Mystische Orte im Erzbistum Von Zaubertafeln, alten Baumheiligtümern und heilkräftigen Quellen

Geheimnisvolle Orte mit einem gewissen Zauber haben die Menschen durch alle Zeiten hindurch fasziniert. Ob besondere geologische Formationen, heilkräftige Quellen und Naturheiligtümer, Wallfahrtsorte oder rätselhafte Inschriften und Bilder: Der Anziehungskraft derart mystischer Stätten kann man sich nur schwer entziehen. Das gilt erst recht, wenn die Nebel des Spätherbstes Wälder und Felder in ein besonderes Licht tauchen und die Fantasie anregen. In der an Legenden und Sagen, Kirchen, Klöstern und Kapellen reichen Region Oberbayerns haben wir uns auf die Spurensuche nach ungewöhnlichen Orten des Glaubens gemacht. Unter dem Titel „Mystische Orte im Erzbistum München und Freising“ stehen die faszinierenden Geschichten außergewöhnlicher Plätze und Andachtsorten christlichen Glaubens.
 
Frauenbrunn
Die Frauenbrunn-Kapelle in Traunwalchen bei Traunreut beherbergt einzigartige Zeugnisse von Wunderheilungen.

400 Jahre Wallfahrtsgeschichte in einer Kapelle

Das Frauenbrünndl in Traunwalchen beherbergt einzigartige Zeugnisse von Wunderheiligungen 

Obwohl sie etwas versteckt liegt und auf den ersten Blick recht unscheinbar aussieht, ist die Frauenbrunn-Kapelle in Traunwalchen bei Traunreut doch eines der bedeutendsten Baudenkmäler der Region. Durch die reiche Innenausstattung mit Gnadenaltar, in Öl gemalten Mirakelbildern und dem Bestand von nahezu 100 im Original erhaltenen Votivbildern von 1669 bis 1946 kommt dem Kapellenbau gerade in kulturhistorischer Sicht ein besonderer Wert zu.
Frauenbrunn
Die Frauenbrunn-Kapelle in Traunwalchen bei Traunreut
Vom späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert gehörte Traunwalchen zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten im Chiemgau. Sogar aus dem Salzburger Land und Tirol, Niederbayern und dem Oberland kamen die Pilger. Eine erste Blüte erlebte die Wallfahrt im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert. Ziel der Pilger war damals das Gnadenbild in der Pfarrkirche Mariä Geburt. Eine nahe der Kirche gelegene Heilquelle war zwar bekannt und wurde von den Pilgern auch aufgesucht. In den schriftlichen Zeugnissen wurde das Wasser aber nur selten erwähnt. Von den nahezu 900 Fällen von Wundern, die zwischen 1507 und 1541 in einem Mirakelbuch eingetragen wurden, betreffen nur drei den Brunnen.
Das änderte sich grundlegend, nachdem Graf Ladislaus von Törring – Grundherr des benachbarten Schlosses Pertenstein - 1606 eine Kapelle über der Quelle errichten ließ. Alten Berichten zufolge soll seine Schwester zuvor durch Wasser aus dem Quellbrunnen von einem Augenleiden erlöst worden sein. Daraufhin blühte auch die Wallfahrt zum geschnitzten Gnadenbild unserer lieben Frau am Brunnen auf. Der Name Frauenbrunn war geboren.
 
Nach alten Aufzeichnungen soll es innerhalb kurzer Zeit zu 192 Heilungen beim Brunnen gekommen sein. Diese sollen in einem gesonderten Mirakelbuch aufgezeichnet worden sein, das allerdings nicht mehr aufzufinden ist. Lediglich eine Handschrift im Hauptstaatsarchiv München verweist darauf. Geschickt wusste Ladislaus zu Törring die Wallfahrt zu nutzen.
 
Kupferstich Frauenbrunn
Auf einem großen Kupferstich ließ er schon bald nach dem Bau das Frauenbrünndl mitsamt der benachbarten Wallfahrtskirche und Badehäusern, der Stifterfamilie sowie Szenen einiger bezeugter Heilungen abbilden. Abzüge des Drucks ließ Törring im ganzen Land per Boten verteilen, um dadurch die Wallfahrt zu beleben. Die Pröbste in Baumburg, die die Wallfahrt der Pfarrkirche betreuten, beobachteten das Treiben mit Misstrauen, hatte Törring doch beim Frauenbründl einen Opferstock aufgestellt, dessen Einnahmen er für sich behielt. In den Akten eines (ergebnislos verlaufenen) Prozesses, den der Konvent in Baumburg daraufhin angestrengt hatte, ist von 300 bis 400 Gläubigen die Rede, die die Wallfahrtsstätten in Traunwalchen täglich besucht haben.
Wer den achteckigen Holzbau der Kapelle heute betritt, die Mitte des 18. Jahrhunderts eine barocke Zwiebelkuppel erhielt, der ist erstaunt über den guten Erhaltungszustand des Inventars. In ihm spiegelt sich ein mehr als 400-jähriges Wallfahrtsgeschehen äußerst lebendig und detailreich wider. Wenn man sich in die zahlreichen Szenen vertieft, meint man das vielstimmige Beten und Gemurmel zu hören, das die heilkräftige Quelle unter dem Altar einst umgab. Heute ist die Kapelle immer wieder als Ort gesucht, der Ruhe, Frieden und Kontemplation fern der Alltagshektik bietet.
Frauenbrunn von innen
Bereits der Weg dorthin vorbei am Traunwalchner Friedhof schafft ein Stück Abstand. Zum idyllischen Ensemble des Frauenbrünndls gehört auch das kleine Haus daneben. Graf Emanuel von Törring ließ es 1770 als Schulhaus und Wohnung eines Eremiten erbauen, der in Traunwalchen als Lehrer tätig war. Die Bildungsstätte hatte jedoch nur eine Generation Bestand. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Haus von der Pertensteiner Schloßherrschaft an einen Schneider vermietet, der sich auch um das Frauenbrünndl kümmerte. Fast unverändert überdauerte es so mehrere Generationen von Schneidern, bis 1989 mit Therese Gastager, genannt die „Frauenbrunn-Resl“, die letzte Schneiderin verstarb.
Seitdem wechselten die Bewohner des inzwischen vom Heimatbund Schloss Pertenstein vermieteten Objekts immer wieder. Aktuell bewohnt eine junge Familie das Haus. 1991 erfolgte die letzte umfassende Renovierung des Frauenbrünndls.
Frauenbrunn
 

Wie eine Ritterburg zur Wallfahrtskirche wurde

In und um Maria Hochhaus in Rechtmehring finden sich viele Schätze der Vergangengheit

 
Bei den Expeditionen zu mystischen Orten der Kraft und des Glaubens im Erzbistum München und Freising ist es immer wieder faszinierend, in andere Zeiten einzutauchen und die besondere Ausstrahlung eines Platzes auf sich wirken zu lassen.
Sprichwörtlich mit Händen zu greifen ist diese einzigartige Atmosphäre bei der Wallfahrtskirche Maria Hochhaus bei Rechtmehring unweit von Haag im Landkreis Mühldorf am Inn. Bereits der ungewöhnliche Name „Hochhaus“ lässt aufhorchen. Ein Wolkenkratzer des Mittelalters? Bei der Anfahrt auf die oberhalb der Draxmühle gelegene Anhöhe verstärkt sich der Eindruck: Wie eine Schutz- und Trutzburg liegt der gedrungene Bau der Wallfahrtskirche auf einer Lichtung inmitten des Laubwalds.
Maria Hochhaus
Die Wallfahrtskirche Maria Hochhaus bei Rechtmehring
Zeichnung Burganlage Maria Hochhaus
Zur Einführung in die spannende Baugeschichte sind eigens der Historiker Rudolf Münch und der ehemalige Kirchenpfleger Eduard Weilnhammer aus Rechtmehring gekommen.  Wie Münch erklärt, stand auf der Stelle des heutigen Gotteshauses früher tatsächlich eine Burg. Der durch 1,20 Meter dicke Mauern geschützte Wohnturm erhob sich mindestens drei bis vier Geschosse hoch. Eine Zeichnung in der von Münch verfassten Ortschronik zeigt den Bau, umgeben von einer Ringmauer.
Um 1130 wurde der Ort erstmals urkundlich in Zusammenhang mit einer Schenkung an das Kloster Gars erwähnt. Dabei taucht auch der Name der früheren Besitzer, das Rittergeschlecht „Hohinhus“ (zum hohen Haus), auf. Münch und Weilnhammer zeigen auf der Südseite des Langhauses auf den Umriss eines Rundbogenportals, möglicherweise ein früherer Eingang. Er wurde 1939 bei einer Renovierung entdeckt, aber wieder zugemauert. Darüber sieht man zwei romanische Kragsteine - vermutlich von einem Balkon - als Spolien eingemauert. Beide Details lassen eine Verwendung als Herrenhaus der früheren Burg vermuten.
Wie aber wurde aus der Burg eine Kirche? Wie Münch erläutert, sahen die Grafen aus dem benachbarten Haag eine Konkurrenz in der stärkeren Burg der Ritter von Hohenhaus. Wohl nicht zuletzt deshalb wanderte das Rittergeschlecht nach Württemberg aus. Zwischen 1250 und 1300 wurde der Wohnturm bis auf das unterste Stockwerk abgetragen und zur Kirche umgewidmet. Diese wird erstmals 1315 in der Konradinischen Matrikel des Bistums Freising erwähnt. Nach 1400 wird an das romanische Langhaus mit Flachdecke ein Chor mit gotischem Rippengewölbe angebaut und ein Glockenturm als Dachreiter aufgesetzt.
Einführung zur Baugeschichte von Maria Hochhaus
Der Historiker Rudolf Münch (links) und der ehemalige Kirchenpfleger Eduard Weilnhammer aus Rechtmehring betrachten die Rötelzeichnungen an den Außenwänden des Chors.
Aber es gibt noch mehr Faszinierendes zu entdecken, wie Münch und Weilnhammer zeigen. Die Außenwände des Chors sind mit vielen Rötelzeichnungen und Inschriften bedeckt. Hier haben sich Wallfahrer aus der Reformationszeit verewigt. „1570 – Gott mit uns“ hat da ein Wolff geschrieben. Direkt über einem Jerusalem-Kreuz. Im Inneren erinnern zahlreiche Votivtafeln und Kreuze an die einst lebendige Wallfahrt zu der Mariä Heimsuchung gewidmeten Kirche.
Maria Hochhaus
Bei der Ausstattung fallen einige alte gotische Figuren von besonderer Qualität aus der Zeit von 1480 bis 1520 ins Auge: eine stehende Madonna mit Kind und Zepter auf dem barocken Hochaltar, beide gekrönt von einer Barockkrone. Auf dem rechten Seitenaltar eine Madonna mit Kind, auf dem Monde stehend. Bemerkenswert fein gearbeitet ist die Christophorus-Figur (17./18. Jahrh.) links, während der Heilige Wolfgang rechts als hölzerner Zeuge an die 150 Meter entfernte Wolfgangskirche erinnert. Sie war ebenfalls ein Wallfahrtsziel, fiel aber 1807 dem Abbruch infolge der Säkularisation zum Opfer.

Dem ebenfalls geplanten Abbruch der altehrwürdigen Marienkirche 1811 widersetzten sich die Bauern mit Erfolg. Bis heute erhalten und als Pilgerziel gefragt ist die der heiligen Ottilia gewidmete Kapelle, der Patronin der Augenleiden. Sie steht unweit der Kirche an einem Bachlauf am Fuß der Anhöhe. Unter einer herausnehmbaren Bodenplatte findet sich ein Loch zur Heilwasser-Entnahme. Es verweist auf den Wasser- und Quellenreichtum der Region.  Bis in die 1950er Jahre kündeten noch zahlreiche Votivbilder von den Heilerfolgen, bis Räuber sie mitnahmen. Zwei der Votivbilder konnten gerettet werden und sind heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg ausgestellt.
 
Gut zu den kirchlichen Schätzen passt der Fund eines echten Schatzes aus Silbermünzen, der 1977 beim Abbau in einer nahegelegenen Kiesgrube gefunden wurde. Sie stammen aus der Frühzeit der Burg zwischen 1183 und 1231 und sind heute in der Staatlichen Münzsammlung in München ausgestellt. Im Juni fanden bis zur Corona-Pandemie regelmäßig Sternwallfahrten mit Hunderten von Besuchern teil.
 
Maria Hochhaus
Das Innere der Wallfahrtskirche Maria Hochhaus bei Rechtmehring.
 

Die Kanonenkugel und der "Alte Raum" von St. Peter

Der "Alte Raum" der Kirche St. Peter in München 
Alter Raum der Kirche St. Peter
Der "Alte Raum" in der Kirche St. Peter in München
Die Kirche St. Peter, die älteste Pfarrkirche Münchens, beherbergt einen unauffälligen, aber dennoch spektakulären Fund: einen Raum, über dessen Entstehung und Verwendung weitestgehend Unklarheit herrscht. Während des Wiederaufbaus der Peterskirche nach dem Zweiten Weltkrieg wurden bei Grabungen im Jahr 1952 Reste von Fundamenten unter dem Sakramentsaltar des linken Seitenschiffes entdeckt. Der Raum war mit Erdreich aufgefüllt gewesen, Nord- und Südmauer zeigten Ansätze eines Tonnengewölbes. Der Altbestand wurde später mit normalem Ziegelmauerwerk ergänzt und der Raum so wieder hergestellt.
 
Zugang zum "Alten Raum"
Der „Alte Raum“ ist nicht öffentlich zugänglich und wird nur bei besonderen Führungen gezeigt. Er kann vom Gottesdienstbesucher aber leicht lokalisiert werden: Vor der Kommunionbank des Sakramentsaltars deckt ein Gitter eine ovale Öffnung ab, die den Eindruck eines Kerkers vermittelt. Diese wurde bei Ergänzung des Baumwerks als Licht- und Lüftungsöffnung belassen und markiert in etwa die Mitte des Gewölbes. Zwischen Altar und Außenmauer führt eine enge Treppe hinunter, der Raum liegt hinter einem gusseisernen Tor. Die im Gewölbe liegenden Steinobjekte sind Teile des Turms und haben keinen Bezug zum "Alten Raum".

Obwohl Entstehung und Verwendung des Raumes über ein halbes Jahrhundert von Experten diskutiert wurde, ist sie bis heute unklar. Es liegt nahe, dass es sich dabei um eine römische Zollstation handelt, so Stadtpfarrmesner Peter Anton Zobel. Man wagte diesen Schluss, weil es vergleichbare Bauten gebe, die ähnliche Eigenschaften hinsichtlich Mauerwerk und Gewölbe aufweisen. Das sei aber nicht fundiert, so Zobel. Und tatsächlich gibt es zahlreiche weitere Thesen: Fundament eines Wehrturms oder eines freistehenden Campanile bis hin zum einfachen Keller eines Hauses. Der römische Ursprung ist weder zu beweisen noch zu widerlegen. Und so kann man den „Alten Raum“ einfach als das nehmen, was er ist: Ein uraltes Bauzeugnis von München und einer der mystischen Orte im Erzbistum.
 

Die Kanonenkugel aus dem 18. Jahrhundert

Kanonenkugel in Kirche St. Peter
Wer die originelle Idee hatte, die Kanonenkugel aus dem 18. Jahrhundert einzumauern, ist nicht überliefert.
Wer vor der Apsis der Peterskirche steht und das Mauerwerk des Gotteshauses etwas genauer in Augenschein nimmt, kann dort eine eingemauerte Kanonenkugel erkennen. Am 8. September 1796 wurde, während der Koalitionskriege, eine Kanonenkugel vom Gasteig aus abgefeuert und traf – ob gewollt oder nicht - die Kirche St. Peter. Die Eisenkugel durschlug während eines Gottesdienstes ein Fenster im Ostchor und blieb auf dem Boden des Altarraums liegen.
Zu der Zeit fand, anlässlich des Festes Mariä Geburt, ein Marienamt statt. Die Gottesdienstbesucher verließen in Panik die Kirche, der Stadtpfarrer bewahrte allerdings die Ruhe und feierte den Gottesdienst mit den Ministranten zu Ende. Zu Schaden kam an diesem Tag glücklicherweise niemand.

Wer die originelle Idee hatte, die Kugel einzumauern, um dieses Ereignis festzuhalten, ist nicht überliefert, so Stadtpfarrmesner Peter Anton Zobel. Noch heute ist sie am Rande des Fensters der Chorapsis für wachsame Augen sichtbar. Der Ort der eingemauerten Kanonenkugel ist bei Schülern und auf Stadtralleys ein beliebtes Thema, so Zobel. Oft sehe er Schüler um die Kirche herumlaufen und nach der Kugel suchen.
Kirche St. Peter in München
Die Kirche St. Peter in München - ein wahrlich mystischer Ort des Erzbistums
 

Das Abendmahl und die „Quelle des Lebens“

Die Abendmahlkapelle in Aschau im Chiemgau zieht bis heute viele Wanderer und Pilger an

Abendmahlkapelle
Die Abendmahlkapelle in Aschau im Chiemgau liegt inmitten einer Waldlichtung oberhalb des Ortsteils Bucha.
Als geistlicher Rückzugs- und Kraftort zieht die Abendmahlkapelle bei Aschau im Chiemgau jedes Jahr viele Wanderer und Pilger gleichermaßen an. In einem halbstündigen Fußmarsch gelangt man entlang eines Kreuzwegs zu dem idyllisch gelegenen Platz. Er liegt inmitten einer Waldlichtung oberhalb des Ortsteils Bucha. Abseits der Alltagshektik bietet sich hier bei passendem Wetter ein erhebender Weitblick auf den Bärensee bis nach Umrathshausen. 
Ihre Entstehung verdankt die Abendmahlkapelle einer als heilkräftig geltenden Quelle, die neben dem Bauwerk aus einem Brunnen sprudelt. Auf deren Bedeutung verweist eine einst kunstvolle Einfassung aus Rotmarmor von 1620, die heute allerdings stark verwittert ist.
Brunnen an der Abendmahlkapelle
Der Quelle, die aus dem Brunnen sprudelt, verdankt die Kapelle ihren Namen.
Zu vermuten ist, dass die Quelle bereits lange vor dem Abendmahlbild bekannt war und verehrt wurde. Laut Überlieferung soll bereits im 17. Jahrhundert neben dem Augenbrünndl an einem Baum eine kleine Tafel mit der Darstellung des letzten Abendmahls angebracht worden sein. Damit steht die Kapelle in Verbindung mit zahlreichen anderen Brünndlkirchen der Gegend, die oft schon auf heidnische Quellheiligtümer zurückgehen.
Nachdem er dank göttlicher Hilfe von einem schweren Leiden genesen war, errichtete ein Schlossergeselle aus Dank 1723 eine Holzkapelle neben dem Brunnen.  1822 stifteten zwei Fuhrleute aus Bernau die gemauerte Abendmahlkapelle.  Die Heilkraft des Wassers führte zur Entstehung eines lebhaften Wallfahrtsgeschehens, dessen Höhepunkt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lag.  Der Andrang machte die Einsetzung eines Klausners neben dem Heiligtum notwendig. Er war in einer Eremitenklause unterhalb der Kapelle untergebracht.
 
In einer Überlieferung aus dem 19. Jahrhundert heißt es, das Wasser halte sich „in verschlossenen Flaschen und Gläsern Jahre lang“ und wirke „vorzüglich und heilsam bei Augenkrankheiten“. Sogar Blindgewordene sollen durch den Gebrauch des Wassers „das Augenlicht wieder erhalten haben“. Noch heute füllen Einheimische gerne regelmäßig eine Flasche Quellwasser „vom Abendmahl“ ab.
Abendmahlkapelle
Das Innere der Abendmahlkapelle im Chiemgau: Zahlreiche Votivtafeln, Gemälde aus dem Heilsgeschehen Jesu sowie eine Vielzahl von Sterbebildern an der Wand vor der im 19. Jahrhundert eingebauten Lourdesgrotte zeugen von einem regen Pilger- und Besuchergeschehen in der Abendmahlkapelle.
Ihr heutiges Aussehen erhielt die Abendmahlkapelle 1877 durch die Ergänzung einer Vorhalle und das kleine Spitztürmchen. 1923 nahmen die Damen des Aschauer Frauenbunds die Renovierung der Abendmahlkapelle in Angriff, sammelten einen stattlichen Geldbetrag und trugen sogar die Ziegel bei einem Ausfall des Fuhrwerks auf dem Rücken den Berg hinauf. Auch die Eremitenklause wurde von Grund auf neu errichtet. Nach deutlichen Verfallsspuren infolge der Nichtnutzung in den letzten Jahrzehnten wurde die Klause im letzten Jahr für Einkehrtage, als Raum für Firm- und Kommunionsgruppen und zur Bewirtung der Wallfahrer beim Patrozinium im Sommer komplett neu hergerichtet.
Abendmahlgemälde
Das Gemälde des letzten Abendmahls auf dem Hauptaltar.
Das Gemälde des letzten Abendmahls im Strahlenkranz auf dem Hauptaltar ist eine Kopie einer ehemaligen Votivtafel von 1723. Zahlreiche weitere Votivtafeln in der Vorhalle, Gemälde aus dem Heilsgeschehen Jesu sowie eine Vielzahl von Sterbebildern an der Wand vor der im 19. Jahrhundert eingebauten Lourdesgrotte zeugen von einem regen Pilger- und Besuchergeschehen in der Abendmahlkapelle. Diese ist auf unterschiedlich langen Fußwegen vom Ortsteil Bucha aus oder über den bei der Aschauer Pfarrkirche beginnenden Kapellenweg zu erreichen. Markierte Fußwege gibt es auch von der Seiseralm oder von Hintergschwendt aus.
 

500 Stufen zum Ort der Wunder

Die Riedersteinkapelle oberhalb von Tegernsee ist einer der höchstgelegenen Kraftorte der Erzdiözese München und Freising

Zu einem der spektakulärsten Kraftorte im Bereich der Erzdiözese München und Freising gehört mit Sicherheit der Riederstein oberhalb von Tegernsee in 1.207 Meter Höhe. Mehr als 6.000 Besucher zieht das enge Felsplateau mit seinem fantastischen Weitblick auf das Kreuther Tal und das Mangfallgebirge jährlich an. Um den Bau der Kapelle auf dem hoch über den Wald aufragenden Felsensporn ranken sich wahrhaft abenteuerliche Sagen einer wunderbaren Rettung.
Riederstein, Wilderer-Gedenkort
Direkt am Wegesrand liegt die Gedenkstelle für den Wilderer Leonhard Pöttinger.
Ein besonderes Erlebnis ist bereits der steile Aufstieg über 500 Treppenstufen auf dem Kreuzweg über 14 Stationen. Er beginnt unweit des unterhalb gelegenen Berggasthofs Riederstein am Galaun und führt durch wildromantisches Gelände mit mächtigen Felsen und Mischwald. Direkt am Wegesrand liegt auch die Gedenkstelle für den Wilderer Leonhard Pöttinger. Dessen Gebeine waren 1897 bei Wegbauarbeiten in einer Felsgrotte gefunden worden, nachdem er dort 36 Jahre vorher offenbar Opfer eines Gewaltverbrechens geworden war.

Mit leichten Schauern am Rücken erzählen sich manche Besucher gern die Entstehungsgeschichte der Kapelle, während der Blick über den Felsrand in die Tiefe fällt. Einstmals soll ein Jäger hier von der Baumgartenschneid aus auf der Pirsch den Spuren eines mächtigen Tieres gefolgt sein. Als er auf dem Riederstein ankommt, gerät der Waidmann in arge Bedrängnis. Gerade dort, wo der Fels steil abfällt und keine Möglichkeit mehr zum Ausweichen besteht, trifft er auf einen Bären. Der richtet sich zu ganzer Größe auf und greift an. Gelähmt vor Schreck, reißt der Jäger in höchster Not sein Gewehr hoch und schießt. Bei der Nachsicht, ob er den in die Tiefe gestürzten Bären tatsächlich erlegt hat, rutscht auch der Jäger ab und fällt in die Tiefe. Mit einem „Heilige Mutter Gottes, hilf mir!“ auf den Lippen, so die Sage, landet der Schütze haargenau auf dem weichen Feld des erlegten Bären. Als Dank für die wundersame Rettung soll der Jäger exakt am Ort des Vorfalls eine der Gottesmutter geweihte Kapelle errichtet haben.
Riederstein-Kapelle, Ausblick Tegernstee
Einer der spektakulärsten Kraftorte der Erzdiözese München und Freising: die Riedersteinkapelle oberhalb von Tegernsee.
Eine andere Legende schreibt die Errichtung des Gotteshauses dem Bauern des Leeberghofes zu. Dessen wertvolle Rösser sollen sich – bedrängt durch ein Raubtier – auf dem gefährlichen Felsvorsprung verstiegen haben. Wie durch ein Wunder gelang auch hier die Rettung der Pferde aus dem Steilgelände ohne Verlust. Zum Dank stiftetet der Landwirt eine Kapelle.

Einerlei, wie es 1841 zur Errichtung des ursprünglichen kleinen Andachtsraumes aus Holz kam, in dem nur zwei Personen Platz gefunden haben sollen. Dank der wundersamen Rettung zog der Ort schon bald Scharen von Pilgern an. 1864 errichteten die Bürger aus Rottach und Tegernsee deshalb einen steinernen Kirchenneubau im Stil der Neugotik. In ihm finden zehn bis zwölf Personen Platz. Um den Unterhalt der Kirche auch in späteren Zeiten zu gewährleisten, gründeten Tegernseer Bürger 1897 den „Verein Riederstein“. Im gleichen Jahr wurde auch beschlossen, die verfallenen Kreuzwegstationen durch robuste aus Gußeisen zu ersetzen. Bis heute sorgt der Verein mit vielen ehrenamtlichen Stunden Arbeit für den Erhalt des Kircherls und des Kreuzwegs.
Riedertein, Aufstieg
Allein der steile Aufstieg über 500 Stufen auf dem Kreuzweg mit 14 Stationen zur Riedersteinkapelle ist ein Erlebnis.
Die Chronik des Vereins verzeichnet auch allerhand prominente Gäste, die der Riederstein mit seiner Kapelle angezogen hat. So musste 1828 der spätere König von Sachsen, Johann Nepomuk, noch als Kronprinz auf Hilferufen hin gerettet werden, weil er sich beim Sammeln botanisch interessanter Pflanzen im Steilgelände verstiegen hatte. Wenig Nachhall fand offensichtlich der Besuch von Adolf Hitler „mit drei seiner engsten Parteifreunde“ 1932 bei der Muttergottes im Riederstein-Kircherl.
Als begeisterter Bergwanderer besuchte der Ezbischof von München und Freising, Julius Kardinal Döpfner, 1968 den Kraftplatz. Als Unterstützer förderte der Münchner Oberbürgermeister Hans-Joachim Vogel (1960 – 1972) den Erhalt der Kirche auf dem Riederstein.
Möglicherweise von der Gewalttat an dem Wilderer inspirieren ließ sich der Buchautor Andreas Föhr. Er machte 2010 die prominente Gegend am Galaun und Riederstein zum Schauplatz seines Alpenkrimis „Schafkopf“.
Riedersteinkapelle
Die Riedersteinkapelle oberhalb von Tegernsee
Schier unglaublich war der Ansturm bei der 50-Jahr-Feier des Riedersteinkircherls am 14. September 1913. Nicht weniger als 1.500 Besucher drängelten sich dicht an dicht, nachdem am Vorabend Feuerwerksraketen und bengalisches Feuer das Gotteshaus in glänzendem Licht hatten erstrahlen lassen.
„Heute halten selbst Sturm und Regen die Leute nicht ab, da hinaufzugehen“, erzählt Jürgen Köstler, Vorstand des Riederstein-Vereins. „Wir hatten auch schon Hochzeiten und Taufen dort oben. Es gibt eben immer wieder Menschen, die sich zu diesem außergewöhnlichen Ort aufmachen, weil sie etwas ganz Besonderes suchen.“
Im Zuge eines halbtägigen Wanderausflugs ist der Riederstein von den Parkplätzen in Rottach-Egern an der Riedersteinstraße/Rodelbahn oder von Tegernsee aus (Sonnleitenweg 10) zu erreichen. Von Rottach-Egern aus erfolgt der Aufstieg über eine anfangs sehr steile Forststraße, die gute Kondition erfordert. Witterungsbedingt wird die Kapelle zwischen Ende Dezember und Ende Februar zugesperrt. 
 

Die Mariengrotte beim Kloster Schäftlarn

Geheimnisvoller Kraftort in der Nähe vom Kloster Schäftlarn
Grotte Kloster Schäftlarn
Niemand weiß, wie alt die Mariengrotte beim Kloster Schäftlarn ist und wer sie erbaut hat. Beeindruckend ist sie trotzdem.
Trotz eines Hinweisschildes kann die Mariengrotte in der Nähe von Kloster Schäftlarn leicht übersehen werden. Hat man als Reisender doch eine konzentrationsfordernde Serpentinenstraße hinter und das vermeintliche Hauptziel Koster Schäftlarn kurz vor sich. Ein paar hundert Meter vor dem Ortseingang weist ein Plakat mit dem Gruß „Ave Maria“ auf das jahrhundertealte Kleinod hin. Sogar Parkplätze für ein paar Autos gibt es unmittelbar neben der Sehenswürdigkeit.
Mariengrotte Kloster Schäftlarn
Die Mariengrotte ist zum Teil in den Hang gemauert, der Eingang mit einem Eisentor und einem engmaschigen Gitter verschlossen. Dort und in Nischen im Mauerwerk hängen und stehen unzählige Devotionalien – Kruzifixe, Rosenkränze, Mariendarstellungen und Engel –, die von Gläubigen dort zurückgelassen wurden. Schon allein mit der Betrachtung dieser kleinen Kunstwerke könnte man viel Zeit verbringen. Dabei muss sich die in der Grotte befindliche Marienstatue dahinter keineswegs verstecken.

Wie alt die Mariengrotte beim Kloster Schäftlarn ist, lässt sich leider nicht genau sagen. Erstmals auf einer Postkarte abgebildet wurde das Kleinod im Jahre 1848, weiß der Prior und Archivar des Klosters, Pater Norbert Piller. Doch wer die Grotte erbaut hat und auf welche Geschichte sie zurückgeht, ist unklar. Aber das ändert nichts an der Kraft, die der Ort ausstrahlt, an dem man sich gerne für ein Gebet und eine kurze Alltagspause aufhält.
Devotionalien Mariengrotte
Im Mauerwerk der Grotte haben Gläubige zahlreiche Devotionalien hinterlassen.
Devotionalien Mariengrotte
Allein mit der Betrachtung der kleinen Kunstwerke an der Grotte können Besucher viel Zeit verbringen.
 

Abstieg in eine wunderliche Seelenkammer

Die Erdstallgänge unter der Kapelle in Reichersdorf geben bis heute viele Rätsel auf
 
Sie gehören bis heute zu den großen Geheimnissen der Archäologie und der Heimatforschung: Rätselhafte, unterirdische Gangsysteme, die von bergmännisch bewanderten Bauleuten ins Erdreich gegraben wurden. Die vor mehr als 1000 Jahren entstandenen Bauwerke durchziehen wie kleine Labyrinthe bis zu sechs Meter unter der Erde Kirchberge, Friedhöfe oder den Untergrund alter Siedlungsplätze. Waren es Fluchttunnel oder Verstecke in Kriegszeiten, geheime Kultplätze, Orte für wundertätige Durchschlupf-Bräuche oder gar Aufenthaltsräume für Seelen vor dem jüngsten Gericht?
Erdstall in Reichersdorf, Gemeinde Irschenberg
Allerheiligenkapelle im Ortsteil Reichersdorf der Gemeinde Irschenberg
Durch das Fehlen aussagekräftiger Quellen und Fundstücke ist der Sinn und Zweck der geheimnisvollen Erdställe bis heute ins Dunkel gehüllt. In ganz Oberbayern finden sich solche unterirdischen Gangsysteme. Einer der am besten erforschten und aussagekräftigsten liegt unter der Allerheiligenkapelle im Ortsteil Reichersdorf, Gemeinde Irschenberg. Sie gehört zum Pfarrverband Weyarn. Der Heimatforscher Sepp Hatzl vom Förderverein Kultur und Geschichte in Weyarn e.V. hat sich intensiv mit der Geschichte des Erdstalls und seinem Barbarakult befasst. Mehrmals jährlich führt er kleinere Gruppen durch das Kuriosum, das sich in unmittelbarer Nähe der spätgotischen Filialkirche St. Leonhard befindet. Sie ist seit 1684 Mittelpunkt der alljährlichen Leonhardifahrt im Herbst.
Erdstall in unmittelbarer Nähe der spätgotischen Filialkirche St. Leonhard in Reichersdorf
Heimatforscher Sepp Hatzl auf dem Weg in das unterirdische Gangsystem
Knarzend öffnet sich die alte Holztür, nachdem Hatzl den gemauerten Torbogen zur Unterwelt hinter der Kapelle aufgesperrt hat. Auf einer steinernen Wendeltreppe geht es im Lichtkegel der Stirnlampen in die Tiefe des Reichersdorfer Erdstalls. Erstaunlich ist der gute Zustand des aus Mörtel und Steinen angelegten, gut mannshohen Treppenabgangs. Hatzl erklärt: „Nach der Wiederentdeckung des Erdstalls Mitte des 19. Jahrhunderts schuf der Historische Verein von Oberbayern gemeinsam mit Haushamer Bergleuten diesen neuen Einstieg.“ Es geht weiter hinab in ein Reich nachtschwarzer Dunkelheit und enger, ins Erdreich gegrabener Gänge zum Durchkriechen. Allein schon ein Blick hinein reicht für heutige Besucher, um Attacken von Klaustrophobie zu schüren. Wieviel mehr mögen frühere Besucher hier Visionen von irrationalen Ängsten, inbrünstigem Wunderglauben, heilkräftigem Wasser und himmlischen Fürsprechern gehabt haben.
Altarbild der Allerheiligenkapelle mit der Darstellungen der 14 Nothelfer und der Hölle des jüngsten Gerichts
Altarbild der Allerheiligenkapelle mit der Darstellungen der 14 Nothelfer und der Hölle des jüngsten Gerichts
Interessant ist die Entdeckungsgeschichte. Mehr oder minder zufällig stieß der Schäfflerbauer Hans Wöstiner 1640 auf den längst vergessenen Erdstall, als er auf seinem Hof nach Wasser grub. Die direkt von der Laibung des schließlich 15 Meter tief gegrabenen Brunnens abgehende „Kreuzgruft“ beflügelte rasch die Fantasie der Menschen. Nicht zuletzt dem mühsamen Durchwinden durch die engen Schlupfgänge mag manche wundertätige Heilung von Rückenbeschwerden geschuldet sein. Rasch stellte sich – gegen Ende des Europa verwüstenden Dreißigjährigen Kriegs - eine Wallfahrt zu dem als heilkräftig angesehen Wasser und der Erde aus dem Erdstall ein. Die Kranken fanden Linderung oder Heilung bei Kreuzschmerzen, Augenleiden, Koliken, Monats- und Wochenbettbeschwerden, Gliederschmerzen und Geschwüren. Auch Tiere wurden damit behandelt und Äcker wieder fruchtbar gemacht.
Der Propst Valentinus Steyrer aus Weyarn wusste die wundertätige Wirkung der Kreuzgruft zu nutzen und errichtete bereits 1644 eine Allerheiligenkapelle über dem Erdstall. So kanalisierte er die Wallfahrt. Er skizzierte erstmals eine einfache Topographie des Gangsystems. Hinter dem Altar mit eindrucksvollen Darstellungen der 14 Nothelfer und der Hölle des jüngsten Gerichts ging es früher in die Tiefe. Der neugegrabene Zugang war mannshoch und damit massentauglich für die vielen Wallfahrtsbesucher. Erst im hinteren Teil findet sich das nur etwa 50 Zentimeter breite „Schlupfloch“ zu einem tiefer gelegenen Gangsystem.
Kriechgang im Erdstall in Reichersdorf
Nicht umsonst nennt man die unterirdischen Gänge "Schlupfgänge"
Besondere Aufmerksamkeit erfuhr auch eine Kapellennische, in der eine aus Tuffstein gemeißelte Figur der heiligen Barbara in archaischer Sitzhaltung verehrt wurde. Eine Inschrift deutet auf die Grafen zu Hohenwaldeck als Stifter der frisch erblühten Wallfahrt. Erdstallforscher vermuten, dass sich hier Anknüpfungspunkte zu einem früheren Erdmutterkult ergeben. Bekanntlich wurden die im Alpenraum auch als „Saligen Fräulein“ oder drei „Bethen“ bekannten Schicksalsgöttinnen heidnischen Ursprungs im katholischen Bayern zur heiligen Katharina, Margaretha und Barbara umgedeutet. Sie sind als die „drei heiligen Madln“ bekannt.
Dass ausgerechnet die heilige Barbara im Erdstall von Reichersdorf angesprochen wurde, ist kein Zufall. Als eine der 14 Nothelfer und Schutzpatronin der Bergleute, Sterbepatronin und Ansprechpartnerin bei Schwangerschaftsbeschwerden war sie die passende Hüterin dieses unterirdischen Reichs. Wie eine Entsprechung ihres Attributs, ragt darüber schützend wie ein Turm der Kapellenbau auf. Nähere Infos für Führungen gibt es hier: foederverein@hatzl-online.de
 

Der Schlupfstein von St. Wolfgang in Altenmarkt

Ein heilkräftiger Kultstein zieht noch heute Scharen von Pilgern in die Chiemgauregion
 
Wie eine wehrhafte Schutz- und Trutzburg liegt die zur Pfarrei Baumburg bei Altenmarkt gehörende Kirche St. Wolfgang im Weiler Berg auf einer kleinen Anhöhe. Unter den bayerischen Wallfahrtsorten mit dem Namenspatrozinium des Heiligen Wolfgang von Regensburg (924 – 994) dürfte sie wohl die engsten Bezüge zur Wallfahrtskirche St. Wolfgang im Salzkammergut haben. Als Pilgerstätte war diese eine der vier bedeutendsten Wallfahrtsziele des Mittelalters.
Kirche St. Wolfgang in Altenmarkt
Innenraum der Kirche St. Wolfgang
Bereits die rund um die Kirche verlaufende Steinmauer von St. Wolfgang in Berg vermittelt das Gefühl, sich in einem heiligen Bezirk zu befinden. Hatten die Kelten hier bereits einen Kultplatz?  Das liegt nahe, bildet das Zentrum doch ein gewaltiger glattgeschliffener Findling mit deutlichen Vertiefungen, den die Gletscher der Eiszeit hier zurückgelassen haben. Experten vermuten bereits in vorchristlicher Zeit Fruchtbarkeitskulte, bei denen Wasser in die Felshöhlungen gegossen wurde. Die Gründungslegende führt das heutige Gotteshaus auf den Heiligen Wolfgang zurück. Dieser soll auf seiner Missionsreise von Regensburg an den Abersee (heute Wolfgangsee) hier gerastet haben. Dabei soll der Fels so weich geworden sein, dass der Heilige seine Spuren im Gestein hinterlassen hat.
Bereits im 13. Jahrhundert soll es einen romanischen Vorgängerbau gegeben haben, von dem noch der Turm erhalten ist. Zu dieser Zeit gewannen auch die Pilgerreisen an den Wolfgangsee deutlich an Zulauf. Davon profitierte St. Wolfgang in Berg als eine von mehreren vielbesuchten Stationen auf der Pilgerroute, so dass 1404 ein gotischer Neubau geweiht wurde. Wer St. Wolfgang heute betritt, ist erstaunt über die reiche Stuckierung und den Hochaltar mit dem Kirchenheiligen, die die Barockisierung um 1720 erkennen lassen. Bildtafeln veranschaulichen die Legende des Heiligen Wolfgang.
Inschrift auf der Vorderseite der Marmoreinfassung des Schlupfsteins
Inschrift in der Einfassung des Schlupfsteins
Erstaunlich ist die zentrale und prominente Lage des Steins mitten im Langhaus. War der Findling bis dahin in unmittelbarer Nähe des ursprünglich zentraler gelegenen Hauptaltars integriert, so erhielt er im Zuge der Barockisierung die dreiseitige Marmoreinfassung mit der halbrunden Lochaussparung im Süden. Der heidnische Kultstein wurde so zu einem – wenn auch künstlich geschaffenen – sündenbefreienden Schlupfstein mit Heilwirkung aufgewertet. Die Inschrift auf der Vorderseite untermauerte die Authentizität: „Wahrer Ort und Merkmal so alhier der H. Bischoff Wolffgangus in einer Durchreiß bey genohmener Rasst in dießen Stein als ein Zeichen unterlaßen hat.“ Mit dem in den Chor versetzten Hauptaltar wurde der Stein zum Zentrum von St. Wolfgang. Mit diesem Anziehungspunkt blieben auch die Spenden der Wallfahrer im eigenen Land.
Der Schlupfstein in Berg kombinierte zwei sehr prominente „Zeugnisse“ des Wirkens des Heiligen Wolfgangs: Zum einen den Buß- oder Wolfgangsstein mit seinen Vertiefungen, der heute auch in der Wallfahrtskirche am Wolfgangsee zu sehen ist. Zum zweiten den Schlupfstein in der einige Kilometer oberhalb am Falkenstein gelegenen Einsiedlerklause des Heiligen Wolfgangs. Dazu passt, dass es analog zur Wolfgangsquelle am Falkenstein bis in die 1980er Jahre in Berg an der südlichen Steinmauer auch einen Brunnen gab. Ein zweiter Marmorstein mit Löchern und einem stilisierten „Fußabdruck“ des Heiligen und der Aufschrift „Ex Voto T.W. 1712“ im Eingangsbereich der Kirche in Berg unterstreicht diesen Bezug noch.
Mesnerin Barbara Schleifer zeigt, wie man seine Füße in die Vertiefungen des Findlings stecken muss, um sich durch das enge marmorne marmorne Schlupfloch zu zwängen
Mesnerin Barbara Schleifer demonstriert geschickt, wie man seine Füße in die Vertiefungen des Findlings stecken muss, um sich mit vorgestreckten Armen und leichten Verrenkungen durch das enge marmorne Schlupfloch zu zwängen
Die Mesnerin Barbara Schleifer demonstriert geschickt, wie man seine Füße in die Vertiefungen des Findlings stecken muss, um sich mit vorgestreckten Armen und leichten Verrenkungen durch das enge marmorne Schlupfloch zu zwängen. Dem Glaube nach werden dabei die Sünden abgestreift und auch Rückenschmerzen sollen bei dieser Prozedur ihren Schrecken verlieren.  Dass das Durchschlüpfen auch gegen Kinderlosigkeit helfen soll, passt gut zu einem weiteren Attribut des Heiligen Wolfgang als Schutzpatron und Nothelfer.
Schleifer berichtet von mehreren kinderlosen Paaren, die unter anderem aus Russland und den USA nach St. Wolfgang kamen, und sich nach einer Durchschlupfzeremonie tatsächlich über Nachwuchs freuen konnten. Im Mai ist St. Wolfgang das Ziel zahlreicher Feldbittgänge und Fußwallfahrten. Die prominentesten und größten sind am Pfingstmontag der auf eine Viehseuche aus dem Jahr 1675 zurückgehende Bittgang der 35 Kilometer entfernten Pfarrei Aschau bei Kraiburg und die Wallfahrt aus dem österreichischen Überackern. Sie rührt aus der Errettung von Hagelschlag von 1680 her und wurde um die Jahrtausendwende neu belebt.
Bis zu 30 Busse mit Besuchern kommen während der Sommermonate nach wie vor nach St. Wolfgang. Auch Seminare mit Wünschelrutengängern finden großen Anklang, die im Umkreis des Steins eine starke Erdstrahlung gemessen haben wollen. Infos zu Besuchsmöglichkeiten sind in der Pfarrei Baumburg erhältlich, Tel. 08621-2753 oder Email: St-Margareta.Baumburg@ebmuc.de
 

Marienverehrung auf soliden Fels gebaut

Seit über 350 Jahren wird die Wallfahrtskirche in Birkenstein für Pilger zur Kraftquelle

In malerischer Naturkulisse unterhalb des Breitensteins nahe Fischbachau steht ein ganz besonderer Ort der Marienverehrung: die Wallfahrtskapelle Maria Himmelfahrt in Birkenstein. Gläubige aus ganz Europa zieht es hierher ins Leitzachtal zum Gebet. Bei der Lichterprozession am 14. August versammeln sich bis zu 2.000 Menschen um die von Birken umsäumte, von einem Bach umflossene und auf einen Fels gebaute Kapelle. Dicht an dicht gehängt, lassen im Inneren des Rokokojuwels zahlreiche Votivtafeln die Kraft der seit mehr als 350 Jahren gesprochenen Gebete spüren. Was macht die Faszination dieses mystischen Orts aus, der spirituelles Zentrum des bayerischen Oberlandes ist?
Wallfahrtskapelle Maria Himmelfahrt in Birkenstein
Wallfahrtskapelle Maria Himmelfahrt in Birkenstein
Mit der Kapelle samt Umgang, dem großen Freialtar, dem benachbarten Kalvarienberg und 14 Kreuzwegstationen samt Pietà und der Grabkammer Christi sowie einer Quelle mit heilkräftigem Wasser und dem Pilgerladl strahlt Birkenstein heute eine besondere Kraft und Zuversicht aus. Während der Säkularisation nach 1803 wäre die intensive Glaubenspraxis hier fast zum Erliegen gekommen. Einen wichtigen Impuls zu neuer Blüte erfuhr Birkenstein durch die Einsetzung eines eigenen Glaubenspriesters und der Armen Schulschwestern in den Jahren 1839 und 1849. Sie sorgen bis heute für die Betreuung der jährlich bis zu 300.000 Besucher.
Schwester Eresta Mayr
Schwester Eresta Mayr
Viel erzählen kann Schwester Eresta Mayr, die 1959 als 22-Jährige nach Birkenstein kam. Selbst hochbetagt, betreut sie voll innerer Frische die Pilger der jährlich über 50 Fußwallfahrten, nimmt an bis zu 800 Messen teil und bietet rund 130 Führungen an.  Mit Blick auf die zahllosen Votivtafeln bis in die Gegenwart berichtet sie über Krankenheilungen durch Maria, über Komaerweckungen, Stierzähmungen, Rettungen nach Unfällen, erhörtem Kinderwunsch oder die Befreiung von Drogensucht und Okkultismus.
Begonnen hat alles im Jahr 1663. Damals gab es am Ort der heutigen Verehrung nur einen Fels mit einem Marterl drauf. Dort soll der damalige Pfarrer Mayr von Fischbachau, vom Breviergebet ermüdet, in Schlaf gesunken sein. Im Traum erschien ihm der Legende nach die Muttergottes und sagte: „Hier an diesem Ort will ich verehrt werden und denen, die mich anrufen, meine Gnade mitteilen.“ Dieses Anliegen geriet aber in Vergessenheit.
Erst 1673 errichtete man an jener Stelle eine Kapelle. Der Pfarrvikar Johann Stiglmaier hatte von der Muttergottes ein deutliches Zeichen gefordert, wenn sie den Bau einer Kapelle wirklich wünsche. Das Zeichen ließ nicht lange auf sich warten: Jener Pfarrvikar wurde todkrank. In höchster Not gelobte er den Bau und gesundete rasch auf wunderbare Weise. Der Bauer Michael Millauer, dem die Muttergottes früher bereits in einem Traum den Wunsch zum Kapellenbau offenbart hatte, stiftete dafür eine historische Marienfigur. Diese hatte er als Dank für die Stiftung eines neuen Altars in der Kirche von Fischbachau erhalten.
Wallfahrtskapelle Birkenstein
Blick in das Innere der Wallfahrtskapelle
Detailgenau hat der Maler Johann Georg Weidinger 1761 die eindringlichen Szenen der Entstehungsgeschichte knapp hundert Jahre später festgehalten. Sie sind auf dem tafelgedeckten hölzernen Umgang zu sehen, der die Kapelle heute umgibt. Der ersten Kapelle von 1673 folgte nach großem Zulauf an der wundertätigen Stelle am 14. Mai 1710 die Grundsteinlegung einer größeren, zweistöckigen Stätte zur Marienverehrung. Sie umfasste den ganzen Felsen, von dem Teilstücke an der Westseite zu sehen sind.
In Erinnerung an das Haus Mariens in Nazareth, das die Kreuzritter nach Italien verbracht hatten, erfolgte der Neubau der Andachtsstätte im Stile einer „Loretokirche“ mit den Originalabmessungen von 9,50 Meter Länge und 3,50 Meter Breite. Fünf Monate später wurde die gotische Marienfigur in einer feierlichen Prozession von Fischbachau dorthin überführt. Der fast vollständigen Zerstörung bei einem Unwetter 1735 – nur das Gnadenbild wurde verschont - folgte der Neuaufbau mit der Prachtausstattung im Stile des Rokoko in den Jahren 1761 bis 1769.
Der dreigeteilte Raumeindruck dort führt von der Sphäre des leiderfüllten Alltags („Raum des Glaubens“) mit zahlreichen Votivtafeln und Exvoto-Zeugnissen über den „Raum der Erlösung“ mit einem umfangreichen Figurenprogramm in den himmlischen „Raum der Verherrlichung“ mit Maria umgeben von 92 Engeln.
Neben der Marienkapelle bilden auch der nach dem Vorbild der in Grabeskirche in Jerusalem gestaltete Andachtsraum mit der Grablege Christi und die heilkräftige Quelle besondere Anziehungspunkte der Wallfahrt in Birkenstein. Das Wasser der „Siebenquellen“ stammt aus einem unterirdischen See unter dem Gebirgsstock des Birkenstein. Laut einer Votivtafel von 1946 soll ein von Geburt an blindes Kind wieder sehend geworden sein, nachdem ihm die Mutter die Augen mit dem Wasser aus Birkenstein ausgewaschen hat.
 

Wolfgangsbrünnlein

Kirche St. Wolfgang in St. Wolfgang
Kirche St. Wolfgang in der Ortschaft St. Wolfgang. Hier soll der Heilige Wolfgang als Bischof von Regensburg im Jahr 975 durchgezogen sein.
Schon von weitem ist die Kirche St. Wolfgang im gleichnamigen Ort zu sehen. Einer Überlieferung nach soll der Heilige Wolfgang als Bischof von Regensburg im Jahr 975 hier durchgezogen sein, auf seinem Weg zum heutigen Wolfgangsee. Damals litt die Bevölkerung Goldachtal große Not und beklagte sich beim Bischof über die schlechte Trinkwasserqualität. Dieser soll daraufhin sein Beil ins Tal geworfen haben. An der Stelle, an der das Beil auftraf, sprudelte eine Quelle aus dem Boden. Diesem „Wolfgangsbrünnlein“ verdanken Ort und Kirche St. Wolfgang ihren Ursprung. Das Beil sowie eine Silberstatuette des Heiligen Wolfgang, mit zahlreichen Reliquien, werden heute in der Kirche aufbewahrt und bei besonderen Anlässen hervorgeholt.
Als der heilige Wolfgang der Legende nach sein Beil ins Tal warf, entspang an der Stelle eine Quelle aus dem Boden.
Als der heilige Wolfgang der Legende nach sein Beil ins Tal warf, entspang an der Stelle eine Quelle aus dem Boden.
Das Andenken an den Heiligen Wolfgang blieb an diesem Ort durch die Jahrhunderte lebendig. Zwischen 1000 und 1100 wurde über der Quelle ein Kirchlein gebaut, die Sankt Wolfgangskapelle, in der heute noch die Quelle zu finden ist. Im 14. Und 15. Jahrhundert lebte die Verehrung und die Wallfahrt zum Wolfgangsbrünnlein stark auf. Viele Wallfahrer und Hilfesuchende pilgerten damals zu den beiden Gnadenorten St. Wolfgang und Maria Dorfen. Drei Mirakelbücher aus der Zeit zwischen 1470 und 1490 geben heute noch Aufschluss über zahlreiche der Quelle zugeschriebene Heilungen. Die Bücher werden heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt.
Wolfgangsbrünnlein St. Wolfgang
Das Wasser der Quelle wird auch heute noch zum Beispiel bei Taufen genutzt.
Da die kleine Wolfgangskapelle für den Zustrom der Wallfahrer nicht mehr ausreichte, wurde von 1430 bis 1484 die heutige Kirche gebaut. Da bei der Erbauung die Wolfgangskapelle mit dem Brünnlein erhalten bleiben sollte, entstand die heute noch sichtbare Besonderheit der Kirche: Neben dem Hauptschiff befindet sich ein tiefergelegenes Seitenschiff mit der Wolfgangskapelle. Das Wasser der Quelle wird heute noch genutzt, beispielsweise für Taufen. Die Quelle in der kleinen Kapelle ist für jedermann zugänglich und so nutzen Einheimische und Wallfahrer das Wasser aus dem Wolfgangsbrünnlein, das auch für das Weihwasser in der Kirche verwendet wird.
Brunnen neben der Kirche St. Wolfgang mit Wasser aus der Wolfgangsquelle
Der kleine Brunnen zwischen Kirchenmauer und Wolfgangskapelle wird auch durch Wasser der Wolfgangsquelle gespeist.
Der Heilige Wolfgang ist in der Kirche omnipräsent: Zahlreiche Abbildungen in Altarraum, Seitenaltären, Orgelempore und Kapelle zeugen von seinem Leben und seiner Wundertätigkeit. Eine Abbildung zeigt eine Begebenheit, die auch heute noch den Ministranten erzählt wird, sollten sie mal zu spät zum Gottesdienst kommen. Bischof Wolfgang selbst hat nämlich auch mal einen Gottesdienst versäumt. Zur Strafe wollte er sich auf einen Stein werfen, doch der Stein gab immer wieder nach. Wohl ein Zeichen Gottes, dass es doch nicht so schlimm ist, wenn man mal einen Gottesdienst versäumt. Und noch ein Tipp, wenn Sie die Kirche besuchen und vor verschlossenen Toren stehen sollten: Der kleine Brunnen zwischen Kirchenmauer und Wolfgangskapelle wird auch durch Wasser der Wolfgangsquelle gespeist.
 

Die Korbiniansquelle in Freising

Sie ist ein Kleinod mitten auf dem Gelände der Technischen Universität München auf dem Weihenstephaner Berg: Die Korbiniansquelle. Nicht allzu viele Besucher verirren sich dorthin, bei den Studenten ist der Ort weitgehend unbekannt. Dabei ist er ein Superlativ: Der Stollen, in dem sich die heilige Quelle befindet, ist vermutlich 1.200 Jahre alt. Er gilt unter Kunsthistorikern somit nicht nur als ältestes erhaltenes Mauerwerk der Stadt Freising, sondern gehört auch zu einem der ältesten Quellheiligtümern Bayerns.
Korbiniansquelle Freising
Die Ruine der Kapelle wurde 2005 restauriert und bepflanzt
Im Jahr 1608 wurde der Stollen der Korbiniansquelle mit einer Kapelle überbaut. Im Jahr 1718 fasste das Kloster den Entschluss, die baufällig gewordene Kapelle neu zu errichten. Mit der Bauausführung und der künstlerischen Ausgestaltung waren die beiden Asam-Brüder beauftragt worden. Bereits 1720 konnte die Kapelle vom Freisinger Fürstbischof geweiht werden und wurde ein rege besuchtes Pilgerziel. Im Zuge der Säkularisierung im Jahre 1803 wurde sie jedoch abgerissen, lediglich die Nordmauer ist zur Stabilisierung des Hangs geblieben. Durch Spenden zum 60. Geburtstag des bayerischen Staatsministers Dr. Otto Wiesheu war es Landschaftsarchitekten der TU München möglich, Ruine und Brünnlein im Sommer 2005 zu restaurieren und bepflanzen. Jetzt ist der Ort eine Oase der Ruhe und Einkehr.
Stollen der Korbiniansquelle
Stollen der Korbiniansquelle
Wer die Quelle besucht hat, kann sich anschließend in der Kapellenruine auf eine der Holzbänke setzten. Sie laden gerade jetzt im Frühling zum Nachdenken und Entspannen ein. Aber auch die Kapellenruine selbst ist wunderbar gestaltet: Leuchtstreifen im gepflasterten Boden zeigen den darunterliegenden Stollen mit dem Lauf der Quelle an. Rankgitter an den blanken Ziegelwänden sollen Rosen zum Wachsen ermuntern und erinnern an das Wappen des auftraggebenden Benediktinerklosters. Von der Ruine aus kann man seinen Blick über die weite Landschaft schweifen lassen. Ein absoluter Kraftort.
Die Quelle war früher ein wichtiger Wallfahrtsort, was maßgeblich auf eine Wundererzählung zurückzuführen ist. Der Heilige Korbinian soll an dieser Stelle bei einem Spaziergang nach einem Gebet seinen Stab in die Erde gestoßen und die Quelle erweckt haben. Zuvor musste das Wasser für die kleine geistliche Gemeinschaft des Klosters Weihenstephan umständlich den Berg hinaufbefördert werden. Dem Quellwasser wurden heilende Eigenschaften nachgesagt. So wurde es bei Augenleiden und Fieber verwendet. Jetzt weist ein Schild der TU München darauf hin, dass der Genuss des Wassers auf eigene Gefahr geschehe.
Zugang Korbiniansquelle Freising
Für den Zugang zum Stollen der Korbiniansquelle ist eine vorherige Anmeldung nötig
Wer den Stollen, in dem sich die Korbiniansquelle befindet, betreten möchte, der muss sich vorher anmelden. Um Vandalismus zu vermieden, verwehrt dem Besucher ein Vorhängeschloss das Öffnen des Eisentores. Eine Ausnahme gibt es: Im Sommer ist die Quelle sonntags für Besucher geöffnet. Doch auch ohne geöffnetes Tor ist die Korbiniansquelle mit der Kapellenruine einen Besuch wert.
 

Eine Kirche mit rätselhafter Zaubertafel

St. Peter und Paul: Eine der älteste Kirchen im südlichen Chiemgau birgt ein verschlüsseltes Geheimnis

Rund 80 Meter erhebt sich der langgestreckte Westerbuchberg als markanter Höhenzug südlich von Übersee unweit des Chiemsees. Von der Anhöhe aus kann man einen wunderbaren Ausblick auf das Achental, die Kendlmühlfilzn und auf markante Gipfel der Chiemgauer Alpen genießen. Im westlichen Teil der Erhebung findet sich in einem kleinen Weiler, umgeben von einer Steinmauer und einem idyllischen Friedhof, die Filialkirche St. Peter und Paul. Den Urkunden nach gehört sie zu den ältesten Gotteshäusern im südlichen Chiemgau. Die bis zu 74 Zentimeter dicken Tuffsteinmauern des Langhauses entstammen noch der romanischen Zeit des 13. Jahrhunderts.
St. Peter und Paul_Übersee
Filialkirche St. Peter und Paul in Übersee. Den Urkunden nach gehört sie zu den ältesten Gotteshäusern im südlichen Chiemgau.
Wer durch die massive Holztür eintritt, hat den Eindruck, wie durch ein Tor in eine andere Zeit zu gelangen. Fern der quirligen Hektik der Moderne finden sich an diesem Kraftort der Stille einige Besonderheiten, die aufmerken lassen. Die Platten im Kircheninneren sind mit rotem Adneter Marmor aus dem Salzburger Land ausgelegt. Im südlichen Seitenschiff, das gut 100 Jahre nach der Umbauphase der Kirche in gotischer Zeit (1410 bis 1426) angebaut wurde, fällt der Blick auf eines der interessantesten Kunstkleinode: einen als Fresko gemalten Nothelferaltar (um 1525/30), der als Flügelaltar mit Sprengwerk ausgestaltet ist.
Er zeigt die 14 Nothelfer in acht Feldern, die jeweils im Gespräch miteinander sind, neben der Muttergottes, dem heiligen Jakobus und dem Stifter. Es gilt unter Kunsthistorikern als Besonderheit, dass in der Gotik ein Fresko als Altarbild diente. Vermutet wird, dass der Gemeinde nach dem Anbau des Seitenschiffs das Geld ausging und sie sich nur einen gemalten Altar leisten konnte.
Eine echte Kostbarkeit sind verschiedene Fresken aus der Zeit der Gotik von 1410 bis 1425, die erst bei Restaurierungsarbeiten 1958/59 und 1978 freigelegt worden sind. Sie zeigen die Anbetung der Heilige Drei Könige, die im Wasser stehen (erkennbar an den Fischen), sowie Muster aus Sternen und Rosetten in den Fensterlaibungen.
St. Peter und Paul_Übersee_Sator-Tafel
Ein als Zaubertafel bekanntes, magisches Quadrat: Es zeigt in gotischen Minuskeln die geheimnisvolle Sator-Formel in lateinischer Sprache. Sie kann sowohl horizontal und vertikal wie auch vorwärts und rückwärts gelesen werden.
Eines der rätselhaftesten Fundstücke kam 1902 bei Arbeiten auf dem - inzwischen nicht mehr zugänglichen - Dachboden zwischen der ehemals romanischen Flachdecke und dem darunterliegenden gotischen Gewölbe zum Vorschein. Neben frühgotischen Fresken der Anna Selbdritt und des Heiligen Christophorus wurde unter dem Wandputz ein auch als Zaubertafel bekanntes, magisches Quadrat entdeckt. Es zeigt in gotischen Minuskeln die geheimnisvolle Sator-Formel in lateinischer Sprache.  Sie kann sowohl horizontal und vertikal wie auch vorwärts und rückwärts gelesen werden:
SATOR
AREPO
TENET
OPERA
ROTAS
Weil das Sator-Quadrat in vierfacher Weise vorwärts und rückwärts gelesen werden kann, werden dieser Zauberformel besondere Kräfte zugeschrieben. Es soll als Bann und Zauberzeichen gegen Hunger, Dämonen, böse Geister, Feuersgefahr, Seuchen und Unheil eingesetzt worden sein. Die ältesten gefundenen Sator-Quadrate stammen aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. Von Pompeji über Südengland bis Syrien, den Dom von Siena und den Petersdom bis nach Hallein reichen die Fundorte dieser im Abendland weitverbreitete Zauberformel.
Die erste Christen sollen das Sator-Quadrat als geheimes Erkennungszeichen benutzt haben. Die Übersetzung mutet rätselhaft an: Der Sämann (Sator) Arepo (Eigenname?) hält (tenet) mit Mühe die Räder (Rotas). Oft wird dies frei so übersetzt, dass Gott durch sein Werk die Schöpfung am Laufen hält. Nach einer christlichen Deutung wurde das nicht bekannte „Arepo“ mit Pflug übersetzt: „(Christus) der Sämann hält mit dem Pflug (des Kreuzes) das Rad (des Schicksals) auf. “ Durch eine Umgruppierung der Buchstaben in Kreuzesform um das zentrale „n“ ergibt sich zusätzlich die Formel „Pater noster“ sowie „A“ und „O“ als christliches Symbol für Anfang und Ende.
Möglicherweise wurde das nach den beiden wichtigsten Stützen der katholischen Kirche benannte Gotteshaus auch auf einem früheren Heiligtum der Kelten errichtet.  Mit seiner Umfriedung, den mächtigen Mauern und machtvollen Schutzzeichen wirkte es wie eine Schutz- und Trutzburg für Gläubige in unsicheren Zeiten. Und war damit zugleich ein Pendant zur weltlichen Burg, die die Herren von Westerberg im 11./12. Jahrhundert weiter östlich erbaut hatten.
Dass das Gotteshaus gesucht war, zeigen die zahlreichen Votivtafeln, die früher einmal in der Kirche gehangen haben sollen, bevor sie gestohlen wurden oder anderweitig abhanden gekommen sind. Wer heute die Kirche besucht, spürt noch immer etwas vom besonderen Zauber dieses mystischen Orts, der die Menschen Jahrhunderte hindurch tief beeindruckt hat.
 

Die geheimnisvolle Biberschwell im Efeuwald

An einem ehemaligen Quellheiligtum feierten frühere Generationen ein großes Kirchweihfest

Die Gegend um die geheimnisvolle Biberschwell in Burg bei Tengling am Tachinger See hat bereits seit Jahrhunderten Menschen in ihren Bann gezogen. Nicht umsonst haben einige Besonderheiten der Landschaft in Kombination mit einem alten Herrschersitz und einem Marienwallfahrtszentrum Anlass gegeben für wundersame Erzählungen, Legenden und Begebenheiten. Seit einer Neuauflage anlässlich der 1200-Jahr-Feier im Jahr 1990 wird dort alle paar Jahre wieder ein großes Kirchweihfest zelebriert. Aber wir wollen der Reihe nach erzählen.
Kirche Mariä Himmelfahrt in Burg bei Tengling am Tachinger See
Majestätisch über dem Ort Burg bei Tengling am Tachinger See thront die Kirche Mariä Himmelfahrt, deren zwiebelbekrönter Turm steil in den Himmel ragt. Auf dem nach drei Seiten steil abfallenden Hügel, auf dem die Kirche steht, befand sich im 11. Jahrhundert eine stolze Burg.
Wer sich dem Weiler heute nähert, dem fällt als erstes die majestätisch über dem Ort thronende Kirche Mariä Himmelfahrt auf, deren zwiebelbekrönter Turm steil in den Himmel ragt. Auf dem nach drei Seiten steil abfallenden Hügel, auf dem die Kirche steht, befand sich im 11. Jahrhundert eine stolze Burg. Sie war Sitz der Grafen von Tengling, wurde aber nach dem Aussterben der Linie im 12. Jahrhundert aufgegeben. Aus dem Abbruchmaterial entstand die neue Kirche. Über verschiedene Stilepochen hinweg wurde ihr Erscheinungsbild immer wieder dem wechselnden Geschmack angepasst.
Bereits die spätgotische Gottesmutterfigur wurde mit wechselbaren Kultgewändern ausgestattet. Während des Höhepunkts der Marienwallfahrt im 17. und 18. Jahrhundert schuf der Tischler Mathias Hörman aus Burg einen neuen Altar samt Muttergottesstatue, die wie eine Puppe mit kostbarsten Gewändern an- und umgekleidet werden konnte. Dies belegen einige noch erhaltene Votivbilder, die sich aus einer einst stolzen Zahl von Glaubenszeugnissen erhalten haben. Im Zuge der Kirchenumgestaltung im Stil der Neugotik und dem Verkauf der Marienstatue an einen Münchner Privatsammler um 1900 erlosch auch der Wallfahrtsgedanke.
Eine kesselartige aufragende, mystische Nagelfluhwand mit zahlreichen kleinen Höhlen im alten Eschenwald nahe der Biberschwell-Quelle.
Im Eschenwald findet sich eine kesselartige aufragende, mystische Nagelfluhwand mit zahlreichen kleinen Höhlen. Über die Wand ergießt sich ein Naturteppich aus dichten Efeuranken.
Von besonderer kunstgeschichtlicher Bedeutung in der für diesen Ort ungewöhnlich großen und prachtvoll ausgestattenen Kirche sind die qualitätsvollen Wandmalereien aus dem frühen 17. Jahrhundert. Sie wurden erst 1954 im Rahmen von Restaurierungen wieder freigelegt und zeigen die Himmelfahrt und Krönung Mariens sowie im Netzrippengewölbe der Decke ein Orchester mit 13 musizierenden Engeln. Außergewöhnlich ist auch das wandfüllende Fresko von Maria als Schutzmantelmadonna, die ihren Mantel schützend über die Menschheit breitet und damit vor dem pfeileschleudernden Gottvater bewahrt.
So abgelegen die Kirche Maria Burg heute wirken mag, so groß war doch ihre Anziehungskraft als Wallfahrtsziel eines großen Kirchenbezirks. Bis vor 150 Jahren feierten hier viele umliegenden Ortschaften ein achttägiges Kirchweihfest mit Hunderten von Menschen und einem großen Jahrmarkt, der mitten in einem alten Eschenwald nahe der Biberschwell-Quelle gefeiert wurde.  Bis aus Salzburg „rollten die mit Kaufmannswaren beladenen Wägen der Fuhrleute an“, heißt es in einem alten Bericht. Neben Handwerksständen gab es Kegelbahnen und Schießbunden und Bühnen für Gesang, Musik und Tanz. „Um neun Uhr abends wurde Ruhe geboten und das Tal gemieden…, die bösen Geister hielten jetzt ihre nächtlichen Feste ab“, heißt es weiter.
Biberschwell_Waldweg mit Wegkapelle
Auf dem Weg zum früheren Quellheiligtum kommt man heute auf einem schmalen Pfad durch lichten Mischwald, an einer verfallenen Wegkapelle und entlang eines idyllischen Bachs vorbei.
Dass einige Besonderheiten der Landschaft im Umfeld des früheren Quellheiligtums und Kultplatz der Kelten die Phantasie stark anregte, mag nicht verwundern. Heute gelangt man auf einem schmalen Pfad durch lichten Mischwald, vorbei an einer verfallenen Wegkapelle und entlang eines idyllischen Bachs, zur Quelle. Sie ist malerisch eingefasst von efeubewachsenen Baumriesen. Über einen weiteren Bach hinweg und auf einem ausgefahrenen Waldweg entlang gelangt man zum früheren Marktplatz im Eschenwald. Nicht weit entfernt davon öffnet sich dem Besucher auf einem versteckten Pfad eine kesselartige aufragende, mystische Nagelfluhwand mit zahlreichen kleinen Höhlen. Über die Wand ergießt sich malerisch ein Naturteppich aus dichten Efeuranken.
Es mag nicht verwundern, dass der frühere Steinbruch mit seinen Höhlen die Erzählung von Zwergen befeuert hat. Nach einer Geschichte beschenkte ein Erdmännlein einen Bauern von Weitgassing mit einem prächtigen Gürtel für seine junge Frau. Der Beschenkte jedoch wurde misstrauisch und band den Gürtel um einen Baum. Sogleich zerschlug ein Blitz den Baum in tausend Splitter – ein beliebtes Sagenmotiv. Nach einer anderen Geschichte soll in einer verborgenen Efeuhöhle das Ende eines unterirdischen Gangs sein. Der soll von der etwa 15 Kilometer entfernt liegenden Höhlenburg des sagenhaften Raubritters Hein von Stein hierher geführt haben.
Wer es noch ein wenig wildromantischer liebt, der gelangt nach einem weiteren Stück auf dem Waldpfad über eine Brücke zu einer tiefen, wild gewundenen Schlucht zwischen bemoosten Nagelfluhwänden. Ein echtes Schauspiel der Natur!
Auf den Zusammenhang des Quellheiligtums mit der früheren Burg verweist im Übrigen der Name „Biberschwell“. Die Vorsilbe „Biber“ ist ein verschliffenes „Biburg“: bei der Burg. Ein Ausflug dorthin lohnt sich zu jeder Jahreszeit.
 

Wundersame Tanne wird zum Wallfahrtsort

Die Kapelle Maria Tann bei Nirnharting zieht bis heute Pilger und Wanderer durch ihre Naturstimmung an

Mit ihren verschiedenen Wäldern, den Quellen und Gewässern, der sanft gewellten Hügellandschaft und besonderen Wetter- und Naturstimmungen hat die Region rund um den Waginger See seit jeher auf Menschen eine besondere Anziehungskraft ausgebübt. Und so mag es auch nicht verwundern, dass hier entlang des St. Rupert-Pilgerwegs eine besondere Dichte ungewöhnlicher Kirchen, Kapellen und Wallfahrtsorte zu finden ist.
Kapelle Maria Tann bei Nirnharting Außenansicht
An der Stelle des heutigen Steinbaus der Kapelle aus dem Jahr 1899 stand einst eine mächtige Tanne. Aus dem Holz der verehrten Tanne errichtete man später eine Kapelle, die dann im Lauf der Zeit durch einen Steinbau abgelöst wurde.
Einer von diesen mystischen Orten, die sich durch eine besondere Naturstimmung und eine geheimnisvolle Legende auszeichnen, ist die Kapelle „Maria Tann“. Noch heute pflegen die Mitglieder des Waginger Vereins der „Maria-Tann-Wanderer“ den Brauch einer jährlichen Andacht im Mai und zu Weihnachten. Von Waging am See aus erreicht man den einstigen Wallfahrtsort über die Kreisstraße TS 27 in Richtung Teisendorf in südostlicher Richtung. Nach einigen Kilometer biegt man nach rechts in Richtung Nirnharting ab und fährt vom Ort aus noch ein paar Kilometer bis zum Parkplatz Weitmoos weiter. Von dort führt ein breiter Wanderweg von etwa 45 Minuten vorbei an Feuchtwiesen zu der Kapelle im dichten Wald.
Gerade im Herbst und Winter mit ihren geheimnisvollen Nebeln, der Stille, Einsamkeit und wechselndem Zwielicht lässt sich die besondere Stimmung bei einem  Spaziergang durch den Wald erspüren. An der Stelle des heutigen Steinbaus der Kapelle aus dem Jahr 1899 stand einst eine mächtige Tanne. Abgeleitet von dem alten Ausdruck für Mark, Gemarkung oder Grenze markierte die „Moari-Tann“ den Übergang zwischen den beiden Gerichten Helmberg bei Waging am See und Raschenberg bei Oberteisendorf.
Kapelle Maria Tann bei Nirnharting
An der Tanne, die einst hier stand, und später an der Kapelle wurden der Geschichte nach schon immer zahlreiche Votivgaben abgelegt.
Der Legende zufolge soll hier im 18. Jahrhundert ein Jäger von der Leiter seines Hochsitzes gefallen sein, wobei sich ein Schuss aus seiner Büchse gelöst hat und die Kugel knapp an seinem Kopf vorbeipfiff. Zum Dank für die glückliche Errettung ließ er eine Votivtafel an der Tanne anbringen. In der Folgezeit entwickelte sich der Baum rasch zu einer wahren Pilgerstätte, so dass sich bald zahlreiche „Opfer von Wachs, hölzerne Krücken und Tafelwerk“ in den Zweigen fanden. Nachdem die Obrigkeit dem Treiben erst jahrelang zugeschaut hatte, wurde im Rahmen einer Pfarrvisitation 1788 angeordnet, dass die Tanne gefällt werden müsse. Offiziell waren angeblich Grenzstreitigkeiten um den Besitz die Gründe für das Ende der Moari-Tann. Inoffiziell kam die Entscheidung auch Kritikern zupass, denen die Tanne als heimlicher Treffpunkt der Dorfjugend für ein Stelldichein schon länger ein Dorn im Auge war.
Aus dem Holz der verehrten Tanne errichtete man eine Kapelle, die bald ebenfalls vor Votivgaben überquoll, wie es heißt.  1899 errichteten die Schnaitter Bauern die heutige Kapelle mit stabileren Steinmauern. In den folgenden Kriegszeiten war die Kapelle an Mariä Himmelfahrt (15. August) erneut Ziel von Bittgängen und Wallfahrten für eine glückliche Heimkehr der Soldaten. In dieser und späterer Zeit sind viele Votivtafeln, Hinterglasmalereien und die mit Blei gefassten Fenster aus Buntglas entwendet worden. 1963 wurde die Kapelle das letzte Mal renoviert.
Ein kleines Taferl erinnert Wanderer heute an die Wunder dieses Orts. Neben der Kapelle „Maria Tann“ lässt der moosüberwucherte Wurzelstock den Standort der früheren „Moari-Tann“ erkennen. Auf der anderen Seite der Kapelle laden zwei zusammengewachsene Tannenstämme mit mächtigem Wurzelwerk zum Durchschlupfen ein.  Gegenüber der Andachtskapelle auf der anderen Wegseite ermöglichen Sitzbänke eine Rast, um die Waldstimmung zu genießen und sich in stiller Versenkung auf die mannigfaltigen Wirkungen dieses besonderen Kraftortes einzulassen. Wer dazu eher einen geschützten Rahmen bevorzugt, findet bei Kerzenlicht vor dem kleinen Altar auf der Sitzbank in der Kapelle den passenden Platz dazu.
 

Eine Wallfahrtskirche voller Ritzzeichnungen

Zwei heilende Brunnen im Wald machten St. Koloman bei Fridolfing jahrhundertelang zum Pilgerziel

In einem einsamen Waldstück östlich der Ortschaft Kirchanschöring liegt die ehemalige Wallfahrtskirche St. Koloman. Der auf einem steil abfallenden Geländevorsprung stehende, steilaufragende Kirchenbau aus der Spätgotik zeichnet sich durch eine Reihe von Besonderheiten aus, die ihn in ganz Südbayern einzigartig erscheinen lassen.
St. Koloman bei Fridolfing
St. Koloman bei Fridolfing
Allein die Lage inmitten eines an Quellen und heilkräftigen Wassern reichen Geländes machen den Platz zu einem mystischen Kraftort von besonderer Provenienz. Im Jahr 2018 feierte die Filialkirche der Pfarrei Fridolfing überdies ihr 500-jähriges Bestehen. Keine zehn Kilometer entfernt, auf einer Anhöhe nördlich des Tachinger Sees, findet sich eine weitere St. Kolomanskirche. Über die Besonderheit derartiger Kirchenbauten weiß Bayerns oberster Heimatpfleger Hans Roth (1938-2016) Genaueres zu berichten. Wie er in der Festschrift zum Jubiläum schreibt, zeichnen sich die meist einsam oder abseits in Waldlichtungen, auf Anhöhen oder am Rande von Seen errichteten Sakralbauten dadurch aus, dass sie „bewusst als Kultorte dieses pilgernden Heiligen“ entstanden sind.
Die Geschichte des Heiligen Koloman erscheint gerade im Zeichen der Flüchtlingskrise aktueller denn je. Bekanntermaßen wurde der aus Irland stammende Pilger auf dem Weg ins Heilige Land aufgrund seiner fremdländischen Kleidung, Sprache und Kultur für einen Spion aus Ungarn oder Böhmen gehalten, als man ihn im Jahr 1012 hinter Wien festnahm. Als verstockter Landesfeind wurde er gefoltert und an einem Holunderbaum erhängt.
Der Legende nach erblühte der dürre Baum daraufhin und brachte sogar Blüten hervor, während der Leichnam sogar nach eineinhalb Jahren noch unverwest war. Aus einer Wunde, die ihm mit einer Lanze zugefügt wurde, soll sogar warmes Blut geflossen sein. Weitere Wunder folgten, so dass der Tote nach der Überführung in die St. Peterskirche der Babenbergerburg in Melk beigesetzt wurde. Dieser Akt kam nach mittelalterlichem Verständnis quasi einer Heiligsprechung des unschuldig Verurteilten gleich. Dessen Ruhm und Verehrung verbreitete sich rasch. Er gilt als Patron gegen Kopfschmerzen, Verleumdungen und übler Nachrede, bei Augenkrankheiten, Viehseuchen, Pest und Gewitter sowie als Schutzpatron der Ehe.
Die mit dem Kolomankult häufig verbundenen Quellen und Heilbrunnen für Augen- und Fußleiden waren wohl auch ausschlaggebend für die Errichtung der Fridolfinger Filialkirche St. Koloman. Der dortige Brunnen versorgte die nahegelegene Burg in Lebenau mit Wasser. Deren Um- und Neubau zwischen 1503 und 1513 regte wohl auch die Errichtung von St. Koloman anstelle einer früheren Wallfahrtskapelle an. 1518 wurde der Neubau geweiht.
Ritzzeichnungen St. Koloman bei Fridolfing
Ritzzeichnungen an St. Kolomann.
Berichten zufolge soll die Quelle ursprünglich unter dem Altar bzw. an der Ostseite der Kirche zutage getreten sein. Um 1702 wurde unterhalb der Kirche ein eigenes Brunnenhaus mit Opferstock errichtet.  Daneben gibt es mit dem südwestlich gelegenen „Fieberbründl“, dessen Wasser bei Augenleiden und Fieber helfen soll, noch eine zweite Heilquelle. Beide Brunnen wurden nach Aussage von Gewährsleuten noch bis 1900 von Wallfahrern aufgesucht. Einen besonderen Anziehungspunkt bildete die Kirche auch, nachdem der Fridolfinger Pfarrer Anfang des 19. Jahrhunderts eine Reliquie des Heiligen Koloman vom Stift Melk erworben hatte, um die Wallfahrt neu zu beleben. Zusätzlich wandte man sich in St. Koloman auch an den Nebenpatron Dionysos, der wegen seiner Enthauptung bei Kopfbeschwerden und Krämpfen helfen sollte.
Vom regen Wallfahrtsbetrieb durch die Jahrhunderte mit Bittgängen und Prozessionen legte bis zur Außenrenovierung der Kirche 1979 die Fassade ein eindrucksvolles Zeugnis ab: Sie war über und über mit Rötel- und Kerbschnittzeichen übersät. Dies macht sie zu einem einmaligen Zeugnis der Volksfrömmigkeit in ganz Südbayern. Kirchenbesucher und Wallfahrer vergangener Jahrhunderte verewigten sich mit Zeichen, Bildern und Inschriften. Die ältesten stammen von 1544. Pentagramme als Schutzzeichen und eine altindische Swastika (Hakenkreuz) als Fruchbarkeitssymbol finden sich ebenso darunter wie Darstellungen von Haus (Blitzschutz), Wiege (Kindersegen), Heugabel (Erntesegen) oder Rinderköpfe (Seuchenschutz). An die Fülle der Zeichen von einst erinnert nach der Renovierung nur noch ein kleiner Mauerrest mit der Jahreszahl 1644 neben dem Holzportal, das übersät ist mit Kerbzeichnungen.
Nicht weniger ungewöhnlich als die Kerbschnitzzeichnungen ist ebenso eine seltene Tonkopfurne aus geschlemmtem Ton als Votivgabe gegen Kopfleiden, die heute leider verschollen ist. Der wohl aus dem 16. bis 18. Jahrhundert datierende Fund soll „unter dem Pflaster der Kirche gefunden worden sein“, wie es in einem Aufsatz von 1875 des Historischen Vereins von Oberbayern heißt. Eine Lithographie aus dem gleichen Jahr zeigt das Aussehen des Kultgegenstands. Dessen Entstehung umgaben bereits in früheren Zeiten zahlreiche Spekulationen – ebenso wie die Wunder, die vom heilkräftigen Wirken in St. Koloman zeugten.
 

Texte: Axel Effner und Karsten Schmid