einer Gemeinschaft. Ob es nun eine Erd- oder Feuerbestattung ist, da muss jeder seinen Weg finden. Aber wichtig ist, dass der Tod für die Angehörigen begreifbar gemacht wird. Zum Beispiel auch dadurch, dass sie beim Einsargen helfen, dass sie den Verstorbenen waschen, beim Bestatter dabei sind. Es ist wichtig, den Toten zu sehen und zu spüren, was da eigentlich vor sich geht. Das kann auch dadurch geschehen, dass man den Toten aufbahrt, ihn dafür aus dem Krankenhaus nochmal in die Wohnung holt. Dass man da einen ehrfurchtsvollen Moment schafft. Und später eben durch das Ritual der Beerdigung.
 
Den Toten nicht mehr zu sehen, ist vielleicht erst einmal der Wunsch mancher Angehöriger. Aber das kann später sehr schwer werden, weil man sich nur an den lebendigen Menschen erinnert, aber nicht diese Erfahrung gemacht hat, dass er tot ist. Sich dem Schmerz nicht auszusetzen, kann schwerwiegende Folgen haben. Darum sollten Trauerbegleiter auf jeden Fall den Angehörigen Mut machen, noch einmal Zeit mit dem Toten zu verbringen.

Den Toten anschauen – ist das auch schon etwas für Kinder?

In Deutschland gibt es viele Menschen, die Kinder vom Thema Tod oder von den Toten fernhalten wollen. Da gibt es die Mär vom Leichengift, die häufig noch im Unterbewusstsein schlummert. Aber der Tote ist nicht giftig. Kinder sind allerdings unterschiedlich. Manche sind sehr neugierig und möchten den Toten sehen, dann sollte man das zulassen. Wichtig ist es, in jedem Fall mit den Kindern darüber zu sprechen. Und wenn Kinder den Toten nicht sehen möchten, sollte man nachfragen, warum. Ihnen vielleicht noch einmal genau erklären, was da los ist und über die Ängste sprechen.

In welcher Phase der Trauer brauchen die Angehörigen die meiste Unterstützung? Direkt nach dem Tod - oder muss dieser erst einmal verarbeitet werden?

Für die Zeit schwerer Krankheit oder des Sterbens sind ja die Hospizvereine sehr aktiv und bieten Unterstützung an. Die Trauerbegleitung greift erst später. Sie ist meist die Antwort auf den Hilferuf nach einer neuen inneren Ordnung. Viele Trauernde wünschen sich ein Feedback zu bekommen, oft auf die Frage: Ist das normal, was ich hier durchmache?
 
Am Anfang, also direkt nach dem Tod, greift meist das soziale Netz sehr stark, der Trauernde ist nicht allein. Allerdings kehrt nach ein paar Wochen oder Monaten für das Umfeld die Normalität ein und dann kommt oft die Frage: „Geht‘s dir immer noch nicht besser?“ Viele Trauernde wünschen sich dann einen Gesprächspartner, Gleichgesinnte, jemanden, den sie fragen können, der die Trauer aushält und Resonanz gibt! Oft ist da die Frage nach dem Alleinsein - was mache ich, wenn ich ganz alleine bin, darf ich Sehnsucht nach einem Menschen haben, der da ist? Wo bin ich dem Verstorbenen gegenüber loyal? Trauernde haben oft Scheu, sich gut zu fühlen. Gleichbetroffene gehen anders mit diesen Fragen um, deshalb biete ich auch häufig Treffen in der Gruppe an. Die Trauernden sollen lernen, die leichten Momente zu haben und zu genießen, auch mal wieder Spaß zu haben.

Wie sollte ich denn mit Trauernden umgehen? Wie kann ich als Freund den Trauernden unterstützen?

Am besten ist es tatsächlich immer, den Trauernden zu fragen, was er gut findet. Ich kannte eine Trauernde, die konnte in ihrem Freundeskreis ihren verstorbenen Mann nicht erwähnen, weil gleich alle betroffen schauten und versuchten, das Thema zu wechseln. Obwohl sie eigentlich gerne über die gemeinsamen Erinnerungen mit ihnen sprechen wollte. Die Schwelle der Missverständnisse ist oft groß. Man sollte daher wirklich in jeder Hinsicht den Trauernden fragen und dann aber auch seine Antwort respektieren. Floskeln wie „Das wird schon wieder“ oder „Die Zeit heilt alle Wunden“ halten Trauernde meistens nicht gut aus. Aber jeder ist unterschiedlich, daher sollte man, wie gesagt, am besten auf sie zugehen und fragen.
Frau sitzt an Steg am See
Trauernde nicht allein lassen, sondern auf sie zugehen. (Foto: Paola Chaaya / unsplash)

Gibt es viele Menschen, die die Trauer lieber verdrängen? Wie sieht gesunde Trauerarbeit aus?

Es gibt da schon Modelle, die sagen, die Trauer verläuft in diesen und jenen Phasen, aber die Realität zeigt mir immer, dass sie eher einer Achterbahn gleicht und nicht einem Abarbeiten von nacheinander auftretenden Phasen. Die Trauer rückt mit der Zeit zwar von einem weg, aber dann kann sie ganz plötzlich wiederkommen. Sie ist abhängig von Dingen, die passieren. Bekannte Situationen sind eventuell leichter zu durchleben. Wenn man aber eine neue Erfahrung macht, spürt man das Fehlen des Menschen oft stärker - die Sehnsucht, die neue Erfahrung zu teilen, kann unter Umständen sehr groß sein.

Wie lang ist denn so ein Trauerprozess?

Diese Frage ist so ähnlich wie die nach den Phasen. Man sagt häufig, nach etwa einem Jahr, dem sog. Trauerjahr, ist die Trauer abgeschlossen, aber das kann auch nur nach außen so wirken. Ich denke jedoch, Trauer ist kein abgeschlossener Prozess, sie verändert sich, als Gefühl begleitet sie uns in unserem Leben auf vielfältige Weise und bleibt immer irgendwie vorhanden. Als Sehnsucht, als Erinnerung und manchmal auch als Triebfeder für Kreativität und Entschlossenheit.
 
Auch können bei Familienfeiern oder Hochzeiten, also in emotionalen Momenten, wieder sehr konkrete Trauergefühle auftauchen. Es kann sein, dass da ein Vater mit seinen Kindern nach dem Tod der Mutter alleine ist und sie kommen gut mit dem Verlust zurecht. Wenn dann eines der Kinder heiratet oder selbst Eltern wird, wird der Verlust plötzlich wieder sehr konkret und aktuell, der Partner, mit dem man das teilen möchte, ist nicht mehr da.
 
Oder in einer Familie, in der ein Geschwisterkind stirbt. Dass dann die Schwester sagt: „Ich wollte doch immer, dass mein Bruder Trauzeuge ist! Wie kann ich das jetzt machen, wo er nicht mehr da ist! Kann ich dann überhaupt noch heiraten? Kann der Tag dann überhaupt noch schön für mich sein?“ Hier gilt es, ganz persönliche Antworten zu finden, damit man den Verstorbenen gut integrieren und ihm einen guten Platz geben kann. 
 
Alles in allem bleibt der Verlust immer bestehen, wir lernen nur mit der Zeit, ihn in einem anderen, weniger schmerzhaften Licht zu sehen und in unsere Lebensgeschichte zu integrieren. Eine Teilnehmerin aus der Geschwistergruppe hat es einmal so formuliert „Mein Bruder ist immer noch tot und ich vermisse ihn ständig, daran wird sich nichts ändern. Ich kann nur lernen, einen Weg zu finden, damit weiter zu leben und ihn nicht zu vergessen.“

Interview: Anna Giordano

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