Leben in der "neuen Normalität" Wie sich der Familienalltag während und nach Corona verändert hat

Schulisch, beruflich, familiär: Viele Familien mussten und müssen sich durch die Pandemie großen Herausforderungen stellen. Und jede geht auf ihre eigene Weise damit um. Drei Eltern berichten, wie sie die Pandemie meistern, welchen Belastungen sie ausgesetzt sind und welche Chancen sich durch Homeoffice für sie bieten. Außerdem erzählt die Leiterin einer Familienberatungsstelle, mit welchen Themen Familien infolge Coronas in der Beratungsstelle Unterstützung suchen.
 
Auf dem Foto sind zwei Kinder auf einer Fensterbank zu sehen.
Geborgenheit und Zusammenhalt war für viele Familien in der Pandemie zentrales Fundament.
 
In ihrem Arbeitszimmer im Dachgeschoss, zwischen bunt bemalten Leinwänden, Computerbildschirmen und einem Kamerastativ plant Gudrun Schlemmer ihren nächsten digitalen Malkurs. Das Angebot hat sich die selbstständige Künstlerin in der Pandemie einfallen lassen: „Ich war online ein absoluter Anfänger, aber habe mich in die Technik hineingefuchst und verbessere die Kurse jetzt ständig.“ Ohne Begeisterung und Leidenschaft wäre das nicht möglich, weiß Schlemmer aus Erfahrung. „Sonst hat man nicht die Ausdauer, Durststrecken durchzuhalten.“
 
Auf dem Foto sieht man Gudrun Schlemmer
Gudrun Schlemmer ist als freiberufliche Künstlerin und alleinerziehende Mutter „Durststrecken“ gewohnt.
Die gab es auch vorher schon für die alleinerziehende Mutter, Corona ist für sie eine „zusätzliche Belastung“. Die angehende Kunsttherapeutin müsse jetzt „wesentlich mehr arbeiten, um über die Runden zu kommen“ – und ihrer zwölfjährigen Tochter psychisch wie schulisch mehr beistehen. „Keine Treffen mit Freunden, eine gestresste Mutter: Sie konnte die Situation nicht mehr einordnen und hat sich sehr zurückgezogen“, erzählt Schlemmer. Mittlerweile unterstützt beide die Familienhilfe, auch den Übertritt hat die Zwölfjährige geschafft. Dem Leistungsdruck in der Realschule aber halte sie nur schwer stand: „Sie hat tierische Lücken durch das Homeschooling“, so Schlemmer. „Das war für die meisten Kinder kein Selbstläufer.“
 
Auf dem Foto ist Joachim Burghardt zu sehen.
Für Joachim Burghardt und seine fünfköpfige Familie war es kaum möglich, alle Herausforderungen in der Pandemie zu bewältigen.
Alle Herausforderungen kaum zu bewältigen

Ähnlich empfindet es der dreifache Familienvater Joachim Burghardt. Die Schließung der Schulen habe einiges an Stress verursacht, von der Sorge um den Lernfortschritt der Kinder bis hin zu organisatorischen Fragen. Besonders Sohn Lorenz ist die schulische Situation schwergefallen: „Du kriegst einen Auftrag und wenn du was nicht verstehst, musst du dir selbst Hilfe besorgen. Das war nervig“, erzählt der Zehnjährige. Fürs Rausgehen sei kaum Zeit geblieben – und die erste Schulwoche in Präsenz habe er wegen eines infizierten Mitschülers wieder daheim verbringen müssen. Seine Niedergeschlagenheit habe letztendlich die ganze Familie beschäftigt, sagt der Vater. „Wir mussten uns überlegen: Was können wir tun, dass er wieder selbstständig seine Hausaufgaben macht, dass er Energie entwickelt?“

Seine Arbeit als Redakteur habe er zum Glück ins Homeoffice verlegen können, dennoch stellt Burghardt rückblickend fest: „Es war kaum möglich, alle Herausforderungen zu bewältigen, die familiär, schulisch und beruflich durch die Pandemie auf uns zukamen.“ Hinzu kommt für ihn „der Verdacht, dass die Kinder und deren Wohl nicht die oberste Priorität der Politik sind.“ Mittlerweile sei Corona die „neue Normalität“, Routinen stellten sich „zwangsläufig sehr schnell“ ein. Mit Blick auf seitenlange Informationen, die selbst sonntags von den Schulen per Mail kämen, ist für den Dachauer aber das Hauptproblem, „der Stress, den das bei mir verursacht.“
 
Auf dem Foto ist Regina Maier zu sehen.
Regina Maier freut sich, dass ihr Mann durch die Arbeit im Homeoffice mehr Zeit für die vier Söhne hat.
Familienzeit dank Homeoffice

Für Regina Maier und ihre Familie hat sich am normalen Tagesablauf durch Corona dagegen wenig verändert. Tagsüber kümmert sie sich zuhause um die vier Söhn zwischen fünf Monaten und zehn Jahren, das war auch vor Coronas schon so. Der älteste geht in die Grundschule und ist „seit der ersten Klasse ziemlich selbstständig“, wodurch er kaum Begleitung während des Homeschoolings gebraucht hätte. Maier habe hauptsächlich bei der Bedienung des Computers helfen müssen. Das wäre ohne Eltern nicht möglich gewesen, ist sie sich sicher. Herausfordernd sei eher gewesen, „eine Bespaßung für die Kleinen zu finden“, erzählt die vierfache Mutter. Sohn Jakob hofft dennoch, dass kein digitaler Unterricht mehr kommt, „sonst habe ich wirklich keine Lust mehr.“
 
Insgesamt gewinnt Maier der Situation aber vorwiegend Positives ab: Ihr Mann arbeitet seit dem ersten Lockdown im Homeoffice und spart sich die täglich dreistündige Autofahrt von Altenmarkt nach München und zurück. So ist er jetzt beispielsweise beim Mittagessen dabei oder bringt den dreijährigen Sohn in den Kindergarten. „Das ist ein großer Vorteil“, findet Maier. „Er kann sehr viel für die Familie da sein und mich unterstützen.“
 
„Sicherer Hafen“ Familie

Der Alltag von Gudrun Schlemmer bleibt zwar geprägt von „einer ständigen Anspannung“, aber die Alleinerziehende versucht, den Tagesablauf der Familie zu routinieren. „Und wir genießen die schönen Momente“, etwa bei einem gemeinsamen Frühstück auf dem Balkon oder mit den Meerschweinchen im Garten. Außerdem nimmt Schlemmer regelmäßig an Gesprächsrunden der Alleinerziehendenseelsorge des Erzbistums München und Freising teil: „Wir sprechen uns gegenseitig Mut zu.“

Die Strategie von Joachim Burghardt und seiner Familie heißt „möglichst viel Normalität“. Beim Abendessen redet die fünfköpfige Familie „so gut wie gar nicht über Corona“, sie unternehmen viele Ausflüge ins Freie oder genießen es, im eigenen Garten zu spielen. Von daheim aus zu arbeiten, empfindet auch Burghardt als „Zugewinn“. Dadurch könne er seine Zeitplanung so machen, „dass das der Familie zugutekommt.“ Denn die ist ihm besonders wichtig, das wurde auch während des Lockdowns nochmal spürbar: Geborgenheit und Zusammenhalt machen die Familie für Burghardt zu einem „sicheren Hafen“. „Dass wir gemeinsam leben und uns unterstützen dürfen – das ist ein Geschenk.“

Hannah Wastlhuber, Volontärin beim Sankt Michaelsbund, Oktober 2021
 

 

Nachgefragt


"Verstärkt sichtbar werden jetzt die emotionalen, sozialen und schulischen Probleme für Kinder und Jugendliche."

Drei Fragen an Petra Reuter-Niebauer, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle Adelgundenheim, einer Einrichtung der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) der Erzdiözese München und Freising
Auf dem Foto ist Petra Reuter-Niebauer von der KJF zu sehen.
Petra Reuter-Niebauer leitet die Psychologische Beratungsstelle in der Unsoldstraße der Katholischen Jugendfürsorge.
Welche Erfahrungen haben Sie mit der Situation von Familien während der Pandemie gemacht?
Manche Familien konnten mit Homeoffice ihren Familienalltag in der Pandemie gut organisieren, haben zum Teil sehr positive Familienzeit erleben können. Der Großteil der Familien war aber mit der Situation sehr gefordert und auch überfordert. Unterstützung der Kinder im Homeschooling, die räumliche Enge, Sorge durch Kurzarbeit, die soziale Isolation – all diese Faktoren haben Familien sehr belastet. Auf die Unterstützung des familiären Netzwerkes wie Großeltern musste zudem verzichtet werden, um diese zu schützen.

Welche Klienten kommen momentan mit welchen Problemen zu Ihnen in die Beratungsstelle?
Die vielfältigen Anfragen in der Beratungsstelle sind nicht grundsätzlich anders als vor der Pandemie. Verstärkt sichtbar werden jetzt aber die emotionalen, sozialen und schulischen Probleme für Kinder und Jugendliche infolge der Pandemie. Ängste, Depression und Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen sind z.B. dramatische Folgen. Die Erschöpfung in den Familien ist groß.

Wann bestand die größte Nachfrage nach Beratungsangeboten?
Zu Beginn der Pandemie gingen die Beratungsanfragen eher zurück. Familien mussten sich erst neu organisieren, in der ersten akuten Krise haben viele funktioniert. Ab Ende 2020 hat sich die Nachfrage nach Beratung deutlich erhöht. Diese erhöhte Nachfrage hat sich im Wesentlichen bis jetzt gehalten. Familien kämpfen mit den Belastungen der Pandemie und den emotionalen und schulischen Nachwirkungen nach wie vor.  Ein großes Problem ist dabei zusätzlich, dass derzeit wegen der gestiegenen Bedarfe, lange Wartezeiten für stationäre und ambulante Therapieangebote bestehen.

Die Fragen stellte Hannah Wastlhuber, Volontärin beim Sankt Michaelsbund
 

 
Ehe-, Familien- und Lebensberatung
der Erzdiözese München und Freising
Rückertstraße 9
80336 München
Telefon: 089-54 43 11-0
Fax: 089-54 43 11-26
info(at)eheberatung-oberbayern.de
http://www.erzbistum-muenchen.de/eheberatung-oberbayern
Leiterin: Margret Schlierf

21. + 22. Januar 2022: Pädagogische Fachtagung „Corona und die Familie – Herausforderungen und Perspektiven einer Krise"

Die Tagung in Schloss Fürstenried bietet ein Forum, um aktuelle Studienbefunde zu hören und zu diskutieren und zeigt auf, welchen Herausforderungen, Belastungen und Bedrohungen Eltern und Kinder ausgesetzt sind.
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