Zufluchtsort hinter Eisentoren Die Angst abgestreift: Schutzhaus für Frauen und Kinder am Stadtrand von Bukarest

Anfangs noch etwas wacke­lig, aber zunehmend siche­rer dreht der siebenjährige Mihai seine Runden auf seinen In­line-­Skates im kleinen Hof. Seine Mutter Andrea, die an der Haustür steht, lobt die Bemühungen ihres Jüngsten. Alltag an einem Sonntag­nachmittag am Stadtrand von Bu­karest. Aber an der Klingel vor dem eisernen Tor des unscheinbaren Grundstücks stehen keine Namen – aus gutem Grund: Es ist ein Frauenhaus. Ehemänner sollen es nicht finden. „Ich freue mich so, dass Mihai wieder lachen kann“, sagt Schwester Adina, die das Frauenhaus SOL­WODI in Bukarest leitet. In der Reportage von Achim Pohl lesen Sie die ganze Geschichte über das Länder-Projekt, das das Osteuropa-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, Renovabis, unterstützt hat.
Schwester Adina mit Familie beim Spazierengehen
Ohne Angst leben - das Frauenhaus gibt vielen Frauen und ihren Kindern ein neues Lebensgefühl. (Foto Achim Pohl)

„Alle sind so liebevoll hier“

Die 35­-jährige Schwester vom Orden Congregatio Jesu – auch be­kannt als Englische Fräulein – grün­dete das Frauenhaus 2011. Etwas Vergleichbares in der Zwei­millionen-­Einwohner-­Stadt gab es noch nicht. „Die Anfangszeit war schwierig“, erinnert sich Schwester Adina. „Allein die Beschaffung der Genehmigungen zogen sich mona­telang hin. Finanziell werden wir ja von Anfang an durch Renovabis un­terstützt. Außerdem bin ich ja auch gar keine Sozialarbeiterin, sondern habe Jura studiert. Aber Gott ist ein guter Lehrer, Schritt für Schritt habe ich meine Lektionen gelernt.“

Die Geschichte, die Andrea und ihre Kinder ins Frauenhaus geführt hat, ist typisch für viele Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt waren. Etwas zögernd erzählt sie: „Vor sie­ben Jahren bin ich mit meinem Mann ins Haus seiner Eltern auf dem Land gezogen. Obwohl wir recht abgeschieden lebten, war mein Mann verrückt vor Eifersucht und verdächtigte mich immer, et­was mit anderen zu haben. Als er dann wegen Rückenbeschwerden arbeitsunfähig war, wurde alles noch schlimmer.“ Er habe viel ge­trunken und sie dann oft geschla­gen. Von den Schwiegereltern be­kam Andrea keine Unterstützung. „Eines Tages versuchte mein Mann, mich zu erwürgen. Die Kinder sind weinend dazwischen gegangen. Ich hatte Angst um mein Leben und bin in der Nacht heimlich mit ihnen weggegangen. Aber jetzt ist alles gut, und ich brauche keine Angst mehr um die Kinder und um mich zu haben. Alle sind so liebevoll hier, das habe ich noch nie erlebt. Zu meinem Mann werde ich niemals zurückgehen.“

Einsatz für misshandelte Frauen zum Teil abgelehnt

Tischgebet im SOLWODI-Haus
Geregelte Mahlzeiten und die Vermittlung von Werten, auch das Tischgebet, prägen das Gemeinschaftsleben im SOLWODI-Haus (Foto: Achim Pohl)
Schwester Adina ist froh, dass Andrea eine klare Entscheidung getroffen hat, und bestärkt sie darin, ihren Weg allein zu gehen. Spätestens nach zehn Monate müssen die Bewohner von SOLWODI für sich eine Perspektive gefunden haben. Bei der Suche nach einer Wohnung bekommen sie je­doch Unterstützung. Aber in der konservativen Gesellschaft Rumäni­ens macht sich Schwester Adina mit ihrem Einsatz für misshandelte Frau­en nicht nur Freunde. Gar nicht so selten verweigert sogar der Dorfpfarrer, an den sich die Frau in ihrer Not wendet, seine Hilfe: „Viele sagen, dies ist das Kreuz, das du zu tragen hast“, meint Schwester Adina seufzend. „Und ich bin für viele Geistliche die­jenige, welche die Familien auseinanderreißt.“ Auch Rückschläge muss sie immer wieder hinnehmen, wenn etwa eine Frau beschließt, dem Drän­gen ihres Mannes nachzugeben und wieder zu ihm zurück zu gehen – meist in ihr weiteres Unglück hinein.

„Die Kinder profitieren am meisten von unserer Arbeit“

Schwester Adina freut sich, als die Kinder ihr im Schutzhaus ihre Schulhefte zeigen.
Schwester Adina freut sich, als die Kinder ihr ihre
Schulhefte zeigen. (Foto: Achim Pohl)
„Manchmal denke ich, wie wenig wir doch nur erreichen in diesem Meer aus menschlichen Nöten. Doch wenn ich die Kinder sehe, weiß ich, dass meine Arbeit einen Sinn hat: Sie profitieren am meisten von uns, sie verändern sich rasch hier. Manche bekommen mit 16 Jah­ren zum ersten Mal ein Geschenk von uns und hören zum ersten Mal in ihrem Leben, dass sie liebenswert sind und das, was zu Hause passiert ist, nicht ihre Schuld ist.“ Diese Mo­mente bringen Schwester Adina dazu, nicht nachzulassen im Einsatz für misshandelte Frauen – immerhin 200 Frauen und Kindern hat SOLWODI Zuflucht und ein Zuhause gegeben.

Maria mit ihren Kindern Alexan­dru und Madalina ist den Weg in ein neues Leben gegangen und wohnt nach zehn Monaten Aufenthalt im Frauenhaus jetzt in einer Einzim­merwohnung am Ende eines Hofs. Die Ordensfrau besucht sie weiterhin regelmäßig, weil alle drei eine leichte geistige Behinderung haben und auf Unterstützung angewiesen sind. Das Zimmerchen der drei be­herbergt kaum mehr als ein Bett und einen alten Fernseher. „Manch­mal ist meine Juristenausbildung ja auch von Vorteil“, meint Schwester Adina. „So konnte ich einen Kindergeld­-Zuschuss erreichen und habe dafür gesorgt, dass die Kinder in einer passenden Förderschule aufgenommen wurden.“

Ein Telefonanruf unterbricht ih­ren Besuch: Eine Schwester des Mut­ter ­Teresa­-Ordens berichtet von ei­ner Frau, die mit ihren zwei Kindern in einem Schrottauto lebe; ob Adina da nicht helfen könne? Kurz ent­schlossen lässt sie sich die Adresse geben und fährt mit ihrem rostigen Dacia in eine Stadtrandsiedlung zwischen Schutthaufen und längst geschlossenen Fabriken. „Kein Taxi würde da hinfahren“, erklärt die Schwester. „Das ist eine illegale Ro­ma-­Siedlung. Die Menschen leben in Hütten aus Pappe oder zusammen­genagelten Brettern, bis sie daraus wieder vertrieben werden.“ Die Roma stellen etwa dreieinhalb Pro­zent der Bevölkerung. Bei den Armen sind sie aber überproportional vertreten und in der rumänischen Gesellschaft vielen verhasst.

Ein Rostauto als Zuhause

Roma-Mutter mit zwei Kinder vor rostigem Wagen, der ihr Zuhause ist
Felicia, 29 Jahre, mit ihren Kindern Bianca-Florentina-Rebeca (10) und Narcis-Vasile-Elvis (4), leben in einem verrosteten Transportauto. (Foto: Achim Pohl)
Tatsächlich steht in dem Hof an der angegebenen Adresse ein kleiner verrosteter Transporter ohne Räder, drinnen ein paar Schlafdecken und Plastiktüten mit Wäsche. Hier wohnt die 29­-jährige allein erzie­hende Felicia mit ihren Kindern Bianca-­Florentina-­Rebeca (10) und Narcis-­Vasile­-Elvis (4), in den üb­rigen Baracken Mitglieder ihrer Großfamilie, die nach und nach neugierig näher kommen. Ohne Scheu nimmt Schwester Adina die Roma-Mädchen in den Arm und lässt sich von ihnen ihre Schulhefte zeigen, die sie stolz präsentieren. Schwester Adina ist gerührt von diesem Willen, der Armut und Un­wissenheit zu entkommen und vermittelt rasch am Telefon Förderunterricht für das aufgeweckte Mäd­chen. Aber sie weiß, dass SOLWODI nicht der richtige Ort für diese Familie ist. „Die Armut dieser Menschen ist extrem“, gibt sie zu. „Aber hier ist keine häusliche Gewalt im Spiel, und die Frau wird von der funktionierenden Großfamilie auf­gefangen.“ Die Umstehenden versi­chern, die Familie im nahenden Winter, wenn die Temperatur auf unter Null Grad fällt, aufzunehmen.

Es ist spät, als Schwester Adina nach Hause kommt und das schwere Eisentor hinter sich schließt. And­rea hat für alle im SOLWODI-­Haus gekocht. Es gibt die obligatorische Suppe und gefüllte Paprikaschoten. Schwester Adina hört sich die kleinen Sorgen und die großen Hoff­nungen aller an. Sie ist angekommen in dieser Gemeinschaft der bunt zusammengewürfelten Familien. Nachdem sie mit 19 Jahren in die Schwesterngemeinschaft eingetreten war, da ihr Philosophie und Psychologie keine Antworten auf ihre drängenden Fragen gegeben haben, machte sie ein paar Jahre lang als Juristin Büroarbeit und be­riet Frauen in Not. Ihre eigentliche Berufung aber fand sie ausgerechnet in Duisburg: Auf Einladung einer Mitschwester arbeitete sie ein Jahr bei einer Einrichtung von SOLWODI mit rumänischen Opfern von Menschenhandel und Zwangsprostitu­tion. Hier lernte sie, dass oft häusliche Gewalt die Frauen zu solchen Verzweiflungstaten Zuflucht neh­men ließ. Die Gründung des Frau­enhauses in Bukarest war der nächs­te logische Schritt. Eine Mitschwester, eine Sozialarbeiterin und eine Psychologin unterstützen sie dabei.

Nach dem Essen möchte Mihai mit seinen gespendeten Inline­-Ska­tes allen noch seine Fortschritte zeigen. Ohne zu wackeln kreist er mehrmals geschickt um den Tisch und strahlt alle am Tisch an. Die Vergangenheit mit dem prügelnden Vater und der weinenden Mutter ist dann ganz weit weg für ihn.

Namen geändert

Filme zum Engagement von Renovabis Internationaler Renovabis-Kongress und Renovabis-Fachtagung in München 2017

Renovabis Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa
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