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Vom bayerischen Bauernhof zu Kranken und Sterbenden in Afrika Schwester Irmingard Thalmeier aus dem Landkreis Mühldorf baute in Südafrika ein Hospiz für Aidskranke auf

Fast 40 Jahre lebte Irmingard Thalmeier in Südafrika, wo die Ärztin unter anderem den Betrieb eines Krankenhauses aufrechterhielt und ein Aidshospiz aufbaute. Dabei hätte in ihrer Kindheit wohl kaum jemand geahnt, dass sie in die Ferne gehen würde: 1941 geboren, wuchs sie in Stockweb bei Haag in einem ärmlichen Landwirtschaftsbetrieb mit elf Geschwistern auf. Von den Mallersdorfer Schwestern und Lehrern gefördert, machte sie das Abitur und schloss ihr Medizinstudium ab, um schließlich als Ordensfrau nach Südafrika zu gehen. Erst nach Nklandla an der Ostküste, dann nach Maria Ratschitz, das ebenfalls in der Provinz KwaZulu Nata liegt. 2011 kam sie nach Deutschland zurück. Nach ein paar Jahren im Priesterseminar in der Georgenstraße in München lebt sie heute im Altenheim der Mallersdorfer Schwestern in Niederbayern. Hier blickt sie auf ihre Erlebnisse zurück.
Schwester Irmingard Thalmeier am Schreibtisch
Nach ihrer Rückkehr aus Südafrika arbeitete sie an der Pforte des Münchner Priesterseminars: die Ärztin und Mallersdorfer Schwester Irmingard Thalmeier
Was war Ihre Motivation, nach Südafrika zu gehen?
Über eine Schwester und eine Tante habe ich von den Mallersdorfer Schwestern erfahren. Was ich mitbekam, begeisterte mich, in religiöser wie sozialer Hinsicht. Deshalb ging ich auf eine Mittelschule des Ordens in Mallersdorf. Die Lehrer förderten mich, und so wechselte ich als eines von vier Mädchen aufs Gymnasium nach München. Im Geschichtsunterricht war damals die Entkolonialisierung der zentralafrikanischen Länder Thema, was ich wahnsinnig spannend fand. Als in Mallersdorf dann angedacht wurde, eine Mission in Südafrika zu eröffnen, wuchs mein Wunsch, als Ärztin dorthin zu gehen. 1973 war es so weit.

Was haben Sie konkret vor Ort gemacht?
Ich war in der Missionsstation der Benediktiner von St. Ottilien in Nkandla im Zulu-Land im Einsatz. Das Krankenhaus dort hatte damals kaum Personal. Die Patres und Brüder der Ordensbruderschaft kümmerten sich um eine Farm und alles, was an Reparaturen und Bauwerken zu tun war – da die Diözese Eshowe auch eine Benediktinische Gründung war, zum Teil auch um die Finanzen. Im Krankenhaus gab es eine ältere Ärztin, sie reiste aber wenige Monate nach meiner Ankunft ab. Dann hielt ich den Betrieb mit Hilfe von drei deutschen Lehrschwestern und ein paar einheimischen Pflegerinnen aufrecht. Zeitweise hatten wir später mehr Ärzte, hart war es aber trotzdem.

Was machte den Alltag so schwer?
Wir hatten an die 100 Betten mit allen möglichen Abteilungen, Chirurgie, Gynäkologie, Geburtshilfe, Ambulanz etc. Wegen kriegerischer Kämpfe zwischen Volksgruppen gab es viele Traumata wie abgebissene Lippen und abgehackte Gliedmaßen. Es war wirklich so, wie man sich das wilde Afrika vorstellt. Vor allem anfangs belastete mich das sehr.

Haben Sie sich das Leben dort anders vorgestellt?
Ich wurde sozusagen hineingeworfen, es war noch wenig geordnet und etabliert. Das hatte auch Vorteile. Ein paar Schwestern und ich haben bald Zulu gelernt, sind zu den Leuten gegangen und haben gefragt: „Wo brennt’s?“ Daran haben wir dann unsere Arbeit ausgerichtet.

Haben Sie ein Beispiel?
Die Geburtshilfe war schön, aber auch traurig, weil unsere Hilfe oft zu spät gekommen ist. Es reichte nicht, die Frauen stationär im Krankenhaus zu behandeln. Da hat Schwester Sola, eine er ersten Schwestern, die 1955 auswanderten – sie kommt aus der Nähe von Kelheim – den Führerschein gemacht und ist mit dem Landrover zu den Frauen in die Dörfer gefahren. Sie hat eine sehr erfolgreiche mobile Schwangerenhilfe aufgebaut.

Und Sie selbst, sind Sie auch über Land gezogen?
Ich war meist im Krankenhaus, da wurde ich als einzige Ärztin gebraucht. Zudem habe ich die Ausbildung der Schwestern übernommen. Die ersten drei bis vier Jahre war es nahezu ein 24-Stunden-Job.

Wie war das Leben im Apartheits-Regime?
Die meisten Schwarzen vertrauten uns, nicht so sehr die Buren. Das waren Nationalisten und Rassisten. Und die Dutch Reformed Church (DRC) stand im Zentrum der Apartheit. Die Geistlichen haben die Bibel so erklärt, dass die Schwarzen da seien, um den Weißen zu dienen. Wir Katholiken haben uns dagegengestellt. Ich musste als Ärztin zweimal im Monat in ein Altersheim, das die DRC für gebildete und verarmte Schwarze unterhielt. Dort herrschte eiserne Disziplin, und auch dort haben sie den Schwarzen eingetrichtert, dass sie nur über die Weißen Erlösung finden. Ich habe mich regelmäßig mit ihnen verkracht. Da das politisch sicher nicht klug war, hatten die Mitschwestern oft Sorge, wir könnten deshalb ausgewiesen werden. Die Apartheit-Regierung war ohnehin nicht katholikenfreundlich.

Was hat Sie überrascht in Südafrika? Positiv wie negativ?
Vielleicht nicht überrascht, aber etwas enttäuscht hat mich, dass die leitenden Schwestern damals ihre festen Meinungen über Schwarze hatten. Da fehlte das Verständnis, dass sie unterdrückt wurden. Die Schwestern, die vor mir da waren, pflegten am Anfang viel Kontakt zu den „Colonial Girls“, den Engländerinnen, die zum Tee kamen. Von ihnen übernahmen sie die Kolonialsprache. Die Frauen hatten persönlich nichts gegen Schwarze, aber sie auf dieselbe Stufe zu stellen, wäre auch für die meisten Engländer undenkbar gewesen.

Führte das zu Konflikten?
Ein Beispiel: Ich hatte in Deutschland Geld gesammelt, damit wir einheimische Ärzte ausbilden können. Am Ende waren es in 30 Jahren 22 Mediziner. Das Studium löste in den jungen Menschen allerdings einen unheimlichen Zwiespalt aus. Sie kamen vom Land und erlebten auf dem Campus in Johannesburg oder Durban eine völlig andere Welt. Am Anfang konnten sie ohnehin nur mit einer Sondergenehmigung studieren, die von einem Weißen beantragt werden musste. Sie fühlten sich dort nicht zugehörig, hatten sich aber auch von der Heimat im Dorf entfremdet. So etwas kann schwere Krisen auslösen. Ich kann es ein bisschen nachvollziehen, da mir Stockweb auch fremd wurde, nachdem ich zum Studieren gegangen war – damals waren die Unterschiede zwischen Stadt und Land auch bei uns noch größer. Ich organisierte den Studenten in den Semesterferien Jobs im Krankenhaus. Abends setzten wir uns dann zusammen, um über ihre Probleme zu sprechen. Meines Erachtens hat das viel geholfen. Die Oberin wollte es aber nicht. Ihre Haltung war, dass ich mich damit in Gefahr bringen könnte. Außerdem war sie in Sorge, dass ich zu wenig Zeit zum Beten hatte.

Was schätzen Sie besonders an dem Land und den Einheimischen?
Sie meinen die Schwarzen? Ihre Wärme. Wenn man eine Freundschaft geschlossen hat, ist diese unglaublich ehrlich. Ich bin so beschenkt worden und werde heute noch beschenkt von meinem ersten Doktor – dem ersten Studenten aus unserer Ausbildung, inzwischen studiert schon sein Enkel. Er, seine Frau und seine Kinder schreiben mir, als seien wir eine Familie. Und das ist nicht der einzige! Auch die Gastfreundschaft ist kein Getue. Die Menschen würden ihr letztes Brot für sie hergeben. Nicht umsonst gibt es das Zulu-Sprichwort „Umuntu Ngumuntu Ngabantu“ (Der Mensch ist ein Mensch für die Menschen).

Wie erlebten Sie den politischen Umbruch in Südafrika?
In der Umbruchszeit fühlte ich mich in Nkandla nicht mehr sicher. Die Staatsregierung hatte unsere Mission wegen unseres Engagements auf dem Schirm, die Sicherheitspolizei, allgemein genannt „Special Branch“, durchsuchte öfters mein Büro. Einschlägige Briefe oder Bücher waren suspekt. Ein „gefährlicher“ Faktor war auch, dass ich und die meisten Schwestern ein fast freundschaftliches Verhältnis zu den „Häuptlingen“ in der Umgebung hatten, die politisch in verschiedene Richtungen tendierten. Einmal kam es zu einem hoch umstrittenen Besuch von Mangosuthu Buthelezi, dem Vorsitzenden der Zulu-Partei IFP, im Krankenhaus. Es hieß, der ANC wolle ihn nicht, da Streit zwischen den Parteien herrschte Unsere Mitarbeiter waren gespalten, es gab Anhänger der Buren, des ANC, der Zulu-Partei. Ich hatte Angst, dass das Treffen zu Gewalt führen könnte. Am Ende ist alles gut gegangen. Und dass Buthelezi eine Lobeshymne auf die Mission und mich persönlich gesungen hat, hat mir politisch wohl das Leben gerettet, weil es meine Stellung erst mal gestärkt hat.

Sie haben eine Aidshilfe in Südafrika aufgebaut.
Als Aids in den 90er-Jahren kam, war uns klar, dass wir die Jugendlichen aufklären müssen, über Kondome, Sex und die Ansteckungsgefahren. Thabo Mbeki, der zweite Staatspräsident, propagierte ja, Aids sei ein Fluch der Weißen. Wir organisierten also Workshops für Jugendgruppen in der Mission, wobei wir natürlich für die Nutzung von Kondomen waren, zumindest einige Schwestern und ich.

Sorgte das für Aufsehen?
Einmal kam eine Journalistin von einer großen südafrikanischen Zeitung, ich glaube, es war die „Daily Sun“. Sie interessierte sich für unser Aufklärungsprogramm, wissend, dass die katholische Kirche offiziell gegen Kondome war. Der Aufmacher lautete: „Catholic Nun: Condoms are an option“ (Katholische Nonne: Kondome sind eine Option). Ein Franziskaner forderte daraufhin in einem strengen Brief von der Provinzoberin, dass ich nach Hause geschickt werden müsse. Aber sie ließ ihn abblitzen.

Wie wurde mit den Aids-Kranken umgegangen?
Die Krankenhäuser waren überfüllt, deshalb sind wir raus aufs Land gegangen, um den Kranken ein einigermaßen humanes Sterben zu ermöglichen. Sie wurden ja verstoßen und weggesperrt, wenn sie abgemagert aus Johannesburg heimgekommen sind. Wir fanden Menschen halb verfault in Hütten.

1998 gründeten Sie außerhalb eine Aidsstation. Wie kam es dazu?
Über die Provinzoberin erfuhr ich von einer alten Missionsstation, Maria Ratschitz. Ich fuhr hin und war sofort begeistert von der völlig überwachsenen schönen Kirche. Die Not der Aidskranken war groß, und so bauten zwei Schwestern und ich, unterstützt vom Bischof der Region, dort ein Aidshospiz auf.

Seit 2011 sind Sie wieder in Deutschland. Waren Sie danach nochmal in Südafrika?
Im vergangenen September besuchte ich die Schwestern. Wir hatten ja eine schöne Gemeinschaft. Ich traf auch Schwester Sola wieder. Sie ist im Januar 100 Jahre alt geworden und geistig noch hellwach. Sola sah mich an und sagte: „Da kommt meine Retterin“ – in Erinnerung an damals, als sie sehnsüchtig auf eine Ärztin für das Krankenhaus gewartet hatten.

Das Interview führte Sandra Tjong, freie Redakteurin