Corona und die Armen von Morgen Angebote der Caritas in der Schuldnerberatung stark nachgefragt

Ahmet R. ist durch die Pandemie in Schulden geraten und stand vor dem Nichts. Dass er einen Ausweg gefunden hat, verdankt er auch der Caritas-Schuldnerberatung. Dabei ist er kein Einzelfall: Durch die Corona-Krise haben sich viele Menschen überschuldet.
Schuldnerberatung
Der Diözesan-Caritasverband bietet in München und Oberbayern an 24 Standorten die Schuldnerberatung an
„Ich möchte heiraten. Ich will mein Leben aufbauen und für meine Kinder da sein“, sagt Ahmet R. (Name geändert). Der 37-Jährige hat keine großen Wünsche und möchte auch keine großen Sprünge machen. Dafür ist er vergangenes Jahr schon zu tief gefallen. Ein bescheidenes Familienglück und gut über die Runden kommen – das ist das Ziel, das er sich gesteckt hat. Er lebt in einer kleinen Gemeinde nahe Freising, ist dort geboren und aufgewachsen. „Seit ich 15 bin, arbeite ich“, erzählt er. Es sind meist die körperlich anstrengenden Jobs, bei denen das Gehalt knapp ist, aber gerade so reicht. Zuletzt war er in Leiharbeit als Be- und Entlader für DHL tätig. Im März 2020 kam dann Corona, und er musste gehen. Erst in Kurzarbeit und dann ganz. Und das war nur der Beginn der Spirale, in die er geriet, und die sein Leben Stück für Stück auseinanderpflückte.
 

Corona-Krise sorgt für mehr Schuldenprobleme

 
Laut des Deutschen Caritas-Verbandes waren im Herbst 2020 rund sieben Millionen Menschen in Deutschland überschuldet. Von Überschuldung wird dann gesprochen, wenn die laufenden Kosten nicht mehr bezahlt werden können. Diese Tendenz ist steigend: In der Corona-Krise kam es vermehrt zu Kurzarbeit und zu Entlassungen. Ganze Berufszweige sind im Lockdown buchstäblich weggebrochen, darunter die Tourismus-, Gastronomie- und Kulturbranche. Und auch Einzelunternehmen und Solo-Selbständigen fehlten die Aufträge. Das fehlende Einkommen brachte viele Menschen in Zahlungsschwierigkeiten, was oft in die Überschuldung führte. Und dabei sind es nicht nur Menschen aus dem Niedriglohnsektor, denen plötzlich die Existenz wegbrach und die nun an der Schwelle zur Armut stehen: Die durch Corona verursachten Schulden ziehen sich quer durch die Gesellschaft. Ahmet R. ist einer von Ihnen. Durch die Kurzarbeit halbierte sich sein Einkommen, dann brach es weg. Ratenzahlungen, Miete, Unterhaltszahlungen für sein Kind, das bei seiner Ex-Partnerin lebte – die nicht bezahlten Rechnungen stapelten sich und wurden immer bedrohlicher. Erst verkaufte er sein Auto, dann stand er plötzlich ohne Wohnung da. „Ich habe keinen Ausweg mehr gefunden“, erzählt er.
 

Eine starke psychische Belastung für Betroffene

 
„Ich arbeite, wieso soll ich dann im Container leben?“ Für Ahmet R. ist es kaum zu begreifen, dass er trotz jahrelanger harter Arbeit plötzlich wohnungslos dastand. Aus Not lebte er ein halbes Jahr bei seiner Mutter im Ausland. Dann kam er zurück, versöhnte sich mit seiner Ex-Partnerin und kam langsam wieder auf die Beine. Den Ausweg fand er tatsächlich durch die Schuldnerberatung. „Frau Wander hat mir sehr geholfen. Sie hat den ganzen Schriftverkehr mit den Gläubigern erledigt“, erzählt er. Er befindet sich nun im laufenden Insolvenzverfahren, eine harte Zeit, aber keine ausweglose mehr.

Für Margit Wander ist es das A und O, in den Köpfen der Menschen präsent zu sein: „Wenn man in finanziellen Schwierigkeiten ist, kann man sich bei uns kostenlos und kompetent helfen lassen.“ Der Diözesan-Caritasverband bietet in München und Oberbayern an 24 Standorten die Schuldnerberatung an. Dabei kann man auch ohne Termin eine kostenlose Kurzberatung per Telefon bekommen. Ahmet R. geht es mittlerweile besser. Er hat einen neuen Job als Postbote gefunden. Noch ist er in der Probezeit, doch wenn alles gut läuft, bekommt er einen festen Vertrag. Er wird auch bald zum zweiten Mal Vater und hofft auf eine bald schuldenfreie Zukunft: „Ich will nicht reich werden. Ich möchte einfach für meine Familie sorgen können.“
 

Der Ausweg aus der Schuldenspirale

 
„Alle Ratsuchende stehen unter einer hohen psychischen Belastung“, erzählt Margit Wander, Schuldner- und Insolvenzberaterin im Caritas-Zentrum Freising. „Alles, was vorher funktioniert hat, funktioniert durch das Wegbrechen des Einkommens nicht mehr. Es gibt keinen finanziellen Spielraum mehr.“ Dazu komme der Druck der Gläubiger und auch die Scham, mit anderen darüber zu sprechen. Die Corona-Krise sieht sie dabei deutlich als Grund für die Zuspitzung der Lage. Sie arbeitet seit 13 Jahren bei der Schuldnerberatung und spürt, dass gerade jetzt die Nachfrage steigt. Alle Termine im laufenden Monat sind vergeben.

Dabei kann die Schuldnerberatung in Freising 15 bis 20 neue Klienten aufnehmen und diese werden einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin zugeteilt, um die notwendige Unterstützung in enger Zusammenarbeit zu gewährleisten. Dann wird zuerst geschaut, ob die Schulden außergerichtlich reguliert werden können oder ob aufgrund der engen finanziellen Möglichkeiten nur das Insolvenzverfahren bleibt. „Wir sind momentan an unseren Kapazitätsgrenzen“, sagt Margit Wander. Ahmet R. ist einer von Margit Wanders Klienten. Bei ihm lief es auf ein Insolvenzverfahren hinaus.
Text: Eileen Kelpe, Volontärin beim Sankt Michaelsbund