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Mit Respekt und Wertschätzung gegen die Abhängigkeit Birgit Winkler aus Feldmoching arbeitet mit Suchtkranken in Brasilien

Birgit Winkler aus Feldmoching lebt seit 21 Jahren in Brasilien, zuerst in Coroata im Nordosten und seit Februar 2007 in Guaratinguetá im Südosten. Dort arbeitet sie am Hauptsitz der Fazenda da Esperanca, einem internationalen kirchlichen Projekt für Suchtkranke, das inzwischen weltweit  auch in Deutschland (Fazendas in Deutschland) – Einrichtungen hat.
 
Birgit Winkler in Büro im Gespräch mit einem Mann
Gibt suchtkranken Menschen neuen Lebensmut: Birgit Winkler im Gespräch in einem Büro der Fazenda da Esperanca
Was war Ihre Motivation, nach Brasilien zu gehen?
1994 bin ich mit zwei Frauen zu Bischof Reinhard Pünder aus Coroata im Nordosten Brasiliens gereist, um uns die Arbeit in seiner Diözese anzuschauen. Ich war damals an einem Eine-Welt-Laden in Feldmoching beteiligt, und wir überlegten, den Gewinn der Diözese zu spenden. Dort lernte ich die Fazenda da Esperanca kennen, die der Zwillingsbruder von Frei Hans Stapel, Paul Stapel, dort als dritte Fazenda in Brasilien eröffnet hat. Die Arbeit hat mich sofort fasziniert, der Ansatz zur Drogentherapie ist einfach und doch sehr effektiv.
 
Vor allem in meiner Jugend waren einige meiner Freunde drogenabhängig, oft konnte keine Therapie in Deutschland helfen. So wuchs mein Wunsch, auf die Fazenda da Esperanca zu gehen. Als Paul Stapel von seiner Heimatdiözese Paderborn zurückgerufen wurde, fragte er mich, ob ich nicht nach Coroata gehen wolle. Aufgrund der Vernetzung von Paul Stapel und Bischof Pünder entstand die Möglichkeit, halb für die Diözese und halb für die Fazenda zu arbeiten, im Mai 1999 ging es los.
 
Was macht die Arbeit mit den Drogenabhängigen aus?
Die Fazenda da Esperanca ist ein christlicher Ort der Lebensfindung für Menschen mit Süchten und Krisen. Wir versuchen, den Egoismus der Sucht, Orientierungslosigkeit und Depression in einem familiären Zusammenleben zu heilen, welches von Respekt, Wertschätzung und Nächstenliebe geprägt ist. Was mich an der “Therapie” der Fazenda begeistert ist die Ganzheitlichkeit. Sie ist in erster Linie nicht das Loskommen der Abhängigkeit, sondern bedeutet, den Selbstwert zu finden, die Lust am Leben zu entdecken, herauszufinden, was einen immer wieder in die Sucht bringt, die eigene Lebensgeschichte zu verstehen und anzunehmen, zu entdecken, was in einem steckt, und zu lernen, Verantwortung zu übernehmen sowie Beziehungen (wieder-) aufbauen. Wenn diese Dinge angenommen werden, kommt man fast automatisch von der Sucht los. Die Menschen werden nicht auf die Sucht reduziert, die Arbeit bietet einen neuen Ansatz für ein zufriedenes Leben.
 
Heute sind Sie am Hauptsitz der Fazenda in Guaratingueata im Bundesstaat São Paulo. Wie kam es zum Wechsel?
In Coroata lebte und arbeitete ich insgesamt acht Jahre. Wegen gesundheitlicher Probleme konnte ich dann nicht mehr im heißen, tropischen Nordosten bleiben. 2007 ergab sich die Möglichkeit, am Hauptsitz eine Vollzeitstelle anzunehmen. Die Fazenda war in der Zwischenzeit von einer lokalen Einrichtung zu einem Internationalen Werk gewachsen. Im Mai 2007 kam auch Papst Benedikt zu Besuch.
 
Was machen Sie konkret?
Ich begleite und betreue Freiwillige wie auch Besucher aus Deutschland bei allen ihren Anliegen. Weiter übernehme ich die Korrespondenzen von und nach Deutschland, übersetze und halte mit Spendergruppen Kontakt. Und ich helfe, gemeinsam mit der Fazenda Strukturen und Projekte aufzubauen oder zu verbessern, um sie später ganz in einheimische Hände zu übergeben. Zudem unterrichte ich an der “Internationalen Schule der Gemeinschaft”, an der zukünftige Verantwortliche ein Jahr lang auf ihre Arbeit am Hauptsitz vorbereitet werden.Zudem unterrichte ich an der “Internationalen Schule der Gemeinschaft”, an der zukünftige Verantwortliche auf ein Jahr lang auf ihre weltweite Arbeit vorbereitet werden. Ich bin für die Inkulturation und den religiösen Dialog mit den anderen großen Religionen zuständig. Der Dialog mit und das Verständnis für andere Religionen ist uns sehr wichtig.
 
Haben Sie sich das Leben in Brasilien anders vorgestellt?
Nein und Ja. Durch die gute und lange Vorbereitung bei Agiamondo (früher AGEH) konnte ich mir die Verhältnisse, das Klima, die politische Lage, meine Arbeitssituation und die Kultur einigermaßen gut vorstellen. Worauf ich nicht vorbereitet war, war die große Armut im Nordosten. Man liest darüber, aber es mit eigenen Augen zu sehen ist etwas völlig anderes. Meine brasilianischen Freunde und Arbeitskollegen kämpfen jeden Tag darum, dass Essen auf denTisch kommt. Schulbildung gibt es für viele Kinder nicht, weil sie auf den Feldern mithelfen müssen oder schlicht die Möglichkeit fehlt. Die einfachen Lehmhäuser sind ohne Wasser und Strom. Die Gesundheitssituation in der kleinen Stadt Coroata war sehr prekär. Deshalb musste ich Coroata nach mehreren schweren Dengue-Atacken verlassen. Der Südosten ist dagegen sehr europäisch geprägt. Das Leben hier ist bedeutend einfacher und die Gesundheitsversorgung ausreichend. Das Klima ist bedeutend gemäßigter, das erleichterte die Eingewöhnung. Was mir immer geholfen hat war und ist, dass ich nicht bewerte. Nichts ist besser oder schlechter. Es ist anders! Auch Dinge, die man auf den ersten Blick nicht versteht, lernt man zu verstehen.
 
Was überrascht Sie positiv und negativ?
Positiv hat mich die die Lebensfreude der Menschen überrascht, überall. Die Solidariät, das Hergeben, auch wenn man nicht viel hat. Es wird nicht viel geklagt, sondern versucht gemeinsam Situationen zu lösen. Unter negativ würde ich eine manchmal herrschende Passivität anführen, das Resignieren, das nicht Kämpfen. Viele geben doch zu schnell auf. Und Recht zu haben heißt in Brasilien nicht unbedingt, dass man sein Recht bekommt. Es gibt zwar Gesetze, aber die gelten nicht für alle.
 
Was aus der Heimat vermissen Sie?
Direkt vermissen tue ich nichts. Klar freue ich mich sehr, wenn Besucher bayerische Spezialtäten mitbringen wie Weißwürste und süßen Senf, Brezeln, Vollkornbrot, Leberkäs, deutsche Schokolade.
 
Werden Sie wieder nach Deutschland zurückkehren?
Wenn die Erzdiözese München und Freising meinen letzten Vertrag verlängert, bleibe ich gerne noch in Brasilien. Im Jahr 2023/2024 gehe ich in Rente und werde dann nach Deutschland zurückkehren. Auch wenn die Gesundheitsversorgung hier im Süden einigermaßen gut ist, sehe ich schon die Vorteile im Alter, eine deutsche Absicherung zu haben.
 
Hat sich durch Corona etwas verändert?
Ja natürlich. Ein Teil meiner Arbeit ist weggefallen – es kommen derzeit keine deutschen Besucher und dieses Jahr auch keine Freiwilligen. Der Unterricht findet per Video statt, die Arbeit im Home-Office. Auch die Arbeit der Fazenda hat sich etwas verändert, in der Krise nimmt sie auch Obdachlose auf. Hier kommt im Fernsehen immer der Slogan: “Bleib zu Hause.” Das können sich aber die wenigsten leisten. Und Obdachlose haben gar kein Zuhause. Dadurch hat sich auch meine Arbeit verändert, weil wir für diese Menschen finanzielle Unterstützung suchen.

Das Interview führte Sandra Tjong, freie Redakteurin