Mystische Orte im Chiemgau und Rupertiwinkel Von Zaubertafeln, alten Baumheiligtümern und heilkräftigen Quellen

Geheimnisvolle Orte mit einem gewissen Zauber haben die Menschen durch alle Zeiten hindurch fasziniert. Ob besondere geologische Formationen, heilkräftige Quellen und Naturheiligtümer, Wallfahrtsorte oder rätselhafte Inschriften und Bilder: Der Anziehungskraft derart mystischer Stätten kann man sich nur schwer entziehen. Das gilt erst recht, wenn die Nebel des Spätherbstes Wälder und Felder in ein besonderes Licht tauchen und die Fantasie anregen. In der an Legenden und Sagen, Kirchen, Klöstern und Kapellen reichen Region zwischen Chiemsee und Waginger See haben wir uns auf die Spurensuche nach ungewöhnlichen Orten des Glaubens gemacht. Unter dem Titel „Mystische Orte im oberbayerischen Chiemgau und Rupertiwinkel“ stehen die faszinierende Geschichte von vier außergewöhnlichen Plätzen und Andachtsorten christlichen Glaubens.
 
Die Kapelle Maria Tann bei Nirnharting
Die Kapelle Maria Tann bei Nirnharting

Eine Kirche mit rätselhafter Zaubertafel

St. Peter und Paul: Eine der älteste Kirchen im südlichen Chiemgau birgt ein verschlüsseltes Geheimnis

Rund 80 Meter erhebt sich der langgestreckte Westerbuchberg als markanter Höhenzug südlich von Übersee unweit des Chiemsees. Von der Anhöhe aus kann man einen wunderbaren Ausblick auf das Achental, die Kendlmühlfilzn und auf markante Gipfel der Chiemgauer Alpen genießen. Im westlichen Teil der Erhebung findet sich in einem kleinen Weiler, umgeben von einer Steinmauer und einem idyllischen Friedhof, die Filialkirche St. Peter und Paul. Den Urkunden nach gehört sie zu den ältesten Gotteshäusern im südlichen Chiemgau. Die bis zu 74 Zentimeter dicken Tuffsteinmauern des Langhauses entstammen noch der romanischen Zeit des 13. Jahrhunderts.
St. Peter und Paul_Übersee
Filialkirche St. Peter und Paul in Übersee. Den Urkunden nach gehört sie zu den ältesten Gotteshäusern im südlichen Chiemgau.
Wer durch die massive Holztür eintritt, hat den Eindruck, wie durch ein Tor in eine andere Zeit zu gelangen. Fern der quirligen Hektik der Moderne finden sich an diesem Kraftort der Stille einige Besonderheiten, die aufmerken lassen. Die Platten im Kircheninneren sind mit rotem Adneter Marmor aus dem Salzburger Land ausgelegt. Im südlichen Seitenschiff, das gut 100 Jahre nach der Umbauphase der Kirche in gotischer Zeit (1410 bis 1426) angebaut wurde, fällt der Blick auf eines der interessantesten Kunstkleinode: einen als Fresko gemalten Nothelferaltar (um 1525/30), der als Flügelaltar mit Sprengwerk ausgestaltet ist.
Er zeigt die 14 Nothelfer in acht Feldern, die jeweils im Gespräch miteinander sind, neben der Muttergottes, dem heiligen Jakobus und dem Stifter. Es gilt unter Kunsthistorikern als Besonderheit, dass in der Gotik ein Fresko als Altarbild diente. Vermutet wird, dass der Gemeinde nach dem Anbau des Seitenschiffs das Geld ausging und sie sich nur einen gemalten Altar leisten konnte.
Eine echte Kostbarkeit sind verschiedene Fresken aus der Zeit der Gotik von 1410 bis 1425, die erst bei Restaurierungsarbeiten 1958/59 und 1978 freigelegt worden sind. Sie zeigen die Anbetung der Heilige Drei Könige, die im Wasser stehen (erkennbar an den Fischen), sowie Muster aus Sternen und Rosetten in den Fensterlaibungen.
St. Peter und Paul_Übersee_Sator-Tafel
Ein als Zaubertafel bekanntes, magisches Quadrat: Es zeigt in gotischen Minuskeln die geheimnisvolle Sator-Formel in lateinischer Sprache. Sie kann sowohl horizontal und vertikal wie auch vorwärts und rückwärts gelesen werden.
Eines der rätselhaftesten Fundstücke kam 1902 bei Arbeiten auf dem - inzwischen nicht mehr zugänglichen - Dachboden zwischen der ehemals romanischen Flachdecke und dem darunterliegenden gotischen Gewölbe zum Vorschein. Neben frühgotischen Fresken der Anna Selbdritt und des Heiligen Christophorus wurde unter dem Wandputz ein auch als Zaubertafel bekanntes, magisches Quadrat entdeckt. Es zeigt in gotischen Minuskeln die geheimnisvolle Sator-Formel in lateinischer Sprache.  Sie kann sowohl horizontal und vertikal wie auch vorwärts und rückwärts gelesen werden:
SATOR
AREPO
TENET
OPERA
ROTAS
Weil das Sator-Quadrat in vierfacher Weise vorwärts und rückwärts gelesen werden kann, werden dieser Zauberformel besondere Kräfte zugeschrieben. Es soll als Bann und Zauberzeichen gegen Hunger, Dämonen, böse Geister, Feuersgefahr, Seuchen und Unheil eingesetzt worden sein. Die ältesten gefundenen Sator-Quadrate stammen aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. Von Pompeji über Südengland bis Syrien, den Dom von Siena und den Petersdom bis nach Hallein reichen die Fundorte dieser im Abendland weitverbreitete Zauberformel.
Die erste Christen sollen das Sator-Quadrat als geheimes Erkennungszeichen benutzt haben. Die Übersetzung mutet rätselhaft an: Der Sämann (Sator) Arepo (Eigenname?) hält (tenet) mit Mühe die Räder (Rotas). Oft wird dies frei so übersetzt, dass Gott durch sein Werk die Schöpfung am Laufen hält. Nach einer christlichen Deutung wurde das nicht bekannte „Arepo“ mit Pflug übersetzt: „(Christus) der Sämann hält mit dem Pflug (des Kreuzes) das Rad (des Schicksals) auf. “ Durch eine Umgruppierung der Buchstaben in Kreuzesform um das zentrale „n“ ergibt sich zusätzlich die Formel „Pater noster“ sowie „A“ und „O“ als christliches Symbol für Anfang und Ende.
Möglicherweise wurde das nach den beiden wichtigsten Stützen der katholischen Kirche benannte Gotteshaus auch auf einem früheren Heiligtum der Kelten errichtet.  Mit seiner Umfriedung, den mächtigen Mauern und machtvollen Schutzzeichen wirkte es wie eine Schutz- und Trutzburg für Gläubige in unsicheren Zeiten. Und war damit zugleich ein Pendant zur weltlichen Burg, die die Herren von Westerberg im 11./12. Jahrhundert weiter östlich erbaut hatten.
Dass das Gotteshaus gesucht war, zeigen die zahlreichen Votivtafeln, die früher einmal in der Kirche gehangen haben sollen, bevor sie gestohlen wurden oder anderweitig abhanden gekommen sind. Wer heute die Kirche besucht, spürt noch immer etwas vom besonderen Zauber dieses mystischen Orts, der die Menschen Jahrhunderte hindurch tief beeindruckt hat.
 

Die geheimnisvolle Biberschwell im Efeuwald

An einem ehemaligen Quellheiligtum feierten frühere Generationen ein großes Kirchweihfest

Die Gegend um die geheimnisvolle Biberschwell in Burg bei Tengling am Tachinger See hat bereits seit Jahrhunderten Menschen in ihren Bann gezogen. Nicht umsonst haben einige Besonderheiten der Landschaft in Kombination mit einem alten Herrschersitz und einem Marienwallfahrtszentrum Anlass gegeben für wundersame Erzählungen, Legenden und Begebenheiten. Seit einer Neuauflage anlässlich der 1200-Jahr-Feier im Jahr 1990 wird dort alle paar Jahre wieder ein großes Kirchweihfest zelebriert. Aber wir wollen der Reihe nach erzählen.
Kirche Mariä Himmelfahrt in Burg bei Tengling am Tachinger See
Majestätisch über dem Ort Burg bei Tengling am Tachinger See thront die Kirche Mariä Himmelfahrt, deren zwiebelbekrönter Turm steil in den Himmel ragt. Auf dem nach drei Seiten steil abfallenden Hügel, auf dem die Kirche steht, befand sich im 11. Jahrhundert eine stolze Burg.
Wer sich dem Weiler heute nähert, dem fällt als erstes die majestätisch über dem Ort thronende Kirche Mariä Himmelfahrt auf, deren zwiebelbekrönter Turm steil in den Himmel ragt. Auf dem nach drei Seiten steil abfallenden Hügel, auf dem die Kirche steht, befand sich im 11. Jahrhundert eine stolze Burg. Sie war Sitz der Grafen von Tengling, wurde aber nach dem Aussterben der Linie im 12. Jahrhundert aufgegeben. Aus dem Abbruchmaterial entstand die neue Kirche. Über verschiedene Stilepochen hinweg wurde ihr Erscheinungsbild immer wieder dem wechselnden Geschmack angepasst.
Bereits die spätgotische Gottesmutterfigur wurde mit wechselbaren Kultgewändern ausgestattet. Während des Höhepunkts der Marienwallfahrt im 17. und 18. Jahrhundert schuf der Tischler Mathias Hörman aus Burg einen neuen Altar samt Muttergottesstatue, die wie eine Puppe mit kostbarsten Gewändern an- und umgekleidet werden konnte. Dies belegen einige noch erhaltene Votivbilder, die sich aus einer einst stolzen Zahl von Glaubenszeugnissen erhalten haben. Im Zuge der Kirchenumgestaltung im Stil der Neugotik und dem Verkauf der Marienstatue an einen Münchner Privatsammler um 1900 erlosch auch der Wallfahrtsgedanke.
Eine kesselartige aufragende, mystische Nagelfluhwand mit zahlreichen kleinen Höhlen im alten Eschenwald nahe der Biberschwell-Quelle.
Im Eschenwald findet sich eine kesselartige aufragende, mystische Nagelfluhwand mit zahlreichen kleinen Höhlen. Über die Wand ergießt sich ein Naturteppich aus dichten Efeuranken.
Von besonderer kunstgeschichtlicher Bedeutung in der für diesen Ort ungewöhnlich großen und prachtvoll ausgestattenen Kirche sind die qualitätsvollen Wandmalereien aus dem frühen 17. Jahrhundert. Sie wurden erst 1954 im Rahmen von Restaurierungen wieder freigelegt und zeigen die Himmelfahrt und Krönung Mariens sowie im Netzrippengewölbe der Decke ein Orchester mit 13 musizierenden Engeln. Außergewöhnlich ist auch das wandfüllende Fresko von Maria als Schutzmantelmadonna, die ihren Mantel schützend über die Menschheit breitet und damit vor dem pfeileschleudernden Gottvater bewahrt.
So abgelegen die Kirche Maria Burg heute wirken mag, so groß war doch ihre Anziehungskraft als Wallfahrtsziel eines großen Kirchenbezirks. Bis vor 150 Jahren feierten hier viele umliegenden Ortschaften ein achttägiges Kirchweihfest mit Hunderten von Menschen und einem großen Jahrmarkt, der mitten in einem alten Eschenwald nahe der Biberschwell-Quelle gefeiert wurde.  Bis aus Salzburg „rollten die mit Kaufmannswaren beladenen Wägen der Fuhrleute an“, heißt es in einem alten Bericht. Neben Handwerksständen gab es Kegelbahnen und Schießbunden und Bühnen für Gesang, Musik und Tanz. „Um neun Uhr abends wurde Ruhe geboten und das Tal gemieden…, die bösen Geister hielten jetzt ihre nächtlichen Feste ab“, heißt es weiter.
Biberschwell_Waldweg mit Wegkapelle
Auf dem Weg zum früheren Quellheiligtum kommt man heute auf einem schmalen Pfad durch lichten Mischwald, an einer verfallenen Wegkapelle und entlang eines idyllischen Bachs vorbei.
Dass einige Besonderheiten der Landschaft im Umfeld des früheren Quellheiligtums und Kultplatz der Kelten die Phantasie stark anregte, mag nicht verwundern. Heute gelangt man auf einem schmalen Pfad durch lichten Mischwald, vorbei an einer verfallenen Wegkapelle und entlang eines idyllischen Bachs, zur Quelle. Sie ist malerisch eingefasst von efeubewachsenen Baumriesen. Über einen weiteren Bach hinweg und auf einem ausgefahrenen Waldweg entlang gelangt man zum früheren Marktplatz im Eschenwald. Nicht weit entfernt davon öffnet sich dem Besucher auf einem versteckten Pfad eine kesselartige aufragende, mystische Nagelfluhwand mit zahlreichen kleinen Höhlen. Über die Wand ergießt sich malerisch ein Naturteppich aus dichten Efeuranken.
Es mag nicht verwundern, dass der frühere Steinbruch mit seinen Höhlen die Erzählung von Zwergen befeuert hat. Nach einer Geschichte beschenkte ein Erdmännlein einen Bauern von Weitgassing mit einem prächtigen Gürtel für seine junge Frau. Der Beschenkte jedoch wurde misstrauisch und band den Gürtel um einen Baum. Sogleich zerschlug ein Blitz den Baum in tausend Splitter – ein beliebtes Sagenmotiv. Nach einer anderen Geschichte soll in einer verborgenen Efeuhöhle das Ende eines unterirdischen Gangs sein. Der soll von der etwa 15 Kilometer entfernt liegenden Höhlenburg des sagenhaften Raubritters Hein von Stein hierher geführt haben.
Wer es noch ein wenig wildromantischer liebt, der gelangt nach einem weiteren Stück auf dem Waldpfad über eine Brücke zu einer tiefen, wild gewundenen Schlucht zwischen bemoosten Nagelfluhwänden. Ein echtes Schauspiel der Natur!
Auf den Zusammenhang des Quellheiligtums mit der früheren Burg verweist im Übrigen der Name „Biberschwell“. Die Vorsilbe „Biber“ ist ein verschliffenes „Biburg“: bei der Burg. Ein Ausflug dorthin lohnt sich zu jeder Jahreszeit.
 

Wundersame Tanne wird zum Wallfahrtsort

Die Kapelle Maria Tann bei Nirnharting zieht bis heute Pilger und Wanderer durch ihre Naturstimmung an

Mit ihren verschiedenen Wäldern, den Quellen und Gewässern, der sanft gewellten Hügellandschaft und besonderen Wetter- und Naturstimmungen hat die Region rund um den Waginger See seit jeher auf Menschen eine besondere Anziehungskraft ausgebübt. Und so mag es auch nicht verwundern, dass hier entlang des St. Rupert-Pilgerwegs eine besondere Dichte ungewöhnlicher Kirchen, Kapellen und Wallfahrtsorte zu finden ist.
Kapelle Maria Tann bei Nirnharting Außenansicht
An der Stelle des heutigen Steinbaus der Kapelle aus dem Jahr 1899 stand einst eine mächtige Tanne. Aus dem Holz der verehrten Tanne errichtete man später eine Kapelle, die dann im Lauf der Zeit durch einen Steinbau abgelöst wurde.
Einer von diesen mystischen Orten, die sich durch eine besondere Naturstimmung und eine geheimnisvolle Legende auszeichnen, ist die Kapelle „Maria Tann“. Noch heute pflegen die Mitglieder des Waginger Vereins der „Maria-Tann-Wanderer“ den Brauch einer jährlichen Andacht im Mai und zu Weihnachten. Von Waging am See aus erreicht man den einstigen Wallfahrtsort über die Kreisstraße TS 27 in Richtung Teisendorf in südostlicher Richtung. Nach einigen Kilometer biegt man nach rechts in Richtung Nirnharting ab und fährt vom Ort aus noch ein paar Kilometer bis zum Parkplatz Weitmoos weiter. Von dort führt ein breiter Wanderweg von etwa 45 Minuten vorbei an Feuchtwiesen zu der Kapelle im dichten Wald.
Gerade im Herbst und Winter mit ihren geheimnisvollen Nebeln, der Stille, Einsamkeit und wechselndem Zwielicht lässt sich die besondere Stimmung bei einem  Spaziergang durch den Wald erspüren. An der Stelle des heutigen Steinbaus der Kapelle aus dem Jahr 1899 stand einst eine mächtige Tanne. Abgeleitet von dem alten Ausdruck für Mark, Gemarkung oder Grenze markierte die „Moari-Tann“ den Übergang zwischen den beiden Gerichten Helmberg bei Waging am See und Raschenberg bei Oberteisendorf.
Kapelle Maria Tann bei Nirnharting
An der Tanne, die einst hier stand, und später an der Kapelle wurden der Geschichte nach schon immer zahlreiche Votivgaben abgelegt.
Der Legende zufolge soll hier im 18. Jahrhundert ein Jäger von der Leiter seines Hochsitzes gefallen sein, wobei sich ein Schuss aus seiner Büchse gelöst hat und die Kugel knapp an seinem Kopf vorbeipfiff. Zum Dank für die glückliche Errettung ließ er eine Votivtafel an der Tanne anbringen. In der Folgezeit entwickelte sich der Baum rasch zu einer wahren Pilgerstätte, so dass sich bald zahlreiche „Opfer von Wachs, hölzerne Krücken und Tafelwerk“ in den Zweigen fanden. Nachdem die Obrigkeit dem Treiben erst jahrelang zugeschaut hatte, wurde im Rahmen einer Pfarrvisitation 1788 angeordnet, dass die Tanne gefällt werden müsse. Offiziell waren angeblich Grenzstreitigkeiten um den Besitz die Gründe für das Ende der Moari-Tann. Inoffiziell kam die Entscheidung auch Kritikern zupass, denen die Tanne als heimlicher Treffpunkt der Dorfjugend für ein Stelldichein schon länger ein Dorn im Auge war.
Aus dem Holz der verehrten Tanne errichtete man eine Kapelle, die bald ebenfalls vor Votivgaben überquoll, wie es heißt.  1899 errichteten die Schnaitter Bauern die heutige Kapelle mit stabileren Steinmauern. In den folgenden Kriegszeiten war die Kapelle an Mariä Himmelfahrt (15. August) erneut Ziel von Bittgängen und Wallfahrten für eine glückliche Heimkehr der Soldaten. In dieser und späterer Zeit sind viele Votivtafeln, Hinterglasmalereien und die mit Blei gefassten Fenster aus Buntglas entwendet worden. 1963 wurde die Kapelle das letzte Mal renoviert.
Ein kleines Taferl erinnert Wanderer heute an die Wunder dieses Orts. Neben der Kapelle „Maria Tann“ lässt der moosüberwucherte Wurzelstock den Standort der früheren „Moari-Tann“ erkennen. Auf der anderen Seite der Kapelle laden zwei zusammengewachsene Tannenstämme mit mächtigem Wurzelwerk zum Durchschlupfen ein.  Gegenüber der Andachtskapelle auf der anderen Wegseite ermöglichen Sitzbänke eine Rast, um die Waldstimmung zu genießen und sich in stiller Versenkung auf die mannigfaltigen Wirkungen dieses besonderen Kraftortes einzulassen. Wer dazu eher einen geschützten Rahmen bevorzugt, findet bei Kerzenlicht vor dem kleinen Altar auf der Sitzbank in der Kapelle den passenden Platz dazu.
 

Eine Wallfahrtskirche voller Ritzzeichnungen

Zwei heilende Brunnen im Wald machten St. Koloman bei Fridolfing jahrhundertelang zum Pilgerziel

In einem einsamen Waldstück östlich der Ortschaft Kirchanschöring liegt die ehemalige Wallfahrtskirche St. Koloman. Der auf einem steil abfallenden Geländevorsprung stehende, steilaufragende Kirchenbau aus der Spätgotik zeichnet sich durch eine Reihe von Besonderheiten aus, die ihn in ganz Südbayern einzigartig erscheinen lassen.
St. Koloman bei Fridolfing
Allein die Lage inmitten eines an Quellen und heilkräftigen Wassern reichen Geländes machen den Platz zu einem mystischen Kraftort von besonderer Provenienz. Im Jahr 2018 feierte die Filialkirche der Pfarrei Fridolfing überdies ihr 500-jähriges Bestehen. Keine zehn Kilometer entfernt, auf einer Anhöhe nördlich des Tachinger Sees, findet sich eine weitere St. Kolomanskirche. Über die Besonderheit derartiger Kirchenbauten weiß Bayerns oberster Heimatpfleger Hans Roth (1938-2016) Genaueres zu berichten. Wie er in der Festschrift zum Jubiläum schreibt, zeichnen sich die meist einsam oder abseits in Waldlichtungen, auf Anhöhen oder am Rande von Seen errichteten Sakralbauten dadurch aus, dass sie „bewusst als Kultorte dieses pilgernden Heiligen“ entstanden sind.
Die Geschichte des Heiligen Koloman erscheint gerade im Zeichen der Flüchtlingskrise aktueller denn je. Bekanntermaßen wurde der aus Irland stammende Pilger auf dem Weg ins Heilige Land aufgrund seiner fremdländischen Kleidung, Sprache und Kultur für einen Spion aus Ungarn oder Böhmen gehalten, als man ihn im Jahr 1012 hinter Wien festnahm. Als verstockter Landesfeind wurde er gefoltert und an einem Holunderbaum erhängt.
Der Legende nach erblühte der dürre Baum daraufhin und brachte sogar Blüten hervor, während der Leichnam sogar nach eineinhalb Jahren noch unverwest war. Aus einer Wunde, die ihm mit einer Lanze zugefügt wurde, soll sogar warmes Blut geflossen sein. Weitere Wunder folgten, so dass der Tote nach der Überführung in die St. Peterskirche der Babenbergerburg in Melk beigesetzt wurde. Dieser Akt kam nach mittelalterlichem Verständnis quasi einer Heiligsprechung des unschuldig Verurteilten gleich. Dessen Ruhm und Verehrung verbreitete sich rasch. Er gilt als Patron gegen Kopfschmerzen, Verleumdungen und übler Nachrede, bei Augenkrankheiten, Viehseuchen, Pest und Gewitter sowie als Schutzpatron der Ehe.
Die mit dem Kolomankult häufig verbundenen Quellen und Heilbrunnen für Augen- und Fußleiden waren wohl auch ausschlaggebend für die Errichtung der Fridolfinger Filialkirche St. Koloman. Der dortige Brunnen versorgte die nahegelegene Burg in Lebenau mit Wasser. Deren Um- und Neubau zwischen 1503 und 1513 regte wohl auch die Errichtung von St. Koloman anstelle einer früheren Wallfahrtskapelle an. 1518 wurde der Neubau geweiht.
Ritzzeichnungen St. Koloman bei Fridolfing
Ritzzeichnungen an St. Kolomann.
Berichten zufolge soll die Quelle ursprünglich unter dem Altar bzw. an der Ostseite der Kirche zutage getreten sein. Um 1702 wurde unterhalb der Kirche ein eigenes Brunnenhaus mit Opferstock errichtet.  Daneben gibt es mit dem südwestlich gelegenen „Fieberbründl“, dessen Wasser bei Augenleiden und Fieber helfen soll, noch eine zweite Heilquelle. Beide Brunnen wurden nach Aussage von Gewährsleuten noch bis 1900 von Wallfahrern aufgesucht. Einen besonderen Anziehungspunkt bildete die Kirche auch, nachdem der Fridolfinger Pfarrer Anfang des 19. Jahrhunderts eine Reliquie des Heiligen Koloman vom Stift Melk erworben hatte, um die Wallfahrt neu zu beleben. Zusätzlich wandte man sich in St. Koloman auch an den Nebenpatron Dionysos, der wegen seiner Enthauptung bei Kopfbeschwerden und Krämpfen helfen sollte.
Vom regen Wallfahrtsbetrieb durch die Jahrhunderte mit Bittgängen und Prozessionen legte bis zur Außenrenovierung der Kirche 1979 die Fassade ein eindrucksvolles Zeugnis ab: Sie war über und über mit Rötel- und Kerbschnittzeichen übersät. Dies macht sie zu einem einmaligen Zeugnis der Volksfrömmigkeit in ganz Südbayern. Kirchenbesucher und Wallfahrer vergangener Jahrhunderte verewigten sich mit Zeichen, Bildern und Inschriften. Die ältesten stammen von 1544. Pentagramme als Schutzzeichen und eine altindische Swastika (Hakenkreuz) als Fruchbarkeitssymbol finden sich ebenso darunter wie Darstellungen von Haus (Blitzschutz), Wiege (Kindersegen), Heugabel (Erntesegen) oder Rinderköpfe (Seuchenschutz). An die Fülle der Zeichen von einst erinnert nach der Renovierung nur noch ein kleiner Mauerrest mit der Jahreszahl 1644 neben dem Holzportal, das übersät ist mit Kerbzeichnungen.
Nicht weniger ungewöhnlich als die Kerbschnitzzeichnungen ist ebenso eine seltene Tonkopfurne aus geschlemmtem Ton als Votivgabe gegen Kopfleiden, die heute leider verschollen ist. Der wohl aus dem 16. bis 18. Jahrhundert datierende Fund soll „unter dem Pflaster der Kirche gefunden worden sein“, wie es in einem Aufsatz von 1875 des Historischen Vereins von Oberbayern heißt. Eine Lithographie aus dem gleichen Jahr zeigt das Aussehen des Kultgegenstands. Dessen Entstehung umgaben bereits in früheren Zeiten zahlreiche Spekulationen – ebenso wie die Wunder, die vom heilkräftigen Wirken in St. Koloman zeugten.

Texte: Axel Effner