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„Begriff ‚Abendland‘ nicht zur Abgrenzung benutzen“

Kardinal Marx fordert: Zentrale europäische Werte leben und nach dem Verbindenden in der Gesellschaft streben
München, 6. April 2019. Kardinal Reinhard Marx warnt davor, den Begriff „christliches Abendland“ zu instrumentalisieren und ihn zur Abgrenzung und Abwertung anderer Religionen und Kulturen zu benutzen. „Wenn ‚Abendland‘ bezogen auf Europa auch die Wurzeln in Judentum und Christentum meint, aus denen sich ein Wertekanon herausgebildet hat, dann bin ich ganz einverstanden mit diesem Wort“, sagt der Erzbischof von München und Freising in einem Radiobeitrag für die Sendereihe „Zum Sonntag“ des Bayerischen Rundfunks, der am Samstag, 6. April, gesendet worden. Zentrale europäische Grundwerte wie Menschenwürde, Freiheit, Frieden und Solidarität „und – als Grundlage für all das – die Gottebenbildlichkeit des Menschen“ ließen sich aus diesen Wurzeln verstehen, erklärt der Kardinal. Viele dieser Werte ließen sich aber nicht nur aus dem Glauben heraus begründen, sondern seien „in den Menschenrechten ein Allgemeingut geworden und ‚gehören‘ nicht den Religionen“. Diese Werte „können nicht benutzt werden zur Abgrenzung und Abwertung von Anders- oder Nicht-Gläubigen. Der christliche Glaube ist ja gerade nicht exklusiv, er nimmt grundsätzlich alle Menschen in den Blick und das Heil der ganzen Welt, ja der gesamten Schöpfung“, so Marx.  
 
„Wenn der Begriff des ‚Abendlandes‘ von Populisten für ihre eigenen Zwecke verkürzt verwendet wird“, sagt der Erzbischof, „liegt es an uns, die Werte eines – gerade durch die Botschaft der Bibel – jüdisch und christlich verwurzelten Europa durch unsere Rede und unser Handeln fruchtbar zu machen und das Verbindende mit anderen Religionen, Kulturen und Überzeugungen zu suchen“. Nicht die „Suche nach den Gegensätzen“ bringe die Gesellschaft weiter, sondern das „Streben nach dem, was uns verbindet zu einer Menschheitsfamilie“. Darin habe Europa große Erfahrungen gesammelt, „auch im Friedensprojekt der Europäischen Union“, erklärt Marx. „Darin kann auch heute Europas Beitrag für eine bessere Welt liegen.“
 
Der Kardinal betont, Orient und Okzident, Morgenland und Abendland, seien früher rein geographische Begriffe gewesen, die jedoch später mit weiteren Inhalten gefüllt worden seien, „von Religion und Kultur bis hin zur Ideologie“. Politische Macht verbunden mit religiösen Interessen habe sich dadurch abgegrenzt. „So standen dann irgendwann – kurz gefasst – Christen und Muslime einander gegenüber in der Frage um den rechten Glauben.“ Gerade wenn ein Begriff mehrdeutig sei, sei es wichtig, sorgsam auf die eigenen Worte zu achten und eine Instrumentalisierung des Begriffs zu vermeiden. (ct)