Gedenk-App wider das Vergessen Das digitale Angebot der Katholischen Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte Dachau

In keinem anderen Konzentrationslager wurden Geistliche in so großer Zahl gefangen gehalten wie im KZ Dachau. Die Nazis verfolgten damit den Plan, die Geistlichen an einem Ort zentral zusammenzufassen: Sie sollten von der Bevölkerung und auch von den Häftlingen in den anderen KZs ferngehalten werden, damit sie nicht mit ihren Überzeugungen, die sich gegen das NS-Regime richteten, auf die Menschen einwirken konnten. Die Katholische Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte in Dachau verfolgt seit 30 Jahren den Auftrag, die Erinnerung an diese Geistlichen und an alle Opfer wachzuhalten. Jetzt hat ihr seelsorglicher Leiter eine mobile Gedenk-App erstellen lassen. Ein Gespräch mit Ludwig Schmidinger, dem Leiter der Katholischen Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte Dachau.
Gelände KZ-Gedenkstätte Dachau

Fast 2.800 Geistliche wurden ins KZ Dachau verschleppt, etwa ein Drittel von ihnen ist im Lager umgekommen. Gibt es noch Überlebende der damaligen Inhaftierten?

Ludwig Schmidinger: Von den christlichen Häftlingen lebt meines Wissens keiner mehr. Der einzige noch lebende, den ich kenne, ist der jüdische Rabbi Erwin Schild. Er ist heute 100 Jahre alt und lebt in Toronto. Er wurde 1920 in Mühlheim bei Köln geboren. Er hatte gerade die Ausbildung zum Rabbiner an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg angefangen, als die Nazis die Novemberprogrome ins Werk setzten. Der 18-Jährige wurde ins KZ Dachau eingeliefert und war dort den allgegenwärtigen Demütigungen, Hunger und Kälte ausgeliefert. Aufgrund einer glücklichen Fügung kam er am 13. Dezember 1938 frei mit der Auflage, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. Nach vielem Hin und Her konnte er über Holland nach London ausreisen, wo er sein Berufsziel weiter verfolgen konnte und die Torah- und Talmudschule besuchte. Mitte Juli 1940 musste er weiter nach Kanada, wo er zunächst als „feindlicher Ausländer“ interniert war. Erst im Februar 1942 endete seine Gefangenschaft und er konnte in Toronto orientalische Sprachen studieren. Ab 1947 war Erwin Schild für mehr als 40 Jahre Rabbiner der jüdischen Adath Israel Gemeinde in Toronto. Damit hat er sich seinen Lebenstraum, als Rabbiner wirken zu können, gegen alle Widerstände erkämpft, seine Berufung hat sich die Bahn gebrochen.

In Zusammenarbeit mit einem Entwickler haben Sie eine spezielle Gedenk-App konzipiert. Warum?

Auf der App sind die Lebensdaten von 2.720 Geistlichen verschiedener Konfessionen und Religionen gespeichert. Neben Name, Geburtsdatum, Geburtsort und den Haftdaten kann man auch nach Diözesen, Orden und Herkunftsländern recherchieren. Die Gedenk-App hilft, dass das Schicksal von Geistlichen wie Rabbi Schild nicht in Vergessenheit gerät. Übrigens: Die über die App einsehbaren Daten sind auch an anderen Stellen schon veröffentlicht worden. Der Mehrwert der App liegt aber jetzt darin, dass diese Daten von Geistlichen zum ersten Mal gebündelt dargestellt werden und gezielt abgefragt werden können. Und mit Bedacht haben wir alle Geistlichen in die Datenbank aufgenommen, auch jene, die eher nicht so bekannt sind. Unter den Dachauer Häftlingen gibt es 57, die von der katholischen Kirche als Selige anerkannt sind. Unter ihnen ist zum Beispiel Karl Leisner oder der im September 2019 selig gesprochene Pater Richard Henkes SAC. Die große Zahl der anderen Geistlichen, denen ebenso Gewalt an Körper und Seele zugefügt wurde, ist eher unbekannt. Um auch sie zu würdigen, dafür gibt es die App.

In der Zusammenstellung findet man ganz unterschiedliche Texte. Einerseits gibt es exakte Sachinformationen. Andererseits werden Bibelstellen zitiert.

Ludwig Schmidinger: Es war mir wichtig, dass wir es nicht nur bei den einfachen Lebens- und Haftdaten belassen, die im Gedenkkalender zu finden sind. Deshalb haben wir – in Anlehnung an den seit vielen Jahren am Freitag vor Palmsonntag stattfindenden Kreuzweg in der KZ-Gedenkstätte –  zwei Rundgänge mit jeweils sieben Stationen in die App aufgenommen. Jede dieser zweimal sieben Stationen hat drei Teile: Zunächst wird etwas über eine Person und ihre Erfahrung im Lager erzählt. Dann wird ein Schrifttext diesem Schicksalsbericht gegenübergestellt: Es sind Bibelstellen, die von Leid und Verrat berichten und in die Tiefe des Verstehens führen. Als Drittes kommt jeweils ein geistlicher Impuls dazu. Jede Station kann aber auch für sich und als eigener Meditationsimpuls wahrgenommen werden.

Für wen ist die App interessant?

Ludwig Schmidinger: Internationale Besuchergruppen, die zu den Führungen über das Gelände kommen, sind oft erstaunt, wenn sie dabei erfahren, dass Geistliche aus ihrer Heimatgemeinde oder aus ihrem Orden hier im KZ waren. Sie möchten mehr erfahren über die entsprechende Person. Über die App kann man jetzt selber den Lebensweg erforschen. Interessant ist die App auch für Lehrer und Schüler, sie kann gezielt im Religionsunterricht eingesetzt werden. Und natürlich ist sie ein Fundus für alle, die sich für Geschichte interessieren und die zu diesem Ort und seiner Geschichte existentielle und religiöse Fragen haben.

Sollte man sich die App herunterladen, auch wenn man nicht zu diesen interessierten Personenkreisen gehört?

Ludwig Schmidinger, Bischöflicher Beauftrager für KZ-Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising
Pastoralreferent L. Schmidinger
Ludwig Schmidinger: Ich glaube, sie kann ein Gewinn für jeden sein, insbesondere auch für junge Leute. Auf der App werden Schicksale  von Geistlichen vorgestellt, die einen in Erstaunen versetzen. Immer wieder liest man in den Lebensbeschreibungen, dass sich die Inhaftierten auch in höchster Bedrängnis und Angst nicht haben unterkriegen lassen. Fast alle der inhaftierten Geistlichen hatten sich kritisch gegenüber den Nazis geäußert. Wer sich mit ihren Lebensentwürfen auseinandersetzt, wird nachdenklich. Und vielleicht fragt sich der eine oder andere: Was ist in der heutigen Lebenssituation von mir gefordert? Wo müsste und wo könnte ich Haltung zeigen? Und dann auch: Wie sehr kann mich mein Glaube bei der Beantwortung dieser Fragen leiten?

Digitales Angebot der Katholischen Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte Dachau - Was kann die Gedenk-App?

Kartenansicht Gedenk-App
„Die Gedenk-App hilft, dass das Schicksal von Geistlichen nicht in Vergessenheit gerät“, sagt der Leiter der Katholischen Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte Dachau, Ludwig Schmidinger. Er meint damit die 2.720 Geistlichen unterschiedlicher Religionen und Konfessionen, die im KZ-Dachau während der Zeit zwischen 1940 und 1945 inhaftiert waren.

Sie ist kostenlos im Google Play Store oder den App Store von Apple verfügbar. Man kann sie sich herunterladen und die Sprache einstellen, in der sie laufen soll: möglich sind deutsch, englisch und polnisch. Finanziert wurde die Entwicklung der App von der Erzdiözese München und Freising. In einem Kooperationsvertrag der Erzdiözese mit der KZ-Gedenkstätte Dachau/Stiftung Bayerische Gedenkstätten wurden alle zur Verfügung stehenden Daten zusammengetragen. „Die über die App einsehbaren Daten sind auch an anderen Stellen schon veröffentlicht worden. Der Mehrwert der App liegt jetzt darin, dass diese Daten von Geistlichen zum ersten Mal gebündelt dargestellt werden und gezielt abgefragt werden können“, so Schmidinger.
Fast 3.000 Datensätze
Auf der App sind die Datensätze zu den 2.720 inhaftierten Geistlichen hinterlegt. Sie können nach Vorname, Nachname, Geburtsdatum, Geburtsort, Wohnort, Nationalität, Konfession, Diözese, Orden, Sterbeort, Sterbedatum durchsucht werden. Neben diesen persönlichen Daten können auch Informationen zu Verfolgung und Haftverlauf nachgelesen werden.

Gedenkkalender zeigt Sterbetage
Beim Öffnen der App erscheint der Gedenkkalender. Er zeigt den Sterbetag an und führt zu den Namen derjenigen, die am betreffenden Tag umgekommen oder ermordet worden sind.

Rundgänge: Übers KZ-Gelände oder virtuell
Mit der App kann man auf zwei verschiedenen Rundgängen über das Gelände der KZ-Gedenkstätte gehen. Eine Karte mit Navigationsfunktion hilft bei der Orientierung.
  • In dem Rundgang „Geistliche im KZ Dachau“ werden einzelne Schicksale von Geistlichen dargestellt.
  • In dem Rundgang „Namen statt Nummern“ werden einzelne Lebensschicksale von Nicht-Geistlichen erzählt. Insgesamt waren 200.000 Menschen im KZ Dachau inhaftiert. 
Die beiden Rundgänge sind in zweimal sieben Stationen konzipiert. Jede Station hat drei Teile: Im ersten Teil wird eine Person und ihr Leben im Lager vorgestellt. Im zweiten Teil wird ein Schrifttext aus der Bibel diesem Schicksalsbericht gegenübergestellt. Der dritte Teil ist ein geistlicher Impuls mit weiterführenden Gedanken.

Aber: Diese Informationen sind nicht an den Besuch der Gedenkstätte gebunden. Sie können unabhängig davon nachgelesen oder auch als Meditationsgrundlage verwendet werden.
 
Interview und Text: Lisa Schmaus

Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit
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http://www.gedenkstaettenseelsorge.de
Fachbereichsleiter:
Ludwig Schmidinger, Pastoralreferent, Bischöflicher Beauftragter
für KZ-Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising