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Leid, Tod und Auferstehung: Musik in der Passions- und Osterzeit Interview mit Prof. Stephan Zippe, Diözesanmusikdirektor im Erzbistum München und Freising

Kirchenmusik öffnet die Sinne und rührt die Seele an, besonders in der Karwoche und der Zeit vor Ostern. Im Interview erklärt der Diözesanmusikdirektor im Erzbistum München und Freising, Stephan Zippe, wie Passionsmusik entstanden ist und wie sie sich bis heute weiterentwickelt hat. Er nennt einige der bekanntesten Werke und erklärt die stilistischen Tricks der Komponisten.
Heiliges Grab in der Domkrypta 2018
Heiliges Grab in der Krypta des Münchner Liebfrauendoms. Aufnahme aus dem Jahr 2018. © EOM/Kiderle

Online-Redaktion: Herr Professor Zippe, was kennzeichnet Passionsmusik?

Prof. Zippe: Die Musik in der Passionszeit ist zunächst durch die liturgischen Texte der Karwoche geprägt. Eine wichtige Grundlage sind die Beschreibungen der vier Evangelisten, die den Leidensweg von Jesus nach ihrem sehr persönlichen Erleben erzählt haben. Es gibt auch noch andere Texte, die als Passionsmusik vertont wurden. Etwa die „Lamentationes“ des Propheten Jeremia. In ihnen wird die Zerstörung Jerusalems beklagt. Oder auch der Bußpsalm „Miserere“, der eine Anrufung Gottes ist: „Herr, erbarme dich. Gott sei mir gnädig.“

Online-Redaktion: Wie wurden diese biblischen Texte vertont?

Prof. Zippe: Die ursprüngliche Form ist der Gregorianische Choral, den es etwa ab dem 8. Jahrhundert gibt. Diese Gesänge sind einstimmig und psalmodieähnlich. Die Komponisten späterer Jahrhunderte haben die Textgrundlage dann immer im Stil ihrer Zeit vertont. Orlando di Lasso und Giovanni Pierluigi da Palestrina im 16. Jahrhundert zum Beispiel haben ihre Passionsmusiken nach den strengen Regeln der klassischen Vokalpolyphonie komponiert. In barocken Kantaten wird gern ein einzelner Aspekt herausgenommen und in Form einer Arie ausgefaltet. Hier ist der Generalbassstil prägend. Ganz ähnlich aufgebaut ist auch Mozarts „Grabmusik“: Die spielerischen Klänge stehen da in Kontrast zum schmerzhaften Inhalt des Textes. Die romantischen Komponisten wie zum Beispiel Anton Bruckner haben ihre Passionsmusik mit reichhaltigen Harmoniewechseln und großen dynamischen Unterschieden gestaltet. Zeitgenössische Komponisten stehen vor dem Problem, dass unsere heutige Zeit keine einheitliche Tonsprache mehr kennt.

Online-Redaktion: Welche Stimmung drückt sich in der Passionsmusik aus?

Prof. Zippe: Unabhängig von der Art und der Stilistik der Vertonung ist die vorherrschende Stimmung von Passionsmusik natürlich immer ernst und tragisch. Umso deutlicher spürbar ist dann der Stimmungsumschwung zu Ostern. Wir betrauern nicht mehr das Leid und den Tod von Christus, sondern wir feiern Auferstehung. Die Osterfreude wird mit Pauken und Trompeten und mit großer Orchesterbesetzung hinausposaunt.

Online-Redaktion: Welches sind die bekanntesten Werke der Passions- und Osterzeit?

Prof. Zippe: Große Passionswerke sind die Matthäus-  und Johannespassion von Johann Sebastian Bach im 17. und 18. Jahrhundert. Ein großes österliches Werk ist das Oratorium „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel. Insbesondere das „Händel-Hallelujah“ ist wahrscheinlich die bekannteste österliche Komposition überhaupt.

Online-Redaktion: Das „Halleluja“ darf ja während der Fastenzeit nicht gesungen werden.

Prof. Zippe: Genau, dies ist ein musikalisches Fasten. Denn das „Halleluja“ ist der Jubelruf der erlösten Christenheit. Umso öfter erklingt es dann ab Ostern. Schon im 8. Jahrhundert ist belegt, dass vor dem Evangelium gleich zwei „Halleluja“ gesungen wurden mit ihren weitschweifig vertonten Versen. In den österlichen Kirchenliedern setzt sich das fort. Immer wieder werden „Halleluja“-Rufe angehängt und in den Gesang eingeflochten.

Online-Redaktion: Welche Münchner Komponisten bekannter Passionswerke gibt es?

Prof. Zippe: Orlando di Lasso (1532 – 1594), ein gebürtiger Niederländer, kam als 24-Jähriger als Tenorsänger an den Hof von Herzog Albrecht V. nach München. Neben vielen anderen Werken hat auch er vier Passionen nach den vier Evangelien vertont. Der Chor übernimmt dabei die „Turbae“-Szenen, also die Szenen mit großen Menschenansammlungen. Dieser Rollenwechsel sorgt für Abwechslung beim Hörer und vermittelt die Dramaturgie noch direkter. Eine besondere lokale Bedeutung hat auch Johann Gabriel Rheinberger (1839 – 1901). Er kam im Alter von zwölf Jahren nach München, wurde mit 18 Jahren Hoforganist an der Theatinerkirche und zehn Jahre später Professor für Orgel und Komposition an der Musikhochschule. Mit 38 Jahren war er der Hofkapellmeister von König Ludwig II. Er hatte damit eine zentrale Position der katholischen Kirchenmusik in Deutschland inne. Bekannt ist sein Passionsgesang op. 46, der mit den Worten beginnt: „Zum Kreuzestod führen sie meinen Jesus hin.“ Der Text bringt ganz stark die Befindlichkeit des Beters zum Ausdruck, das Flehen, das Klagen und Mitleiden.
Die Fragen stellte Lisa Schmaus.

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